13. Februar 2013

Die Schiltaldeutschen – eine vergessene deutsche Minderheit in Rumänien

Wenn von Deutschen in Rumänien die Rede ist, denken die meisten an die Gruppe der Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen. Die Sathmarer Schwaben, die Buchenlanddeutschen, die Berglanddeutschen oder die Dobrudschadeutschen, von denen es jeweils noch Gruppen von wenigen Hundert oder einigen Tausend gibt, sind bei vielen kaum bekannt. Dass es auch im Schiltal (rumänisch Valea Jiului), einer Industrieregion um die Städte Petroschen (Petroşani), Petrila, Aninoasa, Vulcan und Lupeni, in der der Bergbau fast 150 Jahre eine wichtige Rolle spielte, bis heute Deutsche gibt, ist selbst vielen Rumäniendeutschen unbekannt.
Das Schiltal, das als südlichster Teil des Kreises Eisenmarkt (Hunedoara) verwaltungsmäßig stets zu Siebenbürgen gehörte, ist ein Gebiet inmitten der Südkarpaten im sogenannten Retezatgebirge. Es liegt etwa 80 bis 100 km südlich von Eisenmarkt (Hunedoara) bzw. Diemrich (Deva). Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde dieses Gebiet hauptsächlich als Wald- und Weideland benutzt. An den Kohlevorkommen bestand zunächst wenig Interesse. Dies änderte sich erst durch die Entwicklung der Industrie in der Habsburger Monarchie.

Im westlich des Schiltals gelegenen Banater Bergland um die Stadt Reschitz war schon im 18. Jahrhundert – vor allem mit Hilfe eingewanderter Bergarbeiter und Hüttenleute aus der Steiermark – eine ansehnliche Eisenindustrie aufgebaut worden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Probebohrungen und -schürfungen im Schiltal durchgeführt. Erst nachdem die „Kronstädter Berg- und Hütten-Aktiengesellschaft“ und der ungarische „Montanärar“ die Organisation übernommen hatten und die Bahnverbindung aus Simeria fertiggestellt worden war, kam es zum großangelegten Abbau von Steinkohle. Die „Kronstädter Gesellschaft Heinrich Goedicke“ aus Neunkirchen im Saarland wurde mit der Anlage der ersten Kohlebergwerke und Arbeitersiedlungen im oberen Schiltal betraut. Mit ihm wetteiferte von staatlicher Seite der ungarische Bergverwalter Josef Veres. In der gesamten österreichisch-ungarischen Monarchie und im Deutschen Reich wurden nun Bergarbeiter, Ingenieure und Beamte angeworben. Deutsche Bergleute Zipser Abstammung aus dem Buchenland, Fachleute aus Schlesien, aus der Steiermark, aus dem Banater Bergland, aus dem Ruhr- und Saargebiet und vielen anderen Gebieten kamen ins Schiltal. Deren Nachkommen leben heute noch zum Teil im Schiltal und an vielen Familiennamen kann man die Herkunft erforschen bzw. die Familien wissen zum Teil ziemlich genau, woher ihre Ahnen einst kamen.
Gottesdienstbesucher vor der ev. Kirche in Lupeni ...
Gottesdienstbesucher vor der ev. Kirche in Lupeni (erbaut 1910). Foto: Frank Schleßmann
Das neue Industriegebiet wuchs rasch. 1872 zählte man schon rund 6000 Einwohner, zu Beginn des 20. Jahrhunderts allein im Zentrum Petroschen nahezu 8000 (heute leben rund 40000 Menschen in Petroschen und knapp 30000 in Lupeni. Kirchengemeinden verschiedener Konfession wurden gegründet. Die katholischen Deutschen (sie waren zahlenmäßig stärker vertreten als die evangelischen) bildeten zusammen mit Polen, Slowaken, Tschechen, Italienern und Ungarn eine Gemeinde. Zu den evangelisch-lutherischen Gemeinden zählten neben einigen Ungarn fast ausschließlich Deutsche. In Petroschen und Lupeni gibt es bis zum heutigen Tag deutsche Gottesdienste für die evangelischen Christen.

1896 konnte in Petroschen – die Gemeinde zählte damals 800 Seelen (heute nur noch 30) – eine evangelische Kirche eingeweiht werden, deren Bau vor allem durch Unterstützung des „Gustav-Adolf-Vereins“ und aufgrund von Sachspenden aus dem ganzen deutschen Sprachraum möglich geworden war. In Lupeni wurde 1910 die evangelische Kirche errichtet. Diese Gemeinde zählt heute noch knapp 50 Seelen. Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es auch deutsche Schulen im Schiltal. Der letzte deutsche evangelische Pfarrer war bis zu Beginn der 1980er Jahre im Schiltal in Petroschen wohnhaft. Inzwischen ist der jeweilige Pfarrer aus Broos in Siebenbürgen zuständig. Er kommt alle vier bis sechs Wochen ins Schiltal.

Obwohl die Deutschen unter der rumänischen und ungarischen Bevölkerung nur eine Minderheit bildeten, nahmen sie im Laufe der Zeit fast alle führenden Stellungen im Bergbau und in der Verwaltung ein. Bis in die 1930er Jahre war Deutsch die Kommandosprache in den Gruben und alle einschlägigen Fachausdrücke waren und sind zum Teil bis heute deutsch.

Ein harter Schlag war auch für die Schiltaldeutschen – so wie für alle Deutschen in Rumänien – im Januar 1945 die Deportation von 1700 Deutschen zur „Aufbauarbeit“ in die Sowjetunion. Mehr als 20% der Deportierten überlebten die bis zu fünf Jahre dauernde Zwangsarbeit in den Kohlegruben der Ukraine nicht. Gedenktafeln in den evangelischen Kirchen von Petroschen und Lupeni erinnern an diese Opfer. Heute gibt es nur noch wenige Überlebende im Schiltal. Die fast 92-jährige Helene, geb. Grünwald, ist eine der letzten Zeitzeuginnen, die in Lupeni lebt.
Gedenktafel für die 1700 deportierten ...
Gedenktafel für die 1700 deportierten Schiltaldeutschen in der ev. Kirche von Lupeni.
Heute ist aus der einst privilegierten Industrieregion ein Notstandsgebiet geworden. Nur wenige Gruben und Industriebetriebe arbeiten noch. In den kommenden Jahren sollen die letzten Gruben geschlossen sein. Die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch. Die Not in vielen Familien ist groß, auch unter den Deutschen.

Eine letzte größere Auswanderungswelle Anfang der 1990er Jahre dezimierte die Gruppe der Deutschen im Schiltal nochmals. Versuche, nach fast 50 Jahren wieder einen deutschen Kindergarten bzw. eine deutsche Schulabteilung aufleben zu lassen, gelangen leider nur für kurze Zeit. In Petroschen, Vulcan und Lupeni entstanden allerdings deutsche Ortsforen. In Deutschkursen erlernten manche ihre längst vergessene bzw. aus Angst nicht mehr gesprochene deutsche Muttersprache. Manche Jüngere konnten auch nur den von den Eltern erlernten deutschen Dialekt, wie beispielsweise verschiedene sächsische Mundarten aus Süd- und Nordsiebenbürgen. In den 1970er Jahren kamen einige sächsische Familien ins Schiltal. Durch die evangelische Gemeinde bzw. das Deutsche Forum und den Verband der Russlanddeportierten werden in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Hilfsgüter an Bedürftige verteilt.

Seit 25 Jahren habe ich nun aus Österreich Beziehungen und Kontakte zu den Deutschen im Schiltal. Vor 1990 war es nur schwer möglich, Lebensmittelpakete aus dem Ausland ins Schiltal zu senden. Seit der politischen Wende komme ich jährlich um den Palmsonntag, seltener im Sommer, mit Begleitung ins Schiltal, halte Gottesdienste, besuche Einzelpersonen und Familien und bringe Hilfsgüter. Vor genau zehn Jahren konnten wir den Ankauf einer Wohnung in ­Lupeni finanzieren, in der wöchentliche Zusammenkünfte für die Deutschen stattfinden und im Winter Gottesdienste gehalten werden. Auch die aus dem Ausland kommenden Hilfsgüter können dort sortiert und verteilt werden. Auch wurde mit Hilfe des Gustav-Adolf-Werkes in Deutschland die evangelische Kirche in Lupeni renoviert. Leider wurden diese Arbeiten im Jahr 1998 nicht gut durchgeführt, so dass manches schon wieder renoviert werden müsste. Zusätzlich wurde mehrmals in die Kirche eingebrochen und manches entwendet bzw. zerstört!

Die letzte offizielle Volkszählung aus dem Jahre 2011 ergab für das Schiltal etwa 400 bis 500 Deutsche. Wie lange werden deutsche Familiennamen wie Bräutigam, Binder, Bayer, Feldmann, Göttferth, Grünwald, Gundelfingen, Heinz, Herzberger, Knebel, Kolbert, Kräutner, Münich, Ritter, Schweitzer, Schmidt, Schneider, Zippenfenig und viele andere mehr daran erinnern, dass es im Schiltal Deutsche gab und gibt?

Frank Schleßmann




Pfarrer Mag. Frank Schleßmann, Mattighofen, Österreich reist seit vielen Jahren immer wieder zu den Deutschen im Osten und Südosten Europas, im Kaukasus und Mittelasien. Er studierte 1981 bis 1983 als erster deutscher Theologiestudent aus Deutschland am Theologischen Institut in Hermannstadt. Zusammen mit seiner Frau Johanna, geb. Nösner, leitet er die Siebenbürger Nachbarschaft Mattigtal in Oberösterreich. Kontakt: E-Mail: frank.schlessmann[ät]gmx.at, Telefon: (0043-664) 3053600.

Schlagwörter: Schiltal, Rumäniendeutsche, Minderheiten

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  • 17.02.2013, 20:38 Uhr von Zappel: Was hätte diesen Leuten besseres "Reproduzieren" denn gebracht? Allenfalls mehr "rumänische" ... [weiter]
  • 17.02.2013, 13:43 Uhr von Joachim: Die hätten sich mal besser "reproduzieren" sollen, um es im Jargon eines ehemaligen Users ... [weiter]
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