18. Dezember 2015

Druckansicht

Gedanken zum rumänischen Nationalfeiertag

Bald wird ein Jahrhundert seit der Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien gefeiert: Am 1. Dezember 1918 wurde in Karlsburg bei der Großen Nationalversammlung die Proklamation verlesen, die zur Gründung des sogenannten „Großrumänien“ führte, wie das Königreich zu Zeiten seiner größten territorialen Ausdehnung (1919-1940) bezeichnet wurde. Heute wird der 1. Dezember als „Tag der Einheit“ gefeiert.
Im Artikel „Staatsbürgerschaft, Freiheit und Patriotismus“ („Cetăţenie, libertate şi patriotism“), der am 1. Dezember 2015 auf dem Online-Portal „Contributors“ (www.contributors.ro) erschienen ist, warnt der Politologe Ioan Stanomir vor einer „offiziellen Mythenbildung“ und nationalistischen Instrumentalisierung der Erinnerung. Der Publizist, der an der Politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bukarest lehrt, plädiert für einen reflektierten Umgang mit dem Nationalfeiertag. Das Jahr 1918 eröffne laut Stanomir „das 20. Jahrhundert der Rumänen“, welches jedoch keineswegs ruhmreich, sondern vielmehr „eine Aneinanderreihung von barbarischen Ereignissen, eine Chronik des Terrors und der Unmenschlichkeit“ gewesen sei, umschattet von der Königsdiktatur Karls II., der Implosion Großrumäniens 1940 unter dem Druck des Zweiten Wiener Schiedsspruchs und schließlich von Holocaust und Kommunismus. Die Obrigkeit unter Ion Iliescu, die nach der Wende den 1. Dezember als Nationalfeiertag festlegte, habe bewusst ein starkes Symbol angenommen, um „das eigene Regime respektabel zu machen“ und „den Nationalkommunismus fortzusetzen“. Der Feiertag wurde erstmals 1990 offiziell begangen, in einem Jahr, in dem es zu mehreren nationalistischen Ausschreitungen gekommen war – etwa im März 1990, als ethnische Auseinandersetzungen zwischen Rumänen und Ungarn in Neumarkt am Mieresch fünf Todesopfer und rund 300 Verletzte forderten.

Die Erklärung der Nationalversammlung von Karlsburg hingegen sei „von Rumänien nie wirklich umgesetzt worden“, stellt der Autor fest. Das Dokument kodifiziere die Gleichheit vor dem Gesetz, die soziale Gerechtigkeit und die Toleranz, es unterstreiche die Rolle des allgemeinen Wahlrechts und der Rechtsstaatlichkeit als Grundlagen eines modernen demokratischen Staates. Die Erklärung „hätte eine authentische Präambel für die rumänische Verfassung werden können, wurde es aber nicht“, hebt Stanomir hervor, der im Karlsburger Programm keinen „historischen Racheakt der Rumänen“ sieht, sondern die Bemühung, im neu gegründeten Land einen zeitgemäßen „Verfassungspatriotismus“ durchzusetzen.

Im ersten Artikel der Erklärung wird tatsächlich das Recht der in Rumänien wohnenden Völker auf „volle nationale Freiheit“, auf Unterricht und Verwaltung in der eigenen Sprache, auf Vertretung in gesetzgebenden Körperschaften und der Regierung des Landes festgehalten. Ferner ist von „Gleichberechtigung“ und „voller konfessioneller Freiheit für alle Konfessionen im Staat“ die Rede – laut Stanomir sind das Standards, die heute in der gesamten Europäischen Union gelten und unter das „Recht auf Identität“ subsumiert werden können. Die Erklärung von Karlsburg sei der Versuch gewesen, unterschiedliche Nationen mit gleichen Rechten in einem „polyzentrischen, dezentralen“ Staat zu vereinigen, im dem „Rechtmäßigkeit und Freiheit“ für alle gesichert werden. Leider sei es Rumänien nicht gelungen, sich an diese Prinzipien zu halten, bemängelt der Autor, der mit einem „Gefühl der verpassten Chancen“ auf die rumänische Zeitgeschichte zurückblickt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts seien immer wieder Eliten emporgekommen, die zentralistisch gedacht und die es nicht verstanden hätten, „mit den vereinigten Provinzen zu verhandeln“. Es habe eine Staatsform triumphiert, welche die Stimmen der Bürger ignoriere. Die Erklärung von Karlsburg sei jedoch ausgerechnet gegen diesen „korrumpierenden Despotismus des Staates“ gerichtet. Die Ereignisse und Gedanken von 1918 könne man heute nur mit „demokratischer Nüchternheit“ und zivilgesellschaftlichem Engagement würdigen, betont Stanomir abschließend.

CC

Schlagwörter: Nationalfeiertag, Rumänien

Nachricht bewerten:

18 Bewertungen: ++

Neueste Kommentare

Artikel wurde 1 mal kommentiert.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.

  • AKTUELL
  • BEWERTET
  • GELESEN
  • KOMMENTIERT
Druckausgabe der aktuellen Zeitung
Die Druckausgabe der SbZ bereits eine Woche vor der Auslieferung online lesen (inkl. Volltextrecherche).

Archiv Schmökern und recherchieren im Archiv der SbZ von 1950 bis heute.

Terminkalender

« Juli 19 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 1 2 3 4

Artikel zum Thema

RSS-Feeds abonnieren

Nächster Redaktionsschluss

24. Juli 2019
11:00 Uhr

13. Ausgabe vom 05.08.2019
Alle Redaktionsschlüsse
Registrieren! | Passwort vergessen?
Impressum · RSS · Banner · Online werben · Nutzungsbedingungen · Datenschutz