18. Juni 2008

Wirtschaftsstandort Rumänien wächst, aber Mittelstand wird teilweise übergangen

Die Wirtschaft in Rumänien brummt. Das Interesse der Regierung an Großinvestoren ist ungebrochen, aber der Mittelstand fühlt sich teilweise im Stich gelassen. „Die Rahmenbedingungen und Chancen nach dem EU-Beitritt“, so das Thema der Veranstaltung, wurden auf einer Deutsch-Rumänischen Mittelstandskonferenz am 15. Mai in der Industrie- und Handelskammer München erörtert. Eingeladen hatten die IHK München, die AHK (Deutsch-Rumänische Handelskammer) und der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft.
Anwesend waren von deutscher Seite Vertreter der bayerischen Staatsregierung, an der Spitze Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein, der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Dr. Klaus Mangold, sowie mittelständische Unternehmer und Rechtsanwälte. Von rumänischer Seite waren zugegen: Rumäniens Ministerpräsident Călin Popescu Tăriceanu, Wirtschafts- und Finanzminister Varujan Vosganian, der Minister für kleine und mittelständische Unternehmen, Ovidiu Silaghi, sowie Botschafter und Staatssekretäre.

Zur Eröffnung sprachen Ministerpräsident Dr. Günther Beckstein und Premierminister Călin Popescu Tăriceanu. Beide hoben in ihren Ansprachen die gute Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rumänien hervor. Tariceanu betonte das rasante Wirtschaftswachstum aufgrund der guten Rahmenbedingungen für deutsche und andere Unternehmen und die erfolgreiche Bekämpfung der Korruption.

„Erfahrungen und Perspektiven der deutsch-rumänischen Mittelstandskooperation“ lautete das Leitthema einer Podiumsdiskussion, die „unter Leitung der Minister Vosganian und Silaghi stattfand. Auf dem prominent besetzten Podium saßen Prof. Anton Kathrein, Gesellschafter der Katrhein-Werke KG, Dr. Jens-Jürgen Böckel, Finanzvorstand Unternehmensgruppe Tengelmann, und Dr. Mihai Rădulescu seitens der Electromagnetica AG. Minister Vosganian führte statistische Daten an, die Rumäniens Wirtschaftswachstum in den verschiedenen Sektoren (Industrie, Bauwesen, Dienstleistungen etc.) belegten. Maßgeblichen Anteil an diesem Wachstum haben die ausländischen Investoren. Die wichtigste Handelspartner sind: Italien (17,9 Prozent) und Deutschland (15,4 Prozent). Weiterhin betonte der Wirtschaftsminister, dass Rumänien kein Billigland mehr sei, wie die jüngste Niederlassung des Hochtechnologie-Konzerns Nokia bewiesen habe. Gegenwärtig würden große Anstrengungen unternommen, die Infrastruktur zu verbessern. Das Autobahnnetz habe dabei Priorität. Die Autobahnstrecke über Arad, Hermannstadt, Alttal, Târgovişte, Piteşti, Bukarest und Konstanza soll bis 2013 fertig gestellt sein. Die Flughäfen Bukarest, Temeswar und Klausenburg sollen ausgebaut werden, während Kronstadt einen neuen Flughafen erhalten soll.

Zudem fanden Rundtisch-Gespräche statt mit den Themen: „Industrieparks in Rumänien – Chancen für den Mittelstand“; „Absatzmarkt Rumänien“; „Finanzierung und Förderung in Rumänien“. Von Seiten Rumäniens beantwortete am Rundtisch „Chancen für den Mittelstand“ die Vizepräsidentin für Auslandsinvestitionen, Monica Mihaela Bărbuleţiu, die Fragen der deutschen Unternehmer, die auf bestehende Schwierigkeiten (u. a. Bürokratie, Eigentumsrecht) hinwiesen und sich nach Lösungskonzepten erkundigten.

Interesse an Mittelstand hält sich in Grenzen

Im Folgenden schildert der Autor (Die Redaktion: Pseudonym) dieses Berichts seinen Fall als betroffener mittelständischer Unternehmer:

„Unser Unternehmen hat in letzter Zeit mit einem anderen Unternehmen zwei Projekte gemacht, die jedoch aus Kostengründen hier in der Bundesrepublik nicht verwirklicht werden können. Da wir aus Siebenbürgen stammen und dort Anspruch auf Erbteile von Acker und Wiesengrund haben, verständigten wir uns darauf: Sollte man uns die Rückgabe eines entsprechenden Areals genehmigen, um darauf Produktionshallen und Nebengebäude herzustellen, dann würden wir versuchen, dort zu produzieren.

Als wir im Sommer in Siebenbürgen waren, versuchten wir es zuerst gegenüber der Schwarzen Kirche in Kronstadt. Tatsächlich gab es dort Listen, die bestätigten, dass unsere Eltern 1945 enteignet wurden. Es wurde uns empfohlen, ein Gesuch einzureichen. Wir gaben uns damit nicht zufrieden und gingen ins Rathaus unserer Ortschaft. Der Rechtsanwalt des Rathauses war von unserem Vorhaben sehr begeistert und begleitete uns zum Bürgermeister. Der sah sich unser Vorhaben an und meinte, wir sollten ein Gesuch erstellen und könnten ein entsprechendes Areal kaufen. Als er jedoch hörte, dass wir unser Erbteil beanspruchen, wurde er unfreundlich: Unsere Väter, so meinte er, hätten ihr Land verraten, während den rumänischen Kämpfern zu Recht je fünf Hektar Grund und Boden zugeteilt wurde. Wir wurden unfreundlich aus seinem Büro entlassen. Wir riefen Herrn Dr. Kreuz von der GTZ an, der uns riet, Herrn Welten von der EU in Bukarest anzuschreiben. Was wir auch taten. Auf dessen Rat wandten wir uns an die Landesbehörde für Eigentumsrückgabe („Autoritatea Nationala pentru Restituirea Propietatilor“) in Bukarest die uns mitteilte, dass unser Vorgang an das Rathaus unserer Ortschaft weitergeleitet wurde. Trotz etlicher Anrufe geschah nichts mehr. Dies teilte ich am runden Tisch mit, und erhielt die Antwort: Die örtlichen Behörden wären für unseren Vorgang zuständig.

Der Kreis hatte sich geschlossen. - Rumänien hat meines Erachtens nur an der Großindustrie Interesse. Der Mittelstand ist nicht so sehr erwünscht, obwohl man von ihm Steuern und Abgaben kassiert, was bei den Großen nicht unbedingt der Fall ist.“

G. Rosenberger

Schlagwörter: Wirtschaft, Investoren, deutsch-rumänische Beziehungen

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