19. August 2007

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Gudrun Schusters Buch "Leben mit und gegen Ideologien"

Ihrem vor wenigen Monaten im Kronstädter Aldus-Verlag erschienenen Buch hat die Autorin ein Zitat aus Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster vorangestellt: "Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd." Diese Erkenntnis bestätigt sich offenkundig auch in der Lebenserfahrung der Germanistin und langjährigen Deutschlehrerin am Kronstädter "Honterus-Lyzeum", Gudrun Schuster.
Allerdings ist es ihr erklärtes Ziel, das Vergangene, statt es zu verdrängen, auf seine Identität stiftende Wirkung hin zu durchleuchten und seiner vielfältigen Verankerung im persönlichen und kollektiven Bewusstsein ihrer Zeitgenossen nachzugehen. Denn, so die Verfasserin in ihrem Vorwort: "Eine Erkundungsreise in die eigene Vergangenheit mit der Absicht zu verstehen, inwieweit selektive und selektierte Teilurteile, perpetuierte und überlieferte, mitunter auch sorgsam gepflegte Urteile und Vorurteile die Wahrnehmung von früher Kindheit an und während der gesamten Sozialisation, die ja nie abgeschlossen ist, bestimmen, kann ein interessantes Unterfangen sein, besonders auch dann, wenn man von Berufs wegen im Erziehungsprozess der jungen Generation sozusagen täglich mit den politischen und ethischen Desideraten einer Gesellschaft konfrontiert wird." (S. 6)

l ... Die Vergangenheit, auf die die Autorin (Jahrgang 1939) zurückblicken kann, ist in hohem Maße geprägt von Ideologien unterschiedlicher Couleur: Dem völkisch-nationalen Wahn der 30er und frühen 40er Jahre folgte, in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, das ganz Osteuropa umfassende Gespenst des Kommunismus mit seinen repressiv-totalitären Herrschaftsstrukturen, dem erst die - teils "sanften", teils Menschenopfer erfordernden - Befreiungsbewegungen der späten 80er Jahre ein Ende setzten. Ideologien, schreibt Gudrun Schuster in Anlehnung an eine bereits bei Marx und Engels nachzulesende Definition, sind stets ein "Mittel zur Aufrechterhaltung von Herrschaft durch Rechtfertigung einer gesellschaftlichen Realität auf Kosten der Erkenntnis". (S. 124) Sie dienen der Verführung, der Vereinnahmung, der Unterdrückung freiheitlicher Bestrebungen. Wie aber wirkt sich eine systematisch betriebene Ideologisierung von Kultur- und Erziehungseinrichtungen auf die Sozialisation des Einzelnen aus? Wie geht man, im öffentlichen Leben stehend, (als Künstler, Wissenschaftler, Journalist oder Lehrer) mit den ideologischen Zwängen eines totalitären Staates um? Wie reagiert man auf eine immer größer werdende Kluft zwischen einem öffentlichen, von den Herrschenden sanktionierten Werte- und Normensystem und den privaten - historisch gewachsenen, in der Tradition verankerten und innerhalb der Familie erworbenen - Grundüberzeugungen? Wie kann man sich einrichten in dem engen Raum zwischen Anpassung und Verweigerung, zwischen Konformismus und Selbstbewahrung? Und vor allem: Wie schlägt sich ideologische Vereinnahmung - oder auch deren kritische Reflexion und gezielte Abwehr - in der Sprache nieder? Das sind nur einige der Fragen, denen ein Großteil der Beiträge dieses Bandes nachgeht. Innerhalb des thematischen Rahmens, den der Titel des Buches absteckt, bringt Gudrun Schuster eine Vielzahl unterschiedlicher Texte unter, die sich hinsichtlich der Stilform und des methodischen Ansatzes in drei Kategorien gliedern lassen: wissenschaftliche Aufsätze (4 Beiträge), Erfahrungsberichte (5) und Rezensionen (22).

Zwei der Aufsätze, die den Band eröffnen, widmen sich der Untersuchung von Ausdrucksformen und Wirkungsmechanismen ideologischer Sprachregelung und deren Beitrag zur Etablierung stereotyper und ideologisch verfestigter Wahrnehmungsmuster. "An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen..." So überschreibt Gudrun Schuster den ersten Beitrag ihres Bandes, in dem sie, unter Berücksichtigung des von einem fortschreitenden Sprachwandlungsprozess geprägten sozialen und politischen Kontexts, Stil- und Sprachmerkmale in Texten der Zeitschrift Klingsor untersucht. Und da die Sprache, heißt es darin, immer auch "Wesensausdruck" ihrer Zeit ist (vgl. S. 11), können die Ergebnisse solcher Recherche "für uns Nachgeborene [...] mindestens so aufschlussreich [sein] wie historische, sozial-politische oder sozial-moralische Interpretationen und Urteile aus dem Blickwinkel der Jetzt-Zeit." (S. 11) Mit wissenschaftlicher Akkuratesse trägt die Autorin Fakten, Daten, Beispiele zusammen und belegt dabei in überzeugender Weise die allgemeine Emotionalisierung, Mythisierung und Metaphorisierung, nicht zuletzt auch Militarisierung der Sprache in dem analysierten Zeitraum, hinterfragt Ursprung und Wirkung sprachlicher Stereotype und wirft abschließend auch die Frage auf, inwiefern uns Heutigen ein Urteil über jene zusteht, die ihre Sprache - bewusst oder unbewusst - herrschenden Ideologien dienstbar machten. Ihre klare Antwort: Auch fehlende Einsicht in die Ideologielastigkeit sprachlichen Ausdrucks kann nicht als Entschuldigung gelten, schon gar nicht bei einem Schriftsteller, "ist doch gerade der bewusste Umgang mit Sprache eine conditio sine qua non seines Berufes." (S. 38)

Nicht weniger interessant liest sich der Aufsatz, in dem die Verfasserin Erscheinungsformen und Entwicklungstendenzen "Deutsche[r] Sprache unter rumänischer Diktatur" untersucht. Ausgehend von einer präzisen Beschreibung der Rahmenbedingungen, unter denen die Entwicklung der deutschen Literatursprache im Rumänien der 1980er Jahre stattfand, weist Gudrun Schuster auf der Basis exemplarischer Sprachanalysen nach, wie sich, neben der zuweilen bis zur Unleserlichkeit entstellten Sprache der politischen Tagespresse, auch eine dichterische Sprache behaupten konnte, der Authentizität und Wahrhaftigkeit bescheinigt werden muss und die, wenn auch nicht als Ausdruck aktiver Opposition, so doch als Beleg für eine Lebens- und Geisteshaltung zu werten ist, die zumindest eine "Nichtvereinnahmung" (S. 123) durch die herrschende Ideologie für sich in Anspruch nehmen kann.

Ein weiterer Aufsatz beschäftigt sich mit den Romanen Adolf Meschendörfers und beleuchtet dabei vor allem deren autobiografische Bezüge ("Ein Leben - ein Roman, drei Romane - ein Leben"), ein letzter schließlich dokumentiert und würdigt die "Übersetzungen belletristischer Texte in der Zeitschrift Die Karpathen (1907-1914) und in der Wochenschrift Karpatenrundschau (1980-1990)". Ein für weitere Recherchen sicherlich sehr hilfreiches Verzeichnis bietet im Anhang einen - nach Jahrgängen und Textsorten gegliederten - Überblick über sämtliche in den erwähnten Jahrgängen erschienenen Übersetzungen.

Zu den bemerkenswertesten Beiträgen des Bandes gehören die als "Erfahrungsberichte" ausgewiesenen Texte, in denen die Autorin "Schule und Ideologie im sozialistischen Rumänien im Lichte eigener Sozialisationserfahrungen" beleuchtet, den "Disziplinbegriff in den deutschen Schulen Siebenbürgens" untersucht, die Fortführung siebenbürgisch-deutscher Schultradition unter veränderten Bedingungen in der Zeit nach 1948 aus Schüler- und Lehrersicht beschreibt, die geschichtliche Entwicklung und Bedeutung der "Schülerolympiaden" in Rumänien aufzeigt und schließlich die sich "zwischen ideologischen Vorgaben und Narrenfreiheit" bewegende Tätigkeit des "Fachzirkel[s] der Deutschlehrer des Kreises Kronstadt", dessen Ziele, Aufgaben und Wirkung darstellt. Wenngleich diese Berichte neben der eigenen Erfahrung auch auf ein breit angelegtes (schul)historisches, sozialwissenschaftliches und politisch- zeitgeschichtliches Hintergrundwissen zurückgreifen, so bleiben sie doch naturgemäß bis zu einem gewissen Grade subjektiv, Ausdruck einer ganz persönlichen, aus der individuellen Biographie erwachsenen Lebenserfahrung. Werden solche Beiträge aber der Epoche, über die sie berichten, auch gerecht? Wie aussagekräftig sind sie für den Leser, der um eine differenzierte Betrachtung und um ein objektives Urteil bemüht ist? Gudrun Schuster selbst setzt sich an anderer Stelle mit diesen Fragen auseinander. In ihrer Rezension zu dem Jubiläumsband der Honterus-Abiturienten 1954, den sie mit der Überschrift "Geschichtsschreibung von unten" versieht, heißt es: "Selbst wenn mittlerweile auch die ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Tagungen, Symposien und Veröffentlichungen zum Thema Zeitgeschichte boomen, bleibt es unverzichtbare Aufgabe der Zeitzeugen, ihre Geschichte, ihre Sicht der erfahrenen und erlebten Ereignisse [...] zu dokumentieren. [...] Zwar sind offizielle Verlautbarungen, im Druck erschienene Gesetze und Regierungsbeschlüsse, politische Kommentare in der Presse und die Auswertung von anderen Archivalien gewiss sehr wichtige Quellen der Forschung, nicht weniger jedoch [...] die 'oral history', die Zeitzeugenbefragung, mit einem Wort: die Individual-'Geschichten'. Erst die Gegenüberstellung unterschiedlicher Quellen ergibt ein annähernd reales Zeitbild." (S. 368) So betrachtet können sicher auch die in diesem Band enthaltenen Erfahrungsberichte interessante Schlaglichter auf einzelne Aspekte einer Epoche werfen, mit der sich Gudrun Schuster unvoreingenommen und mit klarem analytischem Blick auseinandergesetzt hat.

Die Rezensionen, die den Band ergänzen, stammen aus den Jahren 1989-2006 und befassen sich, wenn auch nicht ausnahmslos, mit Büchern, die, im weitesten Sinne, ebenfalls die Bedingungen menschlicher Existenz unter der Herrschaft von Ideologien thematisieren. Gekonnt und routiniert nähert sich die Autorin den zu besprechenden Büchern, untersucht deren Inhalt, Form und Sprache und findet in den meisten Fällen zu einer ebenso klaren wie auch fairen Wertung. Ihr Urteil formuliert sie ohne unnötige Schärfe und verfällt dabei dennoch nie in platte Lobhudelei.

Sieht man von einigen wenigen Druckfehlern ab, die nachträglich berichtigt wurden, ist der Band sorgfältig ediert und übersichtlich gestaltet. Zahlreiche Anmerkungen dokumentieren das verwendete Quellenmaterial, verweisen auf weiterführende Literatur oder ermöglichen die Einordnung einzelner Untersuchungsergebnisse in größere Zusammenhänge. Die Sprache der meisten Beiträge bleibt, ohne dem wissenschaftlichen Anspruch Abbruch zu tun, klar und verständlich, sodass das Buch nicht nur für Germanisten, (Schul)Historiker und Sozialwissenschaftler eine durchaus ansprechende Lektüre darstellen dürfte.

Ute Rill

Gudrun Schuster: Leben mit und gegen Ideologien. Aufsätze, Erfahrungsberichte, Rezensionen. Kronstadt: Aldus-Verlag 2006, 398 Seiten, ISBN: 978-973-7822-18-5, ISBN 978-3-00-019106-0. Zu bestellen zum Preis von 14,60 Euro im SiebenbuergeR.de-Shop-Portal.

Schlagwörter: Bücher, Schulgeschichte, Zeitgeschichte, Kommunismus, Vergangenheitsbewältigung

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