23. August 2021

Der Schriftsteller und Dichter Franz Hodjak in der Reihe „Lebendige Worte“ (XVIII)

Franz Hodjak, geb. 1944 in Hermannstadt, Rumänien. Abitur, Militärdienst, Hilfsarbeiter. Studium der Germanistik und Rumänistik in Klausenburg, Rumänien. 1970-1992 Lektor für deutschsprachige Bücher im Dacia Verlag. Klausenburg. 1992 Übersiedlung nach Deutschland. Lebt als freier Schriftsteller in Usingen im Taunus.
Franz Hodjak bei einer Lesung in Dinkelsbühl ...
Franz Hodjak bei einer Lesung in Dinkelsbühl 2013. Foto: Konrad Klein
Zuletzt erschienen u.a.: Siebenbürgische Sprechübung. Gedichte, Suhrkamp, Frankfurt a.M 1990; Zahltag, Erzählungen, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1991; Franz, Geschichtensammler, Monodrama, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1992; Landverlust, Gedichte, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1993; Grenzsteine. Roman, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1995; Ankunft Konjunktiv. Gedichte, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1997; Der Sängerstreit, Roman, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2000; Ein Koffer voll Sand, Roman, Suhrkamp. Frankfurt a.M. 2003; Was wäre schon ein Unglück ohne Worte. Aphorismen, Notate. Edition Erata. Leipziger Literaturverlag. Leipzig 2006; Die Faszination eines Tages, den es nicht gibt, Gedichte. Edition Die 1000, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2008; Der Gedanke, mich selbst zu entführen, bot sich an, Gedichte, Verlag SchumacherGebler, Dresden 2013; Der. der wir sein möchten, ist schon vergeben, Aphorismen, Notate & ein Essay, litblickin-Verlag, Fernwald 2013; Das Ende wird Nabucco heißen, Erzählungen, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2014; Der, an den wir uns erinnern, waren wir nie, Aphorismen, edition petit, Verlag SchumacherGebler. Dresden 2017.

Preise und Stipendien u.a.: 1990 Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb; 1991 Ehrengabe zum Andreas-Gryphius-Preis; Förderpreis des Kulturkreises im BDI; 1995 Stadtschreiber in Minden; 1996 Nikolaus-Lenau-Preis; 1997 Heinrich-Heine-Stipendium in Lüneburg; 1998 Hermann-Hesse-Stipendium; 1999 Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung; 2000 Künstler­stipendium in Schreyahn; 2002 Stadtschreiber in Dresden; 2005 Kester-Haeusler-Ehrengabe der Schillerstiftung; 2006 Förderstipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst; 2007 Stipendium im Herrenhaus Edenkoben; Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreis; 2015 Literaturpreis der 3. Internationalen Buchmesse in Klausenburg.

Die Gedichte und Aphorismen entstanden 2020/2021 und werden hier erstmals veröffentlicht.

Grenzgebiet

In Ruhe einmal im Kreis gehen und
erwägen, welchen Ausweg man nimmt. Bis

dann kann man Gedichte lesen, die Sprache
der Hummeln lernen oder gegen die ­Abschaffung

des Vertrauens protestieren. Gern würde man
auch etwas Neues beginnen, wenn man

wüsste. wie es endet. Kreuzfahrten sind immer
beliebter, ebenso Kurzbiographien

in Form von Tatoos. Verbotsschilder
werden aufgestellt, um in die Irre zu führen. Man

schwört wieder auf Kneippkuren, sucht den
Traumpartner, macht Yoga, um zu retten, was

noch zu retten ist. So wie die Zukunft heute aussieht,
sieht sie nur heute aus. Dass hier eine Grenze

verschwunden ist, sieht man. Dass hier
eine Grenze war, sieht man nicht.

Im Ungefähren

Einmal wäre ich fast angekommen, doch im
letzten Augenblick rettete mich
der Zufall. Seither weiß ich, was ich will, und ich
will nur, was ich weiß. Am Morgen mag
ich es gemütlich, mich stört nur, dass meine Freiheit
so unpersönlich ist. Ich lese gern auf Parkbänken,
und wenn ich in Cafés sitze, verstärkt sich
der Eindruck, die Leute sind nur gesellig, weil sie
einsam sind. Von dem, was mich nicht
enttäuscht, bin ich überrascht. Auf
langen Spaziergängen habe ich genügend
Zeit, über das Hoffen nachzudenken und darüber,
wie weit das Hoffen mich bringt. Ich vertraue
nur mir selbst, und was ich sehe, kommt
mir verdächtig vor. Transparenz
gäbe es nur, wenn es einen Tag der offenen Hintertür
gäbe. Steige ich in eine U-Bahn, versuche
ich, den zu erkennen, der mich aus dem Fenster mit
meinen Augen anblickt. Meine Vernunft möchte
lieber halbe Sachen ganz machen, meine innere Stimme
lieber ganze Sachen halb. In der Eile
der Passanten steckt viel Unruhe, manchmal
auch Liebe, und meist verpasst man das Glück, nicht
weil man zu spät kommt, sondern zu früh. Niemand
lächelt, um sich selbst zu gefallen, man
setzt auf Gegenseitigkeit. In allem,
was verschwindet, glaube ich, steckt schon etwas
Ewigkeit, und nachts, wenn ich nicht schlafen
kann, habe ich das Gefühl, ich
sei bloß provisorisch der, der ich bin.

Kleine Tour

Mit dem Fahrrad durch den Morgen.
Das frühe Licht weitet den Blick,
die veränderte Sicht verändert
den Morgen. Man teilt

den Frieden mit den Nachtschwärmern,
den Segelfliegern, dem Kiebitz
im Ried. Noch ist die Stille
überall anders, am alten Wasserturm

anders als im Weinberg, im Weinberg
anders als in der Schlossruine. Auch
die Schattenspiele setzen
andere Akzente. Die Bierfabrik stammt

noch aus der Zeit, als selbst
Tote zum Klassenfeind gehörten. Auf
einer Bank Ruhe finden, den Schmetterlingen

zusehen. Versucht man, an angenehme Dinge
zu denken, fallen einem
nur unangenehme Dinge ein, und der Morgen

zieht sich hin, als müsste alles
von neuem beginnen, um anders zu ­enden.

Abguss

Erwartungen verhalten sich leise, um nicht das
abzuschrecken, was kommen soll. Die Ungeduld
wächst im Winter, die Zuversicht zählt die Tage,
bis es beginnt. Was? Reste von Disteln ­locken
Stieglitze an, man hat Gefallen an so viel
Emsigkeit. Großmutter meinte, es bringe Glück,
in die Scheiße von Schutzengeln zu treten. Das
war noch zur Zeit, als man Wien ­zutraute, die
alte Welt zu retten. Wir werden kleiner, nur
unsere Ungeduld wird größer. Nach langem Warten
fällt es leichter, Entscheidungen zu treffen, und
jeder kann mit mehr Nachsicht rechnen, wenn er
nicht eigene, sondern die Fehler der ­anderen
macht. Man sitzt in Cafés, liest Zeitung oder
beobachtet die Gäste, die im Café sitzen und Zeitung
lesen. Man lässt sich verwöhnen, in Gremien
wählen, auch die kleinen Eitelkeiten werden einmal
groß. In den Vorgärten lächeln die Gartenzwerge
wie auf Fotos, man liebt das Komplizierte, das
einfach zu machen ist, und wochentags lebt man
ein Leben aus zweiter Hand. Mal zieht man
Vorteile uns dem heillosen Durcheinander, mal
aus der einfallslosen Ordnung. Erfolge reichen
nicht, es müssen Siege her. Das ist man
der Nachwelt schuldig. Ansonsten läuft alles
wie geschmiert, nur die Sprache klemmt.

Biergarten

Manchmal kommt der Frühling
mit der Kutsche, das führt
zu Verspätungen,
Ausfällen, Pannen. Man flaniert
durch den Schlosspark, denkt
an Hölderlin, wählt
den Vogel des Jahres. Es
öffnet der Biergarten,
und auf einem Balkon winkt
ein Kind, in der Hoffnung, jemand
winkt zurück. Man sucht
eine Bank in der Sonne, wo
die Phantasie üppiger
gedeiht. Bald blühen
Ginster, Oleander,
Schlehdorn. Die Freiheit
platzt aus allen Nähten. Das Glück
lockt Zuschauer an, das Unglück
Gaffer. Auch Gott bekommt
die Wohnungsnot
zu spüren. Er wohnt in immer
weniger Menschen.

Pechvogel

Niemand sollte die Hoffnung
aufgeben, dass es außer ihm noch etwas
gibt. Man paddelt, macht
den Pilotenschein, fordert das Abenteuer
heraus, und wer den Jakobsweg
geht, hofft, mehr über sich zu erfahren. Es
gibt viel Leere, die gefüllt
werden will. Die Feldlerche steht
auf der roten Liste, der Kiebitz.
der Stieglitz, nur der Pechvogel nicht. Das
berüchtigte Licht am Ende
des Tunnels hat längst die Symbolkraft
verloren, und wer einem Macht
verleiht, lehrt einen das Fürchten. Man
erwägt. Man will nicht nur finden, was
man nicht sucht. Man ist
vom Glauben enttäuscht und kämpft
wieder. Ab und zu bitten
die Nutzholzplantagen um eine zweite
Chance, wieder Wald zu sein. Die
Sommer sind länger, es wird
auch nachts gearbeitet, und die Flüchtlinge
sind eine beliebte Schmuggelware. Kommt
einem alles zu vertraut vor, ist es Zeit,
zu gehen. Vielleicht kommt man zurück,
vielleicht auch nicht. Den Kopf kann man zehnmal
verlieren, das Gesicht
nur einmal, und die Freiheit
ist dann perfekt, wenn es nicht mehr
möglich ist, für sie zu sterben.

Entschleunigung

Irgendwann, besonders an Sonntagen,
spielt die Uhr keine Rolle mehr, die Zeit
führt nicht mehr Regie. Man steht ­erleichtert
auf, weil man tun kann, was niemand
von einem erwartet. Man schaltet das Handy
aus, denkt an Gelegenheiten, die man
leichtfertig verpasst hat. Etwas zu ­bedauern,
wäre jetzt das Falsche. Es ist, wie es ist,
und was außergewöhnlich ist, passiert immer
woanders. Man könnte ans Schwarze Meer,
nach Lyon oder nach Wien fliegen, wo
man einst junge Galgenvögel fütterte und alte
Pechvögel stets mitfraßen. Will man die Freiheit
spüren, hört man Vivaldi. Das erinnert an Zeiten,
als es selbst unter den Verfolgten Mitläufer
gab. Man wartet ab oder drängt sich vor.
und immer muss man auch das, was man
nicht tragen kann, mitnehmen, wenn
man geht. Der Winter wird trockner,
die Welt komfortabler. Abends beim Bier
drängen sich Fragen auf, für deren ­Beantwortung
ein langes Leben erforderlich
ist. Die Voraussetzungen, um an etwas
zu glauben, ist die Hoffnung, dass es
überhaupt existiert. Was führt weiter, was
nicht? Jeder nimmt sein letztes Wort
mit ins Grab.

Griechischer Wein

Im Mai erreicht die Hoffnung den Zenit.
Man geht durch enge Gassen,
die belebt sind wie einst der Olymp.
Zeus wohnt nun um die Ecke

und ist Yogalehrer.
Die großen Seeschlachten sind vorbei,
der kleine Frieden ist das bessere ­Geschäft.
Die Kirchen sind noch geschlossen,

der Geldautomat erteilt den Segen. Wer
kennt nicht die Zeiten, als es nur Verfolgte gab
und Verfolger? Die Kindheit

ist zu Ende, wenn man
sich zu erinnern beginnt. Immer

muss man von neuem lernen, mit dem
umzugehen, was man nicht hat.

Mainufer

Im Wald Spaziergänger. Die Neugier
geht auf die Suche, die Hoffnung sucht mit. Am
Mainufer campen Kormorane mit Angelschein,

Verliebte genießen die wenigen Augenblicke
der Gewissheit. Sonntags geht man zur Beichte,
bei der ein Gewissen

das andere wäscht. Das erinnert an Herbststürme,
die alles mitnehmen, was sie
nicht brauchen. Die Sprache fusioniert

mit dem Amerikanischen, die Stadt ist ein heißes
Pflaster von Verordnungen. Mit den Disteln
am Ufer ist auch der Stieglitz

verschwunden. Man sucht die Stille. Man flieht
vor der Stille. Und ohne Liebe ist alles,
was man tut. ein Irrtum.

Aphorismen

Endlos ist nur, was nie beginnt.

Viele Frauen wollen weitaus mehr als nur Emanzipation. Sie wollen auch die Gleichstellung mit dem Mann.

Lächeln: einer der ältesten Werbespots.

Für Gefangene ist der Himmel nicht so wichtig wie das Fenster, durch den sie den Himmel sehen.

Der Weg sei das Ziel, ist das Credo derer, die jede Orientierung verloren haben.

Es ist nicht schlimm, wenn man sich verzählt; schlimm ist nur, wenn man sich verrechnet.

Die Tür zur Zukunft hat kein Schlüsselloch.

Seine Tierliebe gilt vor allem den Schmetterlingen im Bauch und dem inneren Schweinehund.

Willst du deinen Nächsten ärgern, musst du ihn mehr lieben, als er ertragen kann.

Erst indem wir den Tieren menschliche Eigenschaften andichten, werden sie zu Bestien.

Wer droht, will anderen die Angst einjagen, die er selber hat.

Ideale haben vor allem Menschen, ­denen es an guten Ideen mangelt.

Nur mein Wille ist frei, ich bin an ihn gebunden.

Es gibt Leute, die nicht einmal so viel Geld haben, um arm zu sein.

Zumindest diese Begabung hat jeder, nämlich aus einem lösbaren ein unlös­bares Problem zu machen.

Wer einmal eine Lüge strickt, wird mit dem Stricken nicht mehr aufhören können.

Beim Heimzahlen wird am wenigsten gespart.

Dialekt ist ein Mikroskop, Hochsprache ein Fernglas. Fremdsprachen sind Teleskope.

Es gibt Leute, die verschlafen alle wichtigen Termine. Vor allem das böse Erwachen.

Das Schmiergeld als Parallelwährung wird immer beliebter.

Dass Frauen etwa zehnmal mehr ­reden als Männer, liegt allein daran, dass sie den Männern alles zehnmal sagen müssen.

Wer gar nichts macht, ist einsame Spitze und muss nicht befürchten, von jemandem überholt zu werden, der noch mehr gar nichts macht.

Idealisten wollen die Welt verändern. Sich aber nicht.

Ein Geheimnis ist etwas, von dem jeder weiß, dass niemand es kennt.

Der, der umkehrt, hat mehr begriffen als die, die weitergehen.

Leute, die sich nichts zu sagen haben, reden unverkrampfter miteinander.

Nur als jemand, der zu allem fähig ist, ist der Mensch unersetzbar.

Er baut Luftschlösser. Mieter finden sich genug.

Der wichtigste Weg in jedem Verkehrsnetz ist der Weg zu uns selbst.

Wer ständig von sich redet, riskiert, dass zu viele merken, wie wenig er sich kennt.

Der Arzt sagt, was man tun soll, um länger zu leben; was man mit der Zeit anfangen soll, die man dann länger lebt, sagt er nicht.

Jede Freude, die kleiner ist als die Vorfreude, ist eine Enttäuschung.

Selbstkritik: Mit den Mitteln der Opposition gegen sich vorgehen.

Schlagwörter: Literatur, Lyrik, Hodjak, Aphorismen, Schriftsteller, Hermannstadt, Lebendige Worte

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