17. Mai 2020

Geistliche Worte der Heimatkirche gegen die Unsicherheit

Die Serie „Geistliches Wort der Heimatkirche“ findet nach acht Wochen ihr Ende. Begonnen in Absprache mit dem Vorstand des Verbandes und der Redaktion der Siebenbürgischen Zeitung, hat die die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien die Aufgabe angenommen, mit geistlichen Worten Zeichen gegen die Unsicherheit zu setzen; eine existentielle Unsicherheit, die sich durch die nie dagewesenen Umstände überall eingenistet hat. Sie hat die Worte als einen Dienst an den verstreuten – kirchlichen und nichtkirchlichen – Landsleuten angesehen und will daraus kein Recht ableiten, die neutrale Siebenbürgische Zeitung als Kanzel zu missbrauchen. Darum heute der Schluss, weil nun auch die Gemeindekirchen wieder zugänglich geworden sind.
Geistliche der Evangelischen Kirche A.B. in ...
Geistliche der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, die in der Zeit, da Präsenzgottesdienste nicht möglich waren, mit ihren Beiträgen Herz und Seele der weltweiten Gemeinschaft erfreut haben. Collage: Stefan Bichler
Wenn Religion einen Sinn hat, dann vor allem in Zeiten der Unsicherheit. Deswegen gibt es ja in Momenten der biographischen Umbrüche am häufigsten die Schritte zur Kirchentür: Geburt, Pubertät, Liebe, Lebensabend; im kirchlichem Sprachgebrauch: Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung. Aber auch kollektive Zeiten der Umbrüche werfen die Frage nach Sicherheit aus Gottes Hand auf, waren die Kirchen in Siebenbürgen doch nie gefragter als in den Tagen der Deportation 1945 oder der Revolution 1989. Es gibt diese tradierte Erinnerung, dass es irgendwo im eigenen Umfeld einen Ort gibt, an dem Antworten auf die großen Fragen des Lebens gesucht werden. Meistens braucht man diese Antworten nicht, da in der täglichen Dynamik andere Dinge Priorität haben. Doch wenn die Welt von heute auf morgen auf dem Kopf steht? Wenn einem über alle Kanäle mitgeteilt wird, dass der Schritt vor die Haustüre Lebensgefahr mit sich bringen kann? Wenn man mit unglaublichen Bildern vom leeren Markusplatz oder mit Ansichten von sargbeladenen LKWs konfrontiert wird? Wenn man aus hundert Quellen hundert unterschiedliche Antworten bekommt? Greta Thunberg hat mit jugendlichem Elan und viel Öffentlichkeit versucht, die Welt in eine abstinentere Richtung zu bewegen. Und wenn sie etwas geschafft hat, dann ist es im Bereich von null Komma. Und dann plötzlich schafft „Corona“ und die mit ihr einhergehende Angst es, die Welt komplett stillzulegen: von Feuerland bis zum Nordkap, von Heilbronn bis Hermannstadt. Das macht unsicher.

Wenn Kirche in solchen Tagen nicht für Menschen da ist, wann sollte sie es denn? So hat sich in Siebenbürgen – aus den Gemeinden heraus – das „geistliche Netzwerk“ gebildet: eine schnelle Einsatztruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, über Zeitungen, Internet, Radio und Fernsehen Menschen zu erreichen, die mit ihren neuen und alten Fragen nicht leiblich in die Kirche gehen konnten, ja nicht einem mit einer Nachbarin mehr über ihre Sorgen sprechen konnten. Dazu wurde auch das Seelsorgetelefon eingerichtet, bei dem täglich am anderen Ende der Leitung eine Fachkraft zur Verfügung stand. Auch die Siebenbürgische Zeitung hat dankenswerter Weise mitgemacht.

Nun ist die Situation sicher noch nicht im Griff, aber die Unsicherheit ist gewichen. Dinge kommen – bei aller Offenheit der Zukunft – wieder in einen Rhythmus. Wir merken es an der Häufigkeit, mit dem Fragen nach dem Sommerurlaub gestellt werden!
Die Evangelische Kirche von Peschendorf (rum: ...
Die Evangelische Kirche von Peschendorf (rum: Stejăreni, ung: Bese) ist eine Gustav-Adolf-Kirche. Das Ensemble Pfarrhaus-Kirche-Schule fügt sich harmonisch in die Dorfzeile ein. Für die 23 evangelischen Bewohner des Dorfes bleibt diese Ansicht Anker des täglichen Lebens. Foto: Stefan Bichler
Heute – am 17. Mai 2020 – begeht die evangelische Kirche nach ihrer Zählung den 5. Sonntag nach Ostern, mit dem speziellen Namen „Rogate“. Die Aufgabe des Sonntags ist es, den Blick der Menschen auf die Rolle der persönlichen Beziehung zu Gott zu lenken, eine Beziehung, die man der Einfachheit halber „Gebet“ nennt. Dieses fordert Jesus aus Nazareth beispielhaft ein, so wie der Evangelist Matthäus im 6. Kapitel berichtet:

„Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Gebet ist Gottesbeziehung und nicht Wunscherfüllung. Und Gottesbeziehung schafft vor allem eines: einen Perspektivwechsel. Auch „Corona“ hat den Perspektivwechsel geschafft, allerdings mit negativem Ansatz, mit der Angst. Tägliche Dinge sehen dadurch völlig anders aus. Wir suchen den positiven Ansatz und finden ihn im Vertrauen. Doch Perspektivwechsel muss auf alle Fälle sein, wenn wir das Auf und Ab des Lebens gelassen tragen wollen. Wenn du an Bord eines Schiffchens mitten im hohen Wellengang bist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du seekrank wirst. Zu „Corona“: keine Möglichkeit die ferne Mutter zu besuchen? Kurzarbeit in Aussicht? Ausgebrannt von Homeoffice und Kinderbetreuung? Infektionsrisiko? Kopf durcheinander vom vielem Internet? Eine Welle folgt der nächsten. Wir sehnen uns nach einem festen Ufer, wohin wir uns in Sicherheit bringen können, wo wir das Brechen der Wellen gelassen betrachten können. Aber aus dem Leben kann man nicht aussteigen, nein, das geht wirklich nicht. Darum ist nur der Perspektivwechsel das feste Ufer, das wir tatsächlich erreichen können. Einen Impuls, wie man diesen vollziehen kann, gibt uns der Theologe und Mystiker Anthony de Mello:

Frage dich: „Was existierte eigentlich hundert Jahre vor mir?“ Lass ruhig deine Phantasie spielen! Und jetzt ein noch größerer Sprung: „Was gab es dreitausend Jahre vor mir auf der Welt?“ Also tausend Jahre vor Christi Geburt. Dieser Zeitabstand ist noch relativ kurz, denn die Wissenschaft lehrt uns, dass es auf unserem Planeten schon seit Millionen von Jahren Leben gibt. „Und was wird in dreitausend Jahren sein?“ Wird die Erde eine Wüste sein? Ein Urwald? Wird es eine andere Zivilisation geben? … Versuche dir vorzustellen, wie du in dreitausend Jahren auf die Erde kommst, genau nach diesem Platz hier suchst und nach irgendeiner Spur davon, dass du einmal da warst. Weißt du, was dabei geschehen wird? Ein Gefühl von Unendlichkeit wird in dir aufkommen, ein Gefühl von Freiheit. Und weißt du wovon? Von der Illusion, du hättest eine Bedeutung. Außer in den Augen Gottes haben wir nicht allzuviel Bedeutung.

Genau das ist in Zeiten von Unsicherheit die Aufgabe der Kirche, jedem die Botschaft ins Haus zu bringen, dass wir in den Augen Gottes eine Bedeutung haben; eine Botschaft, die uns Gelassenheit schenken kann. Ausgefallener Pfingsturlaub? Was wird dieser Verlust in dreitausend Jahren zählen? Wie dichtet Martin Luther als vorweggenommene Antwort im Lied: „Lass fahren dahin, sie haben kein Gewinn!“ Im Gebet – so wie es uns Jesus aus Nazareth gelehrt hat – finden wir Gleiches. Wir finden hier den Zugang zu der Gottesbeziehung, die uns mit den Füßen auf festen Grund stellt. So können wir gelassen – aber nicht resigniert oder arrogant – auf die Herausforderungen des Lebens sehen und diese durchstehen. Wir wissen nicht, was noch alles auf uns zukommen wird, aber wir wissen: Wir haben einen festen Grund.

So schließen wir heute die Serie „Geistliches Wort der Heimatkirche“ mit einer Information, einem Segen und einem musikalischen Nachklang.

Die Information ist die, dass in Zukunft gerne für weitere geistliche Impulse die Homepage der Heimatkirche (www.evang.ro) besucht werden kann (die Siebenbürgische Zeitung wird ausgewählte Beiträge verlinken). Dort findet man immer eine Botschaft, ein Bild, einen Beitrag, die aufrichten können. Für den heutigen Sonntag Rogate bemüht sich die Kirchengemeinde Mühlbach, einen geistlichen Filmbeitrag ins Netz zu stellen. Es heißt, es soll dazu Bilder aus Taterloch geben. Vielleicht habt ihr Freude daran…

Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebenen, mögest du den Wind im Rücken haben. Möge warm die Sonne auch dein Gesicht bescheinen, Regen sanft auf deine Felder fallen, und bis wir uns wiedersehen, möge Gott seine schützende Hand über dich halten.

Zum Ausklang grüßen wir euch mit Musik von dem aktuellen virtuellen Chortreffen der EKR (YouTube).

Pfr. Stefan Cosoroabă, Michelsberg/München

Schlagwörter: Geistliches Wort, EKR, Kirche und Heimat, Cosoroaba, Peschendorf

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