12. August 2017

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Warum Deutsch als Minderheitensprache fördern?

Auf der Konferenz „Deutsch als Minderheitensprache im Kontext der europäischen Mehrsprachigkeit – Perspektiven und Herausforderung“ in Budapest, veranstaltet vom Goethe-Institut Budapest und der Internationalen Andrássy-Universität, hielt der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk, MdB, Anfang Juli eine Grundsatzrede zur Frage des Erhalts und der Stärkung der deutschen Sprache als Muttersprache.
Als wichtigsten Aspekt führt Hartmut Koschyk an, dass der Erhalt der ethnokulturellen Identität mit dem Erhalt der Muttersprache einhergeht. Anhand eines Gedichts der russlanddeutschen Schriftstellerin Nelly Wacker verdeutlicht er, wie die deutsche Muttersprache verklärend als Identitätsmerkmal vor allem dann wahrgenommen wird, wenn ihr Gebrauch behindert wird, wie es in vielen mittel- und osteuropäischen Ländern und Nachfolgestaaten der Sowjetunion der Fall war. Auch bedeutete Pflege und Erhalt der Muttersprache im anderssprachigen Umfeld mitunter über Jahrhunderte hinweg einen Aufwand, der sie dann umso mehr zu einem kostbaren Gut werden lässt. Jede ethnokulturelle Gruppe hat literarische Werke, Gedichte, Lieder, Märchen, die nur durch Kenntnis der Sprache wirklich verstanden werden können.

Für die Förderung der Muttersprache der Minderheiten spricht aber auch die Vereinbarung der EU-Länder (Barcelona-Ziele, 2002), dass EU-Bürger langfristig neben ihrer Muttersprache zwei Fremdsprachen sprechen sollen. „Mehrsprachigkeit: Trumpfkarte Europas, aber auch gemeinsame Verpflichtung“ lautet eine diese Idee konkretisierende Mitteilung der EU-Kommission 2008. Sprachvielfalt sei Teil des gemeinsamen Erbes, Brücke zu anderen Menschen und Kulturen, steigere die Beschäftigungsfähigkeit des Einzelnen und die Solidarität durch interkulturellen Dialog, wird darin argumentiert. Studien haben ergeben, dass europäische Mehrsprachigkeit ein harmonisches Zusammenleben fördert. Zudem wirkt sie sich positiv auf die Wirtschaft aus: Deutsche Unternehmen suchen Auslandsstandorte auch nach der Sprachkompetenz der lokalen Bevölkerung aus; die Mobilität sprachkompetenter Arbeitnehmer steigt, die Bleibeoptionen für junge Angehörige der deutschen Minderheit verbessern sich.Der Aussiedlerbeauftragte Hartmut Koschyk, MdB. ...Der Aussiedlerbeauftragte Hartmut Koschyk, MdB. Foto: Henning SchachtDie Mehrsprachigkeitszielsetzung der EU wird die Rolle des Deutschen – derzeit neben dem Englischen am häufigsten gewählte Fremdsprache – wahrscheinlich weiterhin stärken, was für eine Förderung von Deutsch als Minderheitensprache spricht.

Des Weiteren bezieht sich Koschyk auf die Förderpolitik der Bundesregierung für deutsche Minderheiten im östlichen Europa. Bei der Umsetzung bilateraler Verträge mit deren Heimatregierungen habe sich die Bildung gemeinsamer Regierungskommissionen bewährt. Mit Nachdruck spricht er sich für die Verankerung der Minderheitenrechte im Gemeinschaftsrecht der EU aus und unterstützt die Bürgerrechtsinitiative „Minority SafePack“ zur verbindlichen Festschreibung derselben: „Ich wünsche Minority SafePack viel Erfolg, die notwendige Million Unterschriften zu sammeln, meine eigene jedenfalls habe ich schon geleistet.“

Auch in Zukunft wird die Förderung der Muttersprache zur Unterstützung deutscher Minderheiten – Sprachkurse, Sommerlager, Stipendien, didaktisches Material, Fortbildungen und finanzielle Mittel aus dem Bundeshaushalt – zentraler Schwerpunkt der Politik der Bundesregierung sein, verspricht Koschyk. Eingeschlossen sind Maßnahmen zur Förderung der Angebote, die deutsche Sprache zu erlernen, die sich vor allem an Jugendliche richtet. Mängel gibt es im außerschulischen Bereich, kritisiert der Bundestagsabgeordnete. Er fordert ein gutes Gesamtkonzept, auch als gewichtiges Argument für die Gleichstellung der Schulen der deutschen Minderheiten mit den deutschen Auslandsschulen. Sprachangebote müssten diversifiziert werden: Senioren lassen sich eher durch Konversationszirkel als durch Sprachkurse begeistern, Kinder eher durch Fußballcamps oder Sommerlager. Die Plattformen für Sprachangebote müssten diversifiziert werden: Spielgruppen für Kleinkinder, kirchliche Angebote etc.

Weil jedoch außerschulische Maßnahmen nicht ausreichen, um den Stand der Deutschkenntnisse innerhalb der deutschen Minderheiten zu halten, so Koschyk, müsse ein Schwerpunkt auf den schulischen Dauerunterricht gelegt werden, der in den einzelnen Staaten bisher sehr unterschiedlich ausgestaltet ist. Gelobt wird das deutsche Schulsystem in Rumänien, gefolgt von Ungarn. In Polen oder Russland hingegen sei das Angebot mangelhaft. Als erfolgreich bezeichnete er die 2008 vom damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier ins Leben gerufene Initiative „Schulen – Partner der Zukunft – PASCH“. Das PASCH-Netz umfasst derzeit weltweit rund 1900 Schulen, darunter 140 Auslandsschulen, 20 Deutsch-Profil-Schulen, rund 1000 Deutsches Sprachdiplom Schulen (DSD) und knapp 600 Fit-Schulen.

Für das Gesamtkonzept fordert er zudem eine Verschiebung des Lernschwerpunktes von theoretischem Sprachwissen zu mehr Sprachkompetenz – kommunizieren, argumentieren, erörtern, aber auch die Vermittlung kultureller Spezifika, um für Minderheiten die Bedeutung der Sprache als Träger ihrer Identität spürbar zu machen.

Nina May

Schlagwörter: Politik, Minderheiten, Sprache, Deutsch, Bildung

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