18. September 2022

Siebenbürgischen Kultursommer 2022: Gipfelglück auf der Prejba und Rückreise auf der Ladefläche eines Transporters

Patty, unser fast einjähriger Sohn Anton und ich sind zum ersten Mal in Rumänien und in den Karpaten. Ein Ort voller Geschichte und Geschichten. Die Geschichte unserer ersten, etwas längeren Wanderung zur Prejba (die Patty und Anton nicht mitmachen, weil sie etwas angeschlagen sind) hat ein ganz hervorragendes Ende mit einem kühlen Bier auf einer Bierbank auf der Ladefläche eines Transporters, in der Abendsonne. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg, darum erstmal eine kurze Vorstellung unserer Weggefährten.

Klaus und Klaus, die die Wanderungen organisieren, sind seit Kindertagen Freunde und werden seitdem schon Klutz und Klime genannt. Doris ist ebenfalls mit Klutz und Klime aufgewachsen, während Dorit in der gleichen Gegend groß geworden, aber etwas jünger ist. Hanni stammt aus Nordsiebenbürgen, und Robert ist ein Landler. Wie so viele Siebenbürger Sachsen wohnen sie heute alle in Deutschland. Hildegard ist da die Ausnahme – sie und ihr Mann sind Pfarrer in Mediasch und leben dort mit ihren drei Kindern im Pfarrhaus. Auf der Wanderung wird sie von ihrer Tochter Katharina und von Salome, dem Patenkind ihres Mannes, die aus der Schweiz zu Besuch ist, begleitet. Außerdem ist Hildegards Freundin Anne aus Leipzig mit ihren beiden Töchtern Selma und Ada (und dem Hund Tully) dabei.
Gipfelglück auf der Prejba. Gipfelfotos und die ...
Gipfelglück auf der Prejba. Gipfelfotos und die grandiose Aussicht genießen – was gibt es Schöneres? Foto: Robert Sonnleitner
Nach einem tüchtigen Frühstück aus Chivuţas Küche geht es von der Pension aus los, erst ein Stückchen das Tal der Lotrioara entlang, dann rechts ab, steil nach oben, durch kleine Waldstücke, vorbei an alten Heuhütten und durch wilde Blumenwiesen. Ab und zu müssen wir ein bisschen suchen, um das nächste der rot-weißen Zeichen zu entdecken, mit denen Klutz, Klime und Doris den Wanderweg vor der Pandemie ganz offiziell markiert haben. Vielleicht noch kurz vor Erreichen des Kamms begegnen wir zwei Blaubeersammlern, die es – irgendwie –mit ihrem VW Golf nach hier oben geschafft haben. Neben einigen Enduro-Fahrern und Schäfern die einzigen Menschen, denen wir auf unserer Wanderung begegnen. Ansonsten sind wir umgeben von Natur, rundum grüne Berge, darunter auch die Prejba, unser Ziel.

Auf dem Kamm haben wir uns schon viele Höhenmeter erarbeitet, aber der Großteil der Strecke liegt noch vor uns. Ada und Selma, die beiden Jüngsten, haben eine beeindruckende Ausdauer. Was die meisten als lange Bergwanderung bezeichnen würden, scheint für Salome, nach mehreren Sommern auf der Alp, wie ein Spaziergang. Katharina interessiert sich eher für K-Pop und die Psychologie des Menschen. Warum man sich freiwillig solche Strapazen antut, ist da eine noch nicht ganz geklärte Frage.

Wir machen gemütlich Mittagspause an einer Quelle, begegnen einigen der gefürchteten Schäferhunde, die zwar durchaus unhöflich auftreten, uns aber sonst – vielleicht dank unserer Bewaffnung mit langen Wanderstöcken – weitgehend in Frieden lassen, pflücken Blaubeeren am Wegesrand und kommen der Prejba näher. Der Nachmittag ist schon fortgeschritten, als wir glücklich dort ankommen. Vom Gipfel aus machen einige von uns noch den kurzen Spaziergang hinunter zur Hütte. Einige aus unserer Gruppe waren hier schon als Jugendliche zum Skifahren oder Wandern. Unsere Pensionswirte Ilie und Chivuţa waren in den 80er Jahren eine Zeitlang die Hüttenwirte. Wir betreten die Ruine eines Ortes, der mit so vielen, vielen Erinnerungen verknüpft ist. Wo früher der Speisesaal war, da befindet sich heute eine tiefe Grube, von den letzten Besitzern gegraben auf der Suche nach dem Goldschatz der Siebenbürger Sachsen, der Legende nach hier vergraben.

Schließlich machen wir uns auf den Rückweg: ein kleines Stück zurück auf dem Hinweg, und dann rechts ab und nicht mehr weit bis zur Straße, an der Ilie uns abholen soll. Dort angekommen, machen wir gemeinsam eine kleine Pause. Im Anschluss gehen die ersten weiter, dem Transporter entgegen. Schon etwas erschöpft schlendere ich ebenfalls los, gemütlich in meinem eigenen Tempo, einige vor mir, einige hinter mir. Sollten wir wirklich abgeholt werden? Und bin ich richtig gegangen? Da bin ich mir gerade nicht mehr ganz sicher, denn ich schlendere schon seit geraumer Zeit so vor mich hin. Also werfe ich einen Blick auf die Uhr und auf die Karte und beschließe, nochmal richtig loszuwandern, um auch ohne Transporter noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder bei der Pension einzutreffen. Dabei frage ich mich, ob die erschöpften Jugendlichen noch immer am Treffpunkt oben an der Straße warten? Die Gedanken, wie da die Stimmung ist, werden noch ein bisschen schwerer, als Patty anruft und mir mitteilt, dass der Transporter kaputt ist, nicht klar warum, vielleicht ist es ein Motorschaden. Aber sie kümmern sich um eine Lösung.

Kurz vor der Kreuzung im Tal hole ich Hanni ein. Das ist schön, denn zu zweit und mit guter Unterhaltung ist das Wandern am Abend lustiger. Und richtig lustig wird es, als uns der Transporter – das Tanken ist ein Bestandteil der Lösung gewesen – von hinten einholt. Keine Ahnung, wie die Stimmung zwischendurch war, jetzt ist sie großartig. Wir klettern über den Radkasten auf die Ladefläche, setzen uns zu den anderen auf die Bierbänke, und irgendjemand drückt uns ein kühles Bier in die Hand. Wir treffen mit dem Transporter zur gleichen Zeit wie Doris, Klime und Robert bei der Pension ein. Die Abendsonne scheint gerade noch gemütlich ins Tal, die Stromleitungen über dem Garten der Pension knistern wie immer, aus dem Jugendlager nebenan weht Musik herüber. Chivuţa, Patty und Anton erwarten uns schon. Genauso wie der Badezuber, kühles Bier und Afinata, ein deftiges Abendessen und gemütliches Beisammensein. Vielen Dank Prejba, was für ein schöner Tag.

Rosengarten - Holz sammeln - Kochen - Lagerfeuer

Auf der Wanderung zur Hütte am Rosengarten sind auch Patty und – in der Kraxe auf ihrem Rücken – Anton dabei. Hinter Michelsberg und ein kurzes Stück hinter der Schranke am Waldrand, stellen wir die Autos ab. Der erste Teil der kleinen Wanderung führt uns einen Hohlweg nach oben, angenehm im Schatten des Waldes. Die Wanderung ist Teil des Siebenbürgischen Kultursommers. Soviel hatte ich mich bisher mit siebenbürgischer Geschichte auseinandergesetzt: null. Nun waren wir mittendrin und freuten uns über das Privileg, so viel über diese Geschichte erzählt zu bekommen. Auf der Wanderung durch den Hohlweg dachte ich nun ein bisschen darüber nach. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und interessiere mich sehr für Geschichte. Aufgewachsen in Rumänien, hat man als Siebenbürger Sachse, auch wenn man in Deutschland lebt, natürlich andere Erfahrungen und eine andere Perspektive. Aber vor allem hatte ich den Eindruck, dass Geschichte für unsere Weggefährten viel persönlicher ist. Ich fragte mich, wie sich das anfühlt. Ob es nicht irgendwie traurig ist, wenn die eigenen Wurzeln so sehr dadurch bestimmt sind, dass z. B. Maria Theresia keine Protestanten mochte; oder ob es schwierig ist, als deutscher Siebenbürger Sachse in Deutschland zu leben, wo man vielleicht hingehört, die Menschen aber keine Ahnung haben, wo man herkommt und sich vielleicht auch gar nicht dafür interessieren? Ich kann das natürlich wirklich nicht beantworten, aber ich habe eine Antwort für mich gefunden.
Gruppenfoto an der Quelle bei der ...
Gruppenfoto an der Quelle bei der Rosengartenhütte der Michelsberger. Foto: Hildegard Servatius-Depner
In unserer Gruppe gab es mindestens so viele Arten, sich mit siebenbürgischer Geschichte auseinanderzusetzen, wie es Sachsen gab. Hanni hat Interesse an der Geschichte und beschäftigt sich damit, indem er viel über Geschichte liest und lernt. Dorit ist vielmehr an individueller Lebensgeschichte interessiert, als sich mit globaleren Zusammenhängen aufzuhalten. Robert engagiert sich aktiv, z. B. über den Kultursommer, und teilte Wissen und Erfahrung voller Freude, immer behutsam darauf achtend, sein Gegenüber nicht zu nerven. En passant haben wir eine Menge über siebenbürgische Geschichte gelernt. Vor allem aber haben wir ganz unterschiedliche Menschen kennengelernt und gemeinsam eine tolle Geschichte erlebt.

Am Ende des Hohlwegs traten wir aus dem Wald. Über ein freies Stück Weges und eine weitere Passage durch ein Waldstück gelangten wir auf die Lichtung um die Rosengartenhütte. Wir ließen uns unter einer märchenhaften Birke nieder. Manche aßen gemütlich Proviant. Einige schlossen die Augen. Andere gingen in den Wald, um Feuerholz zu sammeln. Von der Hütte aus führt ein Hang – den einige aus unserer Gruppe schon als Jugendliche auf Skiern heruntergesaust sind – nach oben zum Sattel, und von dort hat man einen großartigen Rundumblick. In Richtung Süden sieht man die Prejba, und hinter einigen anderen Gipfeln erkennt man gerade noch den Sendemast von Păltiniș, oder Hohe Rinne, dem Wanderziel für den nächsten Tag.

Am späten Nachmittag verabschiedeten wir Hildegard, Anne und die Mädchen. Dorit, Hanni und Robert hatten noch nicht genug und brachen zu einer kleinen Wanderung auf den benachbarten Gipfel auf. Klime heizte den Holzofen in der Küche an. Und die anderen begannen, das Gemüse fürs Abendessen zu schneiden. Das Essen kochte auf dem Holzofen. Die tüchtigen Wanderer kamen von ihrem Ausflug zurück. Wir tranken Schnaps und aßen zu Abend. Der Abend wurde zur Nacht. Wir entzündeten ein Lagerfeuer. Die Sterne kamen heraus. Klime und Klutz erzählten, wie sie als Jugendliche eine Wette verloren hatten und direkt von der Rosengartenhütte abstiegen, um die fällige Kiste Bier zu besorgen und von Hand wieder hoch zu tragen. (Die Kiste war bestenfalls noch halbvoll, als sie wieder am Rosengarten ankamen.) Wir betrachteten die Milchstraße. Nach und nach begaben wir uns zum Schlafen in die Hütte, nur Dorit schlief draußen unter freiem Himmel. Es war wunderbar.

Dr. Michael Traut

Schlagwörter: Kultursommer 2022, Berge, Wanderung, Sektion Karpaten des DAV, DAV

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