24. Mai 2021

Herr über Authentizität: Der Lyriker Emil Hurezeanu

Es erweist sich als lyrischer Drahtseilakt, wenn der Autor, ein angesehener Diplomat und seit 2015 Botschafter der Rumänischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland, mit seinem seit Ende der 1970er Jahre in der „Sozialistischen Republik“ Rumänien publizierten lyrischen Werk nunmehr gemeinsam mit seinen nach 1990 aufgelegten Gedichten an die deutschsprachige Öffentlichkeit geht. „Zärtlichkeit, Routine“, ein solcher Titel löst – gemeinsam mit dem Untertitel – gewisse Vorstellungen eines Gemischs aus Professionalität und Kargheit aus. Eine solche „Vorausahnung“ verstärkt sich nach dem ersten prüfenden Blick auf das Inhaltsverzeichnis. Der erste Teil „Die Anatomiestunde“ mit den drei Abschnitten Abend-, Nacht- und Morgenwache umfasst die frühe Phase (Klausenburg/Cluj 1979) seines Werkes; „Die Ersten, die Letzten“ dokumentiert die mittlere Phase (Bukarest/București 1994) und der letzte Abschnitt, der zwei Poeme, abgedruckt in Zeitschriften der 1990er Jahre, sowie die neuesten, kultursemiotisch aufgeladenen Gedichtreflexionen aus dem 20. Jahrhundert enthält.
Welche ersten Leseeindrücke vermittelt der voluminöse Gedichtband, der auf dem Paperback-Umschlag (Emilian Roșculescu Papi) die fein ziselierten Umrisse einer clownhaften Gestalt aufweist, hinter der sowohl die Partitur eines augenscheinlich gelungenen Werkes als auch die angebrannten Konturen verschmorter Papiere zu erkennen sind? Sind die 1979 erschienenen Gedichte, die der Pop-Verlag 2018 bereits publiziert hat, „keine verstohlenen Hinweise auf das Viele, das im sozialistischen Rumänien nicht gesagt werden durfte und darum umwunden zur Sprache gebracht wurde“? (S. 332) Georg Aescht, renommierter Übersetzer und Kulturwissenschaftler, beantwortet diese Frage in einer „Nachbemerkung“ (siehe weiter unten): Diese Verse seien keine Flaggen, „die dem Leser den Weg in die Unter- und Hinter- und sonstige Gründe weisen. Hier flattert nichts, hier spricht einer, der Herr ist über das Mittel allertiefster und allerhöchster Subversion: Authentizität.“ (S. 332)

Angesichts der Fülle an lebensweltlichen Themenfeldern und kulturphilosophischen Reflexionen, auf denen sich die freien Verse von Hurezeanu bewegen, soll ein ausschnittartiger Überblick genügen, um zu einer vorläufigen Aussage des vorliegenden Bandes zu gelangen. Auffälligstes Merkmal dieser unterschiedliche Rhythmen annehmender Texte ist der Wechsel zwischen dem reflektierenden lyrischen Ich und den realen und virtuellen Objekten, die in den kommunikativen Akt einbezogen werden. Ein Beispiel aus dem ersten Gedichtband (1979) im Zyklus „Abendwache“ unter der Überschrift „Körper“ belegt es. Die erste Strophe setzt ein mit: „Du atmest mit dem ganzen Körper-/ Ein Baum gereckt nach der frischen Luft.“ Die zweite Strophe beginnt mit: „In meinem Leib liegen Falter, besiegt/ Weil sie dem Blut ins Netz gegangen sind.“ Die abschließende dritte zweizeilige Strophe lautet: „Das Schweigen in deinem Körper/ Wie Blut, das von einer Messerklinge rinnt.“

Einbezogen in die Reflektionen sind sowohl das autokommunikative Du als auch ein Ich, das sich mit der äußeren (sichtbaren) und der inneren (nur indirekt wahrnehmbaren) Natur austauscht. Diese intensive Einbeziehung sowohl der äußeren wie auch inneren Natur in den Ablauf der kommunikativen Handlung verleiht den meisten Texten einen hohen Grad an Sensibilität, ohne dass der Rezipient eine unmittelbare „Ansprache“ erfährt.

Ein weiteres Beispiel ist „Elegie“ aus dem Zyklus „Abendwache“ (vgl. S. 51). Ein sechzehn Jahre alter Junge liegt in einer Wiese. Ganz unterschiedliche Überlegungen und Visionen überfallen ihn, darunter auch lyrisch nachgezeichnete Bilder eines Todes, den weder der Junge noch der in den kommunikativen Akt einbezogene Leser „nachempfingen kann“, auch „Bienen, kleine Tiere und Singvögel“ nicht, die nehmen nur Geräusche wahr.

Auch vierzig Jahre später führt das lyrische Ich von Emil Hurezeanu im Gedicht mit Brodsky einen Dialog, in dem die Leiden des jungen Brodsky nicht nur im Leningrad der Sowjetära einfühlsam beschrieben werden. Selbst im „amerikanischen Getöse“ sei im Dichter die Erinnerung an Leningrad wach geblieben. Und das dieses Leid nachempfindende Ich? Welche Auswirkungen beobachtet es, um seinen Lesern mitzuteilen, dass es dieses Gedicht mit Brodsky geschrieben hat? Die letzte Zeile lautet: „Nur seine Freundin und ich haben ihn noch nicht vergessen.“ (S. 253) Dieses Bekenntnis erweist sich als Botschaft, in dem der Träger seine hohe Sensibilität und sein poetisches Einfühlvermögen signalisiert. Doch auf welche Weise vermag es in den Diskurs mit den Lesenden einzudringen, ihm den Status eines aktiven Kommunikators zu verleihen?

Mit dem vorliegenden aussagemächtigen Gedichtband von Emil Hurezeanu tauchen Leser*innen in eine tiefgründige kulturphilosophische, poetologisch ausgefeilte Welt ein, deren rezeptive Wahrnehmung viele Anregungen bietet und den Hörenden/Lesenden zugleich mit einer Flut von Erkenntnissen überschüttet. Ein Lese- und Hör- Vergnügen, an dem nunmehr auch das deutschsprachige Publikum teilnehmen kann, dank der kongenialen Übertragungen aus dem Rumänischen von Georg Aescht.

Wolfgang Schlott

Nachbemerkung

Es gehört nicht geringer Mut dazu, dass ein Mann, der, wie in seiner Kurzbiographie zu lesen ist, über Jahrzehnte in den medialen und politischen Feuern des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts gestanden und seinen Mann gestanden hat, nach so langer und ereignisreicher Zeit seine lyrische Vergangenheit aufleben lässt. Emil Hurezeanu war in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern in Rumänien, zumal in Siebenbürgen, eine poetische Präsenz ohnegleichen, wie ihm heute noch berufene Stimmen der rumänischen literarischen Öffentlichkeit nachrufen. Dann ließ er die Poesie ruhen, weil die Zeitläufte ihn nicht ruhen ließen.

Dass er sich dennoch oder erst recht zu seinen Versen von einst bekennt, dass dieses Bekenntnis jetzt sogar in deutscher Sprache zum Buch wird, zeigt zum einen, dass es in seinem Denken und Empfinden eine Konstante gibt, die jenseits aller heftigen Verwerfungen im öffentlichen und persönlichen Leben Bestand hat. Zum andern aber ist hier zu lesen, dass er begriffen hat und den Leser begreifen lassen will: Das Schreiben damals war Überleben in seiner prekär schönstmöglichen und schwer durchzusetzenden Form, und weil es schön und schwer war, hat es seine Gültigkeit über Jahre und Jahrzehnte bewahrt.

Die Gedichte dieses 1979 in Klausenburg/Cluj erschienenen Bandes sind zu einem guten Teil mit Realien gespickt, ja datiert, woraus man auf die Zeit und die Umstände, in denen sie entstanden sind, schließen kann. Das sind Wegmarken, mitnichten jedoch Zeichen für allfällige Spekulationen, was denn zu jenem Zeitpunkt und in jenen Landen gerade obenauf lag und deshalb ins Gedicht genommen wurde. Emil Hurezeanus Gedichte sind gerade das nicht: Es sind keine verstohlenen Hinweise auf das Viele, das im sozialistischen Rumänien nicht gesagt werden durfte und darum umwunden zur Sprache gebracht wurde. Diese Verse sind keine Flaggen, die dem Leser den Weg in den Unter- und Hinter- und sonstige Gründe weisen. Hier flattert nichts, hier spricht einer, der Herr ist über das Mittel allertiefster und allerhöchster Subversion: Authentizität.

Die Texte der letzten Abteilung des Buches sind aktuellen Datums und tragen die Zeichen und Spuren zeitgenössischen Erlebens, wobei rumänische Reminiszenzen mit abendländischen Memorabilien, Fundstücke eines Bildungsreisenden auf Lebenszeit zu dichterisch gestalteten Denkwürdigkeiten geronnen sind. Auch hier klingt das vordergründig Anekdotische meist nur an und tritt hinter die lyrischen Reflexionen, zumal Selbstreflexionen eines Menschen zurück, den die Zeitläufte gereift, gealtert, aber nie geläutert haben. Vielmehr zeugt die schonungslose Stringenz der Aussage von nachgerade unerbittlichem Bemühen, weder der Welt noch sich selbst etwas zu vergeben – und das in des Wortes vielfacher Bedeutung.

Das authentische, einerseits verknappte, andererseits aber gerade dadurch explizite Sprechen vom Unermesslichen und Unergründlichen, wie es sich in der Gesellschaft – sei sie sozialistisch oder wie auch immer geartet – und im Leben des einzelnen, des vereinzelten Menschen äußert, auftut, wie es droht und lockt, das macht Emil Hurezeanus Gedichte zum Erlebnis. Hier steht, was ein jeder schon einmal gedacht haben dürfte, in einer Sprache, die nicht ein jeder hat, die er aber von Emil Hurezeanu lernen kann, ob auf Rumänisch oder auf Deutsch.

Georg Aescht


Emil Hurezeanu: „Zärtlichkeit, Routine – Tandrețe, rutină. Gedichte eines Knauserers 1979-2019 – Poemele unui parcimonios 1979-2019“. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht, Pop-Verlag, erste Auflage 2020, 2. bearbeitete und ergänzte Auflage, 2021, 342 Seiten, 25,50 Euro, ISBN 978-3-86356-203-8
Ebenfalls im Pop-Verlag erschienen:
Emil Hurezeanu: „Die Anatomiestunde“. Aus dem Rumänischen übersetzt von Georg Aescht, Reihe Lyrik Bd. 106, 2018, 86 Seiten, 16,50 Euro, ISBN 978-3-86356-182-6
Emil Hurezeanu: „Lyrik“. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Reihe Orpheus Band 3, 2018, 170 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-86356-202-1

Schlagwörter: Lyrik, Buchvorstellung, deutsch-rumänische Beziehungen, Hurezeanu, Aescht

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