28. Juli 2019

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Luxemburger Geschichte mit siebenbürgischer Note in Echternach

„1000 Jahre in 1000 Schritten in 100 Minuten“ war das Thema des historisch-musikalischen Spaziergangs durch die Klosteranlage der ehemaligen Benediktinerabtei zu Echternach in Luxemburg, der am 14. Juli anlässlich des 50-jährigen Gründungsjubiläums des Luxemburger Gesangvereins „AMBITUS“ stattfand und zu dem Vertreter des Verbandes der Siebenbürger Sachsen dank der guten Kontakte und der Vermittlung durch unseren Landsmann Julius Henning zur Mitwirkung eingeladen waren. Dieser hatte erst vor kurzem eine Festschrift über die Sprachverwandtschaft zwischen Letzebuergisch und Siebenbürgisch-Sächsisch herausgegeben, die vor 250 Jahren entdeckt worden war.
Einer Prozession gleich mit insgesamt sieben Stationen innerhalb der Klosteranlage und der mächtigen Basilika, im Jahr 698 vom irischen Mönch und Missionar Willibrord gegründet, wurden kulturgeschichtliche Beiträge in Form von Musik, Gesang und geschichtlichen Kurzvorträgen mit Bezug zur Abtei und ihrer jahrhundertealten Geschichte dargebracht.Alle Fotos: Jemp Origer ...Alle Fotos: Jemp Origer Den musikalischen Auftakt vor dem großen Eingangsportal der Basilika, der ersten Station des Kulturspaziergangs, machte ein Bläserensemble mit der Europahymne aus Beethovens „Ode an die Freude“. Georges Calteux, ehemaliger Direktor des Denkmalschutzamtes des Großherzogtums Luxemburg, einstiger Lehrer für Kunsterziehung am Echternacher Lyzeum und Mitgestalter der eingangs erwähnten Festschrift, begrüßte die zahlreichen Besucher und geladenen Gäste des Jubiläumsvereins „AMBITUS“, bevor diese im Hauptschiff der Basilika Platz nahmen und seiner geschichtlichen Einführung gespannt folgten. Calteux führte durch das Programm, so auch an der zweiten Station im Chorraum der Basilika. Hier lauschten die Teilnehmer dem Gesang einer Sopranistin, begleitet von einem Percussion-Künstler auf dem Marimbaphon. In der Krypta unterhalb der Basilika, der dritten Station, boten Mitglieder der Schola Willibrordiana Auszüge aus der Willibrordus-Matutin in exzellentem, gregorianischem Gesang dar. An der vierten und fünften Station im Kreuzgang der Abtei und im Refektorium der Mönche konnten die Besucher einigen Kompositionen von Camille Kerger lauschen.z ... An der sechsten Station unterstrich die „siebenbürgische Note“ das Programm. Hier erfolgte seitens Georges Calteux ein kurzer geschichtlicher Abriss zum Skriptorium der Abtei, der berühmten Echternacher „Schreibschule“, wo vor rund 1000 Jahren bedeutende Buchmalereien wie der „Codex Aureus Epternacensis“, ungefähr im Jahr 1020 (heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg), und der „Codex Aureus Excorialensis“ (Kloster Escorial), entstanden. Heute können im Abteimuseum die schönsten faksimilierten Seiten dieser berühmten Prachtexemplare bewundert werden. Der Lektor Hilmar Berndt trug Verse des Gedichtes „Feier a Flaam“ vor, die von der Zerstörung der Abtei durch ein Großfeuer im Jahre 1016 handelten. Georges Calteux beleuchtete die geschichtlichen Ereignisse um das Jahr 1143, die, dem Aufruf des ungarischen Königs Geisa II. folgend, zur Auswanderung aus den Gebieten von Rhein-Maas-Mosel und der Grafschaft Luxemburg in die Karpaten führten. Um jene Zeit herrschten in der Grafschaft Feudalherrschaft und Kriege zwischen den Grafen und den Abteien von Vianden, Trier und Luxemburg. Von einer weiteren geschichtlichen Tragödie berichtete Calteux, der eine Abschrift eines Briefes von 1241, verfasst von einem Zeitzeugen der Ausgewanderten nach dem verheerenden Tataren- und Mongoleneinfall an die Echternacher Abtei, in Händen hielt. Dieser Brief bezeugt, dass selbst hundert Jahre nach den Auswanderung nach Siebenbürgen immer noch Kontakte zur Urheimat bestanden. Diesen Brief entdeckte 1889 der luxemburgische Pfarrer Adam Reiners bei seinen Recherchen in der Pariser Nationalbibliothek, wohin dieser Brief nach Auflösung der Echternacher Abtei im Jahr 1797 durch die französischen Revolutionstruppen verbracht worden war.z ... Als eine der heutigen Nachfahren dieser einstigen Auswanderer war Inge Erika Roth an der Reihe. Den festlichen Rahmen unterstreichend, hatte sie ihre siebenbürgisch-sächsische Festtracht des Nösnerlandes angelegt und überbrachte ein Grußwort seitens des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e. V. im Namen der Bundesvorsitzenden Herta Daniel in Bistritzer Mundart und gratulierte dem Gesangsverein „AMBITUS“ zu seinem Jubiläum. Am Ende rezitierte sie den Text des Liedes „Mir wölle bleiwe wat mir sin“, gedichtet von Josef Lehrer, Gymnasiallehrer und Stadtprediger in Mediasch, bekannt auch als der „Sachsenschwur“, in siebenbürgisch-sächsischem Dialekt. Die Eingangszeile dieses Gedichtes stammt vom Festgedicht „De Feierwon“ (Der Feuerwagen) von Michel Lentz, das dieser 1859 anlässlich der Einweihung der ersten Luxemburger Eisenbahnstrecke textete. Begeisterter Applaus schloss sich an das Grußwort von Inge Erika Roth an, die mit ihrem Ehemann Stephan Roth, ebenfalls in Tracht, erschienen war, bevor ein direkter Wortvergleich, vorgetragen in Deutsch von Hilmar Berndt, in Letzebuergisch von Georges Calteux und in Siebenbürgisch-Sächsisch von Inge Erika Roth, stattfand. Das Lied „Nach Ostland wollen wir reiten“, dargebracht von Camille Kerger, rundete die Vorträge an dieser Station ab. An der siebten und letzten Station des historisch-musikalischen Spaziergangs im Klostergarten der Orangerie wurde ein Gedicht über blühende Gärten in Eifler Mundart vorgetragen, die ebenfalls Sprachverwandtschaft mit dem Letzebuergischen aufzeigt. Mit den erneuten Klängen der Europahymne, vorgetragen vom Bläserensemble, fand die Prozession durch die Echternacher Abtei ihr Ende.z ... Als Resümee dieser Veranstaltung, bei deren Abschluss eine größere Anzahl von Besuchern mich umringten und manches über die Siebenbürger Sachsen wissen wollten, ergab sich, dass diese sich eine Annäherung auf kulturellem Gebiet wünschen, z. B. gern an einem Heimattag in Dinkelsbühl mit ihrem Chor teilnehmen möchten. Dies Interesse wird von der Führung der Siebenbürger Sachsen einer gründlichen Überlegung unterzogen, um im gegebenen Fall mit dem nötigen Ernst die Sache anzugehen.

Inge Erika Roth

Schlagwörter: Luxemburg, Siebenbürgen, Sprache, Jubiläum, Gesangsverein, Festveranstaltung

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