18. Dezember 2020

Siebenbürgen als Schicksal und Lebensthema: Neuer Essayband von Hans Bergel

Mit dem jüngst erschienenen Sammelband „Randbemerkungen. Das Jahrhundert, an dem ich teilhatte“ legt Hans Bergel eine Auswahl von 29 Essays und drei Interviews vor, die zeitlich und thematisch weit ausgreifend, einen Zugang zum dichterischen und publizistischen Werk des inzwischen 95-jährigen Autors mit neuen Perspektiven komprimierter Welterfahrung und -deutung eröffnet. Auswahl und Anordnung der Texte bündeln das breite Spektrum von literarischer, kunsttheoretischer, historisch-politischer und wissenschaftlicher Thematik, die Hans Bergel in seinem Lebenswerk in über fünfzig Büchern entfaltet hat.
Bergels Freund Georg Scherg nach einer Lesung im ...
Bergels Freund Georg Scherg nach einer Lesung im Münchner Haus des Deutschen Ostens im April 2002. V.l.n.r.: Udo W. Acker (damals stellvertretender Direktor des HDO), Hans Bergel, Georg Scherg und Pfarrer Harald Siegmund. Foto: Konrad Klein
Bergels biographisch-literarische Jahrhundertschau setzt ein mit dem „Rückblick auf Kerker- und Haftjahre“, über die er in einem Gespräch mit Dieter Drotleff Auskunft gegeben hat (Karpatenrundschau. Kronstädter Wochenschrift für Gesellschaft, Politik und Kultur, Jahrgang XXVIII, 1995). Am 15. September 1959 wurden die fünf Autoren Andreas Birkner, Wolf von Aichelburg, Georg Scherg, Hans Bergel und Harald Siegmund in Kronstadt (Braşov) von einem Militärgericht zu insgesamt 95 Jahren schwerer Haft und Zwangsarbeit verurteilt. Die Schriftsteller zählten zu den bekanntesten Vertretern der um 1950 wieder aufblühenden deutschen Literaturszene in Rumänien, die seit Jahrhunderten eng mit dem binnendeutschen Sprachraum verbunden gewesen war. Bergel verbüßte sechs Jahre. In einem Gespräch mit Claudiu M. Florian, Leiter des Rumänischen Kulturinstituts (ICR), Berlin, im Jahr 2005, stellt Bergel den Prozess in den „größeren Kontext des historischen Erleidens“, dem die Siebenbürger Sachsen, beginnend mit dem Jahr 1945, ausgesetzt waren: „Was vor fünfzig Jahren mit den Winterdeportationen ins Donezk- und Uralgebiet begann, eröffnete gewissermaßen jene Phase in der Existenz unserer kleinen Volksgruppe im Südosten, zu der logischerweise unter anderem auch unser Schriftstellerprozess gehörte. Es war das Erleiden des gleichen Ungeistes, der gleichen Machart totalitärer Menschenverachtung, der gleichen Verhöhnung des menschlichen Ideals. Ich gehöre und gehörte im Rückblick zur großen Familie derer, die unmittelbare Opfer kommunistischer Machtzügellosigkeiten waren.“ (S. 11) „Die beiden Diktaturen“, sagt Bergel an anderer Stelle, „die nationalsozialistische und die kommunistische, sind das Thema unseres Lebens gewesen. Es wurde gelebt und durchlitten. Und es wurde künstlerisch durchformt.“ Sein Roman „Der Tanz in Ketten“ (1977) thematisiert erstmals in deutscher Sprache Haft und Folter unter dem stalinistischen Gheorghiu-Dej-Regime der 1950er und 1960er Jahre in Rumänien, dem Tausende politische Gefangene zum Opfer fielen. Hans Bergel ist der letzte Überlebende des Schriftstellerprozesses. Seine drei mitverurteilten Schriftstellerkollegen werden von ihm in Kurzportraits skizziert, Wolf von Aichelburg (1912-1994), Andreas Birkner (1911-1998) und Georg Scherg (1917-2002), die nach langen Jahren dichterisch produktiven Schaffens zuletzt in der Bundesrepublik lebten. Wolf von Aichelburg, Dichter, Komponist und Maler, war bekennender Kosmopolit, geprägt von „der großen zeitgenössischen Lyrik“. Er begriff seinen eigenen Worten nach seine Schaffenszeit in Rumänien eher als „Exilantenepoche“. Hans Bergel hat Wolf von Aichelburg, mit dem er, wie mit Andreas Birkner und Georg Scherg, „Jahre lang den vielfältig ausgeklügelten Mechanismen eines Haftterrors ausgesetzt war“, zu dessen 47. Geburtstag in einer Kerkerzelle ein vierstrophisches Gedicht „zugeflüstert“, eine anrührende Geste der Freundschaft und Beweis des Überlebenswillens der Inhaftierten kraft der Literatur. Das Gedicht findet sich in der Hommage Bergels an den Freund, „Wo du auch wanderst, erreichst du das Meer... Der Einzelgänger Wolf von Aichelburg“ (S. 123).

Georg Scherg, dem laut Harald Siegmund „produktivsten deutsch schreibenden Romancier der Zeit nach dem II. Weltkrieg in Rumänien“, widmet Bergel eine herausragende Würdigung, den Neudruck seiner Einführung in Georg Schergs Gedichte-Zyklus „Piranda“ (Hg. von Mariana Scherg, 2003, Verlag Global Media, Hermannstadt): „Meine braunen Brüste“ oder „Wie schwarzer Wein und schwellender Duft“. Zu Georg Schergs „Piranda“-Zyklus und dessen Aufzeichnung (S. 231). Hans Bergel, Dichter und Musiker wie Georg Scherg, betont die „ungebärdige Lust“ des siebenbürgischen Freundes und Leidensgenossen am Instrument Sprache.“ Ein Fremder im fremden Land, veröffentlichte Georg Scherg, der erst 1990 von Siebenbürgen in die Bundesrepublik wechselte, zwischen 1957 und 1988 den größten Teil seines Werkes, darunter auch Dramen und Gedichte, in deutschsprachigen Abteilungen rumänischer Verlage, Zeit- und Themen konforme umfangreiche siebenbürgische Geschichtsromane und - im Windschatten politischen Tauwetters – hintergründige Parabeln und labyrinthisch verschlüsselte Chroniken, die hohe Ansprüche an die Dechiffrierkunst des Lesers stellen. Intellektuelle Komplizenschaft voraussetzend, bedient sich Scherg der textuellen Verfremdung auch mittels ironischer Verfahren, die auf Mehrdeutigkeit angelegt sind. Sein Opus magnum „Goa Mgoo oder die Erfindung der Unsterblichkeit“ beendete Scherg 1997 in Deutschland – eine gigantische Groteske, die nicht nur auf die Gigantomanie des Ceaușescu-Staates gemünzt ist. Der bibliophil gestaltete Zyklus „Piranda“ ist Schergs reifstes künstlerisches Vermächtnis. Hans Bergel, der letzte Weggefährte und Jahrhundertzeuge seiner Generation, zitiert aus einem Brief Schergs, in dem der ihm freundschaftlich eng Verbundene die Gestalt der Piranda entschlüsselt: „Die Heimatlosigkeit“ Pirandas, „der Verfolgten, Verfemten, Begehrten“ sei, zugleich das konstitutive Element im Bereich des sozusagen konfessionslos Metaphysischen, Numinosen – um es nicht ‚Religion‘ zu nennen.“ (S. 234)

Bergels Portrait des Schriftstellers und protestantischen Pfarrers Andreas Birkner lenkt den Blick auf einen siebenbürgischen Prosaautor, der den größten Teil seiner Romane und Erzählungen nach seinem Weggang aus Rumänien in Deutsch-Österreichischen bzw. Schweizer Verlagen veröffentlicht hat. Wie der 14 Jahre jüngere Hans Bergel begleitet Andreas Birkner ein dramatisches Kapitel der Geschichte der Siebenbürger Sachsen in „babylonischen Geschichten.“ Im Unterschied zu dem großen Chronisten, Analytiker und Magier des Erzählens Hans Bergel liegt dem Werk des Dichter-Pfarrers Birkner der Tenor versöhnlichen Humors zugrunde, der die Konflikt- und Grenzsituationen der Figuren aus seinem der Realität entliehenen literarischen Fundus oftmals ironisch kommentiert und witzig pointiert. Seine motivisch verflochtenen Romane thematisieren – in der sinnlich plastischen und authentischen Darstellung den Romanen Bergels verwandt – die Kernproblematik, die eine Nachkriegsgeneration von Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben und Bukarester Deutschen bewegte und geben Antwort auf die Existenzfrage: Bleiben oder Gehen?

„Schreibt auf, was war!“ Der Titel eines Vortrags, den Bergel im Jahr 2000 in Jassy (Iaşi) hielt, nimmt Bezug auf „Deutsch-jüdische Autoren aus Südosteuropa in Israel“ (S. 161), ein weiteres Gebiet literarischer Vermittlung und Vertiefung, auf dem sich Bergel seit den 90er Jahren engagierte. Als einem der Ersten kommt ihm das große Verdienst zu, deutschsprachige Dichter und Schriftsteller aus Südosteuropa, besonders aus der Bukowina, aus Österreich und anderen Teilen Europas, die sich auf der Flucht vor der Verfolgung nach Israel retten konnten, in Deutschland bekannt zu machen. Als Mitherausgeber der Südostdeutschen Vierteljahresblätter, München (1989-2009) – seit 2006 Spiegelungen – bot er ihnen ein Forum zur Veröffentlichung, Mitgliedern des sog. Lyriskreises in Jerusalem, einer Gruppe von Exilautoren und – autorinnen, die ihre individuellen „jüdischen Jahrhundertwege“ verband. Der Lyriker Manfred Winkler (1922-2014), nahe Czernowitz geboren, war der bedeutendste Dichter des Lyriskreises. 2012 wurde ein Großteil des Briefwechsels zwischen Manfred Winkler und Hans Bergel veröffentlicht, ein in der Literatur aus und über Südosteuropa einzigartiges Dokument geistigen Austauschs über Fragen der Dichtung, Religion, Philosophie und Politik. (Hg. R. Windisch-Middendorf, Berlin, Franck & Timme). Die Übersetzung dieses Briefwechsels ins Rumänische erscheint voraussichtlich 2021 (Editura Hasefer, Bukarest). Von Manfred Winkler liegt inzwischen erstmals das lyrische Gesamtwerk in einem Sammelband von fast 900 Seiten vor: Haschen nach Wind. Die Gedichte. Hg. von Monica Tempian und Hans-Jürgen Schröder, Arco-Verlag Wien-Wuppertal 2018.

Im Zentrum eines Plenar-Vortrags, den Bergel 2013 in Bukarest hielt, steht Europa als Kontinent „der Vernunft, der Humanitas, der Kultur und der Künste und der fruchtbaren interkontinentalen Begegnungen“ (S. 41). Bergel, der sich zwei Kulturen zugehörig fühlt – geprägt durch Herkunft, Elternhaus und Erziehung „nach protestantisch-kantisch deutschen Maximen“ und den ihn umgebenden Kultureinflüssen „lateinisch-byzantinischer Prägung“ – appelliert daran, Europa in Erinnerung“ zu rufen als „Einheit in der Vielfalt“, als ein „Kosmos des aus allen und in alle Himmelsrichtungen strömenden innereuropäischen Gebens und Nehmens.“ All das geschieht im historischen Rückblick auf Literatur, Kunst und Musik, Architektur und Wissenschaft, Religion und Philosophie. Nach der „kulturellen Zweiteilung unseres Kontinents“, der „gewaltsamen Durchschneidung des geschichtlich erarbeiteten und gewachsenen Organismus Europa“ ... wird es „darum gehen, uns Europäern den Luxus unserer regionalen Vielgestaltigkeit und den Grundkonsens der Einheit zu bewahren bzw. wiederherzustellen“ – so Bergels künstlerisches und politisches Credo, eine Mahnung, die heute aktueller erscheint als zuvor.

Eine breit gefächerte Auswahl weiterer Beiträge der „Randbemerkungen“, die ins Schwarze treffen, steht exemplarisch für Bergels engagiertes Europäertum auf dem Weg zur einer Symbiose zwischen Osten und Westen, eine Vision, deren Wurzeln kulturhistorisch verbürgt sind: Aufsätze über den „Bewaffneten antikommunistischen Widerstand – Das unbekannte Aufbegehren“ (S. 51), „Die heroische Melancholie des Südostens. Die Odysseus-Gedichte von Radu Gyr und Lucian Blaga“ (S. 91), „András Sütö und die Metaphysik des Dorfes“ (S. 99), bis hin zu den Portraits herausragender Multi-Talente in Wissenschaft und Kunst: „Der malende und komponierende Krebsforscher Arnold Graffi“ (S. 67) oder „ Die stürzende Kathedrale und der Fall Konstantinopels. Kunst und Idee im Werk des Hans Fronius“ und „Die drei Musketiere, der Freiherr von Münchhausen und die Kosaken am Don. Der Zeichner Helmut Arz von Straussenburg.“ (S. 183)

So wie der Zufall die Schicksals- und Geistesverwandten Hans Bergel und Manfred Winkler nach ihrer ersten Begegnung in Bukarest 1994 wieder zusammenführte und einen intensiven, wechselseitig inspirierenden Briefwechsel in Gang setzte, knüpfte Hans Bergel auch den Kontakt zu Nicholas Catanoy durch Zufall. 62-jährig, beginnt er eine langjährige Korrespondenz mit dem gleichaltrigen Arzt, Schriftsteller, Lyriker, Aphoristiker und Weltreisenden, einem politischen Flüchtling aus dem europäischen Südosten, der einige Male „die Sahara durchquerte und den Globus umreiste, mit seinen Fragen an die Zeit ständig unterwegs war, irritiert und unbefriedigt von den Theoremen und Ideologien weltverbessernder Ideologen“. Bergel nennt ihn „einen Bruder im Geist“, einen Vertrauten im „Saeculum der Perversionen“ (S. 167), in dem sich „das Grundmuster schlechthin der Schriftstellerexistenz in diesem Jahrhundert“ wiederholt: „Sofern sie in den Brennpunkten des Saeculums standen, wurden die Schreibenden – die Aufzeichnenden – nolens volens zu Chronisten.“

Renate Windisch-Middendorf


Hans Bergel: „Randbemerkungen. Das Jahrhundert, an dem ich teilhatte“. Frank & Timme Verlag, Berlin, 2020, 272 Seiten, 48,00 Euro, gebunden, ISBN 978-3-7329-0653-6

Schlagwörter: Bergel, Buch, Essayband, Besprechung

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