29. September 2013

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„Zukauf versus Freikauf“ - von Prof. Dr. Paul Philippi

Die Auswanderung der Siebenbürger Sachsen gerät nach mehr als 20 Jahren wieder in die Schlagzeilen. Rechtsanwalt Dr. Heinz-Günter Hüsch führte bis zur Wende von 1989 im Auftrag der Bundesregierung die Verhandlungen mit der rumänischen „Securitate“ für den Freikauf der Rumäniendeutschen. In Interviews, dem Buch „Kauf von Freiheit“ (siehe Besprechung "Wie die Bundesrepublik die Freiheit der Deutschen Rumäniens erkaufte") und einer Fernsehsendung, die im Juli und August 2013 auf Phoenix gezeigt wurde, legte Hüsch Vorgänge offen, die bisher kaum bekannt waren. Zu diesem Thema melden sich nun – aus unterschiedlichen Perspektiven – zwei siebenbürgisch-sächsische Protagonisten zu Wort: der Schriftsteller und Publizist Hans Bergel (siehe separater Aufsatz), Chefredakteur der Siebenbürgischen Zeitung von 1971-1989, und der Theologe Prof. Dr. Paul Philippi, Ehrenvorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR). Anlässlich der Vertreterversammlung des DFDR, die unmittelbar nach einer Veranstaltung mit Dr. Hüsch stattfand, nahm Philippi am 26. April d. J. den Faden der Diskussion auf und redete die Vertreter wie folgt an.
Vor einer Woche hat in diesem Saal eine Tagung stattgefunden, in der unter Beteiligung von Herrn Dr. Heinz-Günther Hüsch das Thema „Familienzusammenführung versus Freikauf“ verhandelt worden ist. Die Landsmannschaften unserer schon 1945/50 ausgewanderten Landsleute hatten im Jahre 1962 verkündet: Wir sprechen von Familienzusammenführung, aber wir meinen Aussiedlung – wobei wir auf die Rettung aller Rumäniendeutschen zielen – und die Unterstützung der Bundesregierung dafür erwarten. Die Landsmannschaften verhandelten in dieser Sache mit den Herren Dr. Genscher und Dr. Kohl und wussten, dass diese Herren für das ethnisch/nationale Argument einer solchen Rettungsaktion kein Ohr hatten. Herr Dr. Hüsch, der dann von 1968 an im Auftrag der Bundesregierung Deutschlands die Familienzusammenführung mit Rumänien verhandelte, hatte mit den Landsmannschaften keinen Kontakt, wie wir vor einer Woche von ihm erfuhren. Er verhandelte die Ausreise von möglichst vielen einzelnen Rumäniendeutschen und gegebenfalls von deren Familien aus humanitären Gründen: Aus den belastenden Lebensbedingungen des Kommunismus heraus in die westliche Welt der Freiheit.

Es war nicht nur interessant, ja spannend, was wir bei der Tagung vor einer Woche erfuhren und was wir schon durch die Veröffentlichungen erfahren hatten, die wir der ADZ und Hannelore Baier verdanken. Es blieb auch ein Stachel, der uns als Forum trifft und wohl zum Anstoß werden muss, über die Rolle nachzudenken, die uns dieses politische Spiel des Freikaufs aus den 70er und 80er Jahren nachträglich zuweist: Nachzudenken über unsere Rolle in Rumänien, über unser Verhältnis zu Deutschland, unser Verhältnis zu den Organisationen unserer (ehemaligen?) Landsleute im Westen.

Dieses Verhältnis ist zurzeit in allen drei Fällen recht gut bis sehr gut. Dafür sind wir dankbar. Darum soll es auch so bleiben. Aber damit es so gut bleibe, müssen wir uns im Laufe der nahen Zukunft, so meine ich, über das ganze Phänomen des gezielten Massen-Freikaufs während der Jahre vor 1989 noch weiter verständigen. Unaufgeregt, freundschaftlich, konstruktiv. Ich will versuchen, zu skizzieren, warum und gegebenfalls wie das nötig ist: Zwischen 1945 und 1989 hatten die rumänischen Bürger deutscher Nationalität einen höchst gefährdeten Stand. Darüber waren sich alle einig. Die Folgerungen aus dieser allen gemeinsamen Überzeugung waren verschieden. In Rumänien selbst gab es viele, die sehr früh, also bereits in den späten 40er und frühen 50er Jahren, das Ende für die deutschen Gemeinschaften hier gekommen sahen. Viele suchten daher schnell auszureisen. Diese, aber mehr noch die schon 1944 und vorher nach Deutschland Ausgereisten, vereinigten sich sehr früh in der Überzeugung, dass es mit einem Leben deutscher Gemeinschaften in Rumänien defininiv zu Ende sei – so dass es ein politisches Ziel sein müsse, die Deutschen Rumämiens insgesamt auszusiedeln. Dem gegenüber gab es in Rumänien verantwortliche Kreise, die trotz der vorhandenen Gefährdung dafür eintraten, das Leben der deutschen Gemeinschaften Rumäniens zu erhalten. Nennen wir diese einmal hilfsweise „Beharrungskreise“. Und es gab Kreise unter den in Deutschland gestrandeten oder gelandeten Rumäniendeutschen, die mit diesen verantwortlichen „Beharrungskreisen“ Rumäniens Verbindung hielten und darauf drängten, dass auch alle anderen Kräfte (also Landsmannschaften und Bundesregierung) diese Beharrungskreise nicht überfahren, sondern sich mit ihnen abstimmen.

Ob eine solche Abstimmung möglich gewesen wäre, sei jetzt dahingestellt. Jedenfalls haben die landsmannschaftlich organisierten Kreise in Deutschland eine solche Abstimmung gar nicht versucht, sondern den unvermeidlichen Untergang dekretiert und alles daran gesetzt, dem entsprechend zu handeln. Unter diesem Vorzeichen wurde politisch und publizistisch nachhaltig agiert und erreicht, dass sich die bundesdeutsche Regierung schließlich der rumäniendeutschen Frage annahm und unter humanitärem Vorzeichen (Dr. Hüsch) das aufnahm, was zwar unter dem Vorzeichen einer nationalen Lösung gewollt war, was sich aber auch mit der kleineren Münze humanitärer Freikäufe befördern ließ.

Dabei war von keiner Seite in Rechnung gestellt, dass und in welcher Weise mit dieser kleineren Münze des Einzelfreikaufs und später des Quotenfreikaufs die Voraussetzungen für eine „Beharrungslösung“ ausgehöhlt und korrumpiert wurden. Politisch wurden die Deutschen Rumäniens zu bloßen Objekten: zu einer anonymen Verhandlungsmasse zwischen zwei Staaten. Die Handelsware: ca. 300.000 Individuen. Das Überleben rumäniendeutscher Strukturen spielte dabei für die beiden Handelspartner keine Rolle. Wenn z.B. in Manuskripten rumäniendeutscher Historiker etwa vom „poporul săsesc“ (also von einer Gemeinschaft) die Rede war, veränderte es die Bukarester Zensur das stets zur „populaţia săsească“ (d.h. zu einer amorphen Summe). Es durfte nur noch um Zahlen gehen – und um Zahlungen.

In dieser so und sehr grob skizzierten Situation erreichte uns die Wende von 1989. Der erste Beschluss, der im Dezember 1989 zur Forumsgründung führte, hatte zum Ziel, wieder eine Struktur für die politische Vertretung der Gemeinschaften der Deutschen Rumäniens zu gründen. Das Forum wurde quasi zur Neuauflage der korrumpierten „Beharrungslösung“. In den ersten Jahren nach 1989 wurde dieses Ziel von den bestehenden Verbänden unserer Landsleute in Deutschland noch mit großer Skepsis begleitet (um es nicht negativer auszudrücken). Verständnis für strukturelle Hilfen für Rumäniendeutsche wurde uns nach 1990 zuerst von deutschen Regierungsstellen zuteil – ich denke dankbar an die ersten Verhandlungsrunden in Bonn, an denen Karl Singer und ich teilnahmen – und erst allmählich schwenkten auch die politischen Organisationen unserer Landsleute auf diesen Kurs ein. Das hat sich heute allerseits zum Positiven hin stabilisiert. Das macht uns dankbar. Es ist freilich auch die Voraussetzung dafür, dass wir im Land Rumänien mit Perspektiven auf eine Zukunft hin arbeiten. Als bloße Betreuungssumme von 40000 Individuen sind wir oder wären wir ein Auslaufmodell, so wie wir es als Verhandlungsmasse von 300000 Individuen waren, die vor 1989 von Bukarest quotenweise verkauft und von Deutschland eingekauft (Verzeihung: freigekauft) worden waren. Als strukturierte Gemeinschaften, als kollektives Subjekt mit kulturellem, sozialem und (warum nicht) auch wirtschaftlichem Profil, als Corporate personality aber dürfen wir und sollten wir auch für Zuzug werben. Dem Freikauf der 1970er und 1980er Jahre lag außer dem humanitären Wohlwollen für die Rumäniendeutschen auch die Doktrin von deren kommunitärem Auslaufen zugrunde. Dem gegenüber haben wir heute die Aufgabe und die Chance, unsere (kleine aber feine) Präsenz als deutsche Gemeinschaften einzubringen als ein kommunitäres HIER in diesem europäischen Entwicklungsland Rumänien. Zurzeit sprießen in den Bücherregalen ganze Beete neuer Literaten, die alle das Heldenlied ihrer seinerzeitigen Auswanderung singen. Es war die Freiheit, die sie persönlich errungen haben. Dafür erhalten sie Beifall. Jeder einzeln, für sich. Für das Meisterstück ihrer Auswanderung. Jetzt haben wir die Freiheit zum Meisterstück der Bildung von Gemeinschaften deutscher Bürger Rumäniens einzuladen, die nicht von dem gelungenen Versuch erzählen, sich aus den Zwängen von damals befreit zu haben, sondern die jetzt den Versuch machen, unter den neuen Bedingungen europäischer Freizügigkeit als Deutsche auf dem Boden der angestammten Heimat wieder etwas aufzubauen. Zukauf statt Freikauf! In einem Stil, der dem 21. Jahrhundert entspricht.

„Familienzusammenführung versus Freikauf“ hieß das Symposium, das in der letzten Woche in diesem Saal getagt hat. Es hat uns den Anlass gegeben, über den Horizont unserer Forumsarbeit nachzudenken, so wie er sich heute ausspannt – zwischen gestern und morgen.

Schlagwörter: Rumänien, Familienzusammenführung, Freikauf

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