7. Dezember 2021

Der Hermannstädter Lyriker Emil Hurezeanu in der Reihe „Lebendige Worte“ (XXIII)

Emil Hurezeanu, geboren 1955 in Hermannstadt, ist ein rumänischer Autor, Publizist und Politologe. Seit dem 3. Juni 2021 ist er Botschafter Rumäniens in Wien, nachdem er sechs Jahre als Botschafter in Berlin gewirkt hat. Neben seiner Tätigkeit als Journalist, Produzent und Moderator war er auch Herausgeber der Tageszeitung România Liberă in Bukarest sowie Intendant des TV-Senders Digi 24. Seine Auszeichnungen reichen von der Ehrenbürgerschaft der Stadt Hermannstadt/Sibiu (1998) über den Nationalen Verdienstorden im Rang eines Kommandeurs (2002), das Andrei-Şaguna-Kreuz der Metropolie Siebenbürgens (2013), den Orden „Glaube und Tugend“ im Rang eines Ritters der Nationalen Großloge Rumäniens (2014) und den Orden „Krone Rumäniens“ im Rang eines Ritters, überreicht von König Mihai I. (2015), bis hin zum Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2021). Er veröffentlichte u.a. „Lecţia de anatomie“ (Die Anatomiestunde) 1979, „Ultimele, primele“ (Die Ersten, die Letzten) 1994, „Între câine și lup“ (Zwischen Hund und Wolf) 1996, „Cutia Neagră“ (Die Black Box) 1997.
Emil Hurezeanu, Selbstporträt (2021) ...
Emil Hurezeanu, Selbstporträt (2021)

„Selbst wenn ihr sterbt, werdet ihr leben“

Zu ihrer Erinnerung: Jacqueline du Pré, Ginger Rogers, Joseph Brodsky

Unlängst hat man mir gesagt, ich sei noch Dichter und hätte
Weil ich das bin, auch Rechte, nicht nur Pflichten.
Da waren ein paar in Uniform bei der postbourgeoisen Zusammenkunft
Und Karyatiden, nachgemacht gegen Ende dieses Jahrhunderts.
Europamüde.
Ermüdet von Europa und der Wiederkehr des ersten Jahrzehnts des Jahrhunderts
Mit seiner Angst vor der Gewissheit des Lichtes aus der Tiefe.
Ich war also in Hermannstadt und las in jenem Hotel
Wo die Securitate das Gewandt des Kaisers übertüncht hat
Ein Buch über Triest.
Die dort hatten auch ihre Probleme: Svevo, Saba, Joyce und der Allersympathischste,
Der Anonymus Julius Kugy (1858-1944) – Händler, Musikwissenschaftler,
Bergsteiger und Dichter (was kann sich der Mensch sonst noch wünschen vor dem Tod?)
Dieser hat meine Kindheit geschildert, obwohl er die Julischen Alpen
Offen zum Meer hin, vor der Tür hatte
Ich hingegen nichts als Pelzmützen und Schafe
Mitten unter Siebenbürger Sachsen – Angelsachsen wären genial gewesen, meint Cioran –
Brav und ohne Meer.
Dieser Julius schreibt:
„Sowohl der Sonne Wärme, Licht und Glanz als auch die
Seelenzärtlichkeit hat sich über all das ergossen.“
Ich glaube nicht, dass in diesen Zeilen über einen Teil
Unseres Lebens die Rede ist.
Dieses hat sich im Übrigen in den Transsilvanischen Alpen ausgetobt.
Und dann sie, selbst in Hermannstadt, wie in Triest, mit Zwillingsseelen:
Deutsch und walachisch, von Merkur eher überschattet denn von Apollo.
Aber mit Gemüseläden, beachtlicher als die Kammerkonzerte.
Antiquariaten, überquellend vor Schafskäse
Und einem Kleinhirn gleich einem Dickdarm.
Unter ihnen bei einer Versammlung im historischen Astra(saa)l
Fiel mir ein, dass einen oder zwei Tage zuvor
Die Nachricht vom Tod Joseph Brodskys
Über den ich vor einiger Zeit ein Gedicht komponiert habe
Mich ebenso gleichgültig gelassen hatte wie die Nachricht
Vom Tod der Jacqueline du Pré.
Letztere war Cellistin, Engländerin mit Sommersprossen
Vor längerer Zeit dahingerafft von Multipler Sklerose.
Das Summen des Cellos hat in ihrem Fall
Den Schmetterling geweckt, von dem es heißt, er verlagere mit einem Flügelschlag
Sanft das Bing zum Bang hin – und störe natürlich das Zentralnervensystem.
Jacqueline du Pré habe ich dann im Film gesehen, mitten unter Dirigenten
Und eine cellospielende Kusine aus der französischen Verwandtschaft des Kindes Joachim
Hat zu mir gesagt, ohne sie hat das Cello einen verschatteten Blick.
Ich habe mich schleunigst über Joseph Brodskys Tod hinweggesetzt
Schneller noch als über die Erinnerung an den Tag am Meer mit ihm und seiner Geliebten
Über den ich einst geschrieben habe.
Beim Blättern in einer Schweizer Zeitschrift bin ich auf eine andere Meeresepisode mit ihm
Von jemand anderem gestoßen. Wenn jemand stirbt, werden oft Meeresszenen geschildert
So wie das laut gesprochene Gebet irgendwie den Chor nach sich zieht.
Vielleicht aber auch, weil unsere Erinnerungen vom Meer und den Menschlein
Das Erfassen, sofort und auf der Stelle, von jemandes Tod übertönen.
Mit Ginger Rogers habe ich nicht getanzt, mir nicht geschrieben, nichts Verrücktes gemacht.
Sie kommt hier nur gleichsam als Auftakt zum Einsatz
Als ein Ton, als ein Step der Toten, die mit dem Absatz aufstampft
Worauf alle Spiritisten zittern vor Furcht.
Ginger Rogers – eine Zeitlang habe ich gedacht, das wäre ein Mann (die hatten auch
Alle blasse Stimmen in den Filmen mit den Toten der 30er Jahre)
Sie ist verblichen, indem sie mit dem Fuß
Mit der Stiefelspitze leicht gegen den Cellokasten stieß.
Das unfreiwillige Schauspiel dieser Tode
Die für mich binnen einer Woche zusammenkamen
Hat sich, was mich betrifft, vollzogen, als ich
In das deutsche Bundesland mit Maske kam.
Hier veranstalteten sie gerade einen realen Boxkampf unter dem Motto
„Power & Glory: die Pflicht der Gentlemen“.
Vor dem Boxen sang José Carreras nur so viel:
„Amore perduto“. Eine Arie ohne Gegenstand.
Das war gleichsam ihr Requiem
Der angespannten Muskeln meiner verlassenen Städte
Der Doppelseele der beiden angelsächsischen Mädchen
Mit einem Fortsatz aus Klängen und Zärtlichkeit
Des namenlosen russischen Dichters
Erstickt von der Birke ohne Wald.
Kommt zurück, ihr Grasmücken, ihr Leuchtkäferchen
Ich lasse euch nie mehr allein
Bleibt bei mir, ihr müden Stirnen des letzten und des ersten Jahrzehnts
Eiderdaunen, verstreut auf dem Balkon zum Meer
Euch ins Kissen zurückzubringen
In die Wärme meiner Gedanken
Ist das oberste Ziel der Klebstoffschnüffler im Himmel.
„Selbst wenn ihr sterbt, werdet ihr leben“

(România literară, Bukarest, 13.-19. Mai 1996)

Gedicht mit Brodsky

Das ist ein russischer Dichter aus Leningrad.
Die Kultur, das Leid und die Überbleibsel einer Hoffnung
Die er diskret mit sich in die andere Welt nahm
Wo die Trauer englisch und die Fröhlichkeit sächsisch ist
Haben ihn überzeugt, dass Leningrad nicht einmal das ehemalige Petrograd ist.
Und auch nicht der Tod und nicht die Auferstehung
Sondern ihr Ästuar.
Vielleicht eine Kuppel des gnadenarmen Lebens
Das seine Schritte in die Irre ans Ende der verweinten Welt gelenkt hat.
Jetzt, nach Jahren gelehrten Ruhmes
Mit einem Echo in den lorbeerumrankten Gängen
Hat der Dichter aus Leningrad ein Haus mit Veranda zum Ozean
Wie Tschechows Homunculi es nur im Traum hatten.
Die Erinnerung an eine Freundin – mit Namen, Vaternamen und Vornamen –
Ist zwar intakt geblieben im amerikanischen Getöse –
– das gesteht er selbst in dem Gedicht Meeresbrise,
welches er an diesem Abend aus dem Russischen ins Englische übersetzt hat –
Verstört ihn nicht mehr.
Sie blüht nicht mehr.
Um aber ein Leben zu vergessen – und jetzt zitiere ich den Dichter –
Braucht ein Mann mindestens noch ein Leben.
So war das bei ihm.
Das ist ein Dichter aus Leningrad, dem ehemaligen Petrograd.
Nur seine Freundin und ich haben ihn noch nicht vergessen.

1991

Selbstporträt

Wie oft kehrt er zurück zu dieser Art
Sich zu erinnern:
Die Schwellung des Augenblicks und des grünen kanadischen Laubfroschs
Die einzigen Einheiten, die gefrieren können und dabei doch am Leben bleiben
Um von vorne zu beginnen, als wäre nichts gewesen.
Er hat eine gewisse Unrast bei der Bestandsaufnahme
Der intimen Gegenstände des Testaments
Und eine gewisse Lust am Flehen, wenn nichts mehr zu machen ist.
Wie eine Krise – im griechischen Sinn der Unterscheidung –
Ist die Dichtung des Herrn die einzige Gebrauchsanweisung
Die vollkommene Epilepsie, der unweigerliche Kurzschluss
Seiner Wesensstörung.
So wählt er einen besseren Weg nach vorn ins Unglück.
Er hat keine Ahnung von der Entwicklung der Gattung als solcher
Von der literarischen Bewegung an sich.
Auf die Frage, die kalt in den Duschräumen gestellt wird:
„Stehst du auf der Seite der Affen oder der Engel?“
Hat er stets nur eine einzige Antwort:
„Wieso seid ihr verstört
Und wieso kommen
Solche Gedanken auf
In euren Herzen?“

Dann windet er sich und zählt auf

Die Plastikspielsachen, die auf dem Rasen geblieben sind
Und sich im ersten Schnee am Morgen wiederfinden
Wie Splitter von dem Nordmeteoriten der Kindheit.
Er ist nicht zufrieden, er ist nicht glücklich
Sondern ständig umgeben von Schatten
Wie die Hände der Mütter und der Geliebten
Auf den Schultern der Männer, die ins Grab gesenkt worden sind, unter die Platte
Im alten Griechenland.
„Weint nicht, er ist nicht gestorben, sondern schläft.“
Sagte da der Pinguin
Wobei seine metaphysische Kopie
Heiter die Witterung des Öltankers aufnahm.

(Zuerst erschienen in der Zeitschrift Vatra, Neumarkt am Mieresch / Târgu Mureş, Nr. 5, Mai 1996)

Ein Traum von der jenseitigen Welt

Jene wiederkehrenden Gedanken, die den Träumen des Vaterlandskrüppels ähnelten.
Ich war in Hermannstadt mit Mutter
Allerdings an je verschiedenen Orten.
Es war eine Fahrt in der Kindheit mit dem Bus – wobei ich in jener Kindheit das
Muster des Erwachsenseins wiederholte: Pendeln vom Bahnhof zum Friedhof mit festen und Bedarfshaltestellen –
Ich weiß, dass ich in praller Sonne auf eine abfallende Straße gelangte
Irgendwie parallel zum Hunsrück.
Obwohl ich genau wusste, wo ich mich befand, wusste ich nicht mehr
Welcher Weg wohin führt. Aus der Ratlosigkeit wurde Angst.
Es folgte bitteres Weinen.
Als mir am Morgen das Weinen einfiel
War das Weinen wieder sehr nah.
Ebenfalls mit Mutter ging ich dann in die Stadt der kleinen Plätze.
Sonnig und prächtig sah sie aus, wie nur Amsterdam in der Erinnerung oder
Montepulciano am Morgen oder
Wasserburg am Inn in Veduten oder St. Mathieu de Tréviers im Sommer,
Aus Lavendel oder Charlottesville im verwilderten Virginia, das Poe in der Jugend beherbergte.
Das war in etwa alles, was ich nach der Ausweisung wusste.
Sonnig und prächtig sah sie aus wie nur die vergessene Episode in einer Erinnerung
Die Mircea Ivănescu erzählte.
So wie ich mir vor Jahren
In Hermannstadt genau am selben Ort
An einem sonnigen Herbstmorgen, der Blaga an Zürich erinnerte, sagte:
„Dies hier gleicht einem Ort oder einem Geisteszustand in einer großen und alten befestigten europäischen Stadt, einer Burg, wie man sie in der Erinnerung sieht.“
Jetzt ist die unmögliche Erinnerung von damals für mich Gegenwart
Und die Gegenwart von damals unerreichbare Erinnerung.
Dieser Gedanke war der eigentliche Inhalt meines Traumes mit Mutter und Weinen in Mitteleuropa.
Zugleich war ich mir stets der scharfen und guten Luft dort bewusst.
Ich sagte mir: Sieh mal an, hier denke ich nicht an die Luft
Sie ist einfach da
Während ich sie dort, im Traum von der jenseitigen Welt, ständig spüre.
(1987)

Addenda zu nichts


In Hermannstadt, in meiner Kindheit, bevor sie zu einer
Banalen Jugend wurde, zur Hälfte wild, zur Hälfte literarisch
Wie auch ich mir einredete, eine gehabt zu haben, als ich Monsieur Teste las
Fuhr ich oft mit der Straßenbahn Kirschen kaufen.
Schmerzlich klar fiel mir das ein, als ich wieder,
Allerdings später, die Briefe las, die Radu Stanca aus Hermannstadt geschickt hatte.
Zu der Zeit, als auch er die Kirschenbahn benützte –
– als ich später in Wien die Bahn wiederfand mit Kirschen
an den Ohren, war es zu spät –
Und ich stellte die merkwürdige Verbindung her
– eine jener Verbindungen, die unser Leben zerstören, indem sie ihm Sinn geben –
Zwischen dieser vergessenen Begebenheit und dem folgenden Vers, den ich geschrieben habe:
„Wie doch, natürlich im Sommer
Dicke Kirschen hingen an den Nerven
Und meinen Weg ausleuchteten.“
Das sagte ich dann dem Kritiker Ion Negoiţescu, und der sagte
Es sei ziemlich interessant, und das mit einer immer trauriger werdenden Ungläubigkeit
Sooft wir uns sahen, in derselben Stadt oder sonstwo.
Ich weiß noch nicht, was wichtiger ist, das, was man erlebt und was nicht ist
Oder das, von dem man spät erfährt, dass es das eigentlich gewesen ist.

(1984)

Boumy

Für Alexandra und ihren anmutigen Vetter Harold

Boumy ist der Name eines Hauskaninchens
Hingebungsvoll gehegt und gepflegt in dem Frankreich nach de Gaulle
Dessen ruhiges Ende in einer Pariser Vorstadt
Kurz nach der Revolution in Rumänien
Recht viel Unruhe und bleierne Tränen in blauen Augen hervorgerufen hat.
Ich habe es auf dem Fußboden der Junggesellenwohnung persönlich kennengelernt.
Es hustete häufig, nickte unerwartet ein, näherte sich den Schuhen
Und sein Schnurrbärtchen bebte, als wäre es an den Stiefel des Siegers geraten
Es wurde nicht beachtet. Sie gaben ihm Körner
Sie riefen es beim Vorvornamen – nur den kannten
Ein Dutzend Verwandte und Freunde.
Es tat nur Gutes, das Böse war ihm fremd
Zu einer Zeit, als so gut wie alle Erwachsenen sich mit Politik
Und der Wiederherstellung Europas beschäftigten.
Ich habe natürlich überhaupt keinen Grund, es als besonderen Boten
Besonderer Ereignisse anzusehen.
Ich hätte mit seinem fragilen Frauchen selbst in seiner Abwesenheit
Geschlafen, während der Fernseher einsam in einer Ecke des Zimmers lief
Und der Diktator gestürzt wurde in einer Ecke des Kontinents.
Ich habe ihn flüchtig kennengelernt und schulde ihm keine Würdigung
Die mit seinem Namen verbundene Erinnerungen einschlösse
In Ermangelung der Unschuld bei dem Tod
Der mit meinen letzten Jahren in engerem Zusammenhang steht.
Nach dem Hinscheiden des Kaninchens habe ich eines Sonntags Hermannstadt wiedergesehen
Nach sieben Jahren – wie es sich gehört für Leute wie mich.
Da erschien Boumy vor mir und raunte mir zu:
Ich war deine banale und von niemandem beachtete Abwesenheit hier.
Ich habe nichts am Hut mit den verschiedenen Stufen des Todes
Dessen besondere Farben nur dem Dalai Lama bekannt sind.
Ich kenne das Verfallsdatum der 80 Grundbegriffe nicht genau
Obwohl ich tot und begraben bin zwischen dem Institut von Frankreich und dem
Islamischen Maidan.
Und du, was machst du denn hier?
Nichts. Ich stehe da und wache über das Verschwinden des Kaninchens Boumy.

(1990)

Alle Texte sind in deutscher Übersetzung von Georg Aescht im Gedichtband „Zärtlichkeit, Routine – Tandreţe, rutină. Gedichte eines Knauserers 1979-2019 – Poemele unui parcimonios 1979-2019“ im Pop Verlag Ludwigsburg erschienen (Besprechung in der SbZ Onine vom 24. Mai 2021)

Schlagwörter: Lebendige Worte, Lyrik, Emil Hurezeanu, Hermannstadt

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