17. September 2014

Vor 70 Jahren – Zwischen die Fronten geraten

Nach dem Staatsstreich vom 23. August 1944 und der Kriegserklärung Rumäniens an Deutschland zwei Tage später spitzte sich die Sicherheitslage Anfang September für einige sächsische Gemeinden im sogenannten Szeklerzipfel bzw. im ungarisch-rumänischen Grenzraum bedrohlich zu. Als deren unmittelbare Folge kam es für Tausende von älteren Menschen, Frauen und Kindern zur überstürzten Flucht, die für einige den Tod, für die meisten Not, Elend und Heimatverlust mit sich brachte. Im Folgenden soll die Chronologie der militärischen Ereignisse in diesen dramatischen Spätsommertagen nachgezeichnet werden.
Am 20. August 1944 beginnt ein sowjetischer Großangriff an der Südostfront, der als Operation Jassy-Kischinew in die Geschichte des Zweiten Weltkrieges eingehen sollte.

Den etwa 930000 Rotarmisten aus der 2. und 3. Ukrainischen Front unter den Armeegenerälen Rodion Malinowski und Fjodor Tolbuchin stehen mit der Heeresgruppe Südukraine (Kommandeur: Generaloberst Hans Frießner) nur rund 720000 Mann gegenüber.

Dieser später in Heeresgruppe Süd umbenannte Großverband umfasste die nach dem Stalingrad-Desaster neu aufgestellte 6. Armee (Gen. Maximilian Fretter-Pico), die 8. Armee (Gen. Otto Wöhler) sowie die 3. und 4. rumänische Armee. Den russischen Panzerarmeen gelingt es an mehreren Abschnitten die 900 km lange Verteidigungslinie – von den Ostkarpaten über Jassy und Kischinew bis nach Tiraspol – zu durchbrechen und durch eine großräumige Umfassungsaktion und Kesselschlachten 16 deutsche Divisionen aufzureiben. Insgesamt werden bei diesem fünf Tage dauernden „rumänischen Stalingrad“ 21 Wehrmachtsdivisionen vernichtet. Mit 150000 allein deutschen Gefallenen und etwa 105000 Kriegsgefangenen „übertrifft“ diese Pruth-Schlacht sogar die Katastrophe an der Wolga.

Einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran hatte der Frontwechsel Rumäniens vom 23. August, der die Kampfmoral seiner Truppen sicherlich nicht erhöhte, wobei deren Ausbildungs- und Ausrüstungsstand allgemein nicht an jenen der Wehrmacht heranreichte.

20. August, ein Sonntag: Zum traditionellen Sportfest der Landjugend aus acht Gemeinden im sogenannten Zenkendol – einer Eichen-Hutweide im Vierdörfereck Maldorf – Irmesch – Kleinalisch – Rode – ist auch ein deutscher Wehrmachtsgeneral erschienen; er und die Vertreter der Landes- und Kreisgruppe sprechen zuversichtlich vom deutschen „Endsieg“. Am späten Abend des 23. August ruft Frießner, hochdekorierter Drei-Sterne-General, Hitler an und meldet ihm die „selbständige Übernahme der gesamten Kommandogewalt über alle deutschen Dienststellen und Truppen in Rumänien“. Als vordringlichste Aufgabe nennt er die Rettung möglichst viel an Menschen und Material, und dessen Überführung auf ungarisches Gebiet, um dort eine neue Abwehrfront aufzubauen.

Während die deutsche 6. Armee ein zweites Mal größtenteils dezimiert wird, können sich Teile der 8. Armee über die Karpaten ins noch verbündete Ungarn zurückziehen.

Am 25. August wird der aus Birthälm gebürtige SS-Obergruppenführer Arthur Phleps zum „Bevollmächtigten Deutschen General und Höheren SS- und Polizeiführer für Siebenbürgen und das Banat“ ernannt. Der altgediente Offizier hatte schon vorher die 7. SS-Freiwilligen-Gebirgsdivision „Prinz Eugen“ im Jugoslawien-Krieg befehligt.

26. August: Einige sowjetische Kräfte stoßen in Angriffskeilen gegen Süden vor und erreichen das Erdölzentrum Ploiești am 29. August, und zwei Tage später Bukarest. Andere drehen in Richtung Ostkarpaten ab und bedrohen die Gebirgspässe Tulgheș, Bicaz, Ghimeș und Oituz. Vor allem um Letzteren wird auf beiden Seiten hart gekämpft. Der 8. Armee gelingt es, diese Übergänge nach Siebenbürgen zwei Wochen lang zu verteidigen, bis die Reste der 6. Armee den Rückzug nach Ungarn geschafft hatten. Für die Abriegelung der Südkarpatenpässe Predeal, Roter-Turm und Vulcan reicht es für die Wehrmachtsverbände nicht mehr.

General Phleps trifft am 28. August Heeresgruppen-Chef Frießner. Dieser will ihn mit einem Unternehmen betrauen, welches u.a. die Rückeroberung des Predealpasses vorsieht. Zu diesem Zweck soll ihm unter anderen die 4. Gebirgsdivision zur Verfügung gestellt werden. Gleichwohl muss diese Heereseinheit zur Sicherung des Aklos-Passes am Karpatenknie abgestellt werden, so dass der Kampfauftrag von Phleps undurchführbar wird.

An diesem Tag kommt die Meldung, dass die 8. SS-Kavallerie-Division „Florian Geyer“ aus dem Raum Budapest nach Siebenbürgen verlegt werden soll. Inzwischen hatten sich die Reste der 6. Armee im äußersten Szeklerzipfel wieder gesammelt. Hinzu kam die sogenannte „Kompanie Kronstadt“, zu der sich u.a. auch Honterus-Gymnasiasten gemeldet hatten, sowie flüchtende Volksdeutsche und Waffen-SS-Urlauber, die zusammen das „Regiment Siebenbürgen“ bildeten.

Nachdem der Auftrag an Phleps, die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben mit militärischen Mitteln zu schützen, nicht (mehr) möglich war, erhält er am 2. September vom Reichsführer-SS H. Himmler die Bewilligung zur Teilevakuierung. Am 4. September teilt er mit: „Erneut vom Führer den telg. Bef. an H.Gr. und mich, alles für Rettung der Deutschen Siebenb. u.d. Banats daran zu setzen.“ Am gleichen Tag rückt ein Vorauskommando der Roten Armee in Kronstadt ein. 3. September: Eine rumänische Einheit der neuformierten 1. Armee gräbt sich südlich von Rode ein.

Anfang September: Die deutsch-ungarische Abwehrfront erreicht eine Länge von knapp 1000 km. Sie verläuft von Temeschburg über Arad nach Großwardein, dann südostwärts bis Klausenburg, entlang der ungarisch-rumänischen Grenze über Neumarkt, nördlich Kronstadt, um den Szeklerzipfel und endlich die Ostkarpaten entlang nordwärts bis zum Dreiländereck Rumänien – Generalgouvernement – Ungarn.

Um einer Einkreisung der 6. Armee im Szeklerzipfel vorzubeugen, beschließt das Oberkommando der Heeresgruppe den Befehl zum ­Gegenangriff. Es ist der 5. September. Die Abwehrschlacht um Siebenbürgen beginnt.

Die Offensive der gemischten deutsch-ungarischen Verbände geht zunächst zügig voran und ihre Angriffsspitzen erreichen am Abend die ins Auge gefasste Linie Cornești – Thorenburg – Luduș. Gleichzeitig kämpft sich die Phleps-Gruppe „Siebenbürgen“ bis Lechinţa und Ogra bei Iernut im Miereschtal durch. Hier kommt es zu heftigsten Gefechten mit der 1. rumänischen Armee.

Die über den Vulcan- und Roten-Turm-Paß eingedrungene 6. sowjetrussische Panzer-Armee marschiert an der Südfront ebenso auf, wie drei Infanteriedivisionen, sowie eine rumänische Armee mit zehn Infanteriedivisionen. Deutsche Soldaten werfen am 6. September Handgranaten in den Gendarmerieposten von Rode und schießen ihn in Brand. In der Dorfmitte gibt es einen Schusswechsel mit einem rumänischen Stoßtrupp, Artilleriesalven gehen, vom Zenkendol abgefeuert, auf den Ort nieder. Angesichts der gewaltigen Übermacht des Gegners wird auf deutscher Seite am 7. September die Räumung des militärische Berühmtheit erlangten Szeklerzipfels befohlen. Damit soll der Abschnürung der deutsch-ungarischen Truppen in dieser Frontausbuchtung zuvorgekommen werden. Im Raum von Thorenburg kommt es zu einer erbittert geführten Abwehrschlacht.

Zwischen Draas und Katzendorf, im ungarisch-rumänischen Grenzbereich, schlagen deutsche Truppenteile die Grenzpolizisten in die Flucht und rücken in Katzendorf ein. Die sächsische Bevölkerung wird von einem Offizier zum raschen Verlassen der Gemeinde aufgefordert. Sie bricht noch am gleichen Tag, Wagen an Wagen, Richtung Draas auf. Diese Gemeinde war durch den 2. Wiener Schiedsspruch Ungarn zugeschlagen worden.

Von einem nahegelegenen Berg gehen Geschosse auf den Katzendorfer Bahnhof nieder. Die Zenderscher gehen der zu dieser Zeit anstehenden Hanfwäsche in der Kleinen Kokel ahnungslos nach.

8. September: Das Königreich Rumänien erklärt Ungarn den Krieg. Oberstes Ziel dabei: die Rückgewinnung Nordsiebenbürgens.

Der gemeinsame Draaser-Katzendorfer-Treck bewegt sich in nordwestlicher Richtung mit dem Ziel Neumarkt. Ein Vorauskommando der „Florian Geyer“ plant einen Vorstoß auf Schäßburg, unterstützt von einem Aufklärungstrupp (Abwehr-2) des militärischen Geheimdienstes, und überschreitet die Landesgrenze bei Nagykend. In rascher Folge werden die Sachsen der Gemeinden Maniersch, Zendersch, Rode, Felldorf und Zuckmantel innerhalb von Stunden zur Flucht gedrängt.

Nachdem die südlichen Nachbargemeinden Nadesch und Großalisch bereits von sowjetischen Truppen besetzt sind, muss sich die Waffen-SS-Einheit wieder über die Kokel zurückziehen und baut eine Abwehrfront auf dem sogenannten Plattenberg, einem Höhenzug bei Bladenmarkt (Balavasar), auf.

In der Nacht zum 9. September wird die Eisenbahnbrücke über den Kokelfluss bei Kruden (Korod) gesprengt. Kurz nach Neumarkt, bei Marosszentgyörgy, nehmen etwa 10-12 Tiefflieger mit Hoheitszeichen der Wehrmacht, aber mit rumänischen Kampfpiloten besetzt, einen Flüchtlingstreck aus Zendersch und Felldorf unter Beschuss – 42 Menschenopfer, viele Verwundete, getötete Zugtiere sind zu beklagen. Die Toten werden in Massengräbern bestattet.

Erst nachdem er einige Transportschwierigkeiten und politische Bedenken bei den ungarischen Kommandostellen überwunden hatte, kann General Phleps die Evakuierung der Siebenbürger Sachsen aus dem Nösnergau und dem Reener Ländchen freigeben. Es ist der 9. September, ein Samstag. Aus Mediasch wird der Einmarsch sowjetischer Truppen gemeldet.

In den frühen Morgenstunden des 10. September rollen sowjetische Truppen, aus südlicher Richtung kommend, auch über den Schäßburger Marktplatz.

10./11. September 1944: Ab Neumarkt und Sächsisch-Regen ziehen in langen Trecks oder auf Güterwaggons verladen, tausende Flüchtlinge wochenlang westwärts, einem ungewissen Schicksal entgegen. Die Sachsen des Nösnerlandes ebenso.

Walter Schuller

Schlagwörter: Weltkrieg, Gedenktag

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