Szeklerland und Deltamärchen: Dagmar Dusils erfülltes Reiseversprechen
In einem Sprichwort heißt es: „Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen.“ Umso mehr, wenn Dagmar Dusils verlockendem Ruf im Mai dieses Jahres gleich 28 Reisewillige gefolgt sind. Sie versprach „viel Neues aus der alten Heimat, köstliches Essen, Natur und Kultur“ – und hielt ihr Versprechen.
Einige von uns, darunter Reiseleiter Ciprian (2. v. l.), die im Jagdschloss in Miclos¸oara/Miklósvár (Kr. Covasna) übernachteten, hatten das Glück, den noch sehr jugendlich wirkenden Schlossherrn Graf Tibor Kálnoky, 60, kennenzulernen (r.). Sein Bruder Boris (geb. 1961) ist der Verfasser der Szekler Familiensaga „Ahnenland“ (Droemer-Knaur 2011, Schiller Verlag 2024), beide sind mit dem hier früher oft als Gast weilenden König Charles III. befreundet und zudem verwandt. Übrigens brachte die Flucht aus Siebenbürgen 1944 ihren Großvater Hugó Graf v. Kálnoky enger mit dem Zeichner Fritz Kimm zusammen, der selbst einen Szekler Gutshof in Réty/Reci bewirtschaftete. Im österreichischen Vöcklabruck saßen die beiden Flüchtlingsfamilien vorerst mal jahrelang fest, zum Kaffee traf man sich indes regelmäßig (vgl. hierzu Kimms Gästebuch, heute im Siebenbürgischen Museum – Mittl. Dr. Florian Kimm). Fotos und Bildtexte: Konrad Klein
Nach einer kurzen Runde zum Kennenlernen am Vorabend fühlte sich die gesamte, bunt zusammengewürfelte Reisegesellschaft am nächsten Morgen äußerst geehrt, von Hermannstadts rühriger Bürgermeisterin Astrid Fodor empfangen zu werden. In einem der eleganten Räume des Rathauses am Großen Ring erzählte sie uns von Erreichtem und vielfach noch Geplantem in der Stadt am Zibin. Danach bestieg die Reisegruppe den unter dem Thaliagebäude wartenden eleganten Bus. Der souveräne Busfahrer Daniel wie auch der eloquente, nie hektische Reiseleiter Ciprian waren unsere Begleiter und garantierten eine angenehme Erkundungstour, die uns zunächst ins sonnenbeschienene, unter der krönenden Burg liegende Reps brachte. Da empfing uns ein Mitglied der Kirchengemeinde vor der evangelischen, auf einem gotischen Vorgängerbau errichteten Jakobskirche. Er wies uns auf das wertvolle vorreformatorische Gestühl, die malerische Empore und die Sammlung osmanischer Teppiche hin. Auf der 1726 fertiggestellten Orgel beglückte uns der junge Organist Hellmann, Steffen-Schlandt-Schüler, mit kurzen Musikstücken.
Ein literarisches Intermezzo folgte: Frieder Schuller, Dichter und Filmer, lud ins von ihm renovierte, gemütlich gestaltete ehemalige Pfarrhaus seines Vaters in Katzendorf ein und las bei Kaffee und süßen Köstlichkeiten aus seinen Gedichtbänden. Schließlich fuhren wir in die Harghita-Region, unserem ersten Nachtquartier entgegen. Dieses war das Schloss und die Gästehäuser des Grafen Kálnoky, Nachfahre eines berühmten Szekler Adelsgeschlechtes. Hier in Micloșoara (Miklosvàr) schwingt Tibor Kálnoky das Szepter, den unser findiger Hoffotograf Konrad Klein ausmachen und fotografieren konnte.
Am nächsten Tag wurden wir nach dem Besuch der unitarischen Kirche in Crăciunel, die altarlos einige interessante Fresken beherbergt, nach Ghimeș gekarrt, um die Szeklerkultur und ihre hervorragende Kulinarik im Biotour Ghimeș kennenzulernen; manche erwarben dort auch einige traditionelle Produkte.
Ein interessanter Abstecher führte uns in die unitarische Kirche von Crăciunel/Karácsonyfalva (Kr. Harghita), die kostbare Wandfresken aus der Zeit um 1400 birgt. Sie zeigt auch die berühmte Legende, in der der hl. Ladislaus (Nimbus) mit einem heidnischen Kumanen kämpft, der eine christliche Jungfrau geraubt hatte. Auf dem Foto auch ein barocker Schalldeckel, nicht zu sehen die bemalte Kassettendecke aus Holz. Das noch stark den althergebrachten Traditionen verpflichtete Dorf beeindruckte einen Autor des Magazins National Geographic so sehr, dass er ihm 2025 eine Reportage widmete.
Am folgenden Tag fuhren wir entlang des ältesten Bergmassivs Europas, des Măcin-Gebirges, bis zum stattlichen, im Kreis Tulcea gelegenen und vor knapp 200 Jahren gegründeten Kloster der Hl. Dreieinigkeit, das den Namen Kloster Cocoș erhielt. Schließlich bezogen wir unser, malerisch am Donaustrom gelegenes Hotel in der Hafenstadt Tulcea. Einige erkundeten vor dem Essen noch die Stadt mit ihren Kirchen und Museen, mit der Moschee und dem prunkvollen Mircea der Alte – Denkmal am Hauptplatz.
Am nächsten Morgen ging es mit drei Motorbooten à zehn Mann in den Wasserdschungel des Donaudeltas, dessen Zauber uns bald auf dem Sfântu-Gheorghe-Arm mit seinen vielen Nebenkanälen umfing. Beeindruckend waren vor allem die überwältigende Vielfalt der Vogelarten von Pelikanen und Schwänen bis zu Reihern und Rohrdommeln, wie auch die weiten Schilffelder und die ausgedehnten Teppiche bunter Seerosen. Nach einem halben Tag Erlebniswelt Donaudelta und der dazugehörigen Verköstigung mit Fisch in mehrfachen Variationen fuhren wir am Nachmittag in Konstanza, der beeindruckenden Hafenstadt an der Schwarzmeerküste, ein. Mitten im Zentrum bezogen wir unser neues Hotel, quasi im Schatten des ob seiner Verbannung her nach Tomis traurig dreinschauenden römischen Dichters Ovid. Nach einem opulenten Abendessen wurden wir durch Volksfestklänge in den unruhigen Schlaf begleitet.
Ganz entspannt auf einem Baumskelett trotz unserer drei Schnellboote: Eine Kolonie von Krauskopfpelikanen im Uzlina-See, nahe des Sf. Gheorghe-Seitenarms. Die meisten überwintern an den Küsten des östlichen Mittelmeeres, dem Deltakenner Dr. Klaus Fabritius zufolge verbringen freilich einige den Winter in der Nähe von Fischannahmestellen.
Tags darauf zogen beim Spaziergang durch Konstanza Kirchen, die Werft, die Moschee, Museen und vor allem die Strandpromenade unsere Blicke an. War auf Letzterer zunächst das überdimensionale Denkmal der rumänischen Hohenzollernkönigin Elisabeth (zu Wied), als dichtende Carmen Sylva auch bekannt, zu sehen, so brachte man uns im frisch renovierten Casino zu einer Ausstellung der anderen berühmten rumänischen Königin Maria. Zahlreiche Fotografien zeigten die bildschöne, aus England kommende Monarchin an ihren Lieblings – Aufenthaltsorten: im Rumänien verlorengegangenen Balcic, im neben dem Schloss Peleș (Sinaia) stehenden kleineren „Pelișor“ und in der Törzburg, dem heute als Draculaschloss ausgegebenen „Castelul Bran“.
Aus Zeitmangel mussten wir leider den Besuch des Tropaeum Traiani in Adamclisi auslassen. Dafür erhielten wir erschöpfende Auskunft über alles, was die Weinkultur ausmacht, sowie eine Wein-Verkostung samt schmackhaftem Essen im Empfangszentrum des riesigen Weinbaugebiet Murfatlar, dem größten des Landes. Danach ging es nach Bukarest, wo uns ein plötzlich einsetzender, orkanartiger Wolkenguss die 200 m bis zum Hotel pitschnass werden ließ. Dank Ciprian erreichten wir dennoch mittels Taxi das Athenäum zeitgerecht, wo uns ein attraktives Konzert versprochen worden war. In allerletzter Minute konnten wir unsere Sessel einnehmen und schon griff die farbige, aus England kommende Pianistin Jeneba Kanneh-Mason in die Tasten, um die ersten Takte des herrlichen zweiten Klavierkonzertes von Chopin zu Gehör zu bringen. Nach der Pause, während der wir die bunte Kuppel und die historischen Szenen des berühmten Konzertsaales bestaunten, leitete der bekannte Dirigent Gabriel Bebeșelea mit großer Geste die Wiedergabe der letzten Sinfonie (der 9.) Schuberts, jene mit den „himmlischen Längen“.
Ein wohlverdienter Rosenstrauß für den aus Hermannstadt stammenden Dirigenten Gabriel Bebeșelea am Ende eines unvergesslichen Musikabends im Bukarester Athenäum.
Die Erkundung Bukarests stand am nächsten Tag auf dem Programm. Zunächst wurde das von Peter Jacobi geschaffene Holocaust-Denkmal in Augenschein genommen, ehe wir durch die Innenstadt im Bereich der Calea Victoriei lustwandelnd das Rumänische Nationalmuseum, das beeindruckende CEC – Gebäude, das Haus der Armee und v. a. in Augenschein nahmen. Im „Capșa“, dem berühmten ehemaligen Treffpunkt von Künstlern, Schriftstellern und Politikern, ließen wir es uns bei Kaffee und herrlichen süßen Kreationen gut gehen. Anschließend brachte uns eine Rundfahrt auch zu den beiden Protzbauten der rumänischen Hauptstadt: Ceauşescus unsägliches „Haus des Volkes“ sowie eine in der Nähe neu entstandene, vor lauter Gold der Kuppeln und Dächer blendende, angeblich größte orthodoxe Kathedrale der Welt. Bodenständiger war dann das „Museum des rumänischen Bauern“, in dem bäuerliche Kultur vom Häuschenbau bis zu Trachten, Geschirr und Ikonen vorgeführt wird. Nach all den Besichtigungen garantierte der feucht-fröhliche, von Volkstänzen aufgelockerte und mit gutem Essen bedachte Abend im traditionsreichen „Caru cu bere“ einen wunderschönen Tagesabschluss.
Durch das Prahova-Tal fuhren wir tags darauf zum pittoresk am Fuße des zerklüfteten, hoch aufstrebenden Caraiman-Felsens gelegene Kloster gleichen Namens, wonach wir uns dann noch in Wolkendorf, in den pfarrherrlichen Räumlichkeiten kulinarisch labten. Pfarrer Uwe Seidner, der Sohn des legendären Stolzenburger Pfarrers und Dichters Walther Seidner alias Voltaire, empfing uns gut gelaunt und führte uns bereitwillig durch die Kirchenburg.
Schließlich fuhren wir alle wohlbehalten und um manche neue Eindrücke reicher in Hermannstadt ein, dankten überschwänglich unseren männlichen Begleitern, ließen aber vor allem Dagy Dusil als „Mastermind“ der ganzen Exkursion hochleben und äußerten den lebhaften Wunsch, dass es nicht die letzte derartige Reise gewesen sein möge.
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