2. Oktober 2017

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Stuttgarter Vortragsreihe: „Aus den Karpaten auf die Berge der Welt“

Am 30. Juni gab es im Stuttgarter Haus der Heimat im Rahmen der Stuttgarter Vortragsreihe einen äußerst interessanten Beitrag zum Thema „Aus den Karpaten auf die Berge der Welt“. Als Referent war der erfahrene Bergsteiger Reinhold Kraus zu Gast, 1956 in Mediasch geboren. Gleich zu Beginn sagte er: „Wir Extrem-Bergsteiger sind keine Helden, sondern lediglich auf der Suche nach Glücksmomenten, um uns zu beweisen, was wir drauf haben (…). Ich weiß nicht, warum wir so glorifiziert werden. Wenn wir damit (mit Vorträgen) unseren Mitmenschen eine Freude bereiten können, dann ist das großartig“.
Die Wanderungen in den Karpaten zwischen Kraus‘ zehntem und fünfzehntem Lebensjahr legten den Grundstein zu seiner Liebe zum Berg. Während seines Vortrages war in jeder Sekunde seine Begeisterung für das Klettern, die Natur, Land und Leute, Pflanzen, Tiere, Insekten etc. zu spüren. 1985 hat Reinhold Kraus die Alpingruppe Adonis gegründet, die heute in die Sektion Karpaten des Deutschen Alpenvereins eingebettet ist. Seit 1997 in verschiedenen Funktionen tätig, ist er seit 2010 Vorsitzender der Sektion Karpaten des Deutschen Alpenvereins. Der 1926 ins Leben gerufene Siebenbürger Karpatenverein (SKV) hat Kraus zufolge 60 Berghütten erbaut, sogar der rumänische König habe an seinen Sitzungen teilgenommen. Die Mitglieder seien zum Großteil Siebenbürger Sachsen, aber auch Rumänen und Ungarn gewesen. 1996 habe dieser SKV wieder seine Tätigkeit aufgenommen.

Der Referent berichtete über die Geschichte des Bergsteigens der Sachsen, „aber es gab und gibt natürlich auch rumänische und ungarische Bergsteigervereine, die das Bergleben in der alten Heimat mitgestaltet haben“. Zu Beginn sahen wir malerisch schöne Bilder vom Moldovan, dem höchsten Berg der Südkarpaten, von Seen, Gipfeln, Wiesen und Hängen, wunderbar untermalt von englischer Schlagermusik. Es folgte der zweite Film, zu dem wir passend „Das Wandern ist des Müllers Lust“ hörten. Dann erzählte Kraus uns einiges über die Kletterausbildung in der Sektion Karpaten, die aber im deutschen ­Donautal bei Hausen stattfinde: Beim Mehrseilklettern gehe der Beste voran, lege die Seile und wenn er festen Stand habe, hole er die Partner nach. „Manche Bergsteiger“, sagte der Referent, „suchen nicht die hohen Gipfel, sondern die schwierigen Kletterwege. Ihnen ist der Weg wichtiger als der Gipfel“. Und: „Wir haben viele starke Frauen, die uns Männer begleiten und die Touren noch schöner machen“, wobei er liebevoll seine Lebensgefährtin Dagmar anblickte, eine Sächsin, allerdings nicht wie wir „Specksachsen“, sondern „Kaffeesächsin“ ist. Zum Portfolio der Sektion Karpaten gehörten auch Eisklettern, Skiausfahrten mit Skiwettbewerben und tollen Partys am Abend und Rodel-Wochenenden. „Aber die Skitouren sind die beliebteste Sektion im Verein: Aufstieg, Stärkung mit Gipfelschnaps, dann das schönste, aber kürzeste: die Abfahrt. Und wer nicht oder nicht mehr Ski fährt, kann an Wanderungen mit Schneeschuhen teilnehmen“.

Zum Bergsteigen in extremen Höhen erklärte Kraus: „Manchmal ist man viele Tage im Basislager, um sich an die Höhe mit wenig Sauerstoff zu gewöhnen. Oben hat man nur noch 30% Kondition. Die Sonne knallt Dir auf den Kopf, Du wünscht Dir eine Wolke. Wir sind vier Mal auf 7000m hoch, um auf den Gipfel des sechsthöchsten Berges der Welt, den 8200m hohen Cho Oyu zu können. Irgendwann habe ich aufgehört, bin stehengeblieben, ich hatte mir eine Zeitgrenze gesetzt, weil sonst die Todesrate zu hoch ist. Dann bin ich auf das Basislager von immerhin 7000m abgestiegen, obwohl ich sehr müde war. Ich hatte dieses Szenario vorbereitet, denn oben kann man keine rationale Entscheidung mehr treffen. Am Basislager habe ich dann auf meine Freunde gewartet, dann kamen sie, die Freude war groß, es war wie eine Wiedergeburt, wie man sie nur erlebt, wenn man sich großer Gefahr aussetzt“. Vor dem obligatorischen „Fattbruit uch Württemberger Wenn“ resümierte Reinhold Kraus: „Die Anstrengung vergisst man, was bleibt, sind die schönen Erinnerungen und die Zufriedenheit.“

Hans-Jürgen Albrich, Brackenheim

Schlagwörter: Stuttgarter Vortragsreihe, DAV, Karpaten

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