10. Februar 2024

Literarisch-musikalischer Abend in Wien

Trotz des trüben Novemberwetters versammelte sich am 10. Dezember eine stattliche Anzahl erwartungsvoller Besucher im Festsaal des Sachsenvereins-Sitzes in der Wiener Steingasse, allen voran S.E. Emil Hurezeanu, der Botschafter Rumäniens in Österreich. Geboten wurde an diesem Spätnachmittag ein Vortrag mit dem Titel „Carl Filtsch im Kontext seiner Zeit“ von Dagmar Dusil-Zink, umrahmt von dazu passenden, von Dagmar Dusil sorgfältig ausgewählten Klavierstücken jener Zeit, die bravourös von der blutjungen rumänischen Pianistin Irisa Filip zu Gehör gebracht wurden.
Bronzebüste von Carl Filtsch in Mühlbach, ...
Bronzebüste von Carl Filtsch in Mühlbach, enthüllt 2018. Arbeit des Bildhauers Radu Ciobanu. Foto: Konrad Klein
Siebenbürgen hat nur ein echtes Wunderkind hervorgebracht – es ist der am 28. Mai 1830 als Pfarrerssohn in Mühlbach geborene Carl Filtsch. Zunächst fügte Dagmar Dusil in ihrem Vortrag dieses Datum in den Rahmen jener Zeit ein, gefolgt von dem Klaviervortrag von „6 Kleinen Präludien“ des ganz jungen Komponisten – es sind in giocoso-Manier gehaltene melodiöse Miniaturen, von aufmunterndem Rhythmus beseelt. Gleich anschließend erzählt Dusil wie, animiert von der unerwarteten Entdeckung der Filtschbiografie durch den Hermannstädter Professor Hans Tobie, der Hermannstädter Pianist, Musikwissenschaftler und Klavierlehrer Peter Szaunig gemeinsam mit dem Münchner Musikpädagogen mit siebenbürgischen Wurzeln Walter Krafft beschließen, ein nach der Wende mögliches „Carl Filtsch – Wettbewerbs-Festival“ zu gründen. Dieses Unterfangen sollte der Bekanntmachung der entdeckten Musikstücke von Carl Filtsch dienen, um damit diese außerordentliche Persönlichkeit eines früh gereiften Künstlers dem Vergessen zu entreißen – was mit den nun schon seit fast 30 Jahren veranstalteten Festspielen auch tatsächlich gelang.

Nach dem „Impromptu in b-Moll“ von Filtsch und den „ABEGG-Variationen“ Schumanns skizzierte Dagmar Dusil den Werdegang des mit fünf Jahren schon in Klausenburg vorgestellten Wunderkindes. Die dortigen Konservatoriums-Professoren rieten bald zu einer fundierten Ausbildung im fernen Wien. Bei der von Irisa Filip nun gebrachten „Barcarole“ von Filtsch ließ die linke Hand deutlich das sanfte Spiel der Wellen erkennen.

Von Wien aus, wo er von der Gräfin Bánffy gefördert und bemuttert wurde, begann der Siegeszug von Carl Filtsch durch die europäischen Metropolen, aber auch durch die ungarischen und siebenbürgischen Provinzen (so seine beiden Konzerte in Hermannstadt 1841). Er befreundete sich mit Thalberg, dem damals neben Liszt bedeutendsten Klaviervirtuosen Europas; dazu brachte Irisa eine „Nocturne op. 28“ von Thalberg: ein gesetzter, dem anbrechenden Abend entsprechender Beginn, der sich zu einem melodischen Crescendo steigerte, um mit den letzten Klängen einen gehauchten Gruß hinaus in die klare Nacht zu senden. Das freundschaftliche Verhältnis zu Franz Liszt, der gesagt haben soll: „Wenn dieser Knabe zu reisen beginnt, kann ich meine Bude zusperren.“ wird mit der „Wilden Jagd“ des Meisters aus Raiding evoziert. Es ist eines jener vertrackten, durch gewaltige Eruptionen gekennzeichneten Klavierwerke, die für den Tonschöpfer so charakteristisch sind. Dabei beeindruckte der kräftige Anschlag der zart gebauten rumänischen Pianistin ebenso wie die lyrischen Passagen. Als Beleg ­dafür, dass Filtsch zum Lieblings­schüler Chopins wurde („Kein Mensch hat mich jemals so verstanden wie dieses Kind“) diente dann Chopins „Barcarole op. 60“, die verhalten, dann wiederum virtuos interpretiert wurde.

Bei einem in München stattfindenden Zusammentreffen von Filtsch mit dem robusten, aus Moskau angereisten Pianisten ähnlichen Alters, Anton Rubinstein, spielten beide vor, wobei nach gelungener Wiedergabe beider Filtsch zu improvisieren begann, dem Rubinstein wiederum nichts entgegenzusetzen hatte – so beschreibt es, nicht ohne Stolz, Josef, der seinen jungen Bruder begleitende, wesentlich ältere der Filtschsöhne. Dafür erklang aber an diesem Abend, Rubinstein zu Ehren, seine sehr ansprechende „Melodie in F“. „Doch Kometen verglühen schnell“ meint Dagmar Dusil gegen Ende ihres Vortrags und weist auf den allzu frühen Tod des Genies Carl Filtsch hin. Als persönliches Epitaph für sein Grabmal auf der zu Venedig gehörenden Friedhofinsel San Michele hat sie einen Ausspruch des französischen Oberjakobiners Robespierre gewählt: „Der Tod ist kein ewiger Schlaf... Der Tod ist der Anfang der Unsterblichkeit.“

Kurz noch zur formidablen 16-jährigen Pianistin: Sie wurde in der Hafenstadt Konstanza / Constanţa geboren. Es ist das Tomis des Ovid, der vom römischen Kaiserhof hin verbannt wurde und dort vereinsamt und verzweifelnd, seine „Tristia“ schrieb. Wir aber sind gar nicht trist, also traurig, dass Irisa Filip aus der fernen östlichen Stadt den Weg zu uns gefunden hat. Zuletzt verwöhnte sie uns noch mit einer äußerst gefühlvollen Wiedergabe von Carl Filtschs „Adieu“ in c-Moll“. Dagmar Dusil-Zink schloss ihren Vortrag mit einem bekannten Hölderlin-Zitat ab. Wie Dusil im lockeren Gespräch später verlauten ließ, hat sie weitere Geschichten rund um die Ausnahmegestalt des Carl Filtsch in Arbeit. Wir danken ihr wie auch Irisa Filip für diese so manch Neues bringende, musikalisch-literarische Sternstunde.

Kurt Thomas Ziegler

Schlagwörter: Wien, Musik, Filtsch, Dagmar Dusil

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