14. Dezember 2018

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Kulturreferententagung: ,Ein’ feste Burg …‘ Siebenbürgen und seine Kirchenburgen

Zum zweiten Mal richtete eine Kulturreferententagung ihr Augenmerk auf die wohl herausragendste Gemeinschaftsleistung der Siebenbürger Sachsen und das sichtbarste Element unserer Kultur. Zu der Tagung vom 16.-18. September mit dem Titel „,Ein’ feste Burg …‘ Siebenbürgen und seine Kirchenburgen“ hatte Bundeskulturreferent Hans-Werner Schuster eingeladen – erst­mals in den Kapellenhof in Roßtal. Für 42 Teilnehmer, Kulturreferenten unse­res Verbandes und in der Kulturarbeit engagierte Multiplikatoren, wurde es zu einer informativen, motivierenden und Impulse setzenden Veranstaltung.
Fast alle Teilnehmer, darunter auch etliche Referenten, konnte Hans-Werner Schuster in seiner Eröffnungrede am späten Freitagnachmittag begrüßen. Er führte in Ziele und Ablauf der Tagung ein, sprach organisatorische Fragen an und dankte jenen Teilnehmern, die privat übernachteten und damit die Teilnahme aller Interessenten – sieben mehr als geplant – ermöglicht hatten.

Den Auftaktvortrag hielt Dr. Harald Roth, Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa und Vorsitzen­der des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrates.

Am ersten Abend würdigte Dr. Harald Roth die Mediascher Anschlusserklärung, deren 100. Jahrestag sich im Januar 2019 jährt, und zeigte facettenreich „Die Sie­benbürger Sachsen am Wendepunkt zwischen Stephansreich und Großrumänien“. Obwohl die Siebenbürger Sachsen enttäuscht waren, weil die gegebenen Versprechungen nicht eingehalten wurden, sei der Anschluss an Rumänien doch als Erfolg zu betrachten, resümiert Roth. Die Sie­benbürger Sachsen und alle Deutschen in Rumänien seien dadurch ein konstitutives Element des neuen Staates geworden, waren nicht länger nur Eingeladene. Der Wille der Siebenbürger Sachsen war beim Friedensvertrag in Trianon das Zünglein an der Waage: „Eine Minderheit hat Geschichte geschrieben.“

Souverän stellte sich der Referent den Fragen des Auditoriums. Die Diskussion war allerdings nicht so lebendig und engagiert wie am nächsten Tag, als sich gleich mehrere Beiträge dem Schwerpunktthema Kirchenburgen widmeten.

Stefan Bichler, seit 2013 Chefredakteur der Kirchlichen Blätter und Referent für Öffentlichkeitsarbeit der Evan­gelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR), machte den Anfang und präsen­tierte die „Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgen – Ein Europäisches Kulturerbe“. Das gelang dank fundiertem Wissen gepaart mit charmantem öster­reichischen Akzent und aussagekräftigem Bildmaterial. – Letzteres konnte dank mangelhafter Verdunkelung seine Wirkung nicht voll entfalten, auch nicht bei den folgenden Beiträgen. Nachdem Bichler das Phänomen Kirchenburgen auch international kurz beleuchtet hat­te – mit Bildbeispielen aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Tagungsortes ebenso wie von den Philippinnen! – zeichnete er die Entwicklung der Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgen nach. Nach deren Periodisierung versuchte er eine Typisierung erst gar nicht, zeigte aber anhand von Beispielen, wie äußere Einflüsse den Bau, Aus­bau und die Veränderungen des Aussehens bedingt haben. Dass Bichler für den Erhalt der Kirchenburgen plädierte, hat nicht überrascht, allenfalls die Vehemenz, mit der er sich für den Erhalt des aus Kirchenburg, Pfarrhaus und Schule/Gemeindehaus bestehenden Gesamtensembles einsetzte.Teilnehmer der Kulturreferententagung beim ...Teilnehmer der Kulturreferententagung beim Abschiedsfoto im Kapellenhof in Roßtal. Foto: Annette Folkendt Ruth István präsentierte anschließend „Die Stiftung Kirchenburgen – Aufgaben und Ziele“. Als Referentin für Fachtourismus und Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung Kirchenburgen war sie dafür prädestiniert. Obwohl die Stiftung Kirchenburgen erst am 1. Januar 2016 ihre Arbeit aufgenommenhat, könne sie schon einiges vorweisen. Das sei zum Teil ihrer Vorgängereinrichtung, der Leitstelle Kirchenbur- ­gen, zu verdanken, aber wohl auch der Schirmherrschaft der Präsidenten von Rumänien und Deutschland. Bei derzeit mehr als 160 vom Verfall bedrohten Kirchen und Kirchenburgen hat die Stiftung eine Riesenaufgabe zu stemmen, will sie das selbstgesteckte Ziel – deren Rettung und Bewahrung – erreichen; sie steuert es auf mehreren Wegen und mit ebenso vielfältigen wie unterschiedlichen Ansätzen an. Neben der Erfassung und Dokumentation wirkt sie mit der Aus- und Weiterbildung von Handwerkern in traditionellen Arbeitstechniken dem Fachkräftemangel entgegen, wirbt Finanzmittel für den Erhalt der Kirchenburgen ein und macht durch eine Vielzahl von Aktivitäten sowie durch Presse- und Medienarbeit die Kirchenburgenlandschaft einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Nicht zuletzt gewinnt sie durch Zusam­menarbeit mit Universitäten, Stiftungen und Fachinstitutionen kompetente Partner.

Einer dieser Partner ist die Handwerkskammer München und Oberbayern. Sie startete 2011 das Projekt „Bestandserhaltung Kirchenburgen Siebenbürgen“. Seitdem wird dank der EU-Förderung über Erasmus Plus sowohl die Renovierung der Kirchenburgren in Mardisch und Martinsdorf vorangetrieben als auch eine praxisnahe und gewerkeübergreifende Handwer­kerausbildung geboten. Der technische Leiter des Projektes, Wolfgang Weigl, bot uns durch einen anschaulichen Videofilm, mehr noch durch die Art seiner Präsentation nicht nur Einblick in dieses Projekt, sondern ließ uns regelrecht daran teilhaben: an Bedenken und Ängsten, die man anfangs hatte. An Problemen, die sich nicht nur aufgrund der maroden Bauten ergeben, sondern auch aufgrund der Verhältnis­se vor Ort und der 60 Auszubildenden, die ihnen alljährlich aufs Neue ausgesetzt sind. Aber auch an Einsatzfreude und Findigkeit ließ er uns teilhaben, an Kameradschaft und Gemeinschaft, die sich auf Auszubildende, Ausbilder und auch Dorfbewohner erstreckte, an Erfolg und gemeisterter Herausforderung. Und das alles – nicht nur vom Akzent her – echt bayerisch: ungeschönt, ungeschminkt, geradeaus.

Ähnliche erfolgreiche Beispiele zeig­te auch der Geschäftsführer des Siebenbürgenforums Winfried Ziegler mit dem Beitrag „Kirchenburgen bewahren und revitalisieren – Fallbeispiele“. Ohne die bekanntesten revitalisierten Kirchenburgen ganz zu übergehen, konzentrierte er sich auf die weniger bekannten Fallbeispiele in Leschkirch und Holzmengen. Dort haben nicht nur die die Kirchenburgen sinnvolle und nachhaltige Nutzung gefunden, die vor allem die Jugend im Blick hat. Beide Initiativen haben das Zeug zu Modellprojekten, wobei der Modellcharakter wohl auch darin liegt, dass die Projek­te gemeinsam mit Partnereirnichtungen erfolgreich umgesetzt wurden.

Umrahmt wurde das Schwerpunktthema mit Beiträgen zu anderen Aspek­ten siebenbürgisch-sächsischer Kultur­tarbeit. Dr. Axel Froese und Heidi Negura berichteten über den aktuellen Stand und die künftigen Herausforderungen des Umbaus von Schloss Horn­eck. Die im Sommer 2018 begonnenen Umbauarbeiten sollen 2020 beendet sein. Spätestens dann soll das Kulturzentrum ein Kommunikations- und Be­gegnungsort für Siebenbürger Sachsen aus der ganzen Welt werden. Aber auch für Jugendliche, für Gäste aus Wissenschaft und Wirtschaft, internationale Touristen und für die Bewohner von Gundelsheim und der Region.

Dr. Heinke Fabritius, Kulturreferentin für Siebenbürgen – und auch für Bessarabien, Bukowina, Dobrudscha, Maramuresch, Moldau und Walachei –, stellte sich und die Aufgaben, Ziele und Projekte des Kulturreferates vor, die in Kooperationen mit Europäischen Forschungs- und Bildungseinrichtungen grenzübergreifend und mit Schwerpunkt auf Jugendprojekten durchgeführt werden. Nicht zuletzt informierte sie über die Modalitäten der Förderung unserer Kulturarbeit seitens der Bundesregierung.

Zwei Einrichtungen, die sich in Nürn­berg auch um siebenbürgisch-sächsische Kultur verdient gemacht haben, konnten leider nicht besucht werden. Sie wurden uns aber sehr anschaulich dargestellt. Das „Haus der Heimat“ stellte dessen Geschäftsführerin Doris Hutter eingehend vor als ein Kultur-und Begegnungszentrum, als einen Ort, an dem die Deutschen, die ihre Heimat verloren haben, sowie deren Nachkommen ihre Tradition und Kultur in ihren vielfältigsten Ausprägungen pflegen und leben.

Die „Tiny Griffon Gallery“ wurde uns von der Gründerin und Inhaberin Dr. Cristina Simion als Schaufenster siebenbürgischer und rumänischer Kunst vorgestellt, die ergänzend zu den knapp 60 Ausstellungen auch literarische Abende präsentiert hat.

Die informativen Beiträge forderten Fragen heraus und führten zu angeregten Diskussionen. Außerdem hatten die Teilnehmer die Gelegenheit, aus der jeweiligen Tätigkeit und Kulturarbeit vor Ort zu berichten und ihre Erfahrungen damit auszutauschen.

Auch ihnen ist der Erfolg der Tagung zu verdanken, ebenso der Tagungsstät­te und ihren siebenbürgischen Spezialitäten. Unser Dank geht an die Referenten, an Bundeskulturreferent Hans-Werner Schuster, den Initiator und Or­- ganisator, und nicht zuletzt an die Kulturreferentin für Siebenbürgen, über die diese Tagung von der Bundesregierung gefördert worden ist.

Gerlinde Schuller

Schlagwörter: Kulturreferenten, Tagung, Bundeskulturreferent, Kirchenburgen, Verbandspolitik, Bericht

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