29. Juni 2026

Ein Gedicht ... aus dem siebenbürgischen Fundus: „Nachruf“ von Günther Schulz

Die Anregung – mehr noch: der ausdrückliche Wunsch – kam von Frieder Schuller, dem Dichter und Initiator des Literaturfestes und Dorfschreiberpreises von Katzendorf. In einem Brief schrieb er, man solle den Lesenden „auf dem Weg zwischen Text und Verständnis“ eine Hilfestellung geben. Gemeint war, Gedichte aus ihrer strengen Form zu „entklammern“ und sie dadurch zugänglicher zu machen. Sein Vorschlag folgte sogleich ... „nachfolgendes Gedicht ist mir eines der Liebsten aus dem siebenbürgischen Fundus: ,Nachruf‘ von Günther Schulz“.
Das Cover der Nr. 24 des LCB-Editionen ...
Das Cover der Nr. 24 des LCB-Editionen (Literarisches Colloqium Berlin) aus dem Jahre 1971, gestaltet von Sellmer & York mit dem „Stuhl-Foto“, das die ganze Reihe charakterisiert und hier Günther Schulz darstellt.
Wenige kennen die Gedichte und die Geschichte des 1946 in Hermannstadt geborenen Günther Schulz. Nach dem Theologiestudium war er 1968 Pfarrvikar in Agnetheln, zog aber ein Jahr später nach Bukarest, wo er aufsehenerregende Gedichte in der Bukarester deutschsprachigen Zeitschrift des rumänischen Schriftstellerverbandes Neue Literatur publizierte.

Günter Grass, der dem jungen Dichter 1970 half, Rumänien zu verlassen, hat Günther Schulz mit wenigen, eindringlichen Strichen porträtiert. Er sah aus, „als würd gleich morgen die Welt untergehen“, war „als Typ interessant“, und Grass erinnert sich, er habe „immer ernst, fast tragisch“ gewirkt. 1971 erschien in der LCB-Editionen – einer Publikationsreihe, in der ausschließlich namhafte Autoren, darunter Thomas Bernhard, Günter Eich, Max Frisch, Günter Grass veröffentlichten – der Band „Rezensierte Gedichte“ von Günther Schulz. Diese 37 Gedichte sind sein fulminantes Entrée in die deutsche Literatur. Einmalig!

Der eigentliche Titel des Gedichts besteht aus nur einem einzigen Wort: NACHRUF. Die drei folgenden Zeilen, die typografisch wie eine Fortsetzung des Titels erscheinen, erfüllen jedoch eine andere Funktion: Sie bilden eine Widmung. Diese Widmung nennt den Adressaten, den Ort und die Herkunft – und markiert damit die konkrete Topographie des Verlustes.

Die Zeilen „EINEM 26-JÄHRIGEN / SANITÄTER IN WALDHÜTTEN-SIEBENBÜRGEN / HINTER DEM WALD“ entfalten eine stille, fast dokumentarische Genauigkeit. Sie verankern den Nachruf in einer individuellen Biographie und in einem geografischen wie historischen Raum, der nicht erklärt, sondern lediglich benannt wird. Für Eingeweihte liegen in dieser „langen Überschrift“ bereits mehrere deutliche Hinweise.

Der ungewöhnlich weit gespannte Titel entfaltet damit schon vor dem ersten Vers ein dichtes Bedeutungsnetz. Die Bindestrichfügung „Waldhütten-Siebenbürgen“ verbindet den Dorfnamen Waldhütten mit der Bezeichnung der Region und macht beide zu einem einzigen, untrennbaren Ort. Die abschließende Zeile „hinter dem Wald“ ist mehr als eine poetische Ortsangabe: Sie ruft den historischen Namen Siebenbürgens ein zweites Mal auf – jenes trans silva, das in der lateinischen Überlieferung schlicht „jenseits des Waldes“ bedeutet.

Die durchgehenden Majuskeln wirken wie ein stummes Register. Ohne Interpunktion bleibt offen, wo eine Einheit endet und die nächste beginnt.

Gleichzeitig bricht der Dichter Günther Schulz bewusst die Erwartung, die ein „Nachruf“ weckt: Auf den stillen, fast rituellen Titel folgt als erste Zeile des Gedichts ein einzelnes, eruptives Wort — „laut“.

„laut … bellen die füchse“: ein Aufschrei, der den Leser aus der Haltung des Gedenkens reißt und ihn zwingt, genauer hinzuhören. Die Füchse bellen nicht zufällig laut; sie markieren den Riss zwischen Titel und Text, zwischen Stille und Alarm, zwischen der Würde des Nachrufs und der Unruhe der Welt, in der dieser Tod stattgefunden hat. Es ist ein erstes Aufmerken, bevor sich die Landschaft öffnet: „hinter den apfelbaumbergen bellen die füchse“.

Das Gedicht umfasst sechs Strophen unterschiedlicher Länge, wodurch bereits im Aufbau eine leichte Spannung entsteht. Gleich zu Beginn erscheint ein Kompositum, das vertraut wirkt und doch eine poetische Neuschöpfung ist: „apfelbaumberge“. Die Landschaft wird damit nicht nur beschrieben, sondern als Vorbote eines drohenden Unheils einbezogen: Hinter den Apfelbaumbergen bellen die Füchse in die Nacht. Nur Eingeweihte wissen, dass in Waldhütten in Siebenbürgen, „hinter dem Wald“, die sächsische Mundart der Siebenbürger Sachsen gesprochen wird – ein kultureller Hinweis, der im Gedicht unaufdringlich mitschwingt: ... die Füchse bellen in die „sächsische strohfeuernacht“.

Erneut begegnet man einer dichterischen Neuschöpfung: „strohfeuernacht“, ein Bild, das die bedrohliche Atmosphäre verdichtet. Die Kassandra-Rufe, das laute, unheilverkündende Bellen der Füchse, wirken wie akustische Vorzeichen des Kommenden.

Das Strohfeuer, das kurz aufflammt und rasch erlischt, wird zum Bild eines Lebens, das zu früh endet. Und während „in heimlicher mundart östlich der schnee träumt“, verwandelt sich die Landschaft selbst in Sprache: eine Mundart, die heimlich geworden ist; ein Schnee, der nicht fällt, sondern träumt; ein Osten, der nicht nur geografisch, sondern geschichtlich ist.

Erst nach dieser tastenden Annäherung tritt der Tod hervor: „dort ist: schon bald vor vier jahr mein großer bruder verschieden.“ Das Wort „verschieden“ verleiht dem Tod eine stille Würde, doch wird die Würde gebrochen durch das Bild, das folgt: „auf einem maisblättersack im waldhüttenfrieden“. Abermals finden sich hier gleich zwei Wortzusammensetzungen, die vertraut, familiär wirken, dennoch Neuschöpfungen des Dichters sind. Dass der Bruder auf einem Maisblättersack stirbt, bedeutet: Er stirbt nicht behütet, nicht versorgt, sondern abgelegt, abseits, im Einfachsten. Der „waldhüttenfrieden“ ist kein Frieden, sondern ein Zustand der Stille und Starre, der Unbehaustheit – ein Frieden, der nicht gewählt, sondern ertragen wird.

Doch erst die nächste Zeile des Gedichts öffnet den historischen Raum: „an deutschen utopien verschieden“. Der Tod ist nicht nur ein privates Ereignis, sondern ein politisches. „Deutsche Utopien“ – das sind Ideale, Hoffnungen, Sehnsüchte, die unerfüllt geblieben sind. Der Bruder stirbt an einer Idee, die größer war als er und die ihn nicht geschützt hat. Und als das Gedicht sagt, er sei „mit seiner rumänischen lieben verscholl’n“, wird deutlich, dass er zwischen zwei Zugehörigkeiten lebte, zwischen zwei Sprachen, zwei Welten. „Verscholl’n“ ist stärker als „gestorben“: Es bedeutet, dass jemand nicht nur fehlt, sondern nicht mehr auffindbar ist.

Berührend ist, wie der Bruder im Gedicht erscheint: nicht klar umrissen, sondern in einer Schwebe zwischen „verschieden“ und „verscholl’n“ – zwei Wörter, die einander umkreisen. Das eine benennt den eingetretenen Tod, das andere ein ungesehenes Verschwinden. In dieser Überlagerung entsteht ein Raum, der sich nicht schließen lässt: Der Verlust ist gewiss, doch bleibt etwas offen, Unabgegoltenes. Der Bruder steht halb im Licht, halb im Schatten; sein Tod ist ein Wissen, das sich nicht ganz fassen lässt. Diese leise Unruhe legt sich wie ein Schleier über das Gedicht und erklärt, warum Schulz mit Andeutungen arbeitet: weil auch die Wirklichkeit nicht eindeutig war, nicht eindeutig sein durfte!

Nach dem Tod auf dem Maisblättersack und dem Verschwinden des Bruders setzt das Gedicht mit einer leisen, aber entschiedenen Wendung ein: „und jetzt“. Dieses „jetzt“ ist kein bloßes Danach, sondern der Moment, in dem die Landschaft selbst zu handeln beginnt.

Die Erinnerung, die Rückblende in eine Zeit „schon bald vor vier jahr“, findet hier ihr Ende. Die Wunden jedoch bleiben offen; Ruhe kann nicht einkehren.

Der Ausdruck „das weiße vom himmel herunter holen“ ist eine Konstruktion aus mehreren Redensarten, die zu einem neuen, eigentümlichen Bild verschmelzen. Die Wörter „winter“, „weiß“ und „himmel“ reihen sich aneinander und suggerieren den Schneefall – doch im Gedicht geschieht das mit einer Spur von Gewalt.

„Endlich“ holt sich das transsylvanische Dorf des Bruders, weit draußen „am rande der welt“, „das weiße vom himmel herunter“. Der Schnee verdeckt die Spuren. Zurück bleibt eine Welt, die mehr schweigt als spricht. Was war, bleibt bewahrt, doch verborgen. Dieses Schweigen trägt Gewicht: Es zeigt, dass das Vergangene nicht verschwunden ist, sondern nur zugedeckt.

Doch das Gedicht hat seine Wahrheit noch nicht ausgesprochen. Erst die Klammerpassage legt offen, dass dieser Tod nicht harmlos war: „(ich hätte vorausschicken soll’n:“ – ein Satz, der nicht auf ­Vergessen deutet, sondern auf ­Verschweigen. Die Klammer ist kein Nebenraum, sondern ein Geheimraum. Und was darin steht, verändert alles: „als er noch jünger war hat dort mein großer bruder protestiert zur zeit der schweine-“. Die Zeile endet hier mit einem Bindestrich, der kein typografischer Zufall ist, sondern eine bewusste semantische Brechung. ­Damit wird unauffällig hervorgehoben, dass die „zeit der schweine“ bezeichnet wird – so wie Eugène Ionesco 1959 die Zeit der Nashörner als Herrschaft einer totalitären Ideologie verstand. Gemeint ist das politische System, das hier ohne Umschweife benannt wird. Der Protest des Bruders war nicht jugendlicher Übermut, sondern etwas, das Konsequenzen hatte. Der Bindestrich hält den Atem an. Er sagt: Hier beginnt die Wahrheit, und sie ist nicht ungefährlich. Erst in der nächsten Zeile wird das Wort „schlacht“ nachgereicht: „zur zeit der schweine-schlacht“. Durch den Trenn- bzw. Bindestrich, der das Wort weiterführt, wird die Aussage bewusst in eine andere Richtung gelenkt und auf die Schweineschlachtung verwiesen – einen in ländlichen Gegenden selbstverständlichen Brauch zu Beginn des Winters. Die ursprüngliche Doppeldeutigkeit der Situation weitet sich so zu einer Vieldeutigkeit. Die Schweineschlachtung – ein Wort, das bereits Gewalt in sich trägt – ­erscheint hier als Andeutung des Todes des Bruders.

Schulz tastet sogar das Terrain des Absurden ab, wenn er behauptet, der Bruder habe „vielleicht sogar“ gegen die Kälte protestiert. Wenn dieser Protest ein Protest gegen die Kälte war – und diese Kälte ist nicht meteorologisch, sondern sozial, politisch, existenziell –, dann handelt es sich um die Kälte eines Systems, das keinen Widerspruch duldet. Der Bruder hat sich gegen etwas gestellt. Und nun liegt er „verschieden“ auf einem Maisblättersack. Dieser Moment bildet die Klammer, in der das Gedicht seine Maske ablegt und zeigt, dass der Tod kein Zufall war, sondern eine Vorgeschichte hatte; dass der Bruder nicht nur Opfer der Umstände war, sondern jemand, der sich aufgelehnt hat; und dass dieser Widerstand Folgen hatte, die das Gedicht nicht ausspricht, aber unmissverständlich andeutet.

Und so bleibt am Ende nur der Schnee, der „ländlich“ vom Himmel fällt, als wolle er zudecken, was nicht gesagt werden durfte. Das Gedicht ist ein Nachruf – einer, der weiß, dass Nachrufe manchmal das Einzige sind, was von einer Wahrheit übrig bleibt, die nicht ausgesprochen werden konnte.

VORWEGRUF: dem AUTOR Günther Schulz ein AD MULTOS ANNOS! zu seinem 80. Geburtstag im Dezember 2026!

Josef Balazs

Günther Schulz

NACHRUF
EINEM 26-JÄHRIGEN
SANITÄTER IN WALDHÜTTEN-SIEBENBÜRGEN
HINTER DEM WALD

laut
hinter den apfelbaumbergen
bellen die füchse
in die sächsische strohfeuernacht

und in heimlicher mundart
träumt östlich
der schnee

dort ist:
schon bald vor vier jahr
mein großer bruder verschieden auf einem maisblättersack

im waldhüttenfrieden
an deutschen utopien verschieden
mit seiner rumänischen lieben
verscholl’n

und jetzt holt sich endlich im winter
ländlich
das weiße vom himmel herunter
hinter den wäldern
am rande der welt
sein transsylvanisches dorf

(ich hätte vorausschicken soll’n:
als er noch jünger war
hat dort mein großer bruder protestiert
zur zeit der schweine-
schlacht vielleicht sogar
gegen die kälte)

Schlagwörter: Gedicht, Josef Balazs, Hermannstadt

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