Von der zärtlichen Poesie des Wortes „Zuwendungsgeber“/IKGS feiert 25-jähriges Jubiläum in München
Zu einem Festakt anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hatte das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München am 22. Oktober in die bayerische Landeshauptstadt eingeladen. Im prachtvollen Ambiente der Kaulbach-Villa waren Gäste aus Wissenschaft, Kultur, Literatur, Politik und Zivilgesellschaft zusammengekommen, um Wegbegleiter und Akteure des IKGS zu würdigen und zu feiern. Der Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. war vertreten durch den Bundesvorsitzenden Rainer Lehni, seine Stellvertreterin Heidi Mößner (auch Vorsitzende des Vereins Siebenbürgisches Kulturzentrum Schloss Horneck), den Landesvorsitzenden in Bayern, Manfred Binder, und die Bundeskulturreferentin Dagmar Seck. Flankiert wurde der Festakt von der Jubiläumstagung „Die Zukunft von Gestern“, die am 22. und 23. Oktober ebenfalls in der historischen Kaulbach-Villa stattfand.
Fotos: Markus Hirner„Was für ein Publikum, was für ein Rahmen, was für ein Fest!“ So begrüßte Dr. Dr. h.c. Florian Kührer-Wielach, Direktor des IKGS, die Festgesellschaft und ging eingangs kurz auf die Geschichte des Südostdeutschen Kulturwerks (SOKW), Vorgängerinstitution des IKGS, ein, dessen Mission es gewesen sei, das deutsche Erbe Südosteuropas und des östlichen Mitteleuropas zu bewahren, zu erforschen und zu vermitteln – der heutigen also gar nicht so unähnlich. Der Weg vom SOKW zum IKGS sei ein Weg der Professionalisierung gewesen, „ein Weg, der nie zu Ende gegangen wird, sondern stete Erneuerung braucht“. Der Wandel vom Kulturwerk zum Institut (seit 2004 auch An-Institut der LMU) sei ein großer Schritt in Richtung wissenschaftlicher Satisfaktionsfähigkeit gewesen, der es ermögliche, Teil einer internationalen Scientific Community zu sein. Kernauftrag des IKGS sei die Bewahrung, Erforschung und Vermittlung der deutschen Kultur und Geschichte des Donau-Karpaten-Raums auf Basis von Paragraf 96 des Bundesvertriebenengesetzes, was unter anderem in Zusammenarbeit mit jenen Verbänden und Vereinen, Einrichtungen, Mittlerorganisationen und Netzwerken geschehe, die diesem Forschungs- und Förderbereich besonders nahe sind. Genügend Ressourcen für diese Arbeit zur Verfügung zu stellen, sei Aufgabe des institutionellen Zuwendungsgebers. „Lange Jahre war dies der BKM, seit vergangenem Jahr ist es das Bundesinnenministerium“, so Kührer-Wielach, und weiter: „Die Basis der IKGS-Arbeit ist die Forschung, jedoch schlagen wir in unserem Haus stets die Brücke zur Literatur. Und deswegen möchte ich an dieser Stelle gerne auf die zärtliche Poesie hinweisen, die das Wort ‚Zuwendungsgeber‘ entfaltet, wenn man es ganz für sich allein wirken lässt und nicht ausschließlich auf den finanziellen und administrativen Aspekten dieses Begriffs insistiert.“ Auch der Freistaat Bayern habe Mittel zur Verfügung gestellt, um unter anderem Schätze aus dem Dokumenten- und Fotoarchiv des IKGS zu heben, darunter der Nachlass von Heinrich Zillich, der in Kürze in Form eines digitalen Lesesaals „von überall dort, wo es Internet gibt“, zur Verfügung steht – ein „Leuchtturmprojekt“.IKGS-Direktor Dr. Dr. h.c. Florian Kührer-Wielach begrüßt die Festgäste.
Ab Januar 2027 wird es eine Stelle für Wissenschaftskommunikation geben, ebenso wird im kommenden Jahr die Kulturreferentin für Siebenbürgen, den Karpatenraum, Bessarabien und die Dobrudscha, Dr. Heinke Fabritius, von Gundelsheim nach München wechseln und als Teil des IKGS-Teams wirken. Zudem geht die 2022 begonnene humanitäre Unterstützung an der und um die Universität Czernowitz weiter, wie Kührer-Wielach berichtete. Spenden in Höhe von über 700 000 Euro wurden bisher eingeworben und dorthin gebracht, wo sie am dringendsten gebraucht werden, aber es bleibt der Wunsch nach „Freiheit und Frieden“. Der IKGS-Direktor bedankte sich bei seinen Kolleginnen und Kollegen, „die sich Tag für Tag einer großen Vielfalt an Aufgaben stellen und dabei mit Freude und Humor ans Werk gehen“. Besonders hob er den Verwaltungsleiter Martin Slavicek hervor, der in wenigen Monaten in Rente geht und dessen Einsatz es zu verdanken sei, dass das IKGS so solide und verlässlich dastehe. Ein besonderer Dank ging an Dr. Carlos Alberto Haas, Geschäftsführer des Historischen Kollegs, das seinen Sitz in der Kaulbach-Villa hat und als Kooperationspartner des Festakts und der Jubiläumstagung für den würdigen Rahmen gesorgt hatte.Von links: Prof. Dr. Claudia Maria Riehl, Dr. Petra Loibl, Dr. Bernd Fabritius, dahinter Serhij Lukanjuk, rechts vorne Thomas Şindilariu.
Grußworte sprachen Prof. Dr. Claudia Maria Riehl, Vorstandsvorsitzende des IKGS, Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Petra Loibl, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, Thomas Şindilariu, Unterstaatssekretär im Departement für Interethnische Beziehungen der Regierung Rumäniens, und Serhij Lukanjuk, Leiter des International Office der Jurij-Fedkowytsch-Universität Tscherniwzi/Czernowitz, die sich alle voll des Lobes für die großartige und wichtige Arbeit des IKGS zeigten und ihre Unterstützung auch für die Zukunft zusagten. Riehl lobte die Ausweitung des Forschungsfeldes und das Voranschreiten in der Digitalisierung und erkannte einen „Beitrag für die Zivilgesellschaft“, Fabritius attestierte dem Institut, das nicht nur Geschichte untersuche, sondern auch schreibe, „wissenschaftliche Pionierarbeit“, Loibl bedankte sich beim „hoch motivierten, fachlich kompetenten Team“ für die kontinuierliche Hilfe bei ihrer eigenen Arbeit, Şindilariu subsummierte seine zahlreichen Erfahrungen und Erinnerungen am und mit dem IKGS mit dem programmatischen Ausruf „mit uns am Tisch, nicht über unsere Köpfe hinweg“, und Lukanjuk, der sichtlich gerührt war, hob das zivilgesellschaftliche Engagement des Instituts, „treuer Partner seit 2014“, seit den ersten Tages des russischen Angriffs 2022 hervor – ein hoch emotionaler Moment, der bei aller Freude über das Jubiläum einen Realitätsanker auswarf.Terézia Mora (rechts) im Gespräch mit Dr. Enikő Dácz.
Ein Podiumsgespräch mit der vielfach (unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis 2013) ausgezeichneten Schriftstellerin Terézia Mora, das Dr. Enikő Dácz, wissenschaftliche Mitarbeiterin des IKGS, unter dem Titel „Fremd ist der Fremde nur zu Hause“ führte, bildete den Schluss- und Höhepunkt des Festakts. Die 1971 in Sopron (deutsch Ödenburg) in eine ungarndeutsche Familie geborene Mora lebt seit 1990 in Berlin, wo sie Hungarologie und Theaterwissenschaft studierte und sich an der Deutschen Film- und Fernsehakademie zur Drehbuchautorin ausbilden ließ. Als freie Schriftstellerin und Übersetzerin arbeitet sie seit 1998. Ihr Begriff von Zuhause („Schreiben ist mein Zuhause“), ihre Familiengeschichte, ihr Vertreibungstrauma („Meine Oma hat mich damit infiziert, Angst zu haben“) waren Dreh- und Angelpunkt des gleichermaßen unterhaltsamen wie nachdenklich stimmenden Gesprächs, das Enikő Dácz mit feinem Gespür für die Persönlichkeit Moras moderierte.Giorgi Makhoshvili, Slava Cernavca und Dr. Mohcine Ramdan (von links)
Mitreißende Musik kam vom Trio „JISR // Brücke“ mit Slava Cernavca (Klarinetten), Giorgi Makhoshvili (Kontrabass) und Dr. Mohcine Ramdan (Perkussion, Gesang). Die drei Musiker spielten und sangen mit viel Gefühl, Wehmut, Ironie und stellten die Beherrschung ihrer Instrumente sowie ihre Musikalität eindrucksvoll zur Schau, wofür sie vom Publikum zu Recht gefeiert wurden. Der Empfang nach dem Festakt bot den perfekten Rahmen für Gespräche und Geselligkeit und wurde ausgiebig genutzt.
Zur flankierenden zweitägigen Jubiläumstagung waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Polen, Serbien, Tschechien, Kroatien und den USA gekommen. Unter dem Titel „Die Zukunft von Gestern“ nahm die Tagung historische Zukunftsprojektionen deutschsprachiger Gemeinschaften im Beziehungsraum Mittel- und Südosteuropas epochenübergreifend und interdisziplinär in den Blick. Unter anderem referierte Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch über „Carl Wolff als Modernisierer der siebenbürgisch-sächsischen Wirtschaft und Gesellschaft“, Réka Jakabházi über „‚Heilige Barbaren?‘ Zukunftsprojektionen und kulturelle Selbstverortung in der rumäniendeutschen Zeitschrift Neue Literatur“ und Raluca Cernahoschi über „Spannungsfeld Südkarpaten. Reflektierte Visionen des Siebenbürgischen Karpatenvereins am Ende des 20. Jahrhunderts“. Ein Round Table über „Aktuelle Zukunftsperspektiven“ beschäftigte sich zum Abschluss mit der Vermittlung von Deutsch als Minderheiten- bzw. Fremdsprache in den ehemals deutsch besiedelten Gebieten Südosteuropas und formulierte verschiedene Anliegen: Eltern einbeziehen, Lehrer schulen, Anreize für Germanistikstudenten finden, Vernetzung der einzelnen Minderheiten stärken, Foren zum Austausch schaffen und Mehrsprachigkeit ins Bewusstsein rufen waren einige Wünsche, die Elisabeth Knipf-Komlósi (Budapest), Claudia Maria Riehl (München), Andrei Corbea-Hoişie (Jassy) und Thomas Şindilariu (Bukarest) unter der ebenso launigen wie kompetenten Gesprächsführung von Florian Kührer-Wielach formulierten.Es ging auch lustig zu beim Round Table. Foto: Doris Roth
Ein Vierteljahrhundert IKGS war ein guter Zeitpunkt, um innezuhalten, Vergangenes Revue passieren zu lassen und die letzten 25 Jahre gebührend zu feiern. Jetzt geht die Arbeit getreu dem Institutsmotto „bewahren – erforschen – vermitteln“ weiter: „Wir folgen der großen Erzählung und den vielen kleinen Episoden vom Aufbrechen, Ankommen, Heimkehren die Donau hinab, die Karpaten hinauf. Denn unsere Aufgabe ist es, die Erinnerung an diese Geschichten zu bewahren, sie wissenschaftlich einzuordnen, zu erforschen und einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln: aus Geschichten wird Geschichte.“
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