23. September 2007

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Einmal Aussiedler, immer Aussiedler?

Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde (ENM) in Berlin – Leiterin Bettina Effner – ist heute ein zentraler und wichtiger Ort der Begegnung, Information, Reflexion und Diskussion. Eine ständige museale Ausstellung zum Thema „Flucht im geteilten Deutschland“ sowie zahlreiche museumspädagogische Führungen und Sonderausstellungen vermitteln lebendige Einsichten in die Geschichte der letzten fünfzig Jahre, die bekanntlich von Flucht, Vertreibung, Umsiedlung und Aussiedlung gekennzeichnet sind.
Zu den tausenden ostdeutschen Flüchtlingen, die einst durch diese Stätte „in den Westen“ gingen, gehören bekannte Schriftsteller und Künstler, z.B. Wolf Biermann, Manfred Krug, Dieter Hallervorden, oder Politiker wie Hans Dietrich Genscher und Horst Köhler. Einige Autoren, darunter Julia Frank, Erich Löst, Ines Geipel, Klaus Kodun u.a., veröffentlichten später Bücher, in denen sie von ihren Flüchtlingserlebnissen erzählen.

Vor kurzem fand hier, im Konferenzsaal des Museums, zum ersten Mal eine Begegnung mit einem siebenbürgischen Schriftsteller statt. Dr. Claus Stephani (München) war als Autor und wissenschaftlicher Vertreter einer Erlebnisgeneration, die „als Schicksalsgemeinschaft“ durch „Aussiedlung, Heimatverlust und Entheimatung geprägt ist“, eingeladen worden. Es war eine gemeinsame Veranstaltung der Erinnerungsstätte und des Landesverbandes Berlin und Brandenburg der Siebenbürger Sachsen e.V. Nach der Vorstellung des Gastes durch Dr. Helge Heidemeyer, Vorstandsvorsitzender der ENM moderierte Johann Schöpf seitens des Landesverbandes den Abend. Claus Stephani vor LPG-Plakat in der ENM. Foto: ...Claus Stephani vor LPG-Plakat in der ENM. Foto: Johann Schöpf. Dr. Claus Stephani hielt einen einführenden Vortrag über die verschiedenen Kategorien von „deutschstämmigen und deutschsprachigen Einwanderergruppen“, wobei er als Ethnologe den Schlüsselbegriff Aussiedler und Aspekte ethnischer und kultureller Identität definierte. Die kulturelle Identität basiere im Wesentlichen auf einem „symbolischen Kapital“, das „aus der Summe von Sitten und Bräuchen, Folklore und Lebensweisen, alltäglichen Ritualen und Praktiken“ bestehe. Diese seien „das kulturelle und geistige Mitgepäck“, das die Aussiedler nach Deutschland mitgebracht hätten und dann – je nach Individuum – eine längere oder kürzere Zeit zu bewahren versuchten. Die ethnische Identität hingegen manifestiere sich primär in einem „Zugehörigkeitsgefühl zu einer Bevölkerungsgruppe“. Sie verliere an Bedeutung, wenn der Aussiedler inmitten einer deutschen Landesbevölkerung lebt.

Stephani verdeutlichte die Unterschiede zwischen ethnischer und kultureller Identität, d.h. zwischen der „meist emotionalen Identifizierung einer Aussiedlergruppe“ und den „gesellschaftlichen Aspekten“ der Integration. Hier wies er auf die auftretenden Schwierigkeiten der behördlich gelenkten Integration hin und zitierte den „Aussiedlervolksmund“: „Einmal Aussiedler, immer Aussiedler...“

Im literarischen Teil des Abends las dann Stephani einige satirische Kurzgeschichten, darunter die problematische Erzählung „Der Aussiedler“ aus dem neuen Prosaband „Stunde der Wahrheit“, der Anfang Oktober im Literaturverlag Hans Boldt (Winsen/Luhe) erscheinen wird. Das Buch enthält gegenwartsbezogene Erzählungen zum Thema Spätaussiedler und Ankunft in Deutschland, wobei der Autor sich oft kritisch mit „der alltäglichen Realität im großen Reich der Beamten und ihrer Ämter“ auseinandersetzt. In der anschließenden Diskussion wunderte sich beispielsweise ein bekannter Journalist, dass Stephani in seinen Erzählungen „ganz ohne englische Wörter“ auskomme. Der Autor antwortete, dass er als rumäniendeutscher bzw. siebenbürgischer Schriftsteller „eben ‚nur’ deutsch schreibe“ und ihm die „reiche deutsche Sprache, die er einst in seiner Heimat gelernt und inzwischen ergänzt habe, vollkommen genüge, um sich literarisch mitzuteilen“. Und „wenn ein Volk seine Sprache langsam vergisst, gibt es sich selbst auf“.

So wurde dies eine Begegnung der besonderen Art, „ein Event“, wie ein Zuhörer sagte, denn durch Vortrag und Lesung von Claus Stephani wurden zum ersten Mal auch die Flüchtlinge und Aussiedler aus Siebenbürgen in den thematischen Kontext der Erinnerungsstätte einbezogen. Das ist mit ein Verdienst der rührigen Leitung der Landesverbandes der Siebenbürger Sachsen, denn mit solchen Veranstaltungen werden „deutsche Schicksalbrücken“ deutlich, wie eine junge Teilnehmerin feststellte, die hier zum ersten Mal von der Identitätsproblematik siebenbürgischer Spätaussiedler hörte.

P. M.


Schlagwörter: Lesung, Aussiedlung, Identität

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