2. Februar 2007

150 Jahren seit Erscheinen der "Siebenbürgischen Sagen"

Vor 150 Jahren erschienen die „Siebenbürgischen Sagen“, die volkstümliche Sammlung des Historikers, Volkskundlers und Sagenforschers Friedrich Müller. Das Werk, in dem Müller nicht nur deutsche, sondern auch ungarische und rumänische sowie Zigeunersagen aufgenommen hat, veröffentlichte er 1857 in Kronstadt. Die zweite Auflage erschien 1885 im Wiener Graeser-Verlag und gilt bis heute als Referenzwerk. 1972 brachte Misch Orend im Schwarz Verlag, Göttingen einen Nachdruck jener Ausgabe heraus.
Friedrich Müller wurde 1828 in Schäßburg geboren. Von 1846 bis 1848 studierte er evangelische Theologie, Geschichte und Philologie in Leipzig und Berlin. Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt arbeitete er als Gymnasiallehrer und Rektor des Schäßburger Gymnasiums. 1874 wurde er Stadtpfarrer in Hermannstadt und war schließlich von 1893 bis 1906 Bischof der Evangelischen Kirche in Siebenbürgen. 1915 starb Müller in Hermannstadt.

Seine Hinterlassenschaft, die „Siebenbürgischen Sagen“, ist ein Werk mit breitgefächerter Thematik. Insgesamt 620 Texte umfasst die Sammlung mythischer und historischer Sagen. Müller schrieb sein Sagengut aus mündlicher Überlieferung auf sowie aus deutschen und ungarischen Quellen, soweit sie sich auf den siebenbürgischen Raum bezogen. In den meisten Fällen vermerkte er den Herkunftsort der Mythen. Neben ausführlich erzählten Sagen wird auch sagenartiger Aberglaube festgehalten. So soll es zum Beispiel gefährlich sein in einen Brunnen hinunter zu blicken, denn es heißt: „Brannefra,, Brannefra, zap mich än den Brannen“. Pestepidemien sollen erst ausbrechen, „wonn de nacktich Med kit“. Oder es heißt, dass die Kokel trügerisch sei, sie müsse jedes Jahr einen Menschen haben.

Viele Sagen sind noch lebendig, sie werden erzählt und weiter erzählt. Eine davon besagt, dass das Türmchen auf der Steilau in Schäßburg das Grabmal eines türkischen Paschas und seines Elefanten sei. Bei einer Belagerung der Stadt habe ein wohlgezielter Kanonenschuss aus dem Goldschmiedeturm den Pascha und seinen Elefanten niedergestreckt. Gleichzeitig heißt es aber auch, dass dieses Türmchen ein Bildstock für ein Heiligenbild sei, beispielweise für die Heilige Katharina. So kann man das Türmchen fragen: „Kathrenchen, wat host tes het gekocht? Und et antwert: ‚Näst!’“

Eine der schönsten Sagen aus Müllers Sammlung handelt vom Studenten in der Zinne und ist ein Symbol für die Relativität von Zeit und Raum. Ein Kronstädter Student lernt die Predigt, die er halten soll, auf einem Spaziergang auf der Zinne. Auf einmal lockt ihn ein Vögelchen in eine Felsspalte und er gelangt in eine erstaunliche, reiche unterirdische Welt. Auf dem gleichen Weg bald wieder ins Freie gelangt, wandert er nach Kronstadt zurück. Doch vieles scheint ihm fremd und verändert. Auch in seiner Schule erkennt er niemanden mehr, der Rektor aber erinnert sich: Auf den Tag genau vor einhundert Jahren sei ein Student aus der Schule spurlos verschwunden. Als er dies sagt, fällt der Student tot um und es bleibt von ihm nur ein Häufchen Asche übrig.

Müllers Sagen dienten wiederholt als Inspirationsquelle und lieferten Vorbilder für Dichtungen in Vers und Prosa. Seine Sammlung ist bis in die Gegenwart das Standardwerk für die sächsische Sagenkunde geblieben. So wie er die Sagen den Schulen „zu treuer Pflege“ ans Herz gelegt hatte, so waren sie in den Schulbüchern ein immer wiederkehrender Lesestoff.

Walter Roth

Schlagwörter: Persönlichkeiten, Bücher, Bischof, Brauchtum

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