22. Oktober 2022

Engagierte Chorleiterin und Buchautorin in Nürnberg: Angelika Meltzer wird 70

Man mag es nicht wirklich glauben: Angelika Meltzer, diese aktive, kompetente, feinfühlige, aus dem Gemeinschaftsleben unseres Kreisverbandes Nürnberg während der letzten Jahre nicht wegzudenkende, vielschichtig aktive Siebenbürger Sächsin, ist 70. Wenn dem so ist, sollte man auch zurückblicken und festhalten, was sie in diesen 70 Jahren wesentlich formte und auch heute trägt. Denn ihre etwas verschlungene Biografie fördert einige unerwartete Facetten zutage.
Angelika Meltzer ...
Angelika Meltzer
Geboren ist sie in Kirchheim unter Teck/Esslingen in Baden-Württemberg am 22. Oktober 1952 in einer Entbindungsanstalt für ledige Frauen. Angelikas Mutter kam 1947 mit einem Krankentransport aus der Russlanddeportation nach Frankfurt an der Oder und landete von dort im Stuttgarter Raum. 1951 erfuhr sie über den Suchdienst vom Roten Kreuz, dass ihr Mann bereits im Herbst 1944 an der jugoslawischen Front gefallen sei. 1952 umwarb sie ein Hermannstädter und verließ sie, als sie schwanger wurde. (Ihren Vater lernte Angelika erst kennen, als sie 12 war.) Die Mutter musste sehen, wie sie mit ihrer kleinen Tochter zurechtkam. Angelika erlebte zunächst als Vierjährige die Übersiedlung von Deutschland nach Schäßburg, als im Sommer 1956 der erste organisierte Heimtransport für die verstreuten Siebenbürger und Banater stattfand, dann das Hineinwachsen in die sächsische Welt einer Kleinstadt, die ihr immer sehr nah blieb. Im Sommer 1977 heiratete Angelika, im Herbst 1978 und Sommer 1980 wurden ihre Kinder geboren.

Ihre vielgestaltige Ausbildung begann in Schäßburg: 1959-1968 Allgemeinschule, 1968-1973 Lehrerbildungsanstalt Hermannstadt (Grundschullehrerin) und später, nach ihrer Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland 1982, von 1983 bis 1985 das Münchner Heilpraktiker Kollegium (diplomierte Heilpraktikerin). Die Umschulung wurde durch den 1982 in Bayern herrschenden Lehrerüberfluss und die daraus resultierenden Schwierigkeiten im Anerkennungsverfahren für das Lehrerdiplom veranlasst. Ihre große berufliche Liebe blieb jedoch der Erziehungsberuf der Grundschullehrerin, den sie schon in Siebenbürgen, an der Honterusschule in Kronstadt, von 1973 bis 1978 mit viel Herzblut ausgeübt und zu dem sie in Deutschland nach ihrem Heilpraktikerin-Intermezzo von 1985-1990 nach ihrem Referendariat für das Lehramt an bayerischen Grundschulen (1990-1992) wieder zurückgefunden hatte, diesmal als verbeamtete Grundschullehrerin in Fürth von 1990 bis zu ihrer wohlverdienten Pensionierung 2014. Ihre Rückkehr in die Schule war auch eine Folge des Scheiterns ihrer Ehe in der Zeit, als in Bayern großer Lehrermangel herrschte und sie alleinerziehend mit drei Kindern (1988 hatten sie ein Pflegekind aufgenommen, eine Freundin ihrer Tochter, die plötzlich Waise wurde) sich neu orientieren musste. Sie meldete sich für die 2. Lehramtsprüfung an, schaffte auch die folgenden Hürden und war wieder Grundschullehrerin. Wie sehr sich Angelika in ihren pädagogischen Wirkungsbereich hineinkniete, beweist auch ihre umfassende Tätigkeit als wissenschaftlich tätige Autorin. Zusammen mit ihrer Kollegin Edith Wittassek veröffentlichte sie schon 1989 das Lehrerhandbuch „Ganzheitlicher Sachunterricht im 1. Schuljahr“ im Oldenbourg Schulbuchverlag, ein Jahr später für das zweite Schuljahr, und eine Anpassung an den neuen Lehrplan 2002 nochmals für das erste Schuljahr. So richtig auf den Geschmack gekommen als Autorin folgte 2008 das Kinderbuch „Krümel und Flöckchen“ im HORA-Verlag, Hermannstadt (ISBN 978-973-8226-91-3) und 2009 das dazugehörige Arbeitsheft zum Kinderbuch.

2017 erschien in Zusammenarbeit mit Rosemarie Chrestels im Verlag Haus der Heimat e.V. Nürnberg die Liedersammlung „E Liedchen hälft ängden – Alte und neue Lieder aus Siebenbürgen“ (Neuauflagen 2018 und 2020; ISBN 978-3-00-058197-7), www.angelika-meltzer.de. Dieses Buch, schon früh, seit Jahrzehnten geplant, hat durchschlagenden Erfolg, denn Singen liegt u.a. (auch) uns Siebenbürger Sachsen, hilft uns im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder. Dazu im Weiteren mehr. Seit 2018 arbeitet Angelika fortlaufend am Layout und zum Teil an Fotografien von Broschüren zu Altären aus Siebenbürgen von Pfarrer in Ruhestand Dr. Rolf Binder: Flügelaltar in Malmkrog, Flügelaltar in Tatterloch, Altar der Klosterkirche in Schäßburg, Flügelaltar aus Braller in Heltau, Altar aus Großalisch, Flügelaltar von Schweischer und Flügelaltar aus Radeln (beide inzwischen in der Johanniskirche in Hermannstadt aufgestellt). 2019-2022 folgt die beratende Mitarbeit an den Schulbüchern „Musik und Bewegung“ Klasse 2, Klasse 3 und Klasse 4 für die deutschen Schulen in Rumänien. 2020 gab sie im Schiller-Verlag Bonn – Hermannstadt die „Flötenschule für Groß und Klein – Blockflöte lernen in der Schule und daheim“ (ISBN 978-3-946954-80-4) heraus. Ihre Veröffentlichungen konzentrieren sich mehr und mehr auf den Bereich Musik, ihre große Liebe. Während der letzten Jahre ist Angelika auch im ehrenamtlichen Bereich als praktizierende Chorleiterin mit deutlichem Bezug zu Siebenbürgen, zu ihrem ihr und vielen anderen so wertvollen siebenbürgisch-sächsischen Liedgut in unserem Verband nicht mehr wegzudenken.

Der Keim für ihre Liebe zum sächsischen Volkslied wurde etwa 1965 gelegt, als Angelika mit ihrer Mutter einem Auftritt des Schäßburger Kammerchors mit Grete Lienert beiwohnte. Zu den beiden in den Folgejahren erschienenen Schallplatten, sang sie alle sächsischen Lieder begeistert mit. Mit einer Enkeltochter von Grete Lienert war sie zusammen in der Klasse und gelegentlich ging sie zu ihr auf den Pfarrhof zum Spielen. Flötenunterricht erhielt sie als Grundschulkind zwei Jahre lang von dem bekannten Volksdichter, dem damaligen Deutschprofessor an der Bergschule, Karl Gustav Reich. Das sehr freundliche und geduldige Wesen dieses hochgelehrten Mannes, den sie später an der Päda in Hermannstadt auch als Deutschlehrer erleben durfte, ist ihr in sehr angenehmer Erinnerung geblieben.

Seit über 30 Jahren singt Angelika im Projektchor der „Löwensteiner Musikwoche“ der Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa (GDMSE, https://www.suedost-musik.de), wo sie seit einigen Jahren stellvertretende Vorsitzende ist und ihre Tochter Bettina in der Organisation mitarbeitet. Chorleiterin wurde Angelika rein zufällig, als der Nadescher Chor Vocalis in Nürnberg Herbst 2014 dringend einen neuen Leiter suchte, weil ihr Dirigent aus Krankheitsgründen ausfiel. Als dieser Chor sich 2016 aufgelöst hatte, wollten einige Frauen gerne weiter mit Angelika singen. Darum gründete sie im Frühjahr 2017 das „Fürther Chörchen“. Geprobt wurde im Gemeindehaus St. Paul in Fürth. Seit dem Umzug ins Haus der Heimat im Herbst 21 heißen sie „Siebenbürgischer Liederkranz Nürnberg“.

Gefragt, was sie bewogen hat, ehrenamtlich tätig zu sein, bekennt Angelika freimütig: „Meine Mitarbeit und Hilfe wurde von verschiedenen Seiten (Fürther Chor und Singgruppe, Nadescher Chor, KV Nürnberg, Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa) erbeten und ich habe zugesagt, weil mir der Erhalt des kulturellen Erbes unseres Völkchens, dessen Exodus wir derzeit auf allen Ebenen schmerzlich erleben, sehr am Herzen liegt.“

Angelika ist für ihre Sängerinnen und Sänger ein Quell musikalischer Begeisterung. In Folge 9 vom 8. Juni 2022, Seite 16, hat die Siebenbürgische Zeitung unter dem Titel „Kreisverband Nürnberg: Chorproben in Corona-Zeiten – geht das überhaupt?“ vielschichtige Aussagen dazu veröffentlicht. Hier mögen zwei Chormitglieder zu Worte kommen: „Dank der Medienaffinität unserer engagierten Chorleiterin Angelika Meltzer verlieren wir selbst in Zeiten der Pandemie den Bezug zu unserem geliebten Chörchen nicht ganz. (…) Danke, liebe Angelika, für dein unermüdliches Tun, deine kreativen Ideen und deine positive Einstellung, das Chörchen auch in dieser Zeit beisammenzuhalten. Ich bewundere deine Schaffenskraft und deine Energie“, äußert Britta Müller. Und Sinni Schneider bekennt: „Frohen Herzens beteiligte ich mich an den Chorproben des Fürther Chörchens, weil mir das Singen in Gemeinschaft schon immer große Freude und Spaß bereitet hat. Beim Singen kann ich entspannen und somit die Geschäftigkeit und Unrast des Tages ablegen. Besonders die siebenbürgisch-sächsischen Lieder wecken in mir persönlich unvergesslich schöne Erinnerungen. Außerdem ist unsere Chorgemeinschaft ein großer Freundes- und Bekanntenkreis, wo viel gelacht und gute Laune verbreitet wird. Ich glaube, dass sowohl die Freude am Singen als auch diese Leichtigkeit des Beisammenseins eine herrliche Medizin zur Verlängerung unseres Lebens ist. Hoffentlich ist dieser Corona-Spuk bald vorbei und wir dürfen in unseren geschätzten Chorproben wieder singen, singen, singen – darauf freue ich mich besonders.“

Genau: Schaffenskraft und Energie befähigen Angelika Meltzer in besonderem Maße, sich ehrenamtlich zu engagieren und dabei zu begeistern. Sie äußert dazu tiefsinnig: „Dass sich aus meinen diversen Aktivitäten auch Ehrenämter ergeben haben, macht mich natürlich glücklich. Ich erlebe ein Geben und Nehmen und das Gefühl, meine Zeit sinnvoll zu nutzen und der Bewahrung einiger kulturellen Werte unserer Vorfahren beizutragen.“ Mögen dich, liebe Angelika, weiterhin Gesundheit, Schaffensfreude und Erfolg in allen deinen weiteren Vorhaben begleiten. Dies wünscht von Herzen der Vorstand des Kreisverbandes Nürnberg.

Horst Göbbel

Schlagwörter: Porträt, Geburtstag, Musikerin, Chorleiterin, Nürnberg

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