15. Juli 2018

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Hellmut Seiler zu Gast in der „Stuttgarter Vortragsreihe“

Freiheit/Unfreiheit, das Motto des Abends im Stuttgarter Haus der Heimat am 22. Juni, ist eines der Hauptthemen des 1953 in Reps geborenen Schriftstellers, Lyrikers und Übersetzers Hellmut Seiler, der bereits mehrfach für sein Werk ausgezeichnet wurde: 1984 mit dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Preis, 1988 und 1999 mit dem Literaturpreis der Künstlergilde Esslingen, 2000 mit dem Würth-Literatur-Preis der Tübinger Poetik-Dozentur – um nur einige zu nennen.
Sein literarisches Schaffen umfasst Glossen, Literaturkritiken, Gedichte, Aphorismen und Satiren. Er debütierte 1982 mit dem Gedichtband „die einsamkeit der stühle“ – der erst vier Jahre nach seiner Entstehung erschien, denn seine Auseinandersetzung mit politischen Themen und Missständen im totalitären Ceauşescu-Regime brachte Seiler schon sehr bald ins Visier der Securitate. Über das erschreckende Ausmaß dieser Bespitzelung sprach der Autor, der von 1985 bis zu seiner Übersiedlung nach Deutschland 1988 Berufs- und Publikationsverbot hatte, im zweiten Teil des Abends.

Den ersten Teil gestaltete Hellmut Seiler größtenteils mit satirischen Texten, die seine Vorliebe für Mehrdeutigkeit widerspiegeln. Für ihn ist die Realität „ein ausgemergeltes Kamel, dem ich zum Auffüllen der erschlafften Höcker das Wasser reiche“. Wortspiele wie „voller Flinten steckt das Korn“, „Preise fallen aus einer Beteuerung in die andere“, „frisch geweiht ist die Kirche dem Untergang“ sind den Zuhörern ein Genuss.

Der Titel dieser Abendveranstaltung, „Die Freiheit, den Mund aufzumachen“, entstammt einem Gedicht aus seinem anfangs genannten Debütband: „Die Freiheit,/ den Mund aufzumachen,/ kann ich nur verwirklichen,/ wenn ich keine Angst habe.“ Ein Gedicht, das so erscheinen durfte, weil Seiler es kurzerhand „Beim Zahnarzt“ betitelt hatte.

„Beim Zahnarzt“ bekommt eine ganz aktuelle Fortsetzung durch das Gedicht „Beim Feinschmecker oder die Freiheit 2“: „Die Freiheit,/ hier den Mund aufzumachen,/ kann ich mir nur leisten,/ wenn ich mir was hineinstopfe.“

Auch in diesen Beispielen wird Seilers Vorliebe für so genannte „Problemzonen“ sichtbar, wie etwa die Verknüpfung zwischen Poesie und Politik. Nicht nur das Konsumdenken in „Freiheit 2“ hat der Autor ironisch im Blick, sondern er reflektiert auch über den „Grenzgenuss“ der Extremsportler, über Gebundenheit, Abhängigkeit und Unfreiheit – die sich auch darin zeigen kann, „dass man sich in einer Sprache äußert, deren man nicht mächtig ist“. Exemplarisch dafür drei Verse aus dem Gedicht „Links, Mitte, rechts. Angela M. zugeeignet“: „Die Mitte ist rechts von links!“/ „lautet ein bemerkelswerter Satz/ „aus kalauerverdächtiger Mottenkiste.“ Den ersten Teil des Abends beschließen die beiden Gedichte „Mein Großvater und ich, I und II“. Sie verknüpfen persönliche Erinnerungen mit der jahrhundertealten Geschichte Siebenbürgens, in der die Erfahrung von Haft, Verrat, Enteignung für Großvater und Enkel prägend waren.

Nochmals sehr persönlich wird es im zweiten Teil des Abends, als der Autor über seine Bespitzelung durch die Securitate berichtet. Die Zuhörer erfahren, dass zwölf Mitarbeiter eineinhalb Jahre lang auf ihn angesetzt waren. Es gab drei Dossiers, in denen sich auch ganz private, mit Infrarotkameras gemachte Fotos befanden. Funksender waren in Aschenbechern und Blumenvasen versteckt. Das letzte Protokoll stammte vom 4. Oktober 1988, als Hellmut Seiler bereits in Nürnberg war.

Auch mit diesem gelungenen Abend hat der Schriftsteller Seiler deutlich gemacht: „Der Poet tappt (nicht) im Dunkeln“ (aus „Schattenriß“). Im Gegenteil: Er holt ans Licht, schonungslos, wortgewandt und mit viel Ironie.

Waltraut Stirner-Lohrmann

Schlagwörter: Stuttgarter Vortragsreihe, Schriftsteller, Lyriker, Übersetzer, Hellmut Seiler

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