31. Januar 2010

"Was ist los mit der Evangelischen Kirche?"

Zu den Äußerungen Herta Müllers in der Frankfurter Pauluskirche, der Stellungnahme des Landeskirche und dem Kommentar von Prof. Dr. Paul Philippi hat Dekan i.R. Hermann Schuller, Vorsitzender des Hilfskomitees, einen ausführlichen Artikel in der Beilage „Kirche und Heimat“ vom 31. Januar 2010 veröffentlicht. Die Beilage erscheint in der Siebenbürgischen Zeitung und wird eigenverantwortlich vom Hilfskomitee der Siebenbürger Sachsen und evangelischen Banater Schwaben im Diakonischen Werk der EKD herausgegeben. Der Artikel, der im Folgenden im Wortlaut wiedergegeben wird, enthält wesentliche Anregungen und Grundsätze für die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit.
Die Frage, was mit der Evangelischen Kirche los sei, wurde am 1. November 2009 von der damals erst designierten Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller in der Paulskirche in Frankfurt am Main, anlässlich der Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises, in den Raum gestellt (diese Zeitung berichtete). Sie sagte wörtlich: „…und dann ist für mich neuerdings noch mal eine neue Frage geöffnet worden und zwar, was ist mit der Evangelischen Kirche in Rumänien. Man wusste all die Jahre, dass die Orthodoxe Kirche total kompromittiert war. Viele orthodoxe Popen waren nicht bloß informelle Mitarbeiter, sondern hauptamtliche Securitateangestellte in der Kutte, haben einen Teil ihres Gehaltes vom Geheimdienst bekommen. Ich war 1989 auf dem evangelischen Kirchentag eingeladen, es sollte ein Forum über die Zustände in der rumänischen Diktatur geben. Ich war eingeladen zusammen mit Richard Wagner. Kurz bevor der Kirchentag stattfand, wurden wir beide wieder ausgeladen mit einer seltsamen Begründung, dass wir nicht evangelisch sondern katholisch seien. Ich sage das heute, weil mir vor kurzem ein Tonbandprotokoll eines Telefongesprächs der evangelischen Kirchenleitung aus Hermannstadt mit der Leitung des hiesigen Kirchentages in den Briefkasten geworfen wurde. Das hat mich erschüttert...“

Herta Müller hat dann das „Tonbandprotokoll“ vollinhaltlich vorgelesen, ohne im Anschluss noch eine Erklärung dazu abzugeben. Scheinbar war Ihr durch den Briefkasteneinwurf der inzwischen in Vergessenheit geratene Text wieder in Erinnerung gerufen worden. Denn der vorgelesene Text aus 1989 war schon damals im Juni auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in West-Berlin, zusammen mit dem Protestschreiben des damaligen rumänischen Boschafters gegen die Abhaltung eines Rumänienforums, über ein Flugblatt der „Heinrich-Böll-Stiftung“ geradezu flächendeckend verbreitet und auch diskutiert worden, auch von Herta Müller.

Ihre Frage nach der Situation der Evangelischen Kirche in Rumänien dazumal ist legitim. Indem sie eine Verbindung zur orthodoxen Kirche herstellt, über die sie im Bilde zu sein scheint, (dass deren Popen mit dem rumänischen Geheimdienst nicht nur kooperiert, sondern in deren Dienst sie gestanden haben sollen), wird die Evangelische Kirche verdächtig gemacht, das Gleiche praktiziert zu haben, oder, wie im Falle des Kirchentages, zumindest in „vorauseilendem Gehorsam“ dem diktatorischen Regime in ähnlicher Weise gedient zu haben. Als Beweis dafür sollte das verlesene Tonbandprotokoll in der Paulskirche vor etwa 1000 Besuchern und versammelter Presse dienen.

War diese Vorgehensweise fair? Die Einschätzungen darüber werden unterschiedlich ausfallen. Tatsache ist, dass in diesem Zusammenhang Stellungnahmen und mehrere kritische, aber auch sarkastische Wortmeldungen dazu veröffentlicht wurden, die nicht einfach stehen gelassen werden können, ohne das Ziel der Wahrheitsfindung aus den Augen zu verlieren.

Wie schon in der Stellungnahme des Landeskonsistoriums vom 15. November 2009 in der SBZ Seite 3 dargelegt, hatte das Präsidium des Landeskonsistoriums Anfang März 1989 eine Bitte an Bischof Heubach, Beauftragter der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) zuständig für die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche AB. in Rumänien, ausgesprochen, „dahingehend zu wirken, dass der Kirchentag den Beschluss zur Abhaltung eines Forums Rumänien überprüfen möge. Wenn das nicht rückgängig gemacht werden kann, werden die Vertreter der Kirche nicht daran teilnehmen. Diese Bitte wurde in eigener Verantwortung, um einen vorhersehbaren Schaden für unsere Kirche abzuwenden, aber auch die Risiken in der partnerschaftlichen Beziehung zur Evangelischen Kirche in Deutschland gering zu halten.“ (Aus Platzgründen kann das vollständige Schreiben hier nicht abgedruckt werden)

Dazu erläuterte Bischof Dr. Christoph Klein: „Man vergegenwärtige sich den Zeitpunkt: 1989! Es war die Zeit des Ceausescu-Regimes, wo im Land blanke Not herrschte und Zensur und Repressalien unerträgliche Formen angenommen hatten. Aus der jahrzehntelangen Erfahrung mit der kommunistischen Diktatur war abzusehen, dass es durch diese Veranstaltung zu noch restriktiveren Maßnahmen kommen würde und der Evangelischen Kirche in Rumänien nicht wieder gutzumachenden Schaden erwachsen werde.“

Mit dieser authentischen und glaubwürdigen Stellungnahme des Landeskonsistoriums wird die Situation von damals pointiert beschrieben. Die meisten Landsleute haben diese Umstände miterlebt und können deshalb die Sorge der Kirchenleitung nachvollziehen und somit den Verdacht auf verräterische Kooperation mit dem rumänischen Geheimdienst zurückweisen.

Dass unter ständigem politischen Druck pragmatische Entscheidungen zu fällen waren, hat jeder erlebt, der in verantwortungsvoller Position - ob im kirchlichen, schulischen oder wirtschaftlichen Bereich - das berufliche Leben durchzustehen hatte. Das galt analog auch für die Menschen in der ehemaligen DDR und den anderen sozialistischen Ländern. Aus gegenwärtiger Sichtweise kann nun die Frage gestellt werden, ob das rechte Maß an pragmatisch notwendiger Opportunität immer gefunden werden konnte, oder ob in Einzelfällen unverantwortliche Kompromisse gegenüber den Einforderungen der politischen Behörden eingegangen worden sind.

‚Was mit der Evangelischen Kirche in Rumänien los ist’, fragt Herta Müller - und benutzt den Präsens, führt aber 20 Jahre zurück und meint die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien von damals. Darauf zu antworten fällt einerseits nicht schwer, andererseits reicht hier der Platz nicht aus, um ausführlich darauf einzugehen. Die Frage stellt aber eine Herausforderung dar für die weitere Aufarbeitung der Vergangenheit.

In aller Kürze kann aber festgehalten werden: Die Evangelische Kirche hat in dem gewaltigen Veränderungsprozess nach 1945 ein schweres Erbe angetreten. Die Vorgänger in der Kirchenleitung hatten sich ab 1940 der nationalsozialistischen Ideologie zugewendet, trotz erheblichem Widerstand einiger bekannter Persönlichkeiten. Die Folge war, dass sie als faschistische Organisation angesehen wurde, die es zu bekämpfen, ja zu eliminieren galt. Die Deportation in die Sowjetunion, die Enteignungen der wirtschaftlichen Lebensgrundlagen, und für Viele Entzug ziviler Rechte waren Folgen, die sich für das kirchliche Leben auswirkten. Dazu kamen die Schauprozesse Ende der fünfziger Jahre, zu denen eine Reihe evangelischer Pfarrer und Theologiestudenten gehörten. Bei allen Einschränkungen, war die Evangelische Kirche mit ihrem geistlichen Dienst nahe bei den Menschen. Sie war immer eine Minderheitskirche und hat sich seit der Reformation als Volkskirche mit einem starken Gemeinschaftsbewusstsein verstanden. Es gelang der Kirchenleitung sogar, was es in der Geschichte bis dahin nicht gegeben hatte, eine eigene Pfarrerausbildung, zunächst 1948 in Klausenburg und ab 1955 in Hermannstadt, ins Leben zu rufen. Damit konnte der geistliche Dienst in der ganzen Landeskirche abgedeckt werden. Eine Kantorenschule, auch eine einmalige Einrichtung der Evangelischen Kirche A.B., sorgte für den Nachwuchs der Kirchenmusiker. Aber weit mehr waren es an der Basis die eigenständigen Gemeinden, in denen Männer und Frauen sich als Kuratoren, Kirchenväter, Presbyter und Gemeindevertreter gesellschaftlich verantwortungsvolle Aufgaben wahrnahmen und auch heute, in der Diasporasituation, das kirchliche Leben mitgestalten. Bemerkenswert ist auch, dass aus der Evangelischen Kirche A.B., trotz atheistischer Propaganda und politischem Druck niemand ausgetreten ist, mit Ausnahme derer, die zu freien Gemeinschaften übertraten. Nicht zu vergessen sind die Nachbarschaften, innerhalb deren in besonderer Weise auch diakonische Aufgaben wahrgenommen wurden. Sie alle haben die schwersten Jahre der kommunistischen Diktatur überstanden und leben in ökumenischem Dialog - ob dort oder hier - wo kirchliche Tradition weiter gepflegt und gelebt wird. Ob die Evangelische Kirche in der Gegenwart „eine moralische Instanz“ sein will, wie Richard Wagner, damaliger Ehemann von Herta Müller reklamiert, möge in Frage gestellt werden. (siehe: Die Achse des Guten - Homepage - Richard Wagner - Beiträge zur Hermannstädter Logik)

Auf jeden Fall will die Evangelische Kirche niemanden moralisieren.

Fehleinschätzungen von Situationen und damit verbundenen Interventionen hat es gegeben. Auch in der Evangelischen Kirche A.B. im Zusammenhang mit der Auswanderung ihrer Pfarrer, Lehrer und Gemeindeglieder. Das hat zu beiderseitigen Verletzungen geführt. Vielleicht wurde gelegentlich, in oder trotz ehrlichem Bemühen und Handeln, ein Wort des Herrn der Kirche überhört: „O ihr Kleingläubigen.“ Matth. 6,30. Die Evangelische Kirche vertritt allerdings auch kein Dogma der Unfehlbarkeit. Der damalige Bischof Albert Klein hat in seiner Empfehlung zu einem Kanzelwort in der Weihnachtszeit 1989 an die Gemeinden u.a. geschrieben: „Wir sind betroffen - über unsere eigene Schuld, Unrecht bisher nicht genug beim Namen genannt zu haben...“

In dieser Betroffenheit dürfen sich alle finden und heute darüber reden.

Pauschale Urteile oder Verurteilungen der Evangelischen Kirche sind nicht angebracht. Bischof Dr. Christoph Klein hat das sehr deutlich machen können, ohne sich einer Logik des Aufrechnens gegenüber Herta Müller zu bedienen. Er hat mit seiner Stellungnahme, die vorher ausgesprochene Würdigung der Nobelpreisträgerin, in keiner Weise eingeschränkt oder zurückgenommen.

Es ist sehr zu bedauern, dass Richard Wagner in seiner verbal entgleisten Kritik von „zwei Akteuren aus Hermannstadt, Bischof Christoph Klein und seinem Überlebens-Theologen Philippi“ schreibt. Bischof Klein benötigte zu keinem Zeitpunkt einen „Überlebenstheologen“. Er ist eine eigenständige Persönlichkeit, dessen einzigartige Leistung, in den zurückliegenden Jahrzehnten, in seinem fundierten theologischen Selbstverständnis begründet ist. Daraus wächst die Einsicht, dass die Kirche in ihrer konkreten Gestalt, in der jeweiligen historischen Situation, von Menschen gestaltet und bezeugt wird, dass sie aber aus der Kraft der Zusage Gottes lebt. Von daher ist der Vergleich mit der Katholischen Kirche in Polen, die sich in ganz anderen Zusammenhängen entfalten konnte, wie sie Herr Wagner andeutet, unzulässig.

Dass der Beitrag „Si tacuisses...“ fehl am Platz und dazu in der SbZ (auf Seite 3 der SbZ vom 15. November 2009) noch irreführend platziert war, hat zu Vermutungen geführt, „dass Bischof Klein Herrn Philippi beauftrag habe das zu sagen, was sich der Bischof nicht getraut habe zu sagen“. Diese Vermutung entspricht nicht den Tatsachen. Auf Grund eines immer wieder eingeforderten besseren Umganges miteinander, ergibt sich die Schlussfolgerung, Herr Philippi hätte das Zitat: „Si tacuisses, philosophus mansisses“ (wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben) eher für sich selbst in Anspruch nehmen sollen. Begriffe wie „verleumderisch“, „dilettantisch“ und „detektivisch“, mit denen er die Nobelpreisträgerin Herta Müller bedenkt, sind völlig unangemessen.

Gute Zukunft bedarf klarer Erinnerung

In Erinnerung gerufen wurde der Deutsche Evangelische Kirchentag im Juni 1989 in Westberlin. Es war der letzte Kirchentag im getrennten Deutschland. Kaum jemand konnte ahnen, dass in wenigen Monaten der eiserne Vorhang fallen und damit eine Zeit anbrechen würde, in der niemand für ein gesprochenes Wort bestraft wird. Über diesem Kirchentag schwebte die Nachricht von dem Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking. Das Forum Rumänien fand ohne Herta Müller statt. Eine Sonderveranstaltung am 10. Juni, in einem Gemeindehaus fand besondere Aufmerksamkeit zum Thema: „Kirchliche Situation und Perspektiven für die Siebenbürgische Kirche - und siehe wir leben“. Es waren zwei Veranstaltungen mit heftigen Kontroversen und lauten Buhrufen, für diejenigen, welche die unerträgliche Situation in Rumänien verharmlosten. Erinnern wir uns daran! Es war nicht schön aber nachhaltig, nicht zusammenführend sondern auseinanderdriftend.

Heute steht die Zielsetzung im Raum: „Heilen durch Erinnerung!“ Das heißt Aufarbeitung der Vergangenheit über klare Erinnerung an Erlebtes und Gestaltetes. Das kann in einem Versöhnungsprozess geschehen, an dem sich möglichst alle beteiligen. Die Deutungskompetenz für erlebte Vergangenheit kann nicht nur sogenannten Fachleuten überlassen werden. (Die können auch irren) Dann hat die Nobelpreisträgerin Herta Müller mit ihrer Fragestellung: „Was ist mit der Evangelischen Kirche“ einen Anstoß zur Wahrheitsfindung gegeben und der Evangelischen Kirche A.B. einen wertvollen Dienst erwiesen. Reden wir also über unsere Kirche, was mit ihr los ist? Offen und vertrauensvoll, auf Augenhöhe. Vielleicht können wir dann mit unserem Reformator Martin Luther dennoch sagen: „Sie ist mir lieb die werte Magd ... sie hat mein Herz besessen.“

Hermann Schuller, Dekan i.R., Vorsitzender des Hilfskomitees

Schlagwörter: Herta Müller, Kirche und Heimat, Securitate, Vergangenheitsbewältigung

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Neueste Kommentare

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  • 23.03.2010, 14:52 Uhr von renite: Wenn Frau Decker das Haus tatsächlich zurück bekommt und auch darin wohnen will dann muß sie sich ... [weiter]
  • 23.03.2010, 10:50 Uhr von getkiss: Genau, Joachim. Da sieht man wie die Probleme der evangelischen Kirche Dir "am Herzen", links ... [weiter]

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