27. Juli 2009

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250 Jahre seit der Geburt des Apothekers und Botanikers Petrus Sigerus

"Unter den, bis noch äusserst wenigen Gelehrten, die sich die Kräuterkunde unseres Vaterlan­des angelegen seyn ließen, verdienet der Hermannstädtische Apotheker und jetzige Provisor der Theissischen Officin Herr Petrus Sigerus, aus Cronstadt gebürtig, rühmlichst genannt zu werden. Schon seit zwei Jahren hat er den Anfang zu einer vollständigen 'Flora Cibiniensi' gemacht, die er nach Linnéischen Systeme einrichtet; und er ist bereits ziemlich weit in der Ausführung dieses vortrefflichen Unternehmens gekommen“. Mit diesen Worten machte die "Siebenbürgische Quartalschrift" (1790) unter dem Titel „Anzeige für die Liebhaber der Botanik“ auf die wissenschaftliche Tätigkeit des Apothekers Petrus Sigerus aufmerksam.
Gewürdigt wurde damit ein Mann, der sich durch Wissensdrang, eisernen Willen und beispielhaften Fleiß im Selbststudium vom Haus­gehilfen zum Apothekerlehrling, Magister der Pharmazie und schließlich zu einer wissenschaftlich anerkannten Persönlichkeit hochgearbeitet hatte. Im ausgehenden 18. und den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zählte Sigerus zu den „eifrigsten und kenntnisreichsten Naturforschern Siebenbürgens“.

Petrus Sigerus entstammt einer alten Kron­städter Familie, in der das Goldschmiedehand­werk sowie die Mitarbeit in der städtischen Ver­waltung seit Generationen Tradition hatte. So war auch sein Vater Petrus Sigerus als Gold­schmied und Magistratsbeamter in Kronstadt tätig. Seine Mutter Rosina Draudt war die Halb­schwester des Kronstädter Gymnasiallehrers und nachmaligen Pfarrers von Zeiden Georg Draudt, der im Leben des späteren Apothekers und dessen Schwester Rosina immer wieder eine helfende Rolle spielen sollte. Petrus Sigerus wurde am 3. Juli 1759 geboren. Der Familientradition gemäß, sollte er wie sein Vater und Großvater das Goldschmiedehandwerk erlernen. Nach dem frühen Tod beider Eltern im Jahr 1773 wurde der junge Petrus als Vierzehnjähriger von seinem Onkel Georg Draudt zum Kronstädter Gold­schmiedemeister Samuel Kalb in die Lehre gege­ben. Da dieses, wie Sigerus schrieb, „mit meiner Neigung vieles lernen zu wollen, nicht übereinstimmte“, blieb er nicht lange in der Lehre, sondern brach mit der Familientradition und mach­te sich 1776 heimlich nach Hermannstadt auf, wo er vorerst darauf angewiesen war, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten.

Daher nahm er bei Gubernialrat von Huttern die Stelle eines Hausgehilfen an, mit der Zusicherung des Hausherrn, ihm nach Ablauf einer zweijährigen Dienstzeit zu einer Ausbildung zu verhelfen. Neben seinen Dienstpflichten nutzte Sigerus sei­ne gesamte Zeit zum Lesen und Lernen. Gemäß seinem Versprechen schickte von Huttern Sige­rus „zur Erlernung der Apothekerkunst“ für fünf Jahre in die Apotheke der „gutmüthigen, im höchsten Grad rechtschaffenen“ Frau Katharina Theiss. Kennen gelernt hatte er die Apotheke ge­legentlich der Botengänge für seinen Hausherrn von Huttern, wobei er der Inhaberin und dem damaligen Apotheker Drautner durch seine Wissbegierde aufgefallen war. Die großzügigen Geldgeschenke seiner Prinzipalin, anlässlich von Feiertagen, Jahrmärkten und Namenstagen ver­wendete er fast ausschließlich für den Kauf wissenschaftlicher Bücher. Entscheidend für seine weitere Laufbahn wurde die Zeit ab dem dritten Lehrjahr, als der damals „erste gelehrte Apothe­ker in Siebenbürgen“ Samuel Kräutner im Jahr 1780 das Provisorat der Apotheke übernahm.

Nach seiner fünfjährigen Lehrzeit wurde Sige­rus 1783 von Samuel Kräutner als Lehrling freigesprochen, in der Apotheke angestellt und be­kam ein entsprechendes Gehalt, „wodurch ich nun schon sehr reich zu seyn mich glaubte“, wie er später schrieb. Durch seinen ungebrochenen Lerneifer erwarb er sich weiterhin eingehende Kenntnisse in der Arznei- und Pflanzenkunde und legte 1788 bei den berühmten Professoren Jacob Joseph Winterl und Paul Kitaibel in Pest seine Prüfung zum Magister der Pharmazie ab. Nach Hermannstadt zurückgekehrt, wurde er Provisor der Theissischen Apotheke. 1795 kaufte er mit finanzieller Unterstützung seines Onkels Georg Draudt die Friedrichsche Apotheke auf dem Großen Ring in Hermannstadt und nannte sie Apotheke „Zum Löwen“. Bildnis des Apothekers Petrus Sigerus (1759 ...Bildnis des Apothekers Petrus Sigerus (1759-1831), gemalt von Franz Neuhauser um 1820. Seine wissenschaftliche Tätigkeit fällt in eine Zeit, in der, angeregt durch die Werke des großen schwedischen Gelehrten Linné, auch in Sie­benbürgen ein Aufschwung der Naturwissen­schaften eingesetzt hatte. Dieser war verbunden mit der Ausarbeitung von Florenwerken nach Linnéschem Muster. Neben der allgemeinen Kenntnis der Pflanzen und ihrer Auflistung und Verbreitung stand damals vor allem die Kennt­nis nutzbarer Pflanzen im Vordergrund, was ins­besondere das Apothekerwesen betraf. Die einheimischen Pflanzen mit ihren Nutzungsmög­lichkeiten als Heilmittel oder im Gewerbe zur Färberei und anderen Zwecken sollten die teuren Importe ersetzen.

Auf dieser vom Nützlichkeits­denken der damaligen Zeit geprägten Tätigkeit beruhen die botanischen Forschungen des Apo­thekers und Botanikers Petrus Sigerus, die je­doch weit über das nutzungsbezogene Auswerten hinausgingen. Dies belegen seine Initiative für eine Flora Cibiniensi und sein ab 1789 geführtes Pflanzenverzeichnis. 1791 gab er in der Sieben­bürgischen Quartalschrift, der ersten wissenschaftlichen Zeitschrift in Siebenbürgen, ein „Verzeichnis der in Siebenbürgen wildwachsenden offizinellen Pflanzen“ heraus, das neben den lateinischen auch deutsche, sächsische, rumänische und ungarische volkstümliche Namen enthielt. Als Sigerus feststellte, dass die Kenntnis der Pflanzen auch unter den Apothekern damals zu gering war, und sich „in unseren Kräuter-, Blumen- und Wurzelschubladen“ so manche fal­sche Einordnung bemerkbar machte, entschloss er sich, „zum Besten der Nichtkenner unserer Kunst“ ein so genanntes „Herbarium vivum der offizinellen Pflanzen“ gegen Subskription zu­sammenzustellen. Eine diesbezügliche „Ankün­digung einer Sammlung aller in Siebenbürgen wachsenden offizinellen Pflanzen“ wurde 1799 auch im Siebenbürgischen Intelligenzblatt be­kannt gegeben. Da sich nicht genügend Inter­essenten fanden, musste sein „Bestreben, zum Allgemeinguten etwas beytragen zu können“ vorerst unterbleiben.

Einen weiteren Versuch machte er 1810 mit natürlichen Pflanzen, die „geschwärzt, abgedruckt und ziemlich kennbar dargstellt werden“, wobei er einen Band von 100 Abdrucken über den Senator Brenner aus Kronstadt den Land­ständen zur Begutachtung überreichen ließ. Be­reits davor wurde Sigerus 1808 über den Lan­desoberarzt Dr. Franz Nyulás vom Klausenbur­ger Landtag aufgefordert, ein Herbarium vivum für Apotheker herauszugeben, wofür er sich un­ter der Bedingung einer Vorauszahlung seitens der Besteller verpflichtete. Über vier Jahre liefen Subskription und auch die Verhandlungen mit den Landständen. Auf die vielen Verhand­lungen hatte Sigerus 1811 über András Szöts vom Landtag die Antwort erhalten: „Sie können Ihr Werk herausgeben, wie sie wollen, nur dass es nützlich seyn sollte“. Das Werk sowie ein erklärender Text dazu wollte Sigerus zusammen mit dem „Schulen Oberaufseher“ Joseph von Lerchenfeld herausgeben, mit dem ihn gleiches Interesse für die Wissenschaft verband. Ge­meinsames Sammeln und Aufschreiben sollten die Grundlage bilden, „vielleicht bei günstiger Zeit eine Flora Transylvanica bekannt machen zu können“. Auf Kosten der Landstände sollten die beiden Botaniker die Gegenden Siebenbür­gens bereisen, die sie vorher noch nicht durchforscht hatten.

Ein 1811 erschienenes Finanzpa­tent, das den Preis des Herbariums und des dazu erklärenden Textes um das Fünffache erhöhte, vereitelte schließlich alle Pläne, da die Besteller von ihrer Subskription Abstand nahmen und Sigerus selbst nicht zu Lasten seiner zahlreichen Familie arbeiten konnte. Die Regierung entband schließlich die beiden Botaniker von ihrer Aufgabe. Die fünf Musterbände eines Her­barium vivum sind jedoch erhalten geblieben. Die große, allgemeine Sammlung zur Flora Siebenbürgens umfasste 26 Bände mit über 1 600 Arten aus 451 Gattungen. Sie wurde nach Sigerus’ Tod (7. September 1831) von seinem Sohn Karl Andreas dem evangelischen Gymna­sium geschenkt und kam 1925 in das Naturwis­senschaftliche Museum in Hermannstadt. Hier wurde sie jedoch leider als eigenständige Samm­lung aufgelöst und in das allgemeine Sieben­bürgische Herbarium eingegliedert. Als 1817 in Hermannstadt durch kaiserliches Dekret eine Sylvan Anstalt zur Erlernung der Forstwirtschaft gegründet werden sollte, wurde Petrus Sigerus dazu als Lehrer der Botanik auserkoren.

Neben seiner Beschäftigung mit der Botanik, war Sigerus jedoch auch meteorlogisch tätig. Ihm verdanken wir die ersten Messungen und Wetterbeobachtungen in Hermannstadt. Sigerus legte auch eine mineralogische Sammlung an, die 1850 in den Besitz des Siebenbürgischen Vereins für Naturwissenschaften überging.

Heute ist es uns nicht nur ein Anliegen, an den 250. Geburtstag von Petrus Sigerus zu erinnern, sondern auf sein Werk aufmerksam zu machen, das in der Öffentlichkeit kaum bekannt wurde. Das „Verzeichnis meiner Pflanzen ge­sammelt seit 1789“, welches die Grundlage für eine Flora Siebenbürgens darstellt und über 300 handgeschriebene Seiten umfasst, wurde nicht veröffentlicht und ist in Vergessenheit geraten. Das Werk steht nach bald abgeschlossener Bear­beitung kurz vor seiner Herausgabe. Es informiert über den Kenntnisstand des botanischen Wissens der da­maligen Zeit und zeigt auch vieles auf, was wir heute nicht mehr wissen. Der Wert des Verzeichnisses liegt nicht in den lateinischen Beschreibungen der Pflanzen, die wissenschaftsgeschichtlich interessant sind, sondern vielmehr in den Informationen über ihren Nut­zen, d.h. den Gebrauch als Heilpflanzen, Färber­pflanzen, als essbare Wildkräuter, Futterpflan­zen für Tiere und gibt schließlich auch Auf­schluss über die Gartenkultur der damaligen Zeit. Auch für Restauratoren kann es von un­schätzbarem Wert sein, da sie daraus erfahren können, wie man im 18. Jahrhundert mit pflanz­lichen Mitteln Textilien und Leder gefärbt hat. Schließlich liegt der Wert auch in den volkstümlichen Pflanzenbenennungen und vielen ethnographischen Informationen, die mit der Verwen­dung der Pflanzen zusammenhängen.

Erika Schneider

Schlagwörter: Apotheker, Botaniker, Gedenken

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