11. Juni 2024

„Wegbereiter der Moderne“: Historiker Gerald Volkmer referiert beim Heimattag über Dr. Carl Wolff

Am 11. Oktober jährt sich der Geburtstag von Dr. Carl Wolff zum 175. Mal. Aus diesem Anlass hielt Dr. Dr. Gerald Volkmer, stellvertretender Direktor des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte des östlichen Europa (BKGE), beim diesjährigen Heimattag im Rahmen der Vortragsreihe der Carl Wolff Gesellschaft den nachfolgenden Vortrag „Ein Wegbereiter der Moderne. 175 Jahre seit der Geburt des siebenbürgischen Wirtschaftspolitikers Dr. Carl Wolff (1849–1929)“.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitglieder der Carl Wolff Gesellschaft, heute wollen wir Geburtstag feiern – den 175. Ihres Namenspatrons. Es ist für mich eine große Ehre, dass Sie mich als Geburtstagsredner eingeladen haben, denn der Jubilar ist eine ganz besondere Persönlichkeit. Er ist nicht weniger als der Wegbereiter der Moderne in den Siedlungsgebieten der Siebenbürger Sachsen, ein Pionier des wirtschaftlichen Aufschwungs, der Siebenbürgen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erfasst hatte.

Doch lassen Sie mich zuerst das Umfeld kurz skizzieren, in das er hineingeboren wurde. Während der sogenannten „Türkenkriege“ in der Frühen Neuzeit wurde Siebenbürgen, auch durch die zunehmende Abtrennung vom christlich-abendländischen Europa, von einem wirtschaftlichen Niedergang erfasst, der bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts anhielt. Während die österreichische Industrie begann, mit hochwertigen und preisgünstigen Produkten Siebenbürgen zu überschwemmen, war das sächsische Gewerbe noch in Zünften organisiert. Veraltete Produktions- und Vertriebsmethoden beschleunigten das Sterben der Handwerksbetriebe. Viele Gewerbetreibende waren damals noch der Ansicht, mit Hilfe historischer Wirtschaftsprivilegien der Moderne trotzen zu können. Nicht besser erging es dem Handel in den siebenbürgischen Städten.

Der nachlassende und mangelnde Unternehmungsgeist der sächsischen Kaufleute wurde von einem Kronstädter Zeitgenossen um 1850 folgendermaßen geschildert:

„Und dann, wer nimmt von diesem Gewinn [gemeint ist der Handel mit Gewerbeerzeugnissen] das Fett weg? Der Grieche, der Walache, weil der Sachse zu mutlos, zu furchtsam, zu bequem ist, dass er die fürchterliche Oratie übersteigen oder wohl gar auf einem Saumtier längs der Prahova zu den wilden Blochen auf Campulung oder über die Oitozer Anhöhe auf Ocna oder Focsani in die Moldau zu reisen und auf acht Tage lang von seinen lieben Kinderchen entfernt, ohne seine teure Hälfte zu Seite, auf einer walachischen Pritsche allein schlafen sollte. Genug, der Kaufhandel der Siebenbürger mit der Walachei und der Moldau ist seinem völligen Ende näher, als wir glauben.“ (Andreas Schöck: Brassó, Braşov, Kronstadt 1850–1918. Beiträge zur Stadtentwicklung, Bevölkerungs- und Berufsgruppenstruktur. Berlin: Diss. phil. 1995, S. 135.)

Carl Wolff um 1900. Fotograf: Josef Fischer, ...
Carl Wolff um 1900. Fotograf: Josef Fischer, Archiv: Siebenbürgen-Institut
Einige vorausschauende siebenbürgisch-sächsische Persönlichkeiten waren bereits im Vormärz, also in den 1830er und 1840er Jahren, nicht mehr bereit, sich mit dieser lethargischen Stimmung abzufinden. Durch die Gründung von Gewerbevereinen sollte die Produktivität der sächsischen Handwerksbetriebe verbessert und der akute Kapitalmangel durch Sparkassen behoben werden – die erste dieser Banken wurde 1835 in Kronstadt, die zweite 1841 in Hermannstadt gegründet. Zu Schrittmachern der wirtschaftlichen Veränderungen wurden die Revolution von 1848 und die Vereinigung des Großfürstentums Siebenbürgen mit dem Königreich Ungarn 1867/68. Die Wiener Regierung führte 1859 die Gewerbefreiheit in Siebenbürgen ein, die Budapester Regierung löste 1872 das Zunftwesen auf. Der Wirtschaftsliberalismus hatte Einzug in Siebenbürgen gehalten.

In diese Zeit des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs wurde Carl Wolff hineingeboren. Er erblickte das Licht der Welt am 11. Oktober 1849 im siebenbürgischen Schäßburg, als einziger Sohn des „Stadtphysikus“ (als Stadtarzt Leiter des Gesundheitsamtes) Dr. Josef Wolff und der Josefine Josephi, Pfarrerstochter aus Großprobstdorf. Mit den Werten des sächsischen Bildungsbürgertums aufgewachsen, glänzte er am renommierten Gymnasium der Stadt, der Bergschule, mit ausgezeichneten schulischen Leistungen, die ihm in der Tertia den Spitznamen „Doktor“ bescherten. Da Siebenbürgen in den 1860er Jahren noch keine Landesuniversität besaß, war es üblich, dass sich die siebenbürgischen Gelehrten an den traditionsreichen Gymnasien als sogenannte „Professoren“ anstellen ließen. Tagsüber gingen sie ihrem Lehrerberuf nach und abends entstanden in ihren Herrenzimmern die noch heute von uns geschätzten wissenschaftlichen Grundlagenwerke. Über seine Lehrer, z. B. Friedrich Müller oder Johann Teutsch, schrieb Wolff später, dass sie alle anspruchslos in ihrer Lebensführung waren, sich mit Hingabe dem Lehrerberuf widmeten und sich über die geringe Höhe des Gehalts mit dem Ausspruch Joseph Haltrichs trösteten, dass „die schöne Aussicht von dem lindenbekränzten Schulberg auch mindestens vierhundert Gulden jährlich“ wert sei.

1867, im Jahr des österreichisch-ungarischen Ausgleichs, nahm Wolff das Jurastudium in der damaligen Reichshauptstadt Wien auf. Im folgenden Jahr wechselte er nach Heidelberg, wo er zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert wurde. Seinen Jugendtraum, Professor der Rechte zu werden, konnte er nicht verwirklichen, allerdings verlieh ihm später die Marburger Universität den Titel eines Ehrendoktors der Philosophie. Dass Wolff seine akademischen Ziele trotz anspruchsvoller Berufstätigkeit nie aus den Augen verloren hat, weist auf Eigenschaften hin, die ihn früh charakterisierten: Ehrgeiz, Fleiß und vor allem Durchhaltevermögen.

Carl Wolff konnte aber auch unbequem sein, wenn es galt, für seine politischen Überzeugungen einzustehen. Als er noch in Heidelberg studierte, gaben ihm seine aus Kronstadt stammenden Kommilitonen Julius Römer, Heinrich und Wilhelm Czell das Siebenbürgisch-Deutsche Wochenblatt zu lesen. 1868 erfuhr er aus dieser Zeitung von der Zwangspensionierung des sogenannten „Sachsengrafen“ Konrad Schmidt, des obersten politischen Repräsentanten der Siebenbürger Deutschen, durch die Budapester Regierung. Daraufhin verfasste er im jugendlichen Zorn einen Artikel mit dem Titel „Über die Vergewaltigung der Siebenbürger Sachsen durch die Magyaren“. Wolff schickte ihn an die Augsburger Allgemeine Zeitung und an die Kölnische Zeitung, beides im damaligen Deutschland führende Tageszeitungen. Nach der Veröffentlichung des Artikels blies dem aufmüpfigen Studenten ein Proteststurm der Budapester Presse ins Gesicht. Trotzig schrieb Wolff an seine Eltern: „Aber einen Entschluss habe ich doch dieser Aufregung zu verdanken: bei meiner Nation bis zum letzten Atemzug auszuharren.“ Aus dieser Episode hatte Wolff zumindest zwei Lehren gezogen:

Erstens die Erkenntnis, dass sich die Siebenbürger Sachsen mit der Herrschaft der Magyaren in der östlichen Reichshälfte der Habsburgermonarchie abfinden mussten, und zweitens, dass die öffentliche Meinung zur sogenannten vierten Gewalt im Staate geworden war. Deshalb entschloss er sich zum einen, Journalist zu werden, und zum zweiten, an der Klausenburger Rechtsakademie nicht nur seine Kenntnisse des Landesrechts zu erweitern, sondern auch Ungarisch zu lernen.

Nach seiner Klausenburger Studienzeit wurde Wolff 1871 nach Wien in das Redaktionsbüro der renommierten Neuen Freien Presse berufen, wo er als Mitglied der 40-köpfigen Redaktion mit dem Ungarn-Referat betraut wurde. Zeitweise vertrat Wolff auch den verantwortlichen Redakteur bei der Revision des Morgen- und Abendblattes. 1873 verzichtete Wolff auf seine Wiener Journalistenkarriere zugunsten der Leitung des Siebenbürgisch-Deutschen Tageblattes. In seinem ersten Leitartikel betonte Wolff, dass seine Zeitung die Rechte der nichtdeutschen Nationalitäten Siebenbürgens ehren und achten wolle wie jene der Deutschen. Das waren Töne, die sich von jenen aus dem Jahr 1868 durchaus unterschieden. Wolff trug maßgeblich dazu bei, dass das Blatt zur wichtigsten deutschsprachigen Tageszeitung Siebenbürgens wurde. Er nutzte es offensiv als Mittel, um seine politischen Ziele zu verfechten, an deren Spitze die Erhaltung der nationalen Identität der Siebenbürger Sachsen stand. Er war der festen Überzeugung, dass dies nur durch die Förderung des deutsch-evangelischen Schulwesens und der sächsischen Wirtschaftsunternehmen erreicht werden könne. Darüber hinaus setzte er sich vehement für die Pressefreiheit ein und hatte auch den Anspruch, die Leser seines Blattes kompetent über das Weltgeschehen zu informieren.

Carl Wolff wurde zu einer festen Größe im öffentlichen Leben der Siebenbürger Sachsen. Dies führte dazu, dass er 1881 als Abgeordneter in den ungarischen Reichstag gewählt wurde, wo er sechs Jahre lang die Interessen der Sachsen mit Nachdruck vertrat. Vor allem setzte er sich für eine Änderung der ungarischen Schulgesetze ein, die als Teil der sogenannten Budapester „Magyarisierungspolitik“ den nichtmagyarischen Völkern des Königreichs – sie stellten immerhin die Hälfte der Bevölkerung – die nationale Identität des Staatsvolkes verordnen sollten. Seine politische Ausstrahlungskraft zeigte sich auch als Vorsitzender des Zentralausschusses der Sächsischen Volkspartei, die ab 1876 – nach der Auflösung der Nationsuniversität – die politischen Interessen der Siebenbürger Sachsen vertrat. Car Wolff hatte dieses höchste politische Amt der Sachsen von 1877 bis 1917, also genau 40 Jahre lang inne. Er war damit sozusagen auch der Vorgänger des heutigen Präsidenten der weltweiten Föderation der Siebenbürger Sachsen bzw. des Bundesvorsitzenden des Verbandes der Siebenbürger Sachsen, einer Landsmannschaft, die genau 100 Jahre nach Carl Wolffs Geburt gegründet wurde und deren Geburtstag wir heuer ebenfalls in Dinkelsbühl feiern.

Unter Wolffs Federführung beschloss der „zweite“ Sachsentag von 1890 eine spektakuläre politische Neuausrichtung. Während die sächsischen Abgeordneten bislang eine Wiederherstellung der jahrhundertealten Selbstverwaltung der Siebenbürger Sachsen forderten – sie wurde 1876 durch Budapest abgeschafft –, war man nun auf Anraten Wolffs bereit, die staatsrechtlichen Gegebenheiten in Ungarn zu akzeptieren und mit der ungarischen Regierung Kompromisse einzugehen.

Nach 1876 war den Siebenbürger Sachsen als autonome öffentlich-rechtliche Körperschaft nur noch die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Siebenbürgens verblieben. Sie spielte im gesellschaftlichen Leben der Sachsen eine zentrale Rolle, da es sich um die alleinige Trägerin des deutschsprachigen Schulwesens in Siebenbürgen handelte. Konsequenterweise ließ sich Carl Wolff 1901 auch zum obersten weltlichen Repräsentanten dieser Kirche, zum Landeskirchenkurator, wählen – ein Amt, das er bis 1917 innehaben sollte. Damit hatte er in seiner Karriere bereits in drei wesentlichen Bereichen Führungspositionen übernommen: in der Publizistik, in der Politik und im kirchlichen Leben.

Die nachhaltigste Wirkung entfaltete dies Multitalent des öffentlichen Lebens jedoch in einem vierten Bereich: der Wirtschaft. Warum? Carl Wolff war nie selbständiger Unternehmer, hat aber durch sein volkswirtschaftliches Denken und Handeln wesentliche Rahmenbedingungen für den ökonomischen Erfolg ganzer siebenbürgischer Wirtschaftszweige geschaffen. Als sich die Sachsen im späten 19. Jahrhundert, nach 700 Jahren politischer Gleichberechtigung mit den anderen Landständen, erstmals in der Position einer nationalen Minderheit wiederfanden, suchte Carl Wolff nach neuen Möglichkeiten, die „Augenhöhe“ seiner Gemeinschaft mit der Mehrheitsgesellschaft zu erhalten.

Dies konnte nach seiner festen Überzeugung nur durch besondere Leistungen auf dem Gebiet der Wirtschaft und Kultur erreicht werden. Deshalb stellte er auf dem erwähnten Sachsentag von 1890 ein umfassendes Wirtschaftsprogramm vor. In erster Linie sollte es den Niedergang des sächsischen Gewerbes angesichts der großindustriellen Konkurrenz aus dem Westen aufhalten. Deshalb schärfte er den Delegierten ein: „Gegen die Großindustrie hilft nur die gleiche Waffe: die Einbürgerung der Großindustrie in unseren Städten […]. Das sichert den Bestand unseres Volkes mehr als Pergamente.“

Mit dieser Haltung erntete er innerhalb der sächsischen Eliten heftige Kritik. Führende Politiker und Kirchenvertreter, von Stefan Ludwig Roth über Bischof Friedrich Teutsch – übrigens ein Schäßburger Spielkamerad Wolffs – bis hin zu Rudolf Brandsch befürchteten, die Industrialisierung könne zu einer Aufspaltung des sächsischen Volkes in soziale Klassen führen und den massiven Zuzug von Ungarn und Rumänen in die sächsischen Städte bewirken. Dies lag daran, dass die meisten Sachsen gewohnt waren, als selbständige Bauern oder Handwerker, keinesfalls aber als abhängige Arbeiter, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Im Falle des wirtschaftlichen Ruins zogen sie die Auswanderung nach Amerika einer „schmachvollen“ Unselbständigkeit vor.

Gegen die Bedenkenträger konnte sich Carl Wolff jedoch durchsetzen, da ihm letztlich der volkswirtschaftliche Erfolg Recht gab, der die Grundlage des regen kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der Siebenbürger Sachsen darstellte. So stellte bereits 1905 der Kronstädter Maschinenfabrikant Hans Schiel auf dem Sächsischen Gewerbetag fest:

„Nur ein Gebiet gibt es, wo sich dieses Bestreben [Nationalismus] nicht geltend machen kann und nicht geltend machen wird, das ist das weite Feld der industriellen Tätigkeit. Hier gibt es keinen Chauvinismus, hier wird lediglich die Leistungsfähigkeit und die Güte der Erzeugnisse abgewogen, und der Tüchtigste und Strebsamste bleibt unbedingt Sieger.“

Als Schlüssel seines volkswirtschaftlichen Wirkens erwies sich Carl Wolffs Tätigkeit für die bereits erwähnte Hermannstädter Allgemeine Sparkassa. 1883 wurde Wolff zum Vorstand, zwei Jahre später, mit 36 Jahren, zum Direktor des Geldinstituts gewählt. Als er die Leitung der Bank übernahm, besaß sie einen relativ bescheidenen Wirkungsradius. Als er 1919 das Amt des Sparkassendirektors niederlegte hatte sich das Geldinstitut schon lange zu einer der größten Anstalten dieser Art in Siebenbürgen entwickelt. Während Wolffs Tätigkeit als Direktor verzwanzigfachte sich der Reingewinn der Bank, deren Geschäfte weit über Ungarn hinaus reichten und deren Pfandbriefe zu den gefragtesten Papieren an der Wiener Börse wurden. Wie ist dieser Erfolg zu erklären? In erster Linie wohl dadurch, dass die Geschäftsphilosophie der Bank mit den wirtschaftspolitischen Überzeugungen Carl Wolffs auf idealtypische Weise übereinstimmte. Aufgrund der Satzung der Sparkassa durften die Gewinne ausschließlich zur Stärkung ihrer Reserven sowie zu gemeinnützigen und wohltätigen Zwecken ausgegeben werden. Dadurch konnte ein wirtschafts- und sozialpolitisches Gesamtkonzept umgesetzt werden, das nicht nur den ökonomischen Erfolg der Bank, sondern Kredite für kleine und mittelständische Unternehmungen und nicht zuletzt die Finanzierung vieler kultureller und gemeinnütziger Projekte ermöglichte.

Als Wirtschaftspionier trat Carl Wolff insbesondere durch spektakuläre Infrastrukturmaßnahmen zur Verbesserung der ökonomischen Rahmenbedingungen in Erscheinung. So erkannte Carl Wolff schon früh, dass die Nutzung moderner Technologien eine Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg darstellte. Im späten 19. Jahrhundert erfüllte diese Funktion die Elektrizität. Auf Initiative der Sparkassa wurde 1895 der Bau eines Wasserkraftwerks im Zoodt-Tal beschlossen, das die gesamte Hermannstädter Umgebung mit Elektrizität versorgen sollte. Bemerkenswert ist, dass Carl Wolff als Präsident dieses Unternehmens großen Wert darauf legte, dass der damalige Direktor der ebenfalls in Hermannstadt beheimateten rumänischen Albina-Bank, Partenie Cosma, zu seinem Stellvertreter gewählt wurde. Das vom bekannten Münchner Architekten Oskar von Miller, dem Erbauer des Deutschen Museums, errichtete Elektrizitätswerk erwies sich als überaus bedeutend für das Gewerbe. Bereits 1910 liefen Elektromotoren in 78 Hermannstädter Betrieben. Gleichzeitig dehnte sich der Gebrauch von Elektromotoren auch auf die Landwirtschaft aus. Dieses groß angelegte Elektrifizierungswerk ermöglichte den Bau der mit Strom betriebenen Straßenbahn und die Einführung der elektrischen Straßenbeleuchtung in Hermannstadt. Darüber hinaus erwies sich Wolff als veritabler „Eisenbahnpionier“, dem es in den 1890er Jahren gelang, Hermannstadt mit allen Nachbarregionen durch ein funktionierendes Eisenbahnnetz zu verbinden. Weitere Maßnahmen zur Modernisierung Hermannstadts folgten: Kanalisierungsanlagen, ein neues Wasserleitungsnetz und die Pflasterung der Straßen. Als Prestigeprojekte erwiesen sich der Bau des neuen Hotels „Zum römischen Kaiser“ sowie 1904 jener des sogenannten „Volksbades“ samt Kurbad, dem auch ein Sanatorium angeschlossen wurde, um auswärtigen Patienten die Möglichkeit zu geben, in unmittelbarer Nähe zur Badeanstalt zu wohnen. Über Hermannstadt hinaus wirkte Carl Wolff als Begründer des genossenschaftlichen Bankwesens in Siebenbürgen. Mit Hilfe der von ihm 1891 ins Leben gerufenen „Siebenbürger Vereinsbank“, der verschiedenen Raiffeisenvereine (ab 1885) und des von ihm massiv geförderten Genossenschaftswesens gelang ihm die Eindämmung des Wuchers im ländlichen Raum, die technische Modernisierung der Landwirtschaft und der verbesserte Absatz bäuerlicher Erzeugnisse in den Städten. Die besonders in Nordsiebenbürgen verbreitete Bereitschaft der Sachsen, nach Nordamerika auszuwandern, reduzierte Carl Wolff durch den gezielten Ankauf landwirtschaftlicher Nutzflächen. Darüber hinaus profitierten die siebenbürgischen Genossenschaften von den exzellenten Netzwerken Carl Wolffs auf nationaler und internationaler Ebene. Wolff wurde 1904 auf dem Internationalen Genossenschaftskongress in Budapest zum Mitglied des „Comité de Patronage“ der „Internationalen Genossenschafts-Allianz“ mit Sitz in London ernannt. Im gleichen Jahr wurde in Budapest der „Bund ungarischer Genossenschaften“ gegründet, der unter der Leitung des Grafen Josef Mailath stand, zu dessen Stellvertreter Carl Wolff 1910 gewählt wurde. Netzwerke knüpfte Carl Wolff auch mit der Raiffeisen-Bewegung in Österreich und Deutschland.

Auf Carl Wolffs Initiative beschloss der Raiffeisen-Verband 1905, in den einzelnen sächsischen Ortschaften Konsumvereine zu gründen. Diese sollten eigene „Konsumvereinsgeschäfte“ betreiben, die den Warenbezug – unter Ausschluss des Zwischenhandels – günstiger machen sollten.

Während sich die Konsumvereine in den Landgemeinden durchsetzen konnten, erlitt Carl Wolff 1910 mit dem Hermannstädter Konsumverein eine krachende Niederlage. Dieser von ihm mit Partenie Cosma und Gabriel Zagoni, den führenden Köpfen der rumänischen bzw. ungarischen Raiffeisen-Bewegung, gegründete Zusammenschluss war der einzige städtische Verein dieser Art in Siebenbürgen. Er wurde weder von der Bevölkerung nachgefragt, noch konnte er sich gegen den Groß- und Einzelhandel in Hermannstadt durchsetzen, der den Konsumverein erbittert mit einem offenen Boykott bekämpfte. Deshalb löste sich der Hermannstädter Verein noch im gleichen Jahr auf. In den wenigen Monaten seiner Tätigkeit machte der Verein einen Verlust von ca. 40 000 Kronen, den Wolff aus seinen privaten Mitteln deckte. Sie sehen: Auch einem erfolgsverwöhnten Carl Wolff konnte mal ein Geschäft misslingen, so wie jedem anderen Unternehmer auch.

Dr. Dr. Gerald Volkmer, stellvertretender ...
Dr. Dr. Gerald Volkmer, stellvertretender Direktor des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte des östlichen Europa (BKGE), beim Heimattag 2024 in Dinkelsbühl; hier bei der Vorstellung der Stiftung Siebenbürgische Bibliothek. Foto: Christian Schoger
Dennoch: Wie lässt sich insgesamt der Erfolg dieses Mannes auf so vielen Gebieten des öffentlichen Lebens erklären? Neben den günstigen Startvoraussetzungen, die ihm seine familiäre Herkunft, die leistungsbereite sächsische Gesellschaft und die wirtschaftsliberale Ausrichtung des ungarischen Staates boten, war es sicher seine Persönlichkeitsstruktur.

Andreas Menning, ein Klassenkollege, schreibt über Carl Wolff als Obergymnasiast: „Körper fast unter Mittelgröße, mehr zart als kräftig, doch gesund. Was aber Wolffs Körpergröße abging, das ersetzte großartig seine geistige Begabung, die in jedem Unterrichtsgegenstand Ausgezeichnetes leistete. Diese Leistungen hatten zur Folge, dass die Leistungen seiner Mitschüler mehrfach geringer klassifiziert werden mussten, als es unter normalen Verhältnissen geschehen wäre. Bei all diesem geistigen Übergewicht, war Wolff von Wissensstolz und Hochmut gänzlich frei; er war ein biederer, treuer Kamerad und trug wesentlich dazu bei, dass unter den Schülern seiner Klasse eine Eintracht herrschte, wie sie selten gefunden wird.“

Diese Leistungsbereitschaft blieb ihm während seines gesamten beruflichen Lebens erhalten, auch wenn er gelegentlich daran zweifelte, ob die selbstgesteckten hohen Ziele zu erreichen seien. Das musste insbesondere seine Frau Friederike Lehrmann (geboren 1849), die er 1872 heiratete, erfahren. Als junges Ehepaar trafen sie sich abends um neun im Wiener Hotel „Victoria“, auf halbem Weg zwischen ihrer Wohnung und den Redaktionsräumen, zum Abendessen, wo sie sich nach einer Stunde wieder trennten und Wolff in die Redaktion zurückkehrte, um die nächste Morgennummer der Neuen Freien Presse zu überprüfen, so dass er gewöhnlich erst um zwei Uhr nachts nach Hause kam.

Auch später sparte er besonders schwierige Arbeiten für seinen Urlaub auf, um sich diesen mit aller Konzentration widmen zu können. Dass bei diesem „Workaholic“ die heute oft zu hörende „Work-Life-Balance“ nicht gegeben war, kann angenommen werden. Harte Anforderungen stellte er aber nicht nur an sich, sondern auch an seine Mitarbeiter und Nachkommen:

„Den Kampf fortführen, wenn meine Kräfte versagen, bin ich nicht verpflichtet, weil keine Pflicht über die Kraft hinausgehen kann. Wohl aber habe ich die Pflicht dafür zu sorgen, dass der Sohn an meine Stelle tritt, wenn ich sinke. Denn die Schuld der Dankbarkeit gegen das Vaterland ist so groß, dass sie nur durch ein Leben in selbstloser Hingebung an das Gemeinwohl und durch die Übertragung dieser Gesinnung auf Söhne und Enkel abgezahlt werden kann.“

Kraft tankte Carl Wolff, wenn er sich am Erfolg seiner Projekte erfreuen konnte. Vorher musste er aber oft sein Umfeld davon überzeugen, dass gemeinwohlorientiertes Handeln tatsächlich jedem zugutekommt. Dass zum Beispiel sein Hermannstädter Straßenbahnprojekt „nicht ein unsere Sinne flüchtig reizender Traum bleibe, dazu ist unsererseits zielbewusste und ausdauernde Arbeit auf vielen von uns bisher vernachlässigten Gebieten, Verbannen aller kleinlichen Nörgelei, ängstlichen tatenscheuen Selbstbehagens, rüstig zugreifender, alle Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt beseelender Gemeinsinn nötig“.

Das bedeutete für ihn, dass seine gemeinnützigen Projekte allen Bewohnern Siebenbürgens, nicht nur den Sachsen, dienen sollten, denn nur so konnte ihr langfristiger Erfolg garantiert werden. Bezogen auf die bekannte Zeile des Siebenbürgen-Liedes „Und um alle deine Söhne schlinge sich der Eintracht Band!“, schrieb Wolff, der Dichter meine „nicht nur die Sachsen allein, sondern auch unsere anderssprachigen Mitbürger.“ Nach dem Ersten Weltkrieg, im siebzigsten Lebensjahr, gab Carl Wolff die Leitung der Hermannstädter Sparkassa ab, zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und lebte in bescheidenen materiellen Verhältnissen mit seiner Frau und seiner Tochter, die ihn im Alter pflegte. Freude empfand er auch durch die Besuche seines Sohnes und Enkelkindes. Kurz vor seinem 80. Geburtstag starb er am 3. Oktober 1929 in Hermannstadt.

Was hat uns Carl Wolff über seinen Tod hinaus hinterlassen? Zunächst für unsere Augen sichtbare, bekannte Gebäude, wie zum Beispiel das Hotel „Zum römischen Kaiser“ in Hermannstadt. Sein eigentliches Vermächtnis zielt aber auf unsere Köpfe und Herzen ab, nämlich die Überzeugung, dass pures Gewinnstreben oberflächlich bleibt und dass erst die zukunftsträchtige Investition der Gewinne, auch in soziale und kulturelle Projekte, einen langfristigen Mehrwert entfaltet. Das Erzielen von Gewinnen war für Carl Wolff kein Selbstzweck, sein unternehmerisches Handeln diente immer auch der gesellschaftlichen Entwicklung. Damit wollte er, wie er es ausdrückte, auch den „historischen Sinn des Volkes“, sein kulturelles Gedächtnis, anregen. Sein Wirken führt uns aber auch eindrucksvoll vor Augen, welche enormen Leistungen Bürgersinn und Eigenverantwortung gepaart mit einer klugen Unternehmensführung vollbringen können. Die dafür nötigen staatlichen Rahmenbedingungen hat er stets eingefordert. Seine Lebenszeit deckt sich mit einer Epoche, die eine bemerkenswerte wirtschaftliche und kulturelle Blüte in Siebenbürgen, nicht nur bei den Sachsen, hervorgebracht hat. Damals wurden, auch durch das Vereinswesen, die Grundlagen für die heutige Zivilgesellschaft gelegt – die Moderne nahm konkrete Gestalt an. Dafür hat Carl Wolff einen maßgeblichen Beitrag geleistet.

Aber was ist mit unserer heutigen Zeit? Vielleicht fragen Sie, die im siebenbürgischen Wirtschaftsclub zusammengeschlossenen Unternehmerinnen und Unternehmer, sich manchmal, wie der Namenspatron Ihrer Gesellschaft unter den heutigen Bedingungen handeln würde. Wie würde er die auf Ihrer Webseite erwähnten Synergien, die „uns wirtschaftlich weiter und unsere Gemeinschaft näher zusammenbringen“ sollen, interpretieren? Wie würde er sich gegenüber der alten Heimat Siebenbürgen verhalten? Würde er unsere Kultureinrichtungen in Gundelsheim durch Spenden unterstützen? Eines weiß ich aber gewiss: Er würde sich in Ihrem siebenbürgischen Wirtschaftsclub sehr wohl fühlen!

Schlagwörter: Carl Wolff, Wirtschaft, Politiker, Gerald Volkmer, Historiker

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