16. August 2017

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Raimund Binder mit Theaterpreis ausgezeichnet

Das Schau-Spiel-Studio Oberberg e.V. mit Sitz in Wiehl wurde 1992 von Raimund Binder, Diplomschauspieler und Regisseur, mitgegründet, dessen Mitglieder er im Lauf der Jahre zu einem semiprofessionellen Ensemble heranbildete. Thomas Knura, Geschäftsführer des Theaters, überreichte Binder Anfang März dieses Jahres nach der Premiere von „Jedermann“ den 2015 geschaffenen Theaterpreis „Skulptur und Urkunde“. Geehrt wurde damit ein Vollblut-Theatermann, der voller Energie steckt.
„Das ist professionelles und vielfältiges Theater“, lobte Wiehls Bürgermeister Ulrich Stücker nach der Premiere das Wirken des Schau-Spiel-Studios Oberberg. Michael Albrecht, der den Jedermann spielte, noch ganz im Bann seiner Rolle, dankte Binder mit den Worten: „Wir sind die Werke dein!“ Bereits 2015 wurde Binder mit dem „Silbernen Wiehltaler“ der Stadt geehrt.

„Das Theater hat mich von Kind auf fasziniert. Ich bin mit meinen Brüdern Wolfgang und Franz Eugen quasi in Ateliers und Garderoben aufgewachsen. Ich habe in Requisiten gewühlt und neugierig zugeguckt, wie man dieses oder jenes macht. Schauspieler wollte ich werden, kein anderer Beruf war denkbar.“ Raimund Binder (73) wurde das Theater praktisch in die Wiege gelegt: Als Sohn von Margot Göttlinger, Schauspielerin und Regisseurin am Deutschen Staatstheater in Temeswar, und des Malers und Bildhauers Gustav Binder, der als Bühnenbildner an fünf Theatern arbeitete, konnte er sich ein anderes Leben als das im Theater nie vorstellen. Seine Mutter wurde „Die göttliche Göttlinger“ genannt. Raimund Binder erhält den Schau-Spiel-Studio ...Raimund Binder erhält den Schau-Spiel-Studio-Oberberg-Preis. Foto: Christian Melzer Sie blieb mit ihrem Mann nach 1945 in Rumänien und ging mit ihrer Truppe auf Theatertournee durch siebenbürgische Gemeinden und Städte. Als das Deutsche Staatstheater Temeswar 1953 wieder eröffnet wurde, zog die Familie Binder dorthin. Der Vater arbeitete als Bühnenbildner, die Mutter als Schauspielerin und Regisseurin. Sie inszenierte 1972 unter anderen das Märchenstück ihres Sohnes Raimund „Das tapfere Schneiderlein“ und 1976 „Die Gänsehirtin am Brunnen“. „Mein Bruder Wolfgang, ein studierter Musiker, schrieb die Songs dazu“, sagt Raimund Binder, der seit 1980 in Wiehl wohnt.

Mit „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal brachte Raimund Binder kürzlich wieder eine brillante Inszenierung auf die Bühne. Ein Stück, das ihm ganz besonders am Herzen liegt: „Ich habe 1970 meine Diplomarbeit an der Schauspielschule in Bukarest mit dem ,Jedermann‘ gemacht, habe ihn auch selbst gespielt. Es ist so etwas wie mein erstes und mein letztes Stück“, sagt der 73-Jährige.

Raimund Binder wurde in Schäßburg geboren. Er absolvierte sein Schauspielstudium an der Hochschule für Theater- und Filmkunst „Caragiale“ Bukarest, war am Deutschen Staatstheater in Temeswar und an der Bukarester Hochschule für Theater- und Filmkunst (1975-80). Eine Regiehospitation im Rahmen des Kulturaustausches Rumänien – DDR führte ihn ans Deutsche Theater Berlin. „Die Hospitation in der DDR war eine tolle Angelegenheit. Dort ging es um Regie, wie sie läuft, wie ein Stück gelesen und zusammengestellt wird, wie man Entscheidungen trifft. Ein Regisseur muss überzeugend sein, den Schauspielern etwas abverlangen können.“

Bald genügte es Binder nicht mehr, „nur“ Schauspieler zu sein: „Ich wollte mehr und kam nicht weiter.“ Auch bei seiner Lehrtätigkeit in Bukarest verlor er schnell seine Illusionen und erfasste: „Hier ist nichts mehr zu holen.“ Die Menschen litten unter Ceauşescu und seinem Regime. „Bald stand für uns fest, der erste, der Gelegenheit hat, nach Deutschland zu reisen, der bleibt.“ Es war Ehefrau Hiltrud, die 1978 zu Schulfreundinnen nach Wiehl reisen durfte. „Unser Sohn Ralph, der damals in die vierte Klasse ging, sagte zu seiner Mama: ,Du bleibst dann dort und holst uns alle raus‘“. Zwei Jahre dauert es bis zur Familienzusammenführung.

Hiltrud Binder integrierte sich schnell in Wiehl, fand Arbeit als Sportlehrerin am Gymnasium, machte sich einen Namen mit ihren Shows und Tanzrevuen. „Unsere Familienverhältnisse hatten sich gedreht: In Siebenbürgen spielte ich mit meinem Beruf und meiner Karriere die erste Geige. Als ich hier ankam, hatte meine Frau die feste Position, da war es mit meinem Künstlerberuf eine schwere Sache, mich und die Familie durchzuschlagen. Jetzt hieß es Karriere oder Familie.“ Binder entschied sich für die Karriere, bekam 1981 ein Engagement an den Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld-Mönchengladbach mit einem Vertrag, der sich über Jahre hinzog, also „eine gute und feste Position“. Sein Wunsch, Familie und Beruf auf einen Nenner zu bringen, erfüllte sich nicht. Nach zweijähriger Trennung beschloss er, „die Familie geht vor“. Da er schon immer Interesse für die Regie hatte, wollte er nur noch als Regisseur arbeiten. „Keine Chance“, wurde ihm bei der Arbeitsvermittlung gesagt. Binder gab nicht auf, knüpfte Kontakte zum Sanddorn-Theater in Karlsruhe, nach Stuttgart zum Theater der Altstadt und zum Kölner Theater der Keller, arbeitete als Lehrer, Regisseur und Schauspieler, „ich spielte, inszenierte, unterrichtete“. Inzwischen hatten sich mehrere Projekte mit Amateurtheatern im Oberbergischen Kreis ergeben, bei denen er mit Ehefrau Hiltrud zusammenarbeitete. „Wir haben uns in unseren Berufen gegenseitig bedient und bestohlen, das war schon in Rumänien so“, sagt Binder und lobt „die schöne Zusammenarbeit“ mit seiner Frau.

Binder spielte mit dem Gedanken, ganz nach Köln zu gehen, als Wiehls Bürgermeister a. D. Werner Becker-Blonigen ihm einen festen Theaterraum an der Grundschule zur Verfügung stellte. Die Zeiten, wo es mit allen Requisiten auf Tournee ging, waren vorbei. Zu jeder Zeit habe er einen fixen Stamm von 50 Leuten gehabt, die auch bei Kasse und Kostümen mitgearbeitet haben. Wer in einem Stück mitspielte, stand in der Verpflichtung, alle Vorstellungen, die angesetzt waren, zu spielen und private Termine hinten anzustellen. Drei Monate, die man dem Theater opfern musste, das konnte jeder für sich entscheiden. Ja, er habe auch Leute aus dem Verein geschmissen, die „nicht so dabei waren“. Binder, der semiprofessionell arbeitet, gibt zu: „Das war ein strenges Regiment, aber notwendig.“

„Wir hatten ein System, in dem die Schauspieler der Verein waren, der mich als Trainer trägt. Ich war der einzig bezahlte Mann der Truppe. Meine Vergütung war erfolgsabhängig, lag nie bei einer bestimmten Summe, sondern auf prozentualem Anteil am Verdienst des Vereins.“ Die Anfänge waren gleich null: Es gab nur eine Kleiderkammer, sonst nichts. Heute gibt es einen voll ausgestatteten Saal, technische Anschaffungen werden jährlich neu bestimmt. Jetzt im Rentenalter ist Binder nach schwerer Krankheit beratend und mit zwei bis drei Inszenierungen im Jahr beim Schauspiel-Studio dabei. Insgesamt nähert er sich der 100. Inszenierung und „es macht immer noch Spaß“.

Ursula Schenker

Schlagwörter: Theater, Schauspieler, Binder, Preis

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