28. August 2019

Sonderflug nach Frankfurt: Aussiedlung vor 40 Jahren

Ende Mai 1977. Samstag vor Pfingsten. In der Wartehalle am Bukarester Flughafen stehen Menschen in kleinen Gruppen, eng aneinander gedrängt, von denen hundertfünfzig Passagiere des Sonderflugs RO 243 nach Frankfurt am Main sind. Diese hundertfünfzig Wartenden werden in knapp einer Stunde durch Gate 3 und drei Stunden später 1500 Kilometer weiter westlich durch ein anderes Tor gehen, um ein neues, ein anderes Leben zu beginnen.
Drei oder vier Mal so viele bleiben zurück mit der Hoffnung, eines Tages auch durch dasselbe Tor zu schreiten, um mit denen, die bald ihren Blicken entschwinden, wieder zusammen zu sein. Es sind Menschen, die sich als Deutsche fühlen, Deutsch sprechen, deren Heimat Siebenbürgen oder das Banat ist. Aussiedler werden sie im Amtsdeutsch genannt, Emigranten im Rumänischen, und sie, diese Auswanderer, sind überzeugt, in die Heimat ihrer Väter zurückzukehren, in das Land, das ihre Ahnen vor einigen Hundert Jahren verlassen haben in der Hoffnung, irgendwo in der Fremde Freiheit, Arbeit und Brot zu finden, genauso wie diese hundertfünfzig nervösen Fluggäste jetzt auch hoffen.

Man erkennt sie leicht, die ihre Heimat verlassen. An ihren neuen Kleidern, während die Zurückbleibenden ihre schon stark strapazierte Sonntagsgarderobe angelegt haben. Der Jüngste in neuen Kleidern ist mein Sohn, 30 Monate jung, während die Ältesten 3 x 30 Jahre auf den Schultern tragen, die von der Schwere dieser vielen Jahre niedergedrückt sind.

Stimmengewirr schwirrt durch die Halle, Wortfetzen im Banater Schwäbisch oder einem siebenbürgisch-sächsischen Dialekt dringen an mein Ohr. Die meisten jedoch flüstern, ängstlich, so als könnte ein falsches Wort den Flug noch zunichtemachen. Das Raunen wird abrupt durch die Stimme aus dem Lautsprecher unterbrochen. Die Passagiere des Sonderflugs RO 243 werden in Rumänisch und in Englisch aufgefordert, sich zum Tor 3 zu begeben. Einige wollen schnell noch was sagen, andere lassen den Tränen, die sie bisher unterdrückt oder heimlich weggewischt haben, freien Lauf. „Vergiss uns nicht.“ – „Schreib gleich.“ – „Grüß den Hannes.“ – „Wenn du ein Auto hast, schick ein Foto und dann komm uns besuchen. Benzin beschaffen wir.“ Letzte Sätze, die den zum Tor 3 Drängenden nachgerufen werden.

Der Kleinste klammert sich schutzsuchend an seine Tante, bei der er in Abwesenheit der Mama gelebt hat. Er versteht die ganze Aufregung nicht, denn sein Tata, wie er seinen Vater nennt, hat doch gesagt, Fliegen sei schön. Dann gehen wir, mein Sohn und ich, als Letzte durch das Tor. Noch ein Blick zu Freunden und Verwandten, dann nimmt eine freundliche Stewardess den Kleinen an der Hand und führt uns zu unsern Plätzen. Angst, Spannung, Erwartungen in vielen Gesichtern. Gefaltete Hände in der Stille, wie in der Kirche. Viele bitten um Gottes Beistand; das leise Rauschen der Turbinen ist die Begleitmusik zu den Gebeten. Die raue Stimme des Kapitäns heißt uns willkommen an Bord, dann rollen wir zum Startplatz. Bukarest wird kleiner und verschwindet im Morgendunst. Nochmals ein Blick auf die Berge, die mein Leben waren, und unter uns das Land, das wir aufgeben. Neben mir zwei Japaner auf Dienstreise, die mehr wissen wollen, als ihnen von offizieller Seite über diesen Sonderflug nach Frankfurt gesagt wurde. Fragen und Antworten, Hören und Staunen. Dann Schweigen und ihre Gesichter verraten, dass dieser Exodus sie noch lange beschäftigen wird. Nach langer Pause sagt der eine: „Ich verstehe. Viele Japaner verlassen auch ihre Heimat, wenn auch aus anderen Gründen.“ Die Stille wird nur von kurzen Sätzen des Piloten unterbrochen. „Wir fliegen zehntausendfünfhundert Meter hoch, die Außentemperatur minus fünfunddreißig Grad Celsius.“ Links unten Budapest. Dann Wien und die Alpen, deren schneebedeckte Höhen in der Sonne wie Diamanten glitzern. Berge, von denen ich dreißig Jahre nur träumen konnte, Berge, deren Namen mir so geläufig sind wie die Namen der Berge meiner Heimat. „Nürnberg“, klingt es aus dem Lautsprecher. Einige springen auf und versuchen etwas von der Stadt unter uns zu sehen, die für sie ihr neuer Heimatort sein wird. Wir fliegen 10.000 Meter hoch.

Kurz nach Nürnberg verlieren wir an Höhe. Straßen und Flüsse sind zu erkennen und die Ortschaften gleichen Spinnennetzen mit darin verfangenen Insekten. Unruhe erfasst die Passagiere. Einer holt seine Reisetasche aus der Gepäckkoje und andere fassen den Sinkflug als Aufforderung auf, sich für den Ausstieg fertig zu machen. „Bitte bleiben Sie sitzen, wir fliegen noch zwanzig Minuten“, heißt es aus den Lautsprechern. Unter uns das Frankfurter Kreuz, und nach kurzem Rütteln rollen wir aus. Angespannt erheben sich die 150 Passagiere, nehmen ihr Handgepäck und treten schweigend durch die Türöffnung des Fliegers, die den Weg zu einem langen Tunnel freigibt. Männer in Grün. Bundesgrenzschutz steht irgendwo. Passkontrolle. Ein Stempel, wir gehen weiter. Eine Frau vom Roten Kreuz führt uns, eine Herde Unwissender, Verstörter, zum Rollband, das unsere Koffer bringen soll. Für jeden nur einen. Wir warten. „Dort Thomas, der Braune“, dann folgen wir dem Wegweiser. Zoll. Ein Wink des Beamten, die letzte Türe öffnet sich und Mama hält mit Freudentränen in den Augen ihren Sohn in den Armen.

Dr. Alfred Schuster, Clausthal-Zellerfed

Schlagwörter: Aussiedlung, Erinnerung, Bukarest, Flug, Frankfurt

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