In einer Umfrage bezüglich der Beliebtheit von Jahreszeiten würde der Winter mit Sicherheit an letzter Stelle landen. Undurchdringliche Nebelschwaden versperren tagelang das wärmende und wohltuende Sonnenlicht, belasten die Stimmung und das Wohlbefinden. Wenn mit dem Jahreswechsel die Tage länger werden, und die ersten Schneeglöckchen die Schnee- und Eisdecke durchbrechen, und langsam die Gedanken sich mit dem nächsten Urlaub beschäftigen, verdrängen Hoffnung und Euphorie das Tief der Wintermonate. Die meisten unserer Landsleute werden ihren Urlaub in exotischen Ländern, am Meer oder in hochgelobten Urlaubsregionen verbringen. Uns, als ehemalige Sachsenkinder in Siebenbürgen, waren diese Sehnsuchtsorte nur aus der wöchentlichen „Tele–Enzyklopädie“-Sendungen, aus dem Fernseher in Schwarz-Weiß bekannt. So reiste jeder in seinen persönlichen Vorstellungen und Phantasie rund um die Welt, denn an eine richtige Reise in dem abgeschotteten Land zu denken, war die reine Illusion.
Einige von uns werden auch den Weg in die alte Heimat suchen und finden. Bei seiner Ankunft wird für jeden beim Anblick seines Heimatortes, seiner Straße, seines Hauses, bei der Suche nach Erinnerungen, sich ein persönliches, individuelles, nicht selten sehr emotionelles Gefühl einstellen. Es wird Freude, wird Staunen, wird Wehmut und Trauer in ihren Gesichtern zu lesen sein. Sie werden dort eine neue Wirklichkeit finden. Neben zerfallenen Häusern gepflegte und renovierte Kirchen und Pfarrhäuser sowie eingefallene Dächer und Mauern, und sie werden neue Gesichter in den Fenstern ihrer Häuser vorfinden. So oder ähnlich wird es auch den Heimreisenden ergehen, die den Weg nach Schönberg suchen und finden werden, ein Dorf gelegen im umstrittenen Zentrum von Rumänien. Hält man bei der Ankunft am Wahrzeichen der „Schönberger Hill“ für einen Augenblick an, eröffnet sich der Blick auf eine scheinbar in der Ewigkeit erstarrten sächsischen Gemeinde. Über alle Dächer ragt die Kirchenburg mit ihrem kräftig roten Dach im abendlichen Sonnenlicht. Nach einem kurzen Moment der Besinnung geht es langsam am zweisprachigen Ortsschild vorbei in Richtung Ortsmitte, wo man schonungslos in die Gegenwart katapultiert wird. Neu asphaltierte Straßen und gepflasterte Gehwege haben Schlaglöcher und Morast ersetzt, sorgfältig renovierte Häuser sind in grellen Farben neu gestrichen, und mittendrin die renovierte Kirchenburg, die Dorfschule und der Gemeindesaal geben ein gepflegtes und vertrautes Bild ab.
Auffällig ist in einer der Straßen die große Anzahl von Neubauten, die meisten noch unvollendet in einer sonderbaren untypischen Architektur. Einige davon sind mit großen Schutzmauern umgeben, eiserne Tore mit prunkvollen Verzierungen, auf deren Stützfeiler zwei Löwen thronen, welche die Kraft und Macht des Besitzers zur Schau stellen. Es sind die kleineren oder größere Prunkbauten der Cortorar, einer Volksgruppe, die gemeinsam mit der Siebenbürger Sachsen zu den Minderheiten im sozialistischen Rumänien zählten. Der schleichende Versuch der Bildung einer Einheitsnation ist wenigstens bei zwei dieser genannten Nationen auf stillen aber erfolgreichen Widerstand und Ablehnung gestoßen. Bei den Siebenbürger Sachsen durch die Auswanderung und bei den Cortorar, insoweit man sie als Nation bezeichnen kann, durch ihren Stolz, ihrer eigenen Tracht und insbesondere ihrer eigenen Sprache. Als geduldete Minderheit, oft als Zigeuner bezeichnet, ein Begriff, den sie vehement ablehnen, um sich von den einer anderen Minderheit zu unterscheiden und zu distanzieren, hat ihr Schicksal gewisse Parallelen zu deren der Siebenbürger Sachsen. Stark verfolgt und diskriminiert, wurden sie während des Zweiten Weltkriegs aus ihren selbst ausgewählten Ländern vertrieben bzw. umgesiedelt. Dies geschah auch in Rumänien unter dem Antonescu-Regime, wo bis zum 15. August 1942 über 11000 nicht sesshafte Personen nach Transnistrien im Osten der Republik Moldau deportiert wurden. So verbindet sich ihr Schicksal mit dem der Siebenbürger Sachsen und deren Zwangsverschleppung nach Russland im Januar 1945, dem geschichtlichen Trauma unserer Nation.
Wie und wann eine Gruppe oder Großfamilie der Cortorar nach Schönberg kam und sesshaft wurde, ist historisch nicht belegt. Ihre einfachen einräumigen Zelte waren für einen schnellen Aufbau an wechselnden Niederlassungsorten optimal ausgelegt. Auf mehreren langen Holzstäben wurde ein dickes braunes Tuch aus Wolle gespannt und somit eine wind- und wetterfeste kegelförmige Unterkunft geschaffen. Ohne richtige Türen und Fenster konnte dieser mobile Wohnungsbau in wenigen Stunden auf- und abgebaut werden. Ganz oben, wo die Holzstäbe sich kreuzten, blieb eine kleine Öffnung, über die der Rauch vom offenen Feuer entweichen konnte. Angeblich soll es im Jahre 1956 ein Gesetz der kommunistischen Regierung gegeben haben, das die örtlichen Behörden beauftragte, den Cortorar einen festen Platz für den Bau befestigter Unterkünfte auf der Dorfgemarkung zuzuweisen, um sie sesshaft zu machen. Nun haben sie den dritten Umzug erlebt: Von den mobilen Zelten am Waldesrand, der eigens zugewiesenen Straße jenseits des Dorfbachs, nun mitten in das Dorf in die aufgegebenen Häuser.
„Die Wahrsagerin“. Zeichnung: R.B.
Die nostalgischen Bilder, von einem klapprigen Gaul gezogene Pferdewagen mit angetrunkenen bärtigen Männern, allgegenwärtig in jeder Dokumentation über Siebenbürgen im deutschen Fernsehen (zum großen Unmut unserer Generation), gehören weitgehend der Vergangenheit an. Sie wurden ersetzt durch hoch motorisierte Autos der deutschen Nobelmarken, mit denen sie die Straßen unsicher machen. Es sind die Fahrzeuge, die in einem perfekten Zustand wegen übertriebener Einführung neuer Abgasnormen in Deutschland mit hohen Subventionen ausgemustert und in die ganze Welt verscherbelt wurden.
Während der ersten Erkundungsfahrt entlang der Straßen sind kaum Leute zu sehen; die wenigen Gesichter in den Fenstern, die neugierig das Geschehen beobachten, sind fremd. Wesentlich lebhafter ist es vor den Häusern der Cortorar, wo viele Kinder auf neuen Spielgeräten herumtoben, wo die bunten Röcke der Frauen und Mädchen, die schwarzen Hüte der Männer mit ihren breiten Gürteln die Botschaft vermitteln: Nun sind wir hier zuhause, schaut, wer wir sind, und was wir geschaffen haben.
Da im einst eigenen Haus nun Fremde wohnen, bleibt nur die Möglichkeit, sich eine Unterkunft in der neuen Pension zu suchen, die thronend auf dem Berg oberhalb des Dorfes errichtet wurde. In der abendlichen Stimmung mit dem Blick auf das ruhende Dorf hört man in der Ferne den Schlag der Turmuhr. Die Gedanken gehen weit zurück in die unbeschwerte und glückliche Kindheit in diesem schönen Tale. Schlüsselerlebnisse aus der Kindheit und Jugend tauchen immer wieder auf. Eine dieser Momente war die Begegnung mit der Vetă, eine Frau aus einer Cortorar-Familie, die meinte, die Zukunft voraussagen zu können. Es war eine sehr schöne Frau mit pechschwarzen langen Zöpfen, in die mit einer roten Schnur mehrere Silbermünzen geflochten waren. Ihre Haare glänzten im Sonnenlicht, da sie oft mit Petroleum befeuchtet wurden, um Ungeziefer fern zu halten. Ihre Haut war etwas heller als die der anderen Familienmitglieder. Es kursierte das Gerücht, dass sie ein sächsisches Kind sein sollte, das irgendwann entführt wurde. Auf diese oft gestellte Frage hat sie nie geantwortet. In einer von Aberglauben geprägten Gesellschaft wurde oft die Meinung von Wahrsagerinnen in Anspruch genommen, insbesondere wenn man den Eindruck hatte, dass Unheil naht. So wurde von ihr erwartet, die angehenden Gefahren zu erkennen und mit ihrem Zauber und übersinnlichen Kräften das Unheil abzuwenden, ja sogar ins Positive zu wenden.
Um die Zukunft zu erkennen, die erwarteten positiven Entwicklungen aufzulisten und auch, die angeblich sich anbahnende Notlage zu erfassen, hatte sie für ihr angespanntes Gegenüber eine spezielle Zeremonie. Um die Geister und ihre Erleuchtung zu beschwören, setzte sie sich auf die Erde, kreuzte die Beine, breitete darüber ihre bunten Faltröcke aus und holte aus versteckten Taschen einen zugeschnürten Beutel heraus. Nachdem sie diesen heftig geschüttelt hatte, streute sie den Inhalt mit einem fremdartigen Zauberspruch auf die Erde. Neben bunten Murmeln lagen hier, durch das Zufallsprinzip verstreut, ein Schlangenkopf und mehrere Froschknochen, die dem Vorgang eine heimliche spirituelle Note gaben. Nachdem sie diesen Wirrwarr für einige Augenblicke angestarrt hatte, nahm sie die rechte Hand ihres Gegenübers und fing an zu erzählen. Meistens waren es die gleichen Floskeln, welche die meist jungen Menschen, der Großteil ihrer Kundschaft, hören wollte: Ich sehe hier, dass du eine schöne Jugend haben wirst und dir ein langes Leben beschert sein wird. Du wirst lange zur Schule gehen und dann die Liebe deines Lebens finden. Es wird dabei aber auch manche Enttäuschung geben, ja sogar Kummer und Verzweiflung, doch alles wird sich letztlich zum Guten werden. Ihr werdet viele Kinder haben und euch im hohen Alter über Enkelkinder freuen. Dann wurde ihre Miene ernster und aus ihrem Munde kam wieder eine der Standartbotschaften: Ich sehe hier auch eine dunkle Zeit, eine Krankheit wird über dich herkommen, die du aber gut überstehen wirst. Als letzte Handlung ihrer Sitzung ging sie mit ihrem Zeigefinger entlang der Lebenslinie der ausgestreckten Hand. Es schien, als ob sie ähnlich einer Grammophonnadel die Höhen und Tiefen dieser Rille abtasten würde und über ihre Finger in ihre Phantasie übertragen würde. Darauf folgte die schon bekannte, aber von jedem gern gehörte Prophezeiung: Ich sehe, du wirst eine lange Reise machen, von der du irgendwann wieder nach Hause kommen wirst. Du darfst keine Angst davor haben, Engel werden dich auf diesem weiten Weg beschützen. Ohne es zu ahnen, sollte sie damit Recht behalten.
Wäre die Vetă eine richtige Wahrsagerin, eine richtige Prophetin gewesen, hätte sie die Voraussage noch folgendermaßen ergänzen müssen: Irgendwann werdet ihr Schönberg verlassen und euch auf eine ungewisse Reise begeben. Die Mehrheit von euch wird nach den großen politischen Umbrüchen, die bald kommen werden, mit ein paar Koffern Haus und Hof überstürzt verlassen und ihr werdet euch in ein ungewisses Abenteuer begeben. Ihr werdet, nach der leidvollen Geschichte in Siebenbürgen kein Vertrauen in das Versprechen vom Aufbau einer demokratischen Gesellschaft haben, einer Gesellschaft mit Gleichberechtigung, ohne politische Verfolgung und ohne Benachteiligungen für Minderheiten. Ihr werdet Hab und Gut zu Spottpreisen verkaufen oder diese in der Hoffnung, einmal heimkehren zu können, Vertrauenspersonen zum Schutz übergeben. Ihr werdet euer Vieh in fremde Ställe begleiten, Haustiere ihrem Schicksal überlassen. Sogar der beliebte Speck wird in den Vorratstürmen der Kirche hängenbleiben und zum Fotomotiv in Blättern und Fernsehen als Merkmal sächsischer Tradition, als Kuriosität und zur Touristenattraktion in späteren Jahren werden. In großer Eile werdet ihr die Gräber mit Betonplatten versiegeln, da niemand mehr mit Blumen zu euren Verstorbenen auf den Friedhof gehen wird. Eure Lieder und die Orgel in der Kirche werden verstummen. Die Glocken werden ihr Läuten einstellen und die Zeiger der Turmuhr werden irgendwo verharren, als ob sie versuchen würden, die Zeit und den Moment einzufrieren, um euren Fortgang zu verhindern. Die Zeugen eurer Müh‘ und Plage auf den Feldern und Wiesen Schönbergs werden in kleinen Räumen ausgestellt und so teilweise der Nachwelt erhalten bleiben. Die Wenigsten der Besucher können ahnen, dass mit den Sicheln, mit Schlieren in den Händen und schmerzendem Rücken der Weizen für das tägliche Brot geschnitten wurde.
Dort, wo ihr hingeht, werden die Kinder eure Muttersprache langsam vergessen. Ihr werdet behaupten, in das Land eurer Väter zurückzukehren, was viele aus mangelnden Geschichtskenntnissen nicht verstehen werden. Leider werden sich auch vereinzelte Personen und Gruppen finden, die den Neuankömmlingen mit Vorbehalt oder gar Ablehnung begegnen. Diese Minderheit wird euch als einen unliebsamen Wettbewerber betrachten und nicht die Bereicherung erkennen, welche die Siebenbürger Sachsen, mit der gleichen christlichen Kultur und Religion als Geschenk, und nicht als Last in ihrem Gepäck mitbringen werden.
Irgendwann werden einige von euch nach Schönberg zurückkehren. Mit zitternden Knien und Kribbeln im Magen werdet ihr vor euren Häusern stehen, zögernd an die Tore klopfen und von fremden Menschen verwundert empfangen werden. Im Haus, im Hof und in den Gärten werdet ihr nach den persönlichen Spuren suchen und den allgegenwärtigen Geist der Eltern und Großeltern wahrnehmen. Nach wenigen Tagen werdet ihr die lange Rückreise antreten. Dorthin, wo eine schöne Wohnung auf euch wartet, wo ihr kein Wasser mehr aus dem Brunnen schöpfen müsst, wo ihr keinen Stall ausmisten und keine Schweine oder Schafe züchten werdet. Ihr braucht keine Angst mehr vor dem Winter zu haben.
Ihr werdet aber auch in die neue Heimat zurückkehren, wo manche, die sich wandelnde Gesellschaft nicht verstehen und nachvollziehen können. Ihr werdet das gleiche Schicksal erleben wie damals eure Vorfahren, als sie vor vielen hundert Jahren in das Land jenseits der Wälder mit Visionen und Pioniergeist ausgewandert sind. In einigen Jahren wird die Geschichte eurer Nation nur noch in Büchern zu lesen sein.
All dies hätte die Vetă uns sagen müssen, wenn sie die Fähigkeit gehabt hätte, in die Zukunft zu blicken. Glücklicherweise konnte sie dies nicht, sie war nur eine geschäftstüchtige Frau, die für ein paar Lei oder ein Stück Speck ihren neugierigen Kunden das sagte, was sie hören wollten. Hätte sie damals, vor mehreren Jahrzenten, den Lauf der Geschichte, das Ende unseres Daseins auf dem Boden Siebenbürgens glaubhaft vermitteln können, wäre die Geschichte unserer Nation möglicherweise anders verlaufen.
Was könnte man heute dieser Frau sagen, würde man im erwachsenen und reifen Alter nochmals mit ausgestreckter Hand vor ihr stehen: Du hast uns in der Kindheit und Jugend mit deinen Voraussagungen Freude, Zuversicht und Hoffnung in unser einfaches und manchmal auch naives Dasein gebracht. Deine allgemein formulierten Deutungen sind in unserem Leben in der einen oder anderen Abwandlung eingetreten. Wir sind glücklich, unseren Platz in dieser freien Welt gefunden zu haben. Wir sind dankbar für das Leben, das wir in Sicherheit führen dürfen. Wir sollten dankbar sein, dass wir in bescheidenem Maße am Wohlstand dieser Gesellschaft teilnehmen dürfen.
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