7. Mai 2009

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Cărtărescus Roman „Die Wissenden“

Da sitzt ein spindeldürrer, kränklicher Junge und starrt wie hypnotisiert auf sein Abbild im Fensterglas. Er heißt Mircea und ist der Erzäh­ler dieses Romans des gleichnamigen Autors Mircea Cărtărescu.
Nächtelang schaut er durch das dreiteilige Panoramafenster seiner Woh­nung an der der Stefan-cel-mare-Chaussee auf Buka­rest hinaus. Die Asymmetrie seines ganzen Ge­sichts fällt ihm ins Auge: Die eine Hälfte zeugt von einem offenherzigen und willensstarken Jun­gen mit beinahe schönen Zügen; „Die andere Hälf­te jedoch überrascht und erschreckt den Be­trachter: Das Auge ist hier tot, der Mund tragisch, die ganze Haut von Hoffnungslosigkeit überzogen wie von einem Ekzem.“ Löscht er aber das Licht in seinem Zimmer, da explodiert das fantastische Bukarest hinter dem blauen Mond­glas: „ein nächtliches Triptychon von grenzenlosem, unerschöpflichen gläsernen Glanz.“

In ein schier grenzenloses und unerschöpfliches Abenteuer lockt uns denn auch dieser Mir­cea, in das Abenteuer einer Romantrilogie, de­ren erster Band „Orbitor“ (Blendend) bereits 1996 in Rumänien erschienen ist und nun als „Die Wissenden“ in der preisgekrönten Überset­zung von Gerhardt Csejka auf deutsch im Paul Zsolnay Verlag publiziert wurde.

Ein Leseabenteuer ist es, weil Cărtărescu, wie bereits in seinem Erzählungsband „Nos­tal­gia“ (1997), auch hier fast unmerklich im­mer wieder die Grenze zwischen der realistischen und der fantastischen Erzählweise überschreitet. „Da schwenkten Magistralen meines Traumes ur­plötzlich in Autobahnen der Realität ein ... Träu­me drängten mich in Richtung Ver­gangen­heit.“ Die Träume kommunizieren miteinander und der Erzähler unternimmt „Maul­wurfs­touren durch das Kontinuum Realität – Halluzination – Traum wie durch ein dreifach-Imperium“.

In diesem Kontinuum verfängt sich der Er­zähler und mit ihm der Leser: „dann ist es schlicht unmöglich herauszufinden, wo auf der wie ein Spinnennetz dreidimensionalen und endlosen Karte deines In-der-Welt-Seins du mit deiner Angst und Faszination dich befindest: in der Sackgasse der Illusion, auf der Landstraße der Träumerei, im Gedächtnis-Park, am Bahn­hof der Halluzination, im Realitäts-Viertel der Stadt“. Das Buch ist dabei das Produkt, wenn die­se Karte, wie eine Nadel durchstochen wird und weit entfernte Zonen vereint werden.

Doch worum geht es in diesem ersten Teil der Romantrilogie? Einerseits um die Erinnerungen aus der Jugend des Erzählers Mircea, um seine Mutter Maria, die noch vor dem Zweiten Welt­krieg aus dem Dorf Tîntava nach Bukarest zog, andererseits reicht aber die Geschichte viel weiter zurück, bis zu der Sippe der Badislavs, die nach Tîntava zogen.

Von diesen realistisch anmutenden Eckpunk­ten seiner Geschichten pendelt Cărtărescu im­mer wieder, indem er die die Beschreibung akri­bisch mit Details überhäuft, in die Welt des Fantastischen. So beispielsweise wenn die Dorf­gemeinde aus Tîntava im Jahr des Mohns, nach einem Mohnrausch, von den Toten, die sich zu regen begonnen haben, niedergemetzelt wird, wenn etwa im nächtlichen Bukarest aus einem verlassenen Fahrstuhl eine Schmetterlingsfrau entsteigt, oder aber wenn der Erzähler Mircea in die obersten Stockwerke seines Wohnblocks gelangt und dort in eine übernatürliche Welt ein­dringt.

Schmetterlinge, Symmetrien sind wiederkehrende Themen dieses Buches, das seinen Titel aus einer geheimen Verschwörung der „Wissen­den“ bezieht. „Jedes Buch konnte ein Eingang sein, jedes Gemälde, jeder Gedanke zum geheimen Saal der Wissenden“, in dem schlussendlich alle Gestalten vereint sind.

Doch zugleich thematisiert der Erzähler Mircea die Entstehung des Buches selbst. „Ich bewegte mich langsam auf einem vorbestimmten Weg voran, und irgendjemand schuf Dasein um mich herum. Ja, ich war mir dessen ganz sicher: man konstruierte mir mein Leben, ein metaphysischer Künstler erfand Sekunde für Sekunde die Milliarde Einzelheiten einer überschwänglichen und hinreißenden Attrappe.“

Mircea schreibt in seiner Mansarde von Hand in ein Heft mit kaffeebraunen Deckeln. Der Akt des Schreibens bedeutet auch zugleich Einsam­keit, Abgeschiedenheit, aber er ist auch ein Pro­jekt der Selbstfindung, er ist der „Versuch dahin zurückzukehren, wohin noch niemand je zu­rück­gekehrt ist ... zu begreifen, was kein Mensch zu begreifen vermag: Wer bin ich, was bin ich?“

Verworren oder überschäumend wird dieser Text dann: „Wortbilderschaum überzog nach und nach den Bildschirm der Netzhäute, und aus den einzelnen zufallsbedingten Flecken komponierte irgendwer Geschichten und Land­schaften von der Art, wie auch ich sie schon am Stoff­bezug der Couch oder im Bodenmosaik des Badezimmers entdeckt hatte.“ Mircea be­schreibt sein Buch selber als unlesbar, es mag eine Koketterie sein, denn andernorts lässt er den „durchsichtigen Rauch der endlos sich verzweigenden Geschichten hochsteigen ..., welcher sich auf Tausenden Wegen gleichzeitig verbreitete.“

Von einer detailgenauen noch realistischen Erzählweise in eine überschäumende fantastische hineingleitend, verführt Cărtărescu seinen Leser immer wieder durch seinen ganz eigenen Stil und man darf gespannt sein, wie die Buchstabenstickerei weitergeht und sich der Wortbilderschaum auflöst.

Edith Ottschofski



Mircea Cărtărescu, Die Wissenden, Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka, Paul Zsol­nay Verlag, Wien 2007, 527 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-552-05406-6. Im Oktober 2009 er­scheint der Roman als Taschenbuchausgabe im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) Mün­chen, 12,90 Euro, ISBN 978-3-423-13810-9.

Schlagwörter: Rezension, rumänische Literatur

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