21. Oktober 2026

Krieg, Kommunismus, Korruption – und Corona

Erinnert sich noch jemand an die Abstands- und Besuchsregeln während der Corona-Pandemie? Was sich damals wie ein dystopisches Szenario anfühlte und bis heute surreal erscheint, holt Gabriela Adameşteanu mit ihrem neuen Roman „Stimmen auf Abstand“ zurück ins Bewusstsein. Das rumänische Original „Voci la distanţă“ erschien 2022, also während der Pandemie – darum ist der Roman so dicht dran an der Situation, geschrieben unter dem unmittelbaren Eindruck des Corona-Alltags, der sämtliche Bezüge und Beziehungen auf den Kopf stellte.
Die pensionierte Ärztin Anda hat sich aus ihrer Bukarester Wohnung in ein Städtchen in den Bergen zurückgezogen, wo sie im Erdgeschoss einer Villa den Lockdown aussitzt. Erster und zweiter Ehemann sind tot, die erwachsenen Kinder stehen im Ausland schon längst auf eigenen Beinen, der Zwillingsbruder ist seit langer Zeit verschollen – Anda ist in vielerlei Hinsicht allein. Kontakt hält sie mit zwei Freundinnen „auf Abstand“: Lange Telefonate mit Corina in Bukarest und Letiţia in einem französischen Dorf sind ein Versuch, den neuen Alltag zu meistern, führen aber auch regelmäßig aus der Gegenwart in die Biografien und Beziehungen der drei Frauen. Die Juristin Corina, seit der Schulzeit mit Anda befreundet, hilft dieser beim schwer zu ergatternden Impftermin und weiß aus ihrer Arbeit im Legislativrat während der kommunistischen Zeit und nach 1989 im Parlament einige politische Anekdoten und Interna zu berichten. Letiţia, Therapeutin und Schriftstellerin, die „sich für nichts außer für ihren Roman und ihre Erbschaft“ interessiert – so sieht das zumindest Anda –, bemüht sich von Frankreich aus seit der Wende darum, das Erbe zweier ihrer Onkel in Rumänien anzutreten, und benötigt dafür immer wieder Hilfe von Anda, die ja vor Ort ist.

Diese Letiţia ist für Kenner von Gabriela Adameşteanus Werk eine alte Bekannte: Als Letiţia Branea ist sie die Hauptfigur des Romans „Der gleiche Weg an jedem Tag“ (2013). In den Büchern „Das Provisorium der Liebe“ (2021) und „Der Trevi-Brunnen“ (2023) begegnet man ihr als Ehefrau des Dozenten Petru Arcan, den sie betrügt, mit dem sie aber irgendwann Rumänien verlässt, um nach Frankreich zu ziehen – und auch er ist im vorliegenden Band eine „Stimme auf Abstand“, sogar eine doppelte, denn man erahnt ihn einerseits während der Telefonate der Freundinnen im Hintergrund und weiß zugleich, dass er bei Radio Free Europe arbeitet, mit den Menschen also nur über seine Stimme in Kontakt tritt.

Mit Hilfe der Gespräche der Frauen und ihrer Erinnerungen breitet die Autorin Adameşteanu ein Panorama Rumäniens im 20. Jahrhundert vor der Leserschaft aus, das sich aus deren Biografien speist und neben dem Alltäglichen Krieg, Kommunismus, Korruption, Revolution beinhaltet, dazu Unglücks- und Todesfälle sowie skurrile Geschichten und Gerüchte über Politiker, ihre Familien, deren Freunde, weitere Politiker … Höhepunkt ist die Erinnerung an einen Urlaub am Schwarzen Meer vor der politischen Wende in einem Hotel „für Ausländer“, organisiert vom Oberkellner Trif und seiner Frau, deren Kind bei Anda in Behandlung war. „Sie zahlen das Übliche, es ist nichts illegal, und im Übrigen machen Sie sich keine Sorgen!“, ködert Ghiţă „Gigi“ Trif die Ärztin – und sie fährt mit ihrer Familie ins Hotel Amfiteatru in Olimp: „Das Land versank im Elend, und dort herrschten Saus und Braus! Zwei Zimmer, wir und die Kinder, neues Hotel, Essen Erster Klasse, gedämpfte Musik, ABBA, Led Zeppelin, Pink Floyd, Deep Purple“. Die schwedische Popband ABBA soll in dieser Aufzählung „westlicher“ Musikgruppen besonders hervorgehoben werden, denn ihr Song „The Winner Takes It All“ aus dem Jahr 1980 begleitet Anda durch ihr Leben, wird im Roman mehrfach zitiert und spielte auch für Gabriela Adameşteanu eine prägende Rolle, wie sie bei einer Veranstaltung zu ihrem neuen Buch in München im Frühling dieses Jahres erzählte. Am Ende bekommt der Gewinner eben alles, und den anderen bleibt nichts – eine pessimistische (oder realistische?) Ansicht, die auf die Figur Anda rekurriert, die nüchtern feststellt: „Ich habe mich immer um alle gekümmert, um mich kümmert sich keiner“.

Der Roman „Stimmen auf Abstand“, der vom preisgekrönten Autor und Übersetzer Jan Koneffke mit gutem Gespür für das deutsche Publikum übertragen wurde (davon zeugt allein schon die Liste seiner Anmerkungen im Anhang), ist ein Buch ohne klassische Handlung, das von den Reflexionen seiner Hauptfigur getragen wird, die sich wie ein Netz über Zeiten und Räume ausbreiten. Andas Bewusstseinsströmen lässt sich nicht immer so leicht folgen, und sie führen auch nicht immer an ein ausgewiesenes erzählerisches Ziel – als Leser bleibt man tatsächlich „auf Abstand“ zu den Figuren und kann keine rechte Sympathie für sie entwickeln. Die Stärke des reflexiven Romans ist seine historische Tiefe: Gabriela Adameşteanu gelingt es, die Vergangenheit Rumäniens erzählerisch so mit der Gegenwart, in der das Land als Demokratie zur EU gehört, zu verknüpfen, dass eine europäische Dimension zu Tage tritt.

Doris Roth

Gabriela Adameşteanu: „Stimmen auf Abstand“. Roman. Aus dem Rumänischen von Jan Koneffke. Wallstein Verlag, Göttingen, 2026, 383 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-8353-6086-0

Schlagwörter: Adameşteanu, Roman, Literatur

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