16. November 2008

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Traditionsschule mit europäischer Wertigkeit

Unter dem Titel „Das Stephan-Ludwig-Roth-Lyzeum in Mediasch – eine Traditionsschule mit europäischer Wertigkeit“ wurde kürzlich im Schuller-Haus in Mediasch ein Symposion zur Geschichte dieser traditionsreichen Schule der Siebenbürger Sachsen eröffnet, das mit einer Ausstellung von Grafiken historischer Gebäude der Stadt von Adrian Matei, Tiberiu Micu und Grigorie Muntean eingeleitet wurde und am 8. Oktober seinen Abschluss fand mit einer Ansprache des Bürgermeisters Daniel Thellmann.
Den Höhepunkt dieser Veranstaltung bildete eine wissenschaftliche Tagung, die ebenfalls am 27. September unter dem Titel „400 Jahre gymnasialer Unterricht in Mediasch“ in der Aula des Stepan-Ludwig-Roth-Gymnasiums stattfand. Dessen Schulleiter Dorin Chira eröffnete die Tagung mit einem Lob für die außergewöhnlichen Leistungen der Siebenbürger Sachsen auf dem Gebiet des Bildungswesens. Chira dankte ihnen für das auch heute noch moderne Schulgebäude und bedauerte die Auswanderung dieser für die Stadt so wertvollen Bevölkerungsgruppe. Es folgten mehrere Beiträge zu Mediascher Persönlichkeiten, die sich im kulturellen Leben der Stadt Verdienste erworben haben oder ihre Bildung in der Stadt erhalten haben, sowie Beiträge zur Geschichte des Gymnasiums.

Es berichteten: Gheorghe Buşoiu: „Dionisie Roman (1841-1917)“; Wolfgang Wittstock: „Erwin Wittstock (1899-1962). Eine biographische Skizze“; Dr. Lucian Giura: „Der Mediascher Historiker Carl Göllner“; Gheorghe Buşoiu: „Octavian Fodor (1913-1976) – ein Bewusstsein in der Ewigkeit“; Dr. Dan Sima: „Andrei Marga. Porträt eines Philosophen“; Hans Gerhard Pauer: „Die Entwicklung der Stephan-Ludwig-Roth-Schule nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1989)“; Gheorghe Buşoiu: „Mihai Bandac“; Florica Sereşeanu: „Werke in lateinischer und griechischer Sprache, die sich in der Bibliothek des theoretischen Lyzeums Stephan-Ludwig-Roth befinden“; Siegfried Müller: „Leben in der Begegnung. Studienfahrten mit Schülern des Camille-Claudel-Gymnasiums Berlin-Prenzlauer Berg nach Siebenbürgen in Kooperation mit dem Stephan-Ludwig-Roth-Lyzeum Mediasch“; Reinhart Guib: „Konzept zur langfristigen Sicherung der Kirchenburgen und der Kulturlandschaft Siebenbürgens durch die touristische Vernetzung der Kirchenburgen und ihrer Gästehäuser“ und Helmuth Julius Knall: „Beiträge zur Geschichte des Stepan-Ludwig-Roth-Gymnasiums“. Die Lehrer des Stephan-Ludwig-Roth-Gymnasiums in ...Die Lehrer des Stephan-Ludwig-Roth-Gymnasiums in einer Aufnahme von 1930, obere Reihe von links: Otto Folberth, Hamma Ipsen, Weinrich (Sekretär), Gustav Schuster (Schuster Dutz), Michael Girscht, Julius Duldner, Fritz Schuller (Musikdirektor), Julius Terplan, Zielke (Turnlehrer); untere Reihe von links: Julius Draser, Viktor Schunn (Zeichenlehrer), Hermann Jekeli (Direktor, genannt Csing), Hermann Schuller (genannt Ciuba-Haba), Victor Rideli. Bedingt durch fehlende Urkunden ist heute nicht mehr feststellbar, wann die erste Schule in Mediasch eröffnet wurde und wie sie sich anschließend entwickelte. Auch Andreas Gräser, der erste Chronist dieser Anstalt, kommt in seinen „Geschichtlichen Nachrichten über das Mediascher Gymnasium“ aus dem Jahr 1852 zu der Erkenntnis, dass „die Geschichte des siebenbürgisch-sächsischen Schulwesens vor der Reformation in größtenteils undurchdringlichem Dunkel“ versunken sei. Trotzdem ist er überzeugt, dass Mediasch als zentraler Ort der „Zwei Stühle“ gerade durch seine besondere Funktion auf politischer und kirchlicher Ebene schon vor der Reformation über eine leistungsfähige Schule verfügt haben muss. Die wissenschaftliche Forschung bestätigt inzwischen die These Gräsers, denn ab 1332 sind für mehr als die Hälfte der siebenbürgischen Gemeinden mit deutscher Bevölkerung Schulen urkundlich nachgewiesen. 1397 wurden in Birthälm die Statuten des Mediascher Kapitels verfasst, die für jeden Ort aus diesem Kapitel einen Pfarrer, einen Prediger und einen „scholasticus“ (Schulmeister) aufzählen. Obwohl die Hinweise auf den Lehrer gerade für Mediasch fehlen, ist es unwahrscheinlich, dass der bedeutendste Ort in diesem Raum keine Schule gehabt haben soll, da das wesentlich dörflichere Kleinschelken eine Schule besaß, deren Rektor Petrus bereits 1414 erwähnt wird. In der ersten Bevölkerungszählung in Siebenbürgen aus dem Jahr 1516 werden in den Zwei Stühlen zwölf Schulen erfasst, doch auch hier fehlt gerade für Mediasch, den Ort mit der größten Bevölkerungszahl in dieser Provinz (221 Wirte), jeder Hinweis auf eine Schule. Dass diese nicht vorhanden war, darf bezweifelt werden, denn in dem zehn Kilometer entfernten Kleinkopisch mit nur 28 Wirten wird ein „scholasticus“ aufgeführt.

Vor diesem Hintergrund ist man bei der Rekonstruktion der Mediascher Schulgeschichte auf die zahlreichen indirekten Belege für die Existenz einer Schule angewiesen. Da die seit 1334 in den Urkunden auftauchenden Schulgebäude alle im Bereich der Kirchenanlage lagen, können sie, so hat man gefolgert, kaum nachträglich eingeschoben worden sein. Schulräume könnten also auch in Mediasch, das bis zur Stadterhebung im 16. Jahrhundert ein einfaches Dorf war, zum Normalbestand der kirchlichen Baulichkeiten gehört haben. Tatsächlich berichtet Paul Niedermaier, dass auf der Nordseite des Kirchhofes die Grundmauern eines Gebäudes aus dem 14. Jahrhundert gefunden wurden, und vermutet hier die erste Mediascher Schule. Auch die Existenz eines Schulturmes im Bereich der inneren Ringmauer, dessen Grundmauern ebenfalls erhalten sind, weist darauf hin, dass der Schulbetrieb in Mediasch während der zahlreichen Kriegs- und Belagerungszeiten im Schutz der Kirchenburg fortgeführt wurde.

Tatsächlich gibt es schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts weitere indirekte Belege für die hohe Qualität dieser Schule; dazu gehören in erster Reihe die zahlreichen Hinweise auf Mediascher Studenten an westeuropäischen Hochschulen. Denn ehe diese jungen Leute überhaupt Hochschulen besuchen konnten, mussten sie in ihrer Heimatstadt eine entsprechende Bildung erhalten haben. Da die Reihe der Mediascher Studenten in Wien mit dem Jahr 1432 beginnt und in den nachfolgenden 18 Jahren auf elf ansteigt, kann mit großer Sicherheit behauptet werden, dass in Mediasch bereits zu Beginn des 15. Jahrhundert eine leistungsfähige Schule vorhanden war. In der Zeitspanne 1402 bis 1520 steht Mediasch mit 91 Studierenden an westeuropäischen Hochschulen an fünfter Stelle unter den Städten Siebenbürgens, nach Hermannstadt (285), Kronstadt (267), Klausenburg (122) und Schäßburg (95), was ein weiterer Beleg dafür ist, dass es hier günstige Bildungsbedingungen gab.

Mit der Reformation erfuhr das sächsische Schulwesen eine umfassende Neuorientierung. Vor allem in den Städten wurden humanistische Gymnasien nach westeuropäischem Vorbild gegründet, deren Anziehungskraft bald über die Grenzen Siebenbürgens hinaus reichte. An diesem Prozess war die Mediascher Schule anfangs nicht beteiligt, denn am Kronstädter Gymnasium, das 1541 von Honterus gegründet wurde, finden sich in den Jahren 1544 bis 1570 insgesamt 22 Schüler aus Mediasch ein. Sie haben ihre grundlegende Ausbildung in ihrer Heimatstadt erhalten. Als ihnen die heimische Schule nichts mehr bieten konnte, wurden sie nach Kronstadt geschickt, um ihr Studium weiter zu führen. Unter ihnen am bedeutendsten für die Mediascher Geschichte war wohl der spätere Geistliche und Dichter Christian Schesäus, der nach seinen Jahren in Kronstadt in Wittenberg studierte und anschließend in mehreren sächsischen Dörfern als Geistlicher wirkte, bis er wieder nach Mediasch zurückkehrte und dort von 1569 bis zu seinem Tod im Jahre 1585 das Stadtpfarramt bekleidete.

Nach 1569 geht die Anzahl der Schüler aus Mediasch am Honterus-Gymnasium zurück. Die Schulmatrikel zählen von 1571 bis 1600 nur noch zehn Schüler aus der Stadt an der Kokel. Da diese Abnahme der Mediascher Schüler sehr auffällig ist und in die Amtszeit von Schesäus fällt, liegt die Vermutung nahe, dass die Mediascher Schule unter dem Einfluss des großen Humanisten eine qualitative Entwicklung erfuhr. Gestützt wird diese These auch von der ersten namentlichen Erwähnung der Mediascher Schule, die genau in diese Zeit fällt. So führt das Konsulatsprotokoll des Jahres 1586 eine „schola civitatis“ (Stadtschule) auf, der erste Hinweis auf eine höhere Schule in Mediasch, die sich schon grundlegend von den Dorfschulen der Umgebung unterscheidet. Eine weitergehende Entwicklung dieser Schule nach dem Vorbild anderer Stadtschulen findet jedoch nicht statt. Alle diese Hinweise lassen die Schlussfolgerung zu, dass es den Mediaschern bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts nicht mehr gelingt, eine höhere Schule nach Kronstädter oder Hermannstädter Vorbild einzurichten. Das geht auch aus der Bereitwilligkeit Mediaschs hervor, sich 1578 an den Kosten der Errichtung einer höheren Schule in Hermannstadt zu beteiligen, was nur einen Sinn ergibt, wenn in der eigenen Stadt eine solche Institution fehlte. Auch Andreas Graeser schließt sich dieser Meinung an: „Von einem Gymnasium kann füglich vor der Reformation keine Rede sein; auch später noch steht die Mediascher Schule lange nicht auf der Höhe eines humanistischen Gymnasiums, wie wir es in Hermannstadt und Kronstadt finden.“

Eine klare Schulorganisation erhält die Mediascher Schule erst 1637 durch den damaligen Rektor Mathias Miles, der 1628 selbst Schüler dieser Anstalt war. Mit dieser noch erhaltenen Schulordnung tritt Mediasch auch urkundlich aus dem Schatten der Vergangenheit hervor. Erst nach dieser tief greifenden Erneuerung durch Miles kann die Mediascher Schule mit Recht als Gymnasium bezeichnet werden, obwohl das hohe Niveau der Gymnasien in Kronstadt und Hermannstadt noch nicht erreicht wird. So wurden neben dem Rektor noch vier weitere „Collaboratoren“ angestellt, deren Zahl zu Beginn des 18. Jahrhunderts (1715) von fünf auf neun steigt.

Hans Gerhard Pauer

Schlagwörter: Schulgeschichte, Mediasch

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