2. April 2009

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Theologe, Pädagoge, Historiker, Musik- und Volksliedforscher - zum 50. Todestag von Gottlieb Brandsch

Es ist gelegentlich bemerkt (oder bemängelt) worden, dass sowohl allgemeine siebenbürgische Historiographie als auch im Speziellen Kunst-, Literatur- oder Musikgeschichte Siebenbürgens oft von Pfarrern, Lehrern oder sonstigen „Nichtfachleuten“ betrieben und geschrieben wurde. Bei dieser pejorativ gefärbten Feststellung vergisst man allerdings – oder weiß es nicht –, dass die meisten dieser Autoren sehr wohl auch Geschichte, Kunst, Musik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Fach studiert hatten, dieses aber im siebenbürgischen Kulturleben nicht ausübten, weil sie einen Brotberuf ergreifen mussten oder als vielseitig Gebildete oder Spezialisierte anderen beruflichen Tätigkeiten nachgingen. Dass „fachfremde“ Arbeiten souveränes, wegweisendes professionelles Niveau aufweisen und den akademisch-elitär-spezialisierten Hervorbringungen in manchen Fällen zumindest ebenbürtig sein konnten, hat sich immer wieder gezeigt.
Gottlieb Brandsch war einer jener Theologen und Pädagogen, die sich auch mit außertheologischen und außerpädagogischen Themen befassten. Ihm haben siebenbürgische Geschichtsschreibung, Musikhistoriographie, Volkskunde, Brauchtumsforschung und Archivwesen viel zu verdanken.

Als Pfarrer und Lehrer war Brandsch nahe am Kulturleben und nahe an der bürgerlichen und bäuerlichen Bevölkerung. Ein großer Teil seiner Interessen galt der Musikausübung, der Musikgeschichte und der musikhistorischen Quellenforschung, der volkstümlichen Musikpflege, dem Volksgesang und dem Volkslied. Er setzte sich für die geistige, musikalische und religiöse Bildung der Jugend und der Allgemeinheit ein, förderte die Brauchtumspflege und den Liedgesang.

Gottlieb Brandsch (um 1910). Foto: Bildarchiv ...Gottlieb Brandsch (um 1910). Foto: Bildarchiv Konrad Klein Sein umfangreiches schriftstellerisches Werk liegt leider nur in wenigen Bibliotheken Siebenbürgens, Deutschlands und Österreichs vor und ist weitgehend vergessen. Deshalb seien hier nach Themen seine wichtigsten Schriften genannt:

Der Volksgesang bei den Siebenbürger Sachsen (in: Deutsche Erde, 7/1908); Siebenbürgisch-sächsische Tanzlieder (in: Deutsches Volkslied, 26/1924, Heft 5/6); Geistliche Volkslieder aus Siebenbürgen (in: Deutsches Volkslied, 27/1925, Heft 9/10); Zur Metrik der siebenbürgisch-deutschen Volksweisen (Hermannstadt 1905); Die Tonalität des Auftaktes in den deutschen Volksweisen (in: Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, 36, 1909); Über Werden und Vergehen der Volksweisen (Akademische Blätter 10, Hermannstadt 1906); Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des neueren deutschen Volksliedes (Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde, Neue Folge 34, Hermannstadt 1907); Deutsches Lehngut in der finnischen Volksmusik (in: Archiv VSL, 42, 1924/25, Heft 1); Rumänische Volksmusik unter westlichem Einfluß (in: Südost-Forschungen, 5, 1940); Siebenbürgisch-sächsische Art im Spiegel des Volksliedes (in: Siebenbürgische Vierteljahresschrift, 60, 1937/4); Aufgaben der deutschen Volksliedforschung im Südosten (in: Deutsche Forschung Südosten, 1, 1942); Das Senndorfer Cantionale (in: Korrespondenzblatt des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde, 31, 1908/12); Das Gesangbuch des Stefan König (in: Korrespondenzblatt …, 38, 1915/12); Die Martin Felmer-Handschrift. Eine Darstellung der Geschichte und Volkskunde der Siebenbürger Sachsen aus dem Jahre 1764 (Berlin/Leipzig 1935); Die Agende S. L. Roths (in: Archiv VSL, 50, 1941, Heft 1); Unsere Kirchengesangbücher (in: Kirchliche Blätter, 24, 1932); Luther und das ev. Kirchenlied (Hermannstadt 1903); Kirchliche Passionsmusik in Siebenbürgen (in: Beiträge zur Geschichte der ev. Kirche A.B. in Siebenbürgen, Hermannstadt 1922 und in: Christlicher Hausfreund, 1930); Das „Dictum“ (in: Kirchliche Blätter, 27, 1935, Nr. 39); Die Musik unter den Sachsen (in: Bilder aus der Kulturgeschichte der Siebenbürger Sachsen, hg. von Fr. Teutsch, Hermannstadt 1928, Bd. 2); Musikpflege in Siebenbürgen um 1800 (in: Sb. Vierteljahresschrift, 64, 1941); Die Musikaliensammlung der Baron Brukenthalischen Bibliothek in Hermannstadt (in: Mitteilungen aus dem Brukenthalischen Museum, 8, 1941); Zur Geschichte der Konfirmation in unserer Landeskirche (in: Kirchl. Blätter, 47, 1924); Katholische Überreste in unserer Liturgie, (in: Kirchliche Blätter, 1910/2); Jesu Stellung zu Gebet und Gottesdienst (in: Kirchl. Blätter, 18, 1926); Herders Stellung zur Dichtkunst (in: Akademische Blätter, 8, 1903/04); Schiller im Verkehr mit Goethe (in: Schiller, acht Vorträge, Hermannstadt 1905); Georg Marienburg, ein vergessener siebenbürgisch-deutscher Dichter (in: Mitteilungen …, 9/10, 1944); Deutsche Volkskundeforschung in Siebenbürgen (in: Deutsche Volkskunde im außerdeutschen Osten, Berlin/Leipzig 1930); Eine Volkshochschule für uns Sachsen (in: Kalender Sb.Volksfreund, 49, 1918); Zur Volkshochschulfrage (in: Ostland, 2, 1919/20); Wir brauchen Volkshochschulen (in: Jugendbibliothek, 2, 1922. H. 7/8); Unser Volkshochschulkurs (in: Kirchliche Bl., 15, 1923); Volkshochschule und Christentum (in: Deutsche Tagespost, 18, 1925, Nr. 66).

Für die praktische Liedpflege gab Brandsch mehrere Liederbücher für Schulen und Jugend heraus (Liederbuch für die Volksschulen; Liederbuch für die deutsche Jugend in Rumänien). Als Volksliedforscher erwarb er sich große Verdienste um die Aufzeichnung, Sammlung und kritische Herausgabe altsiebenbürgischer Volkslieder und des Volksliedrepertoires der letzten zwei Jahrhunderte. Brandsch selbst konnte nur den ersten Band eines größer angelegten Veröffentlichungswerks realisieren, in den er auch die von Friedrich Wilhelm Schuster und Adolf Schullerus gesammelten Lieder aufnahm: Siebenbürgisch-deutsche Volkslieder, Band 1: Lieder in siebenbürgisch-sächsischer Mundart, Schriften der Deutschen Akademie, Heft 7, Hermannstadt 1931. Als Teil eines komplexer vorgesehenen zweiten Bandes – wozu es dann nicht mehr kam – brachte er noch die von ihm und vom Historiker, Philologen, Volkskundler und Theologen Adolf Schullerus gesammelten Volksballaden mit hochdeutschem Text gewissermaßen als Vorabdruck unter dem Titel Siebenbürgisch-deutsche Volksballaden, Bänkelsänge und verwandte Lieder 1938 als 49. Band des Archivs des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde in Hermannstadt heraus. Ohne diese auch weit über Siebenbürgen hinaus bekannt gewordene Sammel- und Publikationstätigkeit, wäre das alte, zum Teil noch aus dem 12. Jahrhundert stammende und bis Ende des 19. Jahrhunderts im Volk lebendig gebliebene Volksliedgut – sicher nur ein Bruchteil des ursprünglichen – für immer verloren gewesen. So wurde es nicht nur vor dem Untergang bewahrt, sondern es erlebte in diesem „Zweiten Dasein“ eine neue Pflege und Verbreitung, wurde in Lieder- und Chorbücher – in Teilen auch in Deutschland – aufgenommen und von vielen Chören und Singgemeinschaften gesungen; die einschlägige Forschung und Wissenschaft brachte ihm großes Interesse entgegen.

Das hochdeutsch gesungene siebenbürgische Liedrepertoire aus Gottlieb Brandschs handschriftlicher Sammlung wurde in den 1970-er und 1980-er Jahren in drei Bänden vom Neffen, dem Philologen und Volkskundler Walter Brandsch, wissenschaftlich betreut und herausgegeben (Deutsche Volkslieder aus Siebenbürgen, Neue Reihe I, Regensburg 1974; Neue Reihe II, Uffing am Staffelsee/Weilheim 1982; Neue Reihe III, Uffing/Augsburg 1988). Walter Brandsch initiierte auch den als Reprint 1978/1980 in Uffing/Weilheim erschienenen Neudruck des vergriffenen ersten Bandes Lieder in siebenbürgisch-sächsischer Mundart.

Als besondere Auszeichnung des Nachwirkens von Brandsch und als Bestätigung seiner Bedeutung ist seine Aufnahme in die größte und renommierteste Musikenzyklopädie Die Musik in Geschichte und Gegenwart (Kassel/Basel/London Bd. 2, 1952) zu werten, wobei zu bemerken ist, dass das Stichwort „Brandsch, Gottlieb“ mit einigen Aktualisierungen sogar in die neubearbeitete, vor allem auch international ausgerichtete Ausgabe (Kassel/Basel/London/New York/Prag, Personenteil Bd. 3, 2000) übernommen wurde.

Gottlieb Samuel Brandsch wurde am 21. April 1872 in Mediasch (Siebenbürgen) geboren. Seine Vorfahren, mindestens bis in das 18. Jahrhundert zurückverfolgbar, waren alle Pfarrer in Siebenbürgen. Der früh verstorbene Vater Johann Carl Brandsch (1845-1894) war Lehrer in Mediasch, bevor er als Pfarrer zuerst nach Schaal, dann nach Bodendorf (Siebenbürgen) ging. Gottlieb besuchte das Gymnasium in Mediasch und studierte anschließend (von 1890 bis 1894) Theologie, Philosophie, Literaturgeschichte und antike Sprachen in Berlin, Jena, Leipzig und Klausenburg (Siebenbürgen), trieb daneben autodidaktisch auch musikalische Studien. Danach übernahm er Lehrtätigkeiten an Volks- und Bürgerschulen in den siebenbürgischen Städten Broos, Schäßburg und Mediasch. Seine jüngeren Geschwister – die Mutter, Josefine geb. Theil aus Mediasch, war ebenfalls früh gestorben – erfuhren durch ihn fürsorgliche Unterstützung und konnten so zu einer geeigneten Ausbildung kommen.

Von 1900 bis 1907 lehrte Gottlieb Brandsch am evangelischen Landeskirchenseminar in Hermannstadt (Siebenbürgen) und wurde 1907 Pfarrer in Treppen (bei Bistritz), 1911 in Kleinscheuern (bei Hermannstadt) und 1924 in Schirkanyen (bei Fogarasch). 1905 gehörte er zu einer Forschergruppe, die in Luxemburg Untersuchungen zur Herkunftsfrage der Siebenbürger Sachsen anstellte. Zwischen 1911 und 1924 führte er in Kleinscheuern die ersten siebenbürgischen Volkshochschullehrgänge durch. In kinderloser Ehe – er hatte 1905 geheiratet – zog Brandsch mit seiner Frau Hedwig geb. Schuller aus Treppen, Pfarrerstochter und Krankenschwester, zwei Adoptivkinder und sechs Waisenkinder groß. Nachdem er 1936 in den Ruhestand getreten war – seine Frau war 1935 gestorben –, ging er 1939 als Leiter der Handschriftenabteilung an das Brukenthal-Museum nach Hermannstadt, wo er bis 1947 blieb, als der neue rumänische Staat die siebenbürgisch-sächsischen Kultureinrichtungen verbot oder sie verstaatlichte, rumänisierte und unter parteiideologischem Zwang zu reorganisieren begann. Brandsch starb nach kurzer Krankheit am 14. März 1959 in Hermannstadt, wo er auch (am 16. März) beigesetzt wurde. Bischof Friedrich Müller-Langenthal hielt die Grabrede.

Karl Teutsch

Schlagwörter: Volkslied, Historiker

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