18. Juli 2019

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Dr. Lilia Antipow im Gespräch: Die Historikerin leitet im HDO München Medienarbeit und Bibliothek

Seit dem Herbst 2018 ist Dr. Lilia Antipow Leiterin des Sachgebiets Öffentlichkeits-, Medien- und Pressearbeit sowie der Bibliothek im Haus des Deutschen Ostens (HDO) München. In Dinkelsbühl, am Heimattag der Siebenbürger Sachsen, traf Josef Balazs Dr. Antipow, führte bei Kaffee und Baumstriezel ein Gespräch und stellte ihr elf Fragen.
1) Frau Dr. Antipow, es fällt mir überhaupt nicht schwer, Sie mit Siebenbürgen in Verbindung zu bringen, waren Sie doch vor Kurzen mit dem siebenbürgischen Historiker Dr. Konrad Gündisch in Nürnberg bei einem WortWechsel präsent. Das Thema war „Das Ende des Ersten Weltkrieges“. Wie kam es zu dieser Einladung?

Der WortWechsel kam auf Einladung des Nürnberger Kulturbeirats zugewanderter Deutscher zustande. Anlass für die Veranstaltung war, dass vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg zu Ende ging, der die politische Neuordnung in Europa, vor allem in seinem östlichen Teil, auf entscheidende Weise mitbedingte. „1918: Geglückte Neuordnung Europas?“ war auch das Motto der Veranstaltung. Der Kulturbeirat wollte aus diesem Anlass zwei Historiker sprechen lassen, die der deutschen Minderheit in Osteuropa abstammen. So hatte ich, als eine Historikerin russlanddeutscher Abstammung, die Ehre, auf dem Podium neben Prof. Dr. Konrad Gündisch zu sitzen, einem Siebenbürger Sachsen und einem großen Fachmann auf dem Gebiet der siebenbürgisch-sächsischen Geschichte, der für seine Verdienste vor wenigen Wochen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

2) Das Thema des Ersten Weltkrieges hat das Haus des Deutschen Ostens in diesem Jahr weiterverfolgt. In welcher konkreten Form?

2019-2020 veranstalten wir in Kooperation mit dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der LMU München die Programmreihe „Versailles, Trianon, Brest-Litowsk: Das lange Ende des Ersten Weltkrieges und das östliche Europa“. Prominente Historiker aus dem In- und Ausland, wie zum Beispiel Professor Dr. Horst Möller, ehemaliger Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) München, setzen sich in Einzelvorträgen und Podiumsdiskussionen mit der Bedeutung der Friedensverträge des Ersten Weltkrieges für die Neuordnung im östlichen Europa, für die Nationalstaatsbildung in Ländern wie Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien auseinander. Dabei wird insbesondere die Situation der deutschen Minderheit in dieser Region in den Blick genommen. Dass die Entwicklung hier sehr problembelastet war, wissen wir ja: Das Spannungsverhältnis zwischen den Nationalstaatsbildungen und der ethnisch-kulturellen und politischen Selbstbestimmung der Minderheiten prägte die innenpolitischen Entwicklungen der ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Staaten in der Zwischenkriegszeit. „Nationalismus“ und „Revisionismus“ setzten sie unter Dauerdruck. Dr. Lilia Antipow ist Leiterin des Sachgebiets ...Dr. Lilia Antipow ist Leiterin des Sachgebiets Öffentlichkeits-, Medien- und Pressearbeit sowie der Bibliothek im Haus des Deutschen Ostens in München. 3) Frau Antipow, Sie sind seit September 2018 am HDO München tätig. Was haben Sie vorher gemacht?

Nach meinem Studium in Russland und Deutschland war ich fast zwanzig Jahre lang als Historikerin, Slavistin und Filmkuratorin in verschiedenen Projekten tätig. Ich war Redakteurin der Onlineedition „100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte (1917–1991)“ an der Universität Erlangen-Nürnberg und Dozentin in universitärer und außeruniversitärer Lehre. In dieser Zeit arbeitete ich viel für die deutsch-russische Geschichtskommission, die 1997 auf Initiative des Bundeskanzlers Helmut Kohl und des Präsidenten Boris Jelzin gegründet wurde. Und gleichzeitig habe ich Symposien, Workshops und Ausstellungen kuratiert, meist in Kooperation zwischen der FAU (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg; die Redaktion) und verschiedenen Institutionen der Stadt Nürnberg, der Stadt Erlangen sowie dem Bezirk Mittelfranken. Wenn Zeit übrig blieb, habe ich geschrieben: Ich bin Autorin und Mitautorin von sechs Büchern und Sammelbänden. Mein letztes Buch, das ich derzeit für den Druck vorbereite, ist zugleich meine Doktorarbeit.


4) Sie haben Ihre Doktorarbeit erwähnt, und ich weiß, dass sie über tausend Seiten lang ist. Könnten Sie in wenigen Sätzen das Thema ihrer Dissertation umreißen?

Ich habe mich mit Aleksandr Tvardovskij (1910–1971) befasst. Er war einer der bedeutendsten Akteure der russisch-sowjetischen Kultur- und Literaturszene. Eine facettenreiche und widersprüchliche Figur. Sein Beispiel hat mir nochmals gezeigt, dass sich die Einstellung der Kulturschaffenden zum Herrschaftssystem, sogar im Stalinismus, mit „Konformismus“ und „Folgsamkeit“ keineswegs hinreichend beschreiben lässt. Tvardovskij war zwar ein Kommunist und ein Stalinist. Er war aber auch eine kritische Persönlichkeit. Er selbst verglich sich mit dem tschechoslowakischen Reformkommunisten Alexander Dubček.

5) Kannten Sie Siebenbürgen oder auch das Banat, beide Teile des jetzigen Rumänien, als Kulturraum?

Ich bin ein Mensch, der die Beziehung zu einer Region über ihre Kultur herstellt. Für die Beziehung zu Siebenbürgen sind für mich solche Figuren wie der Dichter und Naturprophet Gusto Gräser wichtig, der mir erstmals begegnete, als ich mich in meiner Uni-Zeit mit dem Thema interkultureller Austausch zwischen Russland und der Schweiz in der Moderne und dabei auch mit der Künstlerkolonie Monte Verità beschäftigte. Gräser war dort häufig zu Gast. Banat – das ist zweifellos Herta Müller. Ihren Roman „Atemschaukel“ will ich als eine Metapher der Gewalt- und Terrorerfahrung eines Menschen in jedem totalitären System verstanden haben.

6) Ihr Interesse hat sich für Siebenbürgen als Geschichts-, Literatur- und Kunstraum im Allgemeinen gesteigert, denn Sie waren zu Pfingsten 2019 in Dinkelsbühl beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen.

Siebenbürgen mit seiner kulturellen Vielfalt und der Erfahrung der Multinationalität, seinem Traditionsbewusstsein und seiner gleichzeitigen Offenheit gegenüber anderen Völkern und Kulturen fasziniert mich. Ich bin in das Thema über die Geschichte der Flucht und Deportation der Siebenbürger Sachsen eingestiegen, auf die mich Horst Göbbel aufmerksam machte. Ein Teil meiner deutschen Familie, der aus dem Schwarzmeergebiet stammt, hatte 1944 eine ähnliche Erfahrung machen müssen. Diese Gemeinsamkeit des Flucht- und Vertreibungsschicksals schuf eine Identifizierungsgrundlage mit den Siebenbürger Sachsen und gleichzeitig wurde mein Interesse für ihre Geschichte und Kultur geweckt. Dass wir beide uns, Herr Balazs, begegnet sind – im November letzten Jahres haben Sie einen WortWechsel zwischen Professor Dr. Konrad Gündisch und mir in Nürnberg moderiert – kam im genau richtigen Augenblick. Sie sind nicht nur ein gebürtiger Kronstädter – sie tragen auch die Kultur dieser Region seit Jahren hierzulande weiter: als Ausstellungskurator, Autor und vor allem als eine feste Institution im Nürnberger Kulturleben, wo Sie uns Autoren mit siebenbürgischen Wurzeln wie Hans Bergel oder Iris Wolff vorstellten.

7) Erstaunlich, wie aktiv sich das HDO am Heimattag der Siebenbürger Sachsen beteiligt. Sämtliche Kulturveranstaltungen des Heimattages werden über das HDO München gefördert.

Das HDO ist eine Einrichtung des Freistaates Bayern, die für die Themen der früheren deutschen Staats- und Siedlungsgebiete im östlichen Europa zuständig ist. Auch die Geschichte und die Kultur der Siebenbürger Sachsen sind unser fester Programmpunkt. Ich nenne nur einzelne Beispiele. Im Reformationsjahr 2017 präsentierten wir eine Ausstellung zur Reformation in Siebenbürgen. Der Direktor unseres Hauses, Prof. Dr. Andreas Otto Weber, setzte sich mit Protestantenvertreibungen aus Salzburg nach Siebenbürgen in Vortragsform auseinander. Erst in diesem Frühjahr war bei uns eine Wanderausstellung zur „Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgen“ zu Gast und wurde Ihr und Jürgen van Buers Fotoband „Der befestigte Glaube“ vorgestellt. Die Geschichte und die Kultur Siebenbürgens gehören zu Sondersammelgebieten der HDO-Bibliothek, wobei wir in unserem Bestand auch wertvolle antiquarische Titel aus dem 17. und 18. Jahrhundert führen. Im Rahmen des § 96 des Bundesvertriebenengesetzes fördert der Freistaat Bayern über das HDO Maßnahmen im Bereich der Geschichte und Kultur der Siebenbürger Sachsen. Dazu gehört auch das Kulturprogramm des Heimattages, das über Jahre hinweg unterstützt wird.

8) Bleiben wir noch kurz in Dinkelsbühl. Sie erwähnten die unzähligen Veranstaltungen. Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Zweifellos waren es die PerformancekünstlerInnen des BOMBAST DUO, Elena Zipser und Katarzyna Guzowska, die die Kulturreferentin für Siebenbürgen, Dr. Heinke Fabritius, zum Heimattag eingeladen hat. ZWEIGE VERWURZELN ist ein zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft angesiedeltes Artefakt. Die Performance greift die traditionelle Frage nach den Wurzeln der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft auf. In ihrer Form verweist sie jedoch auf die anderen Kunsttraditionen Europas im 20./21. Jahrhundert, mit dem Tanztheater der vorletzten Jahrhundertwende aufs engste verbunden - mit dessen an Wagner und Nietzsche angelehntem Konzept des Gesamtkunstwerks, der Verbindung von Wort, Bild, Ton, Bewegung in einem synthetischen Ganzen. Nicht weniger beeindruckend war jedoch der Trachtenzug – als Repräsentationsschau der siebenbürgischen Gemeinschaft und ihrer Tradition und als ein ästhetisch überwältigendes Erlebnis.

9) Wie könnte man konkret aus Ihrer Sicht als Leiterin eines sehr wichtigen Sachgebiets des HDO die Kooperation mit siebenbürgischen Kultureinrichtungen in Zukunft eventuell intensivieren?

Worauf es mir vor allem ankäme, wären öffentlichkeitswirksame mediale Kooperationsprojekte mit der Siebenbürgischen Zeitung, mit dem Ziel, die Geschichte und Gegenwart der Siebenbürger Sachsen stärker in das Bewusstsein unserer Gesellschaft zu rücken.

10) Dinkelsbühl zu Pfingsten ist auch eine wichtige Drehscheibe, um Beziehungen zu Politikern, Künstlern, Journalisten etc. zu knüpfen. Haben Sie diese Gelegenheit auch genutzt?

Für mich stand der diesjährige Heimattag eher im Zeichen der Wiederbegegnung – mit unseren Kooperationspartnern wie der Generalkonsulin Rumäniens in München, Iulia Ramona Chiriac, oder dem Bundeskulturreferenten Hans-Werner Schuster, Kollegen wie die ADZ-Redakteurin Nina May, oder Freunden, wie dem Maler Michael Lassel. Ich hatte aber auch wieder Gelegenheit, faszinierende Menschen und Künstler kennenzulernen, zu denen unter anderem die von mir bereits erwähnte Elena Zipser gehört.

11) Wir sprechen sehr intensiv über Siebenbürgen, und ich merke, Sie haben sehr fundierte Kenntnisse über Land und Leute. Waren Sie schon in Rumänien, in Siebenbürgen?

Im September dieses Jahres werde ich meine erste Reise nach Rumänien machen. Sie führt mich nach Siebenbürgen. Und sie führt mich nach Hermannstadt.

Liebe Frau Antipow, ich danke für dieses schöne Gespräch, wünsche Ihnen viel Erfolg in Ihrer neuen Tätigkeit und nur gute Erfahrungen in Siebenbürgen und mit den Siebenbürgern.

Schlagwörter: Interview, Antipow, HDO, München, Kultur, Geschichte, Bibliothek, Heimattag 2019, Dinkelsbühl, Balazs

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