25. Dezember 2007

Stadtbücherei von Winnenden stellt Werke von Renate Mildner-Müller aus

Zuerst war der Raum: die Bücherei im neuen Markthaus von Winnenden, im Zentrum jener Kreisstadt nordöstlich von Stuttgart, wo Renate Mildner-Müller seit einigen Jahren lebt und wirkt. Eine Treppe führt hoch zu dem Lesesaal voller bunter Bücher. Wie begegnet die Künst­lerin dieser Welt des gedruckten Wortes? Wie kann für den Besucher der Bücherei durch ihre Bilder, die größtenteils speziell für dieses Wirkungsfeld geschaffen wurden, Lesen zum sinnhaften Erleben werden?
Wir kennen Renate Mildner-Müller auch als Buchillustratorin. Sie geht dabei in eine Ge­schichte hinein, macht sich in Farben und Linien ihr eigenes Bild davon, das mit unseren inneren Bildern beim Lesen eine spannende Beziehung eingeht. Diesmal ist es ganz anders: Bücher stehen hier, Bücher bestehend aus Buchstaben, jenen geheimnisvoll geformten Zeichen, die den Sinn von Sprache tragen oder auch verbergen. Spielerisch leicht verführen Renate Mildner-Mül­lers Werke, den Blick über die bunten Buchrei­hen hinaus auf jene eindeutig weiße Wand darüber zu lenken, wo sie ihren Platz bekommen haben.
Renate Mildner-Müller: „Lesen beflügelt“, Acryl, ...
Renate Mildner-Müller: „Lesen beflügelt“, Acryl, 40 x 60 cm, 2007.
Sie schweben sozusagen über der Vielfalt dieser Bücher. Richtungweisend? Das Schweben ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen. „Flugver­such“ heißt eines davon. Federn erkennt man darauf, ungeordnete Federn, uraltes Schreib­werkzeug. Federn sind auch auf einem weiteren Bild zu sehen, hier bereits in einer Aufwärtsbe­wegung angeordnet, mit geheimnisvollen Buch­staben versehen. „Lesen beflügelt“ ist es betitelt. Der Betrachter wird sozusagen nach oben gehoben und gleichzeitig angeregt, die geheimnisvollen Schriftzeichen zu entziffern: „Ein Buch ist ein Garten, den man in der Tasche trägt“, ist da zu lesen. Dieses arabische Sprichwort steht aber nicht alleine da, es gibt da noch viel mehr Gespiegeltes, Angedeutetes.

Vorherrschend ist auf diesen Bildern ein warmer Orangeton, von den Wänden des Treppen­aufgangs vorgegeben, schafft er zugleich Leucht­signale im Lesesaal selbst. Märchenhaft steigen da drei Weise aus orangefarbenen Bü­chern auf, märchenhaft figürlich. Das kennen wir an Rena­te Mildner-Müller. Literatur und auch Musik liefern ihr häufig Motive, die neben der Beschäf­tigung mit der Liniatur der Schriftzeichen ein Kontinuum im Schaffen der Künst­lerin darstellen. Auch in ihrer Ausstellung in der Kronstäd­ter Galeria Europe im Juni 2006 konnte man das erleben. Dort war es das Lamm aus der rumänischen Volksballade „Mioriţa“, aber auch Papageno, den wir auch in Winnenden entdecken, ebenso wie eine Alphabet-Harmonika oder das Labyrinth-Anonyum. Der Titel, unter dem die Ausstellung in ihrer Heimatstadt lief, „Semne şi figuri“ (Zeichen und Figuren), stellt diese Eigen­art darstellerischer Reflexion deutlich heraus.

Ein zauberhaftes Verwirrspiel mit Lettern, aber auch mit Zahlen, lädt immer wieder ein, sich intensiver auf diese Bilder einzulassen. Kaum ist man sich sicher, etwas erfasst zu ha­ben, führt die Künstlerin den Betrachter schalkhaft in ein noch verwirrenderes Labyrinth. So in „Hexen 1 x 1“, wo wir uns als „Faust“-Kenner schon auf sicherem Terrain wähnen, wären da nicht noch viel mehr ge­heimnisvolle Entspre­chungen von Linien, Pro­portionen, Perspek­tiven.

Aus den abstrahierenden Formen der unterschiedlichsten Schrifttypen entsteht Figürliches, Natürliches oder auch umgekehrt. Das Ginko-Blatt zu Goethes handgeschriebenen Gedicht auf einem Hintergrund, der auf seine Farbenlehre verweist, dazu das Spiegelbild des Textes, allein diese Doppelung erinnert daran, dass es mit un­serer Fähigkeit, Dinge eindeutig zu entziffern, nicht weit her ist. Kunst, auch die von Renate Mildner-Müller, lässt uns vieldeutige Tiefe erahnen:

„Fühlst du nicht an meinen Liedern, Daß ich Eins und doppelt bin.“

Paul Hug, der einstige Bürgermeister von Win­nenden, eröffnete diese Ausstellung zusammen mit dem jetzt amtierenden Norbert Sailer am 5. Oktober. Die Bilder werden ein Jahr lang alle Besucher der Bücherei beflügeln.

Brigitte Stamm-Killyen

Schlagwörter: Malerei, Ausstellung

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