3. Dezember 2007

Einblicke geliefert in die Mechanismen der Diktatur

Ein Seminar über den „Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit in Deutschland und Ostmitteleuropa“ mit aufschlussreichen Referaten und angeregten Diskussionen hat im Novem­ber in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen stattgefunden. Der Einladung des aus Siebenbürgen stammenden Studienleiters der Einrichtung, Gustav Bin­der, waren annähernd fünfzig Seminarteilnehmer aus allen Teilen der Bundesrepublik gefolgt, ausgewiesene Fachleute der Zeitgeschichte sowie Angehörige der Erlebnisgeneration, die eindrucksvoll aus ihren bedrückenden Erfahrungen mit der Diktatur berichten konnten.
Den einen thematischen Schwerpunkt des Seminars bildete die kommunistische Diktatur in der ehemaligen DDR und deren Aufarbeitung in der heutigen bundesrepublikanischen Ge­sell­schaft. Dazu lieferte Dr. Winfried Halder, Direk­tor des Gerhart-Hauptmann-Hauses in Düssel­dorf, eine informative Diskus­sionsgrundlage zu Fragen der Rezeption kommunistischen Gedan­kenguts bei den Intellektuellen Deutschlands zwischen 1917 und 1953. Er wies nach, dass sie ab 1924 bestimmt wurde von den innen- und außenpolitischen Entwicklungen im stalinistischen Sowjetstaat und seinem verlängerten Arm, der Kommunistischen Internationale, wo­bei die anfängliche Anziehung sich zunehmend in Abstoßung wandelte angesichts der terroristischen Säuberungen in den 1930er Jahren und des Hitler-Stalin-Pakts von 1939.

Sozaile Verhaltensweisen in der DDR

Über soziale Verhaltensweisen in der diktatorial regierten DDR referierte Dr. Thomas Ahbe, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, anhand eines von ihm entworfenen Generationenmo­dells und äußerte sich in einem zweiten Referat eingehend über die Art, wie sich in der heutigen bundesdeutschen Konsumgesellschaft der Rück­blick auf die Vergangenheit der neuen Bundes­länder dartut und wie er mit „Ostalgie“-Spots oder beschönigenden Reklamekampagnen ge­nutzt wird, während Aussagen über die realdeterminierte Befindlichkeit der Betroffenen im­mer wieder der Profitgier zum Opfer fallen.

Noch immer aktive Präsenz von Stasi-Seilschaften

Mit harten Fakten belegte Freya Klier die Ter­rormaßnahmen des frühen DDR-Regimes an­hand ihres Dokumentarfilms „Verschleppt ans Ende der Welt“ (1993). Die Theaterregisseurin, Filmemacherin und Buch­autorin gehörte in den 1980er Jahren zur regimekritischen Bürger­rechtsbewegung in dem ehemaligen „Arbeiter- und Bauernstaat“ und wurde von dessen Macht­habern 1988 zur Ausreise in die Bundesrepublik gezwungen. Ihr Dokumentarstreifen begleitet drei Frauen auf einer Reise nach Sibirien, wo sie als Zwangsverschickte mehrere Jahre nach Kriegsende in sowjetischen Arbeitslagern verbracht hatten. An den Film schloss sich eine emotionsgeladene Diskussion über die immer noch aktive Präsenz von Stasi-Seilschaften im vereinten Deutschland an, die es nicht vergessen ließ, dass Günter Czernetzky einen Tag zuvor seinen Dokumentarfilm „Deutsche im Gulag“ vorgestellt hatte, der sich durch Authentizität und fundierte Sachkenntnis auszeichnet.

Über seine Stasi-Akte berichtete der heute in Alling lebende Peter Bucher. Der ehemalige Lehrer im nordbayerischen Hof war der DDR-Staatssicherheit bei einem Besuch als angeblicher Spion aufgefallen und wurde bei nachfolgenden Besuchsreisen systematisch verfolgt und bespitzelt. Erst nach Jahren stellte die Behörde fest, dass der Verdacht der „Militärspionage“ gegen ihn unbegründet war, worauf die Akte ohne jede Infragestellung der eigenen Recher­chemethoden geschlossen wurde.

Geheimdienstinformation ohne reale Grund­lage

Die Verbindung zum kommunistischen Ter­rorregime in Rumänien, dem zweiten thematischen Schwerpunkt des Seminars, stellte Georg Herbstritt her, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, der sogenannten Birtler-Behörde. Er referierte sachkundig über die Zusammenarbeit zwischen Stasi und Securitate, die ab 1968 mehr und mehr in gegenseitiges Ausspionieren um­schlug, und gab Auskunft über die Befugnisse und die von der dortigen Oligarchie gesetzten Grenzen des in Rumänien nach deutschem Mus­ter gegründeten „Nationalrats zur Erforschung der Akten des Staatssicherheitsdienstes“ (Consi­liul Naţional de Studiere a Actelor Securităţii Statului – CNSAS). Zu den Entdeckungen, die er gemacht hat, gehört auch das von ihm veröffent­lichte Stasi-Dokument über eine „Gruppe“ von angeblichen „Irredentisten“ und Staatsfeinden in Klausenburg, der u.a. die siebenbürgisch-sächsischen Literaturwissenschaftler und Buch­autoren Michael Markel, Peter Motzan, Franz Hodjak und Brigitte Tontsch angehört haben sollen, eine Geheimdienstinformation, die jeder realen Grund­lage entbehrte.

Gewissenskonflikte sollten nicht verschwiegen werden

Ausführungen über „Kompromisse und Kom­promittierungen“ aus der „Innenansicht“ eines „Kulturschaffenden“ in Rumänien legte Hans Fink, vormals Redakteur der Bukarester Tages­zeitung Neuer Weg, vor. Dabei ging er allerdings weniger auf die „Kompromittierungen“ als auf die „Kompromisse“ ein, sodass sein Vortrag eher den Eindruck einer freundlich rückblickenden Legendenbildung als der schonungslosen Kritik an fragwürdigen sozial-moralischen Verhaltens­weisen, ja diktaturbedingten Verstrickungen erweckte. „Kulturfunktionäre“ aller Art, auch Journalisten, müssen sich die Frage gefallen lassen, ob und wie sie in jener Zeit einerseits zwar den Gemeinschaftsinteressen gedient, an­dererseits aber der Illusion einer Fortdauer des gemeinschaftlichen Lebens der Minderheit unter den Bedingungen des rumänischen Nationalkommunismus Vorschub geleistet haben. Da hat es nämlich Unwägbarkeiten gegeben dort, wo die Grenzen fließend waren zwischen verordneter Regimetreue und vorauseilendem Gehorsam. Daraus resultierende Gewissenskonflikte sollten nicht verschwiegen werden.

Konflikte dieser Art zu fassen, versuchte der ehemalige Stadtpfarrer von Kronstadt, Mathias Pelger, wobei er in seinem Referat „Die Evan­gelische Kirche A.B. in Rumänien und die Secu­ritate“ der seelischen Zerrissenheit nachging, unter der die Mitarbeiter der Kirche in der kom­munistischen Diktatur zu leiden hatten. Nicht zu Unrecht forderte er die Bereitschaft zur Ver­söhnung im Hinblick auf die erzwungenen Ver­fehlungen seiner Amtsbrüder ein, nannte allerdings kaum konkret fassbare Beispiele, an denen seine Forderung hätte festgemacht werden können.

Konfliktsituationen solcher Art gingen Gu­drun und Hannes Schuster nach, indem sie sich auf den Umgang mit der kommunistischen Vergan­genheit in literarischen Werken rumäniendeutscher Schriftsteller bezogen. Die unterschiedliche literarische Aufarbeitung diesbezüglicher Traumata wiesen sie in Prosaarbeiten von Franz Hodjak und Eginald Schlattner nach, die sie mit Textlesungen belegten.

Nicht nur dank der lebhaften Diskussionen zu den einzelnen Programmpunkten, sondern auch dank der gehaltvollen und kenntnisreichen Refe­rate darf die Tagung in Bad Kissingen als ein durchaus messbarer Erfolg gewertet werden. Zudem waren die sich an die Seminartage an­schließenden, zumeist sehr freimütigen Gesprä­che in abendlicher Runde sehr gewinnbringend, und es ist zu hoffen, dass Gustav Binder, der Studienleiter der Bad Kissinger Einrichtung, auch in Zukunft Themen für seine Veranstaltun­gen findet, die derartiges Interesse und derartige Debattierfreude wecken. Seine November-Tagung jedenfalls kann als Anstoß gelten für Unternehmungen ähnlicher Art, obzwar sie dieses Mal weniger den Umgang mit den Mecha­nismen der Diktatur als die Mechanismen der kommunistischen Gewaltherrschaft selbst erörtert hat. Für die Beschreibung von deren Bewäl­tigungsstrategien sowohl unter der Fuchtel des Terrors als auch im Rückblick darauf bleibt genügend Platz für neue, vorurteilsfreie Erörte­rungen. Denen wird sich, es ist zu erwarten, die gastliche Bildungs- und Begegnungsstätte auch in künftigen Veranstaltungen widmen.

ha

Schlagwörter: Kommunismus, Vergangenheitsbewältigung, Securitate

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