28. November 2023

25 Jahre Deutscher Wirtschaftsclub Siebenbürgen: Gespräch mit dem Vorsitzenden Wolfgang Köber

Im Jahr 1998 erblickte der Deutsche Wirtschaftsclub das Licht der Welt. Anlässlich des 25. Jubiläums des Deutschen Wirtschaftsclubs Siebenbürgen (DWS) sprach ADZ-Redakteurin Aurelia Brecht mit Wolfgang Köber, dem Vorsitzenden des DWS, über die Herausforderungen des Anfangs, die Anforderungen heute, die Interessen und Bedürfnisse der Mitglieder und wo noch Handlungsbedarf besteht (Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien: „Weil wir Leute zusammenbringen möchten“). Ein Thema für Wolfgang Köber ist auch die Beratung von Siebenbürgen-Rückkehrern, die sich hier unternehmerisch etablieren möchten.
Herr Köber, wenn Sie zurückblicken auf die letzten 25 Jahre, was können Sie uns über den Anfang und die Entwicklung des DWS erzählen?

Der DWS hat sich damals offiziell konstituiert, im Sinne einer Interessengemeinschaft. Hier hat man sich ausgetauscht, denn damals war der Zugang zu Informationen noch nicht so, wie er heute ist. Man hat versucht, sich gegenseitig zu unterstützen. Danach begann man, über die Weiterentwicklung der Region nachzudenken. So wurde der Club nach und nach eine Plattform, an die sich Investoren wenden können, um sich im Markt zu festigen. Denn man kann von Großinvestoren oder Geschäftsleuten nicht verlangen, auf institutioneller Basis zu diskutieren. Ein Dialog und das Feedback von Einrichtungen und Behörden ist nötig: Sie müssen Rückmeldungen aus dem Markt haben, um zu wissen, was machbar ist und was nicht.

Wie sieht die Tätigkeit des Clubs heute aus?

Damals ging es eher um eine Notsituation. Heute hat sich das geändert, weil man vieles in der damaligen Form nicht mehr braucht. Wir sind heute eher dazu da, in den Dialog zu treten und eine Plattform für den Austausch anzubieten. Es kommen Gäste aus verschiedenen Bereichen zu uns, um Wirtschaftsleute kennenzulernen. Wir treten durch Wirtschaftsreisen in Austausch mit anderen Ländern. Wenn daraus konkrete Projekte entstehen, haben wir unsere Rolle erfüllt. Handel und Industrie funktionieren nur über Kontakte nach außen. Es bringt etwas, Türen zu öffnen: Zum Beispiel laden wir den Chef vom Finanzamt ein, der uns gewisse Mechanismen erklärt, und wir geben Rückmeldung darüber, wo wir Probleme oder Handlungsbedarf sehen.

Selbst ein Siebenbürgen-Rückkehrer: Wolfgang ...
Selbst ein Siebenbürgen-Rückkehrer: Wolfgang Köber
Was fragen Unternehmen am meisten bei Ihnen nach?

Angefangen von der Frage, wo man am besten baut, über die Frage, welche Auflagen es gibt. Welche Fachkräfte gibt es in der Region? Ich muss gucken, welche Schulen ich habe, wie das Geschäftsumfeld ist. In der Region haben wir Klausenburg, Kronstadt und Hermannstadt: Die Städte sind vom Profil sehr unterschiedlich, ergänzen sich aber gut.

Welche Unternehmen bräuchte es im Schwerpunkt in Siebenbürgen?

Aufgrund des höheren Lohnniveaus kann der Arbeitsmarkt auch für Industrien ausgebaut werden, die nicht so präsent sind: Eines unserer Masterprojekte für Hermannstadt ist, dass wir die Uni im IT- und im Softwarebereich stärken. Klausenburg ist diesbezüglich eine Hochburg, aber das bereitet dort bereits Probleme, denn die Stadt ist teuer: Die Arbeitnehmer müssen entsprechende Löhne einfordern, was auch für Arbeitgeber teuer ist. Wir haben zusammen mit dem IT-Cluster Hermannstadt eine Initiative gestartet, wo die großen IT-Firmen präsent sind, und arbeiten an einem Konzept, um das Bildungsangebot der Universität auszubauen und auf internationalem Level attraktiv zu machen. Damit Studenten angelockt werden, die normalerweise nach Klausenburg gehen würden. Weitere Probleme sehe ich im Personennahverkehr: Im Moment ist es für junge Leute im ländlichen Raum einfacher, saisonal in die Landwirtschaft ins Ausland zu gehen. Sie kommen nicht in die Städte, wo kleinere oder mittelgroße Investments sind, die sie anstellen können. Dass man Investoren in den ländlichen Bereich empfiehlt oder leitet, passiert zum Teil. Aber es muss Infrastrukturen geben, um dort funktionieren zu können.

Sie versuchen generell auch in der Infrastruktur etwas anzustoßen?

Wir versuchen zu promoten, dass sich Firmen im ländlichen Bereich ansiedeln, und wir setzen uns für die Weiterverbesserung von Transportmöglichkeiten ein. Auch für Flugverbindungen nach Hermannstadt setzen wir uns ein: Im Gespräch ist, dass Stuttgart und Frankfurt am Main für Hermannstadt in den Vordergrund rücken. Eurowings wird eventuell nach Hermannstadt kommen. Das soll bis Ende des Jahres beschlossen werden und ich hoffe, dass die Entscheidung zu unseren Gunsten ausfällt. Fakt ist: Die meisten Investoren in Hermannstadt kommen aus Baden-Württemberg. Auch in puncto Energieversorgung setzten wir uns ein: Im nächsten Jahr soll eine Umspannstation im Industriegebiet West entstehen, wodurch sich die Zone weiter entwickeln kann.

Suchen Privatpersonen vor Ort – abgesehen von Unternehmen – Ihre Hilfe?

Ja. Über Erfahrungswerte kann man gut helfen. Ich bin unter anderem auch ehrenamtlicher Ansprechpartner für Rückkehrinteressierte im Deutschen Forum. Fakt ist: Viele kommen schon relativ gut zurecht. Wenn es nicht gerade um Immobilientransaktionen mit speziellen Konsultationen geht, sind wir bei der Gesetzgebung gleichgestellt mit allen anderen europäischen Ländern. Doch es gibt speziellere Themen, bei denen wir gerne helfen. Aber es sollten Leute sein, die sich auch helfen lassen möchten.

Wenn jemand ein Kleinunternehmen gründen möchte…

…führe ich erst ein Grundsatzgespräch, um zu sehen, ob die Idee überhaupt Sinn macht. Ich empfehle niemandem, einfach so ein Unternehmen oder eine kleine Firma aufzumachen, und möchte erst einmal die treibende Kraft dahinter verstehen. Nicht jeder ist für das Unternehmertum geschaffen. Um Leuten zu helfen, sich nicht zu übernehmen, helfen wir mit Tipps und vor allem mit Kontakten. Das ist die Hauptdefinition des DWS: Kontakte, Kontakte, Kontakte. Das treibt mich an: Ich vernetze Leute gerne miteinander und sehe, wie Synergien entstehen. Auch bei unserer 25-Jahr-Feier hat man das gesehen. Die Hälfte der Gäste war nicht vom DWS, weil wir Leute zusammenbringen möchten.

Existiert mittlerweile so etwas wie ein Mittelstand in Rumänien?

Ja. Im Vergleich zu den Anfängen des DWS gibt es nicht mehr nur Schwarz und Weiß, sondern viel Grau, im guten Sinne. Das ist sehr dynamisch. Der Mittelstand ist sehr breit. Die Lebensqualität ist stark angestiegen. Die Leute können auch als Angestellte relativ gut verdienen. Man kann aber auch als Kleinunternehmer aktiv sein. Es gibt viele Variationen, in denen man zum Mittelstand gehören kann.

Gibt es Privatpersonen, vielleicht auch Rumänen, die Deutsch sprechen, die Ihre Expertise einfordern?

Ja. Wir tauschen uns regelmäßig aus und lernen voneinander. Man versucht dann, den Horizont des jeweils anderen zu erweitern.

Wo liegen die Hürden, wenn ein Zugewanderter in Rumänien ein Unternehmen gründen will?

Ich sehe keine Hürden. Eine wichtige Frage ist die Anzahl der Arbeitskräfte, die man zu Beginn braucht. Die Firmen, die vor Jahren klein begonnen haben, haben alle massiv expandiert. Aber Schwierigkeiten in dem Sinne, dass irgendwo irgendwas gehemmt wird, sehe ich nicht. Wir sind superschnell im Internet, man ist hier sehr dynamisch im Denken, sehr schnell, sehr auffassungsfähig. Die Leute sind hier sehr flexibel – das ist ein großes Plus im Vergleich zu vielen anderen Ländern.

Wie steht es mit qualifiziertem, bzw. deutschsprachigem Personal?

Von dem hat man nie zu viel. Auf jeden Fall haben wir einen viel höheren Schnitt als im Rest des Landes. Jemand, der Deutsch kann, hat beim Einstiegsgehalt locker 10 bis 20 Prozent mehr Lohn. Für die Investoren ist der Standort interessant, weil sie wissen, dass sie hier deutschsprachiges Personal finden.

Welche Projekte hat der DWS?

Das duale Ausbildungssystem ist eines unserer Projekte. Wir haben einen Vertreter dafür und einen eigenen Verein, der sich darum kümmert. Zum Beispiel Continental hat an der Uni eine eigene Klasse. Womit wir kämpfen, ist die Einstellung mancher Eltern: Die wollen nicht, dass ihre Kinder eine duale Schule besuchen, sondern Akademiker höchsten Grades werden – das ist nicht immer der Wunsch der Kinder. Wir setzen uns für die Wirtschaftsregion Siebenbürgen ein: Ein besonderes Fleckchen Erde; das muss man auch so nach außen tragen! Während der Coronapandemie hatten der Vorsitzende der Carl Wolff Gesellschaft, Reinhold Sauer, und ich die Idee zu einem Werbefilm, den ich anschließend produziert habe und der unter b7b.ro zu sehen ist. Im Zuge des Nearshoring sind wir eine gute Alternative. Wir sind schnell erreichbar, sind deutsch geprägt, es gibt deutschsprachige Fachkräfte, ein deutschsprachiges Schulwesen. Es ist sehr wertvoll, was wir hier haben. Man kann sich hier wirklich zuhause fühlen.

Welche Auswirkungen erwarten Sie von den Steuerplänen der Regierung auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Rumänien im Hinblick auf die Schwellenwerte?

Meine Erfahrung ist, dass man in Rumänien manchmal Geduld haben muss. Wenn ich die ersten Ansätze betrachte, die wir bei der Steuererhöhung hatten und den Zwischenstand betrachte, ist schon vieles abgekühlt. Es ist noch nichts veröffentlicht worden. Der letztendliche Beschluss bleibt abzuwarten. Auch dazu geben wir Rückmeldung. Wir sind gut vernetzt, auch an den Stellen, wo Gesetze entworfen werden.

Wo sehen Sie die Aufgaben des DWS – wo liegen vielleicht auch Grenzen?

Wir können nur beratend agieren, Gespräche führen, argumentieren, Erfahrungen zusammenführen, Leute zusammenbringen. Wir möchten unsere Expertise zugänglich machen. Weiteres wollen wir nicht, wir sind politisch neutral und halten uns da raus. Sozial gesehen sind wir auch gelegentlich aktiv.

Ist in Ihren Augen der DWS eher eine Netzwerk-Plattform oder ein handelnder Akteur?

Der Schwerpunkt liegt auf dem Netzwerk, aber auch in gewissem Maße handelnder Akteur. Ich würde das nicht trennen: Handelnder Akteur ja, aber bis zu einem gewissen Punkt. Wir setzen nicht um, sondern bringen Dinge dahin, wo sie entschieden werden.

In welchen Bereichen gibt es in Rumänien Potenzial, das andere Länder so nicht haben?

Das Land ist sehr reich an Bodenschätzen, was wertgeschätzt und mit Bedacht behandelt werden sollte. Es gibt Landwirtschaft, Tourismus, Skigebiete, Badeorte. Wir sind geografisch bestens positioniert: Schwarzes Meer, Luftverbindungen in die größten Drehkreuze vom Nahen Osten bis Westeuropa. Der Luftverkehr ist angestiegen. Umwelttechnisch bedenklich, aber wenn man die Effizienz rechnet, klärt sich die Frage recht schnell. Was Rumänien noch attraktiv macht, ist die Vielfältigkeit der Gesellschaft: Wir haben 19 anerkannte Minderheiten im Land. Das bereichert, kulturell und mentalitätstechnisch. Die romanische Sprache ist leicht zu verstehen – jeder, der ein bisschen Englisch, Französisch und Deutsch kann, kommt gut klar. Das sind Perspektiven, die das Land auf mittel- und langfristige Sicht interessant machen. Die Flüchtlingsthematik ist bei uns überschaubar. Wir haben überwiegend Flüchtlinge aus der Ukraine. Das sind Leute, die sich hier integrieren und mitmachen wollen.

Gibt es etwas, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Ein Club oder Verein lebt nicht allein von einem Vorsitzenden oder Vorstand, sondern vom Miteinander. Wir wollen, dass die Leute sich einbringen und ihre Ideen, Probleme und Erfolge vorstellen. Das macht uns aus – dass wir miteinander reden. Dass wir uns öffnen, was nicht immer einfach ist, denn praktisch ist man in vielem in Konkurrenz. Trotzdem können wir miteinander. Man kann nicht über Geschäftsstrategien sprechen, das macht keiner. Wichtig ist uns auch, dass wir unsere Deutschsprachigkeit behalten, weil uns das ausmacht.

Wie ist die Strategie des DWS für die kommenden Jahre?

Wir wollen unseren jetzigen Kurs ausbauen, weiterhin flexibel bleiben und auf die jeweils aktuellen Bedürfnisse eingehen. Was in fünf Jahren sein wird, weiß keiner. Fakt ist, wir bleiben mindestens genauso dynamisch wie jetzt. Die Mitglieder entscheiden alle paar Jahre über die Mitgliederversammlung und die Vorstandswahl, wo die Reise hingehen soll.

Vielen Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Wirtschaft, Wirtschaftsclub, Jubiläum, Hermannstadt, Köber

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