29. November 2021

Nachruf auf Mathias Kandler, Zeitzeuge der Russland- und Bărăgan-Verschleppung und banatschwäbischer Mundartdichter

„Hast du dort oben vergessen auf mich?/ Es sehnt doch mein Herz nach Liebe sich./ Du hast im Himmel viel Engel bei dir!/ Schick doch einen davon auch zu mir.“ Mit diesen ergreifenden Worten, dem Gesang eines deutschen Kriegsgefangenen, erinnerte sich der junge Mathias J. Kandler an seinen 16. Geburtstag, den er am 30. Januar 1945 – bereits in der Verschleppung in Dnjepropetrowsk – in einem Viehwaggon mit anderen Landsleuten, fern von seinen Lieben verbringen musste. Diese Zeit, die vielen furchtbaren und brutalen Erfahrungen in der Verschleppung bis zum Ende des Jahres 1949 und darüber hinaus im Bărăgan prägten unseren am 9. August im Alter von 92 Jahren verstorbenen Landsmann Mathias J. Kandler aus Johannisfeld ein ganzes Leben lang.
Lebhaft, ergreifend und spannend erzählte er sein Leben – sein Schicksals- und Leidensweg steht hier stellvertretend für die 70000 russlanddeportierten Landsleute und die 40000 Bărăganverschleppten – in den Erinnerungsbänden „Nr. 657 – Im Donbass deportiert“ und „Bărăgan – Bukarest – Banat“, beide erschienen im Farca-Verlag.

Geboren wurde Kandler 1929 in Johannisfeld, in eine behütete und gut situierte Bauern- und Handwerkerfamilie, mit lieben und geduldigen Eltern, Großeltern, Tanten und Onkeln, von welchen er als Kind sehr gefördert wurde. Zu den Großeltern väterlicherseits aus Iwanda, deren Urahn Leopold Kandler zu den Gründungsvätern Johannisfelds gehörte, hatte er ebenfalls guten Kontakt. Natürlich brachte der Zweite Weltkrieg im Gefüge der Großfamilie Kandler-Berberich vieles durcheinander. Insbesondere als der Vater 1942 „freiwillig“ zum deutschen Heer einrückte, aber auch als die ersten Johannisfelder und Verwandten ihr Leben im Krieg lassen mussten. Oder als die meisten Ortsbewohner im September 1944 zunächst vor den Sowjets geflohen sind und dann doch wieder nach Johannisfeld zurückkehrten. Diese alle zeichneten für den Banatia-Schüler dunkle Wolken an den Lebenshorizont.
Mathias Kandler ...
Mathias Kandler
Der erste große Einschnitt in seinem bewegten Leben kam durch die Verschleppung in die Sowjetunion mit kaum 16 Jahren. Eigentlich hätte er zusammen mit anderen seines Jahrgangs nicht zum Alterskreis der Deportierten gehören dürfen. Durch einen Additionsfehler der örtlichen Kommission mussten dann zusätzlich zwanzig noch fünfzehnjährige Mädchen und Jungen aus Johannisfeld die beschwerliche Reise in den Donbass antreten, damit die ursprünglich gemeldete Personenzahl gehalten werden konnte. Mehrfach ist er dort, insbesondere aufgrund der allgegenwärtigen Hungersnot, der bitteren Kälte, der schwersten Arbeitsbedingungen und unzähligen Misshandlungen des Lagerpersonals, durch Glück und viel Geschick nur knapp dem Tod entkommen. Viele seiner Kollegen und Freunde konnten den lang ersehnten Heimweg nicht mehr antreten, sind irgendwo in namenlosen Gräbern verscharrt.

Bis in die Russlandjahre zurück reichen auch seine vielen Verbindungen, Kontakte und intensiv gepflegten Freundschaften zu Siebenbürger Sachsen. Gerne arbeitete er mit seinen Kollegen aus Agnetheln, Mediasch, Kopisch und anderen mehr beim Entladen unzähliger Kohlewaggons oder bei sonstigen Einsätzen. Mit großer Hochachtung erzählte er auch noch zu späteren Gelegenheiten von der hervorragend agierenden Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen in der Verschleppung. Die Solidarität dieser Gruppe untereinander war wesentlich größer als jene anderer Landsleute. Und durch die klugen Organisationsstrukturen – koordiniert durch die vielen mitverschleppten evangelischen Pfarrer – wurden Hungernde und gesundheitlich angeschlagenen Personen wesentlich häufiger dem Tode entrissen als bei anderen Gemeinschaften. Intellektuelle Siebenbürger Sachsen versuchten auch die Moral der Gemeinschaft geschlossen aufrecht zu erhalten. Sie vermittelten bei jeder möglichen Gelegenheit, dass innere Werte und die Menschenwürde stärker sind als Hunger, Kälte und Ketten. Das waren wichtige Erkenntnisse für seinen gesamten späteren Lebensweg.

„Es war schon seltsam, dass ich als ‚Schwowebu‘ eine Bewunderung für die Siebenbürger Sachsen empfand. Wer nicht zu ihren Kreisen gehörte, bekam schwer einen Einblick von der geistigen Führung im Lager und wenige ahnten oder wussten, dass so was im Lager existierte. Wenn zum Beispiel eine Frau, ein Mädchen oder mancher Mann von Hunger so geschwächt war, dass das Ende drohte, gab so mancher Sachse bei Brenner etwas zum Essen ab. Das war Solidarität. Denn keiner hatte genug Nahrung, und doch teilte man ein Stück Brot, einen halben Maiskuchen, ein Stück Makuka oder was anderes zum Essen. So ist durch die organisierte Solidarität manche Frau, mancher Mann lebend wieder nach Hause, nach Siebenbürgen heimgekehrt. Auch die seelische Betreuung, die geleistet wurde, war so notwendig wie ein Stück Brot in dieser Zeit.“ (aus Nr. 657 – „Im Donbass deportiert“)

Nach der Rückkehr und der schwierigen Anpassung an veränderte Lebensbedingungen mit völlig anderen politischen Verhältnissen im Banat hatte er zunächst eine Stelle als Russischlehrer zugeteilt bekommen. Aber das Tüfteln, Experimentieren und Erproben von mechanischen Bauteilen wurden ihm bereits von den Vorfahren, insbesondere vom seinem Kandler-Urgroßvater in die Wiege gelegt. Deshalb entschied er sich, seinen Schulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg zu machen, denn sein Ziel war ein Studium im Maschinenbau. Zunächst absolvierte er aber im Schnelldurchlauf eine Facharbeiterausbildung als Eisendreher und Mechaniker.

Leider wurde die Abendschule aber plötzlich durch ein weiteres schlimmes Ereignis unterbrochen: die Verschleppung der Familie Kandler in die Bărăgansteppe! Für einen Spottpreis mussten sie Vieh und Hausinventar in Johannisfeld den Parteibonzen zurücklassen und durften nur das Notwendigste in einem halben Güterwaggon in die Einöde mitnehmen. Zunächst wussten sie nicht, wohin die Zugfahrt gehen würde. Erst als sie an der „Lunca Dunarii“ das Kommando „aussteigen“ hörten, wurde klar, dass die Steppe für unbestimmte Zeit ihr neues „Zuhause“ sein wird. Kein Dach über dem Kopf, Stechmücken, kein Trinkwasser, keine Sanitäranlagen machten den Anfang in einem riesigen Niemandsland sehr schwer. In einem ersten Schritt wurde eine Erdhütte ausgehoben. Den Vermerk „Zwangsaufenthalt“ bekamen sie in den Personalausweis gestempelt. Ebenso hatten sie plötzlich auch keine bürgerlichen Rechte mehr. ­Obwohl örtlich festgesetzt, hatten die Deportierten selbst für den Bau der typisierten Häuser und für ihre ­Verpflegung zu sorgen. Die tägliche Arbeit wurde von Aufsehern zu- geteilt. Prügelstrafen und weitere Misshandlungen blieben trotzdem auch im Bărăgan an der Tagesordnung und kosteten mehrere Menschenleben.

In all dieser Not gab es für den „Kandlersch Matzi“ aber auch Lichtblicke. Er lernte seine Frau Erika kennen. Sie heirateten im April 1952, kurz nach der Währungsreform in Rumänien. Ein Jahr später kam ihre Tochter im Bărăgan zur Welt und machte das kleine Familienglück vollkommen. Leider war er zu diesem Zeitpunkt aber schon zum Wehrdienst als Arbeitssoldat einberufen. Während dieser schweren Zeit der Trennung von der Familie gab ihm seine Frau immer Rückhalt. Im Februar 1956 konnte die junge Familie Kandler ihre Sachen packen und wieder zurück in das Banat, nach Johannisfeld, fahren.

Mit vollem Elan widmete sich Matz Kandler nach der Rückkehr seiner Arbeit bei der Station für Mechanisierung der Landwirtschaft in Freidorf. Hier entwickelte er innerhalb von kürzester Zeit mehrere Patente, so dass er sehr schnell zum Werkstattleiter befördert wurde. Darüber hinaus schrieb er sich in die Abendkurse der Lenau-Schule ein und machte sein Abitur. Auch die Aufnahmeprüfung an dem Abendkurs der Hochschule für Maschinenbau in Temeswar verlief im Herbst 1958 erfolgreich, jedoch wurde er nach dreimonatiger Studienzeit vom Parteisekretär der Hochschule zur Exmatrikulation aufgefordert, weil sein Vater Mitglied der NSDAP gewesen war und er somit kein Studium absolvieren könnte.

Matz Kandler ließ sich aber auch von diesem Rückschlag nicht beirren. Weiterhin arbeitete er sehr hart und er setzte mit Erfindergeist viele Verbesserungen, unter anderen in der mechanischen Belastbarkeit von Bauteilen oder bei unterschiedlichen Automatisierungsprozessen, in seinem Arbeitsfeld um. So kam es, dass ihm das Kreisparteikomitee anbot, sein Studium neu aufzunehmen. Er stellte sich erneut einer Aufnahmeprüfung und absolvierte 1968 die Fakultät Maschinenbau für Landtechnik mit einem hervorragenden Zeugnis. Als Chefingenieur der SMT Tschakowa, ab Januar 1970 als Direktor der SMT Jebel und ab 1980 als Direktor des Reparaturzentrums für Landmaschinen in Temeswar belegte er nicht nur Schlüsselpositionen. Er hat an allen diesen Schaltstellen regen Gebrauch gemacht, vielen Landsleuten, insbesondere jungen Banater Schwaben, zu guten Arbeitsplätzen zu verhelfen, und förderte deren berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Im November 1984 durfte er zu einem Besuch nach Deutschland reisen und kehrte aus politischen Gründen nicht mehr nach Rumänien zurück.

Mathias Kandler nur auf einen Überlebenskünstler als Verschleppten oder als prägenden Diplomingenieur zu reduzieren, würde seiner facettenreichen Persönlichkeit nur ungenügend Rechnung tragen. Neben seinem begnadeten Erzählertalent tat er sich über seine gesamte Lebenszeit sehr leicht mit dem Reimen. Bereits in jungen Jahren entstanden die ersten Gedichte, hauptsächlich in banatschwäbischer Mundart. Viele hat er zur Reflektion seiner Lage in russischer Verschleppung geschrieben. Leider hat man sie ihm aber während der Heimkehr bei einer dritten Kofferkontrolle abgenommen, so dass aus dieser Zeit nur sehr wenige Schriftstücke das Talent des jungen Heimkehrers bezeugen können.

Ebenso hat es ihm viel Spaß bereitet, Gedichte aus dem Rumänischen ins Deutsche zu übersetzen. Seine Lieblingsautoren waren Eminescu, Alecsandri und Cosbuc. Bedauerlicherweise sind auch diese Texte vom Anfang der 1950er Jahre nicht erhalten geblieben. Manche seiner Texte kann man auf YouTube auf dem Kanal von Brunhilde Forro hören. Diese hat er noch im Laufe der letzten Wintermonate aufgenommen und uns dadurch lebendige Mundartdichtung beschert.

Mit Hingabe widmete sich Kandler der Banater Geschichte. Als einer der Letzten der Erlebnisgeneration hat er die neuere Geschichte des Banats wie kaum andere hautnah erfahren und Erlebtes ungeschminkt zu Papier gebracht. Im Laufe der letzten Jahre hat er mit der DVD „Die Gotteshäuser der Banater Schwaben“ sämtliche Kirchen der Banater Dörfer abgelichtet und als Fotomontage digital aufbereitet. Zudem hat er u. a. auch die Russland- und die Bărăgan-Verschleppung mit Bildern und eigenen Texten aufbereitet, um sie einem größeren Publikum auf verständliche Weise zugänglich zu machen. Bei der letzten Gedenkveranstaltung des Kreisverbands der Banater Schwaben Tuttlingen-Rottweil-Schwarzwald-Baar zur Russlandverschleppung hat Kandler einen Vortrag gehalten. Matzi Kandler, der so viele Widrigkeiten und kritische Lebenssituationen auf dem Rückzug vor den Sowjets, im Donbass, im Bărăgan und sonst wo gemeistert hat, wird uns mit seiner Lebenserfahrung, seinem Wissen, aber auch mit seinem Humor und seiner Geselligkeit sehr fehlen.

Richard Wagner




Mathias J. Kandler

Erinnerung an Lager 1015

Ich gsieh mich noch, als halwes Kind,
verlaust, uf em verroschte Eisebett.
Ohne Strohsack, zwai dinne Decke.
Dorch die Barack blost Steppewind.
Verschleppt, um langsam zu verrecke.

Ich gsieh de Zaun, de Stacheldroht
heer immer noch die Wolfshun belle.
Mir steh zwai Schritt vor em Hungertod.
Wie feindlich die Kommandos schelle.

Ich gschpier mei leere Mage knurre,
mei Fieß verfrohr un schwer wie Blei.
Oft schreck ich uf vum Kuglesurre.
Oh Gott, wär des schun bal vorbei.

Ich heer beim Appell mei Arweitsnummer,
in Kält, im Schnee und Reen, mir warte,
die Natschalniks spiele ohne Kummer,
seeleruhig im Warmi Schach un Karte.

Ich kenn die Gstalte, hohl un blaich,
die mit de Holzsohle und Koppsteen klappre.
Die hemwärts torkle, kniewaich,
un wirr im Hungerwahnsinn plappre.

Ich gsieh wie erwachsene Männer kreische,
wie se noch Hoffnung suche im Gebet.
Sich weger em Stick Brot verfleische.
Die es Hemweh quält, noh der Banater Heed.

Lässig hängt die Kosakepeitsch,
am Wechtegirtl, nor so zu Gspaß.
„Nu schto, du Fritz, Faschist, du Deitsch!“
Hasserfillte Aue voll Spott und Hohn und Hass.

Verkloppt und schweesgebad in mancher Nacht
fahr ich hoch im Bett, in meiner warmi Stub.
Ich träum vum Hüttewerk, vum Kohleschat,
vum „Kuibyschew“ un der „Maxim Gorki“ Grub.

Schlagwörter: Russland, Deportation, Russlanddeportation, Banater, Mundartlyrik, Kandler, Nachruf, Bărăgan

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