30. Dezember 2017

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Symbole als Lebenselemente: Dietfried Zinks Novelle „Schattenwolken“

Mit seiner dreiteiligen Novelle, die er sinnbildhaft „Schattenwolken“ nennt, stellt Dietfried Zink seiner Leserschaft einen Text vor, der sich auf die Wertorientierung des Lehrers bezieht. Die „erlebte“ Welt der Novelle können wir als eine Auslegung des Erziehungsverhaltens verstehen, nachdrücklich des Verantwortungsbewusstseins des Lehrers. Man möchte meinen, es ist ein Gleichnis der „erlebten“ Welt des schulischen Lebensraums mit seinen gemeinschaftsstiftenden Verhaltensweisen und keine erdachte Welt, denn der Autor selbst gesteht: „Ich schreibe hier über das Ende einer selbst erlebten Geschichte, die sich wie eine erfundene Geschichte anhört.“
Der Leser begegnet dem Autor Dietfried Zink somit als einem wissenden, mit der Welt der schulischen Bildung und Erziehung vertrauten Erzähler, der etwas aus dem Reichtum des Lehrerlebens herausgenommen und ästhetisch mit einer tieferen Bedeutung verbunden hat. Um diese zu erreichen, hat er seine Novelle unter die literarische Wirksamkeit der Symbolik von Naturphänomenen gestellt und lässt schon durch den Titel „Schattenwolken“ erahnen, dass zwischen den Erscheinungen der von ihm erlebten Welt und der am Geschehen beteiligten Personen offenbar geheimnisvolle Zusammenhänge bestehen.

Mit dem Titel wird die Rolle der Wolken und des Schattens als kulturelle Symbole hinterfragt. Es ist bekannt, dass kulturelle Symbole bewusst verwendet werden, um als kollektive, anerkannte Bilder „ewige Wahrheiten“ auszudrücken. Da sie so manches von ihrem „Zauber“ erhalten haben, können sie in manchen Menschen – so die Psychologie – tiefe Gefühlsreaktionen auslösen und eine spezifische Energie bewirken. Zudem sind sie wichtiger Bestandteil unserer geistigen Kultur und gelten als lebenswichtige Kräfte auch im Gemeinschaftsleben. Auch sollen sie „erahnbar“ machen, dass zwischen den Dingen der Welt symbolhaft magisch-mystische Zusammenhänge liegen.

Ob von solchen Erkenntnisse und Kräften auch der kleine Egon in der Novelle „Schattenwolken“ beherrscht wird, bleibt der Einsicht der Leser überlassen. Denn es entwickelt sich zu nüchterner Wirklichkeit, dass gerade die Unbeschwertheit, unter der sich der Schullandheimaufenthalt angelassen hat, beim Lehrer Unruhe erregt und Besorgnis ankündigt, ja kommende Bedrohungen und Gefährdungen für den Aufenthalt. Und gerade davor warnt der kleine Egon, der mit „unerklärlichen Fähigkeiten“ ausgestattet ist, immer wieder. Wir wollen diese „Tendenzen des Unbewussten“ als einen in seinem Bewusstsein immer gegenwärtigen, potentiell zerstörerischen „Schatten“ interpretieren, der unter den Umständen des Schullandheims dennoch einen positiven Einfluss auf den Verlauf des Aufenthalts auszuüben versucht. Für Egon selbst jedoch endet er schließlich mit dem „Dämon“ des Schocks und der Ohnmacht. Damit hat Dietfried Zink dem Schlüsselwort „Schattenwolken“ und seiner Sinnbildhaftigkeit eine Bedeutung zugesprochen, hinter der die dem Text zugrunde liegende Idee und Botschaft vorzufinden ist, deren Wertigkeit der Leser erkennen soll.

Den eigentlichen Sinn der Novelle lässt ihr Aufbau, die literarische Gestaltungsweise des Inhalts erkennen: Die Novelle gliedert sich in drei Teile – 1. Teil Der Krankenbesuch, 2. Teil Die dunklen Sonnentage, 3. Teil Das Nachspiel –, von denen jeder einzelne je nach der Fragestellung in Kapitel gegliedert ist, deren Zahl und Symmetrie auf den inneren Aufbau der einzelnen Teile hinweisen. Dietfried Zink kommt es darauf an, die wahre, das heißt die von ihm als Klassenlehrer selbst erlebte Geschichte des Aufenthalts seiner Schulklasse (7A) im Schullandheim zu erzählen, deren Anfang sich wie ein „Spiel entwickelt“, deren „ Ende hingegen ... geprüfter, sorgenvoller und von Freude und Überraschung, Ärger oder gar Zweifel ausgefüllt“ ist. Es ist zugleich die Geschichte der großen Gefahr, in der sich die Schulklasse während des Aufenthalts befindet. Und der einzige, der genau Bescheid weiß, ist der kleine Egon, der die Bilder der Bedrohung in sich trägt.

Der Zugang des Klassenlehrers zu Egon und dessen Bildern kann jedoch nur ein psychologischer sein. Denn es sind Bilder, die vor Egons innerem Auge entstehen. Er kann sie nicht weiterreichen und infolgedessen auch niemandem helfen. Die Bilder werden zu einer Flut und diese zu einer zentnerschweren Last, die er mit sich schleppt. Und er meint – selbstquälerisch –, mit niemandem sprechen zu können, weil er glaubt, dass er damit nur auf Widerstand und Unverständnis stoßen werde. Unter dieser Last erleidet er einen Schock, der einem Ohnmachtsanfall weicht. Der Besuch des Klassenlehrers in der – wohlgemerkt – Sigmund-Freud-Klinik bei seinem Schüler Egon Stirner führt als Rahmen und als Rückblende in die eigentliche „Binnenerzählung“ ein und lässt den Ich-Erzähler zwischen den Vorgängen und den Lesern vermitteln. Dies bestimmt auch die Erzählperspektive, das heißt den Bericht, die Beschreibung und den inneren Monolog als Darbietungsweise. Innere Monologe unterbrechen oder lösen die Ereignisfolgen ab und geben als Bewusstseinsströme Gedanken und Gefühle des Ich-Erzählers wieder, so dass der Leser meinen kann, dass an solchen Stellen die Novelle aufhört und der Essay beginnt.

Dietfried Zink ist es als „ausgeprägtem“ Erzähler mit seiner Novelle über einen Schullandheimaufenthalt lebenswahr gelungen, die tiefe Bedeutsamkeit eines einzigartigen Ereignisses für das Selbstverständnis eines Lehrers mit der suggestiven Kraft von Gedanken und Gefühlen zu verbinden, die aus der Erfahrung einer emotionalen „unbewussten Identität“ mit natürlichen Erscheinungen kommen.

Gerhard Konnerth


Dietfried Zink: „Schattenwolken“. Novelle. tredition, Hamburg, 2017, 152 Seiten, 7,50 Euro, ISBN 978-3-7439-1842-9.
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Schlagwörter: Besprechung, Novelle, Zink, Literatur

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