10. März 2022

Krieg ist etwas Furchtbares: Zum 150. Geburtstag des facettenreichen Künstlers Ludwig Hesshaimer

Am 10. März jährte sich der 150. Geburtstag von Ludwig Hesshaimer. Als Sohn des Kaufmannes Adolf Hesshaimer (1845-1917) und dessen Ehefrau Auguste, geborene Lassel, kam Ludwig Hesshaimer am 10. März 1872 in einem alten Kronstädter Bürgerhaus, dem „Hesshaimer Haus“ am Marktplatz, nicht weit von der Schwarzen Kirche zur Welt.
Durch die mehrfachen Umsiedlungen der Familie (berufsbedingt) verbrachte er seine Kindheit nicht nur in Siebenbürgen. Zunächst zog die Familie nach Stockerau bei Wien und von dort im Jahre 1878 nach Triest. Hier machte der kleine Ludwig für sich die Entdeckung der Briefmarken – eine Leidenschaft, die ihn sein ganzes späteres Leben faszinieren und begleiten sollte.

Karl Flechtenmacher berichtet darüber: „Eines Tages sieht er in einem Schaufenster Briefmarken, die ihn sofort fesseln. Er wird ein fanatischer Sammler, verpfändet dafür alles, selbst sein Schulbutterbrot. Nicht des Tauschwertes, sondern ihrer Schönheit wegen sammelt er Marken. Und durch ihr Studium und zahlreiche Gespräche mit weitgereisten Matrosen lernte er mühelos Erdkunde ... Er ahnt nicht, welche Rolle die Briefmarke für ihn noch spielen sollte. Aber durch Beobachtung lernt er auch die verschiedenen Druckarten erkennen, schneidet sich aus Radiergummi Stempel und beginnt damit zu drucken. Bastelnd ahnte er die Arten des Kunstdruckes voraus.“

Ludwig war in der Schule ein sehr lebhaftes und aufgeschlossenes Kind gewesen, hatte so gar nicht in das disziplinierte Schulleben der k.u.k.-Zeit gepasst. Sein Verhalten und der unterschiedliche Lehrplan führten zum Schulverweis. Auf Wunsch seines Vaters, nicht auf seinen achtend, auf eine Kunstschule zu gehen, kam er auf das Internat der Infanteriekadettenschule in Budapest. Nach dessen Abschluss wurde er zum Budapester k.u.k.-Infanterie-Regiment eingezogen.

Ludwig Hesshaimer: „ICH“. Selbstporträt, ...
Ludwig Hesshaimer: „ICH“. Selbstporträt, Kaltnadelradierung, 1921
Hesshaimer schlug die Offizierslaufbahn ein, welche einen häufigen Garnisonswechsel mit sich brachte. Seine Leidenschaft für Kunst, die er von zu Hause mitbrachte, ließ ihn nie vom Zeichnen los. In den nächsten Jahren lernte er nach und nach die ganze k.u.k.-Monarchie kennen. 1900 ergab sich für ihn eine berufliche Umstellung, er wechselte in den militärischen Schulbetrieb und kam als Lehrer für Freihandzeichnen zu unterschiedlichen Garnisonen (St Pölten, Kaschau, Sarajevo, Preßburg und Wien) im Laufe von zwölf Jahren. Dabei lernte er den Künstler Hans Fronius, auch mit siebenbürgisch-sächsischen Wurzeln, als Schüler im Militärknabenpensionat in Sarajevo kennen. Nach Sarajevo versetzt, heiratete er 1901 seine Frau Olga in der dortigen evangelischen Kirche. Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter und mehrere Enkel hervor. Es war eine Stadt, die ihn durch ihre Schönheit, die Nähe zum Orient der Bevölkerung und deren Sitten sowie die sie umgebende Landschaft faszinierte. Trotz seines vorbildlichen Diensteifers hat Hesshaimer nie sein künstlerisches Ziel aus den Augen verloren, so verwendete er mehrere Stunden täglich zum Zeichnen.

1902 machte Hesshaimer die Bekanntschaft mit dem Orient-Maler Alfons Leopold Mielich. Ein akademisch geschulter Künstler, der sein Wissen gerne weitergab und so Hesshaimers Kunst festigte. Seit dieser Zeit übte Hesshaimer letztlich zwei Berufe aus, den des Offiziers und zugleich den des Malers. Die in Bosnien gesammelten Eindrücke fanden ihren Niederschlag in Radierungen, mit denen er erstmals die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam machte.

In dem Wissen, dass er es ohne gründliche akademische Ausbildung nie zu einem anerkannten Künstler bringen werde, ließ er sich 1909 vom Dienst beurlauben, um sich in Wien an der Akademie der bildenden Künste und an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt weiter auszubilden. Es wurde berichtet, dass Hesshaimer mit Feuereifer studierte. Er „sitzt mit bereits ergrautem Haar (37-jährig) auf der Schulbank als Eifrigster und Fleißigster und er arbeitet zu Hause bis spät in die Nacht weiter. Er hört Anatomie und Kunstgeschichte, übt Akt- und Landschaftsmalerei, erlernt die Fotografie und in der Grafischen Versuchs- und Lehranstalt sämtliche Verfahren. Den Stoff, den andere in vielen Jahren bewältigen, meistert er in nur 18 Monaten und schnitt bei der Schulprüfung als erster ab“. Danach nahm er seine Lehrtätigkeit in Militärschulen wieder auf. 1910 erschienen erste von ihm entworfene Postkarten, 1911 übernahm die Albertina in Wien einige seiner Bilder.

Er wurde wieder nach Sarajevo versetzt. Um seine Eindrücke gleich in Grafiken umsetzen zu können, schaffte er sich eine kleine Kupferpresse an. 1914 wurde ihm gestattet, eine Mappe seiner bosnischen Radierungen dem Thronfolger Franz Ferdinand bei dessen Besuch in Sarajevo zu überreichen. Dazu kam es durch den Anschlag leider nicht mehr. Er konnte nur noch bei der Bergung der Opfer helfen. Die Mappe ist bis heute noch blutbefleckt.

Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er in das Kriegspressequartier (K.P.Q.) versetzt. Hier gehörte Hesshaimer als Kriegsmaler der sogenannten Künstlergruppe an. Er arbeitete für den Generalstab der k.u.k.-Armee sowie für die Leipziger illustrierte Zeitung. Als einer der ersten Künstler stellte er seine Kriegszeichnungen in Wien aus. Sein Arbeitseifer brachte ihm den Ausspruch eines Künstlerkollegen ein, wo er denn sei? ... „Ja, der muss noch schnell vor der Suppe ein Blatt zeichnen, sonst schmeckt sie ihm nicht.“

Als aktiver Offizier war er in den Jahren 1915 bis 1918 als zeichnender Kriegsberichterstatter in Polen, Russland, Galizien, der Bukowina, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Mazedonien, Albanien, Bosnien, Montenegro, Tirol und Italien.
Ludwig Hesshaimer: „Der Weltkrieg. Ein ...
Ludwig Hesshaimer: „Der Weltkrieg. Ein Totentanz“, Blatt 6, Radierung, 1920
Neben dem Foto hatten die zeichnerischen Darstellungen noch eine sehr wichtige Rolle: „Ich hielt alles fest, was ich im Krieg fand. Ich zeichnete ihn so wie ich ihn selbst sah: das Schöne, das Gute, sogar das Heitere, das Edle und Große, das im Krieg ebenso zu finden war wie all das Furchtbare und Schmerzvolle, das Grausame und tief Traurige.“ Ein weiteres Zitat aus dem so gelungenen Buch: „Ludwig Hesshaimer, Miniaturen aus der Monarchie. Ein k.u.k-Offizier erzählt mit dem Zeichenstift“, Wien 1992.

1919 nahm er seinen endgültigen Abschied und war seither als freier Künstler in Wien tätig. Er richtete sich eine Werkstatt mit den für grafische Verfahren notwendigen Einrichtungen ein. Eine Fülle von Arbeit als Maler, Grafiker, Journalist, Schriftsteller, Dichter und Vortragsredner folgte in den künftigen Jahren. Dies bezeugt seine vielseitige kreative Begabung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sein Archiv trotz Auslagerung von den Russen zum größten Teil zerstört. 1946 starb seine Tochter Herta und 1947 auch seine Frau. Da beschloss er 1950, zu seiner Tochter Thea nach Brasilien, Rio de Janeiro, auszuwandern. Hier verbrachte er noch einige erfolgreiche Jahre, bis er am 10. Januar 1956 starb.

Das künstlerische Hauptwerk Ludwig Hesshaimers umfasst ein riesiges grafisches Werk. Es entstanden tausende Zeichnungen und Radierungen. Aquarell und Ölmalerei spielten in seinem Œuvre nur eine untergeordnete Rolle. Hesshaimer verarbeitet seine Kriegserlebnisse in Skizzen und Einzelradierungen. Diese kann man in die Nähe des deutschen Impressionismus und des Jugendstils setzen. Zum Beispiel 1915 „Heil und Sieg“, 1921 „Totentanz“, 1925 „Anbetung“, 1926 „Götter, Götzen und Geister“, 1927 „Siebenbürgen“, 1931 „Kriegsgräber in Rumänien“. Gleichzeitig entstanden 200 Exlibris sowie Zeitschriften-Illustrationen. Seit seiner Kindheit hatte er eine besondere Liebe zur Philatelie. Er entwarf 1918 bis 1919 österreichische Kriegsgefangenen-Marken, in den 20er Jahren diverse Werbe- und Propaganda-Marken, 1928 bis 1929 Island-Jubiläumsmarken, 1931 Kolumbien-Flugpostmarken.

Hesshaimer wurde mehrfach für seine künstlerische Tätigkeit ausgezeichnet, so erhielt er 1921 die Medaille der Stadt Salzburg, 1928 die Hans-Wagner-Medaille/Wiesbaden für Verdienste in der Philatelie und Prägung der Hesshaimer-Plakette durch den Verband der Österreicher Philatelistenvereine (diese wird im In- und Ausland für Verdienste um die philatelistische Organisation verliehen). 1952 erhielt er die Silbermedaille des Museo de Arte Moderna für Exlibris/Rio de Janeiro. Er war Mitglied in der Kunstsektion des österreichischen Offiziers-Verbandes, des Wiener Albrecht-Dürer-Bundes und des Verbandes österreichischer Philatelistenvereine, dessen Präsident er viele Jahre war.

Seine Werke befinden sich heute in Privatbesitz sowie u. a. im Heeresmuseum in Wien, in der Albertina in Wien, der Ungarischen Nationalgalerie in Budapest, im Brukenthalmuseum in Hermannstadt und sein Nachlass befindet sich im Archiv des Siebenbürgen-Instituts in Gundelsheim. Eine gründliche kunsthistorische Aufarbeitung dieses facettenreichen Künstlers steht leider noch aus. Ludwig Hesshaimers Lehre aus dem Krieg ist heute noch aktuell: Man „soll wissen, dass Krieg etwas Furchtbares, an sich Böses ist, dass der Inhalt des Wortes Krieg nicht den schönen Tod in heroischer Heldenpose auf dem Schlacht­feld bedeutet, sondern das unermesslich große Leid, das schier unstillbare Grauen, das alle Geschöpfe zermartert und viele ganz zerstört“.

Monika Jekel

Schlagwörter: Hesshaimer, Jubiläum, Krieg, Maler, Grafiker, Journalist, Schriftsteller, Dichter, Weltkrieg, Kronstadt

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