22. September 2020

Das Besucherzentrum von Schloss Horneck

Im Zuge der Digitalisierung verändert sich unsere Welt in rasantem Tempo. Smartphones, Tablets, intelligente Programme, Apps und virtuelle Welten beeinflussen nicht nur unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit, sondern auch die Entwicklung unserer Gesellschaft und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Beinahe täglich wird in den Medien über die Bedeutung der Digitalisierung für die Industrie und die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt berichtet. Über die Auswirkungen dieses Phänomens in Bildung und Kultur wird weniger gesprochen. Warum wohl? Einerseits handelt es sich hierbei um ein kontroverses Thema, andererseits fehlen sowohl Methoden als auch Erfahrungen, die uns dabei helfen könnten, das Phänomen mit all seinen Auswirkungen zu verstehen.
Die Lager sind von Interessen bestimmt und teilen sich in glühende Befürworter oder fanatische Gegner des Phänomens. Die Anhänger der Digitalisierung konzentrieren sich meist nur auf die positiven Aspekte wie mehr Freizeit durch Robotisierung, neue Beschäftigungsbranchen und mehr Arbeitsplätze, einen intelligenten urbanen Raum, digitalen Unterricht und virtuelle Museen. Schnelles Internet ermöglicht auch die direkte Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger am politischen und sozialen Leben. Das gegnerische Lager führt Szenarien ins Feld, die die globale Katastrophe beschreiben: Massenarbeitslosigkeit durch fortschreitende Robotisierung, Entfremdung der zwischenmenschlichen Beziehungen, niedrigere Qualitätsstandards in Unterricht und Lehre, das Verschwinden der Künste und letztendlich die totale Überwachung einer zum wahllosen Konsum verurteilten Bevölkerung.

Versuchen wir trotzdem, das Phänomen der Digitalisierung möglichst objektiv zu betrachten mit den Auswirkungen auf Kultur und Bildung, gerade auch im Hinblick auf die Ziele und Perspektiven eines modernen Kulturzentrums wie jenes auf Schloss Horneck.

Folgt man der Definition der Digitalisierung, die dem Leser aus den Medien bekannt ist, so handelt es sich bei der Digitalisierung 4.0 um eine Stufe der technologischen Entwicklung, die auf Mechanisierung, Automatisierung und schließlich Digitalisierung der Produktionsprozesse folgte. Auch wenn diese Entwicklungen vor allem auf Technik und Technologie abzielten, haben sie die menschliche Gesellschaft und damit auch die Kultur nachhaltig verändert. Erinnern wir uns kurz daran, wie früher Musik gehört wurde, vor der Erfindung des Grammophons, des Radios, des Fernsehens, der CD und der verschiedenen audio-digitalen Formate. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Buch, von Gutenberg bis zu modernen Tablets und E-Books.

Die Frage, ob Künstliche Intelligenz eines Tages auch die Kunst bzw. den Kunstschaffenden ersetzen wird, muss mit einem klaren Nein beantwortet werden. Schriftsteller oder Komponisten, Schauspieler oder Tänzer werden durch Einsatz der Künstlichen Intelligenz nicht ersetzt werden. Sie alle werden jedoch mit Sicherheit die technologischen Möglichkeiten nutzen, die sie eröffnet, um ihr Publikum besser zu erreichen und in der Wahrnehmung der jüngeren Generationen tiefere Spuren zu hinterlassen. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass sich der moderne Mensch vom passiven Kunstkonsumenten zum aktiven Teilhabenden wandelt. So werden Informationen zum Zeitgeschehen nicht nur einer einzigen Zeitung entnommen. Der geschulte Leser analysiert die Informationen zum gleichen Thema aus unterschiedlichen Quellen, selektiert und kommentiert das Geschehen in Blogs und sozialen Netzwerken und findet somit Verbündete, die die eigene Meinung teilen. Aus dieser Tatsache leitet sich die Notwendigkeit ab, dem Individuum auch im Kulturbereich eine aktive Rolle anzubieten, die auf direkter Teilhabe gründet.

Unabhängig davon, wo Kultur stattfindet, sei es im Klassenzimmer, im Ausstellungsraum, im Konzert- oder Theatersaal, in Kulturzentren oder in Sportarenen, die Qualität der Institution wird zukünftig davon abhängen, wie klassische Kommunikationsformen mit den neuen Möglichkeiten virtueller Technologien in einem intelligenten Konzept vereint werden. Dabei sollten Qualität der Information und kritisches Denken nicht auf der Strecke bleiben.
Modernes Besucherzentrum von Schloss Horneck: ...
Modernes Besucherzentrum von Schloss Horneck: Über einen Touchscreen (Bildschirmfoto) lassen sich interaktive Projekte mit unterschiedlichen Themen aktivieren und Videos, Interviews oder auch Dokumentarfilme aufrufen.
Im Kulturzentrum Schloss Horneck wird ein erster Schritt in diese Richtung versucht. Als Kultur- und Begegnungszentrum versteht sich die Institution in erster Reihe als Ort der Bewahrung siebenbürgisch-sächsischer Traditionen. Damit wird auch ein Beitrag geleistet zur Kenntnis und Verbreitung dieser Kultur jenseits ihres ursprünglichen geografischen Raumes. Es ist von unschätzbarem Vorteil, dass sich etablierte Einrichtungen wie das Siebenbürgen-Institut und das Siebenbürgische Museum mit Ausstellungs-, Depot- und Seminarräumen unter dem gleichen Dach befinden, ergänzt durch Übernachtungsmöglichkeiten in einem Hotel. Die Fülle an Informationen, die in diesen Institutionen konzentriert ist, macht ihre Verbreitung mittels klassischer Kommunikationswege schwierig. So entstand die Idee, dem Zentrum neue Kommunikationsformen zu erschließen und somit die Synergien zwischen den einzelnen Institutionen besser zu nutzen, um Informationen von hoher Qualität und großer Vielfalt anzubieten.

Zu Beginn meiner Mitarbeit für das Siebenbürgische Kulturzentrum stellte ich mir folgende Fragen: Wie kann kulturelles Erbe digital vermittelt werden? Wie lassen sich Kultur, Geschichte und Forschung erlebbar machen? Wie lassen sich kulturelle Angebote auf die individuellen Bedürfnisse der Besucher abstimmen?

Daraus erwuchs das Besucherzentrum, in dem ein interaktiver Zugang zu einem ersten Informationsset ermöglicht, darüber hinaus ein Austausch über Institutionsgrenzen hinweg erlebbar wird. Eine Medienwand bietet Printinformationen über die Geschichte von Schloss Horneck, über geografische, ethnische und kulturelle Vielfalt Siebenbürgens, über die Kultur und Geschichte der Siebenbürger Sachsen sowie über die Aktivitäten und die Bedeutung der im Schloss ansässigen Einrichtungen. Über einen Touchscreen kann der Besucher interaktive Projekte mit unterschiedlichen Themen aktivieren und Videos, Interviews oder auch Dokumentarfilme aufrufen.

Wie könnten nun künftig digitale Projekte im Kultur- und Besucherzentrum aussehen? Das 3D-Modell einer der zahlreichen Kirchenburgen könnte beispielsweise mit Informationen zu lokalen Bräuchen verbunden werden, wobei der Nutzer simultan Zugang erhält zu Dokumenten der Siebenbürgischen Bibliothek, wie Manuskripte, Landkarten oder alte Ansichtskarten aus der Region. Das Siebenbürgische Museum kann diese Informationen mit Exponaten zum Thema ergänzen und Interviews mit Zeitzeugen, Videos oder Gemälde aus der eigenen Sammlung zur Verfügung stellen und somit siebenbürgische Wirklichkeit virtuell wiederaufleben lassen.

Die Vereine und HOGs könnten auch ihren Beitrag leisten und beispielsweise Trachten aus ihrem Ort präsentieren. Historiker könnten Ortsmonografien, Berichte und Kommentare zur jeweiligen Wehrkirche verfassen. Die auf diese Weise miteinander verbundenen Informationen können entweder lokal, im Besucherzentrum über Touchscreen und Printmedien visualisiert werden oder online mittels Registrierung und Anmeldung. Auch regionale Tourismusagenturen könnten sich diesem Informationspool anschließen. Das aufgeführte Beispiel stellt nur eine der vielen Möglichkeiten dar, die eine digitale Plattform bietet. Die Themen können natürlich erweitert werden. Die Qualität der medialen Inhalte hängt jedoch von der Vorstellungskraft und der fachlichen Kompetenz der Verantwortlichen ab. Ob ein derartiges Unternehmen Erfolg hat, ist nicht nur eine Frage des Interesses und der Kompetenz aller Beteiligten, sondern auch eine Frage der finanziellen Mittel. Die Unterstützung des Kulturzentrums ist äußerst wichtig, da es nicht nur die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen ermöglicht, sondern auch im europäischen Kontext eine wichtige Rolle spielt, da hier eine riesige Menge an Informationen zur Geschichte und Kultur einer einzigartigen Ethnie im transsilvanischen Raum gesammelt und verbreitet wird. Die Begegnung mit den außergewöhnlich wertvollen historischen Monumenten in Siebenbürgen kann für Historiker und Besucher aus dem Westen Europas auch eine Begegnung mit der eigenen Geschichte darstellen, die hier über Jahrhunderte hinweg gelebt und bewahrt wurde.

Die Schaffung eines Kultur- und Besucherzentrums in einer Zeit, die hauptsächlich auf Industrie, Technologie und Konsum ausgerichtet ist, ist ein mutiges Unterfangen, zeugt aber auch von der Verantwortung für die Werte siebenbürgisch-sächsischer Kultur. Warum sollen da nicht gerade die Möglichkeiten moderner Technologie ausgeschöpft werden, um einem möglichst breiten Publikum den Zugang zu diesem außergewöhnlichen europäischen Kulturraum zu erlauben?

Dipl.-Des. Lucian Binder-Catana

Schlagwörter: Schloss Horneck, Gundelsheim, Besucherzentrum, Information, digital

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