5. Juli 2016

Archäologe des Verbrechens

Behände springt er in die Erdgrube und nimmt den Schädel in die Hand. Nachdenklich dreht er ihn hin und her. Pinsel und Spatel befreien aus dem Erdreich, was sonst noch übrig ist: zwei merkwürdig verdrehte, ineinander verschlungene Skelette. Die Experten beginnen zu rätseln: Welcher Knochen gehört zu wem? „Zeitgenössische Archäologie“ nennt Dr. Marius Oprea diese merkwürdige Ausgrabungsstätte, denn was hier ans Tageslicht befördert wurde, ist gerade mal 60 Jahre alt.
Tief tauchen wir ein in die düstere Vergangenheit Rumäniens – auf der Suche nach dem „verlorenen Volk“, wie der Historiker, Archäologe, Poet und Journalist Marius Oprea es nennt. Was er damit meint, sind die Werte, die der Kommunismus ausgelöscht hat: Der König vertrieben, die Kirche unterjocht, das Schulwesen ideologisiert, die Bauern enteignet. Alte Traditionen ausgetauscht durch sogenannte neue.

Über den Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit den Toten auch das Gewissen und die Würde des rumänischen Volkes wieder auszugraben, berichtet der Film „Der Sekuristenjäger“, der am 7. Juni im Kulturhaus „Friedrich Schiller“ in Bukarest gezeigt wurde. Anschließend erzählte der Historiker über das neue Regime, das in Rumänien nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Druck der Roten Armee installiert wurde. Wer dessen Ideologie entgegenstand, wurde gnadenlos aus dem Weg geräumt: Partisanen, begüterte Bauern, Intellektuelle, Kritiker, politische Gegner – letztere selbst, wenn sie bereits in Arbeitslagern schufteten oder im Gefängnis schmorten. „Werft sie zu Boden!“, lautete der codierte Befehl zum Töten ohne Gerichtsurteil. „Zu Boden geworfen!“, wurde stolz aus allen Ecken des Landes gemeldet. In den Akten des Nationalen Rates zur Aufarbeitung der Securitate-Archive (CNSAS) kommen die Schicksale dieser Opfer nicht vor. Doch der Forscher weiß, wo er suchen muss: in der Kommunikation, denn alles wurde an die Hauptstadt gemeldet. Oprea berichtet von den „Todeszügen“: Unter einem Vorwand wurden verurteilte politische Gegner aus den Gefängnissen geholt, für eine Aussage oder Gegenüberstellung in einem anderen Fall. Doch am Zielort trafen sie nie ein. Verlorene Transporte, die irgendwo in einem Massengrab am Wegesrand endeten. Zur Abschreckung wurde der hingemetzelte „Volksfeind“ oft an einen Balken genagelt oder man ließ ihn tagelang im Straßengraben liegen. Später wurden die Opfer in Sammelgräbern oder irgendwo im Wald verscharrt. Politische Gegner nackt - daran kann man sie heute als solche identifizieren.
Marius Oprea – hier bei seinem Vortrag im ...
Marius Oprea – hier bei seinem Vortrag im Schillerhaus – ist der Hauptheld des mehrfach ausgezeichneten Films von Mirel Bran und Jonas Mercier „Der Sekuristenjäger“. Foto: George Dumitriu
Immer mehr Menschen, die einen verschollenen Verwandten zu beklagen haben, wenden sich heute an das Institut zur Aufklärung von Verbrechen durch den Kommunismus. Über 60 Reisen quer durch das ganze Land hat Marius Oprea bisher unternommen: 56 Fälle, 32 erfolgreich. Dem Erdreich seine dunklen Geheimnisse zu entreißen ist nicht einfach. Nur wenige Zeitzeugen, vor allem jene, die die Gruben schaufeln mussten, erinnern sich präzise an den Ort. Spuren gibt es kaum noch. Auf etwa 100 000 schätzt Oprea die Zahl der illegal Erschossenen.

Doch außer bewegenden Szenen, wenn Verwandte den Stiefel oder die Bibel des Verschollenen erkennen, ist bisher nichts geschehen, obwohl Staatsanwälte verpflichtet sind, zu ermitteln, sobald eine Leiche vorliegt, klagt Oprea. Etwa 400 000 Anzeigen gegen Securitate-Folterer soll es seit dem Fall des Kommunismus gegeben haben - alle versandet. „In Rumänien ist zwar die Securitate verschwunden, nicht aber die Sekuristen“, erklärt der Vortragende: „Alte Institutionen haben sich über Nacht in neue verwandelt.“ Heute, so steht es auch im Abspann des Films, sollen ehemalige Sekuristen als Inhaber großer Firmen, als Beamte und Politiker unter uns weilen. Andere sind im Ruhestand, mit Renten, unangetastet - und zehnmal so hoch wie die der Opfer des Kommunismus. „Die Securitate war wie ein Staat im Staat“, erklärt der Historiker. Ca. 16 000 Offiziere und Unteroffiziere kümmerten sich um den „Klassenfeind“. Ein Heer an Spitzeln und Informanten – 136 000 im ganzen Land, hinzu kamen doppelt verpflichtete Milizangehörige und eigene Mitarbeiter – arbeiteten der Zentrale der Securitate zu. Leichtfertig wurden Aussagen von Denunzianten als Beweislast für Verurteilungen verwendet. Eine Filmszene im Gefängnis: Bis heute ist die Angst für ihn spürbar, sagt Oprea, obwohl er selbst nur kurze Zeit hinter Gittern verbrachte. Mit 18 Jahren hatte er sich geweigert, in die Partei einzutreten und Manifeste gegen Ceaușescu verteilt. Danach war es vorbei mit seinem Lebenstraum, Archäologe zu werden. Von diesem Moment an war die Securitate sein erkorener Erzfeind. Opreas „Archäologie des Verbrechens“ ist eine Art späte Genugtuung, und auch ein wenig Rache. „Die Staatsanwälte sagen, ohne Leichen verfolgen sie keinen Prozess“, erklärt er. Und, mit Nachdruck: „Leichen wollen sie haben - Leichen bekommen sie!“ 32 Mitarbeiter zählt das 2005 von Oprea gegründete Institut zur Aufklärung der Verbrechen des Kommunismus. Zu den ausgegrabenen Funden werden der Justiz Beweise und Archivdokumente geliefert. Hinweise auf Identität und Schicksal des Opfers geben Verletzungen, Handschellen, Ketten, Kleider oder deren Fehlen, ja sogar das Datum der Knöpfe der Gefängniskleidung. Gerichtsmediziner dokumentieren die Fälle kriminalistischer Puzzlearbeit. Nur die Justiz will das heiße Eisen nicht aufgreifen. Oprea zeigt sich zuversichtlich: „Über den Schuldigen schwebt klar der Säbel, seit es mein Institut gibt. Die Kasuistik haben wir. Was uns jetzt noch fehlt, ist ein mutiger Staatsanwalt!“

Nina May




Marius Oprea, geb. 1964, studierte an der Universität Bukarest Geschichte und Archäologie und promovierte 2002 über Rolle und Entwicklung der Securitate zwischen 1948-1964. 1987 war er selbst von der Securitate verhaftet worden. Nach der Revolution arbeitete er als Journalist und Redakteur und lernte 1997 bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin den Umgang mit Geheimdienstakten. 1998 wurde er Berater von Präsident Emil Constantinescu, 2005 persönlicher Berater von Premierminister Călin Popescu-Tăriceanu, als er das Institut zur Aufklärung von Verbrechen durch den Kommunismus (Institutul de Investigare a Crimelor Comunismului în România, IICCR) gründete, dem er bis 2009 vorstand. Nachdem es Ende 2009 mit dem Institut zur Erforschung des rumänischen Exils zusammengelegt wurde, leitet er das Büro für spezielle Aufklärungen.

Schlagwörter: Kommunismus, Verbrechen, Historiker, Oprea

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Neueste Kommentare

  • 05.07.2016, 10:44 Uhr von bankban: Danke für den interessanten Artikel. [weiter]

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