14. Juli 2004

Frühpionier der Raketentechnik: Conrad Haas erfand das Mehrstufenprinzip

Mit einer wissenschaftlichen Tagung wurden am 25. Juni in Hermannstadt die „Conrad-Haas-Tage“ eingeleitet. Damit will eine lokale Initiativgruppe, die sich den merkwürdigen Namen „Hermannstädter Pazifisten“ gegeben hat, ihren Mitbürgern die Leistung eines großen Wahlhermannstädters in Erinnerung rufen. Denn, so hat ihre Umfrage ergeben, nur gerade sechs von hundert Befragten wussten über Conrad Haas Bescheid, obwohl dessen Namen mittlerweile in allen Büchern zur Entwicklungsgeschichte der Raketentechnik und Raumfahrt zu finden ist. Damit die Bilanz zukünftig besser ausfällt, wollen wir kurz daran erinnern, was Haas geleistet hat – zumal es heuer dafür auch ein triftiges Jubiläum gibt: Sein erster Entwurf für eine dreistufige Rakete ist auf das Jahr 1529 datiert und damit 475 Jahre alt.
Freilich wäre es zu hoch gegriffen, in Conrad Haas bereits einen Raumfahrtpionier zu sehen – wie es die Veranstalter in Hermannstadt tun. Im 16. Jahrhundert dachte noch niemand an Weltraumflüge. Indirekt aber ist sehr wohl etwas dran. Unabdingbare Voraussetzung für die Weltraumfahrt sind tatsächlich die Stufenraketen, da nur sie die Leistung bringen, um die Anziehungskraft der Erde zu überwinden. Die Namen zweier Forscher und Erfinder sind untrennbar mit deren Entwicklung und mit dem siebenbürgischen Hermannstadt verbunden: Conrad Haas und Hermann Oberth. Während Oberth von Anfang an als unumstrittene Größe auf diesen Feldern der Wissenschaft und Technik galt, musste Conrad Haas über 400 Jahre lang auf seine Entdeckung warten. Denn erst nachdem die ersten Menschen in den Weltraum geflogen waren, erregte eine in Hermannstadt verfasste und aufbewahrte Handschrift die gebührende Aufmerksamkeit, die diesen, bis dahin der Öffentlichkeit wie der Fachwelt unbekannten Namen ins Gespräch brachte, und das gleich weltweit.



Conrad Haas (Selbstbildnis) beim Zünden seiner dreistufig ausgelegten Rakete.
Conrad Haas (Selbstbildnis) beim Zünden seiner dreistufig ausgelegten Rakete.
Das „Kunstbuch“ des Conrad Haas – unter der Signatur „Varia II 374“ im Hermannstädter Staatsarchiv vermerkt – hatten zwar frühere Historiker und Archivforscher zur Kenntnis genommen. Auch die siebenbürgisch-deutschen Geschichtsforscher Georg Daniel Teutsch und Franz Zimmermann, vor ihnen Michael Georg Hermann und Joseph Carl Eder, dann Joseph Trausch, Gustav Seivert und Friedrich Schuller erwähnten die Handschrift des Conrad Haas in ihren Arbeiten. Doch niemand hatte den Inhalt der Schrift richtig untersucht, schon gar nicht unter raketentechnischen Sichtweisen, denn – seien wir ehrlich – wer hielt schon bis um die Mitte des 20. Jahrhunderts etwas von Raketen?

Mit den Pionierjahren der aktiven Raumfahrt reifte die Zeit dafür heran: Raketen und ihre Entwicklungsgeschichte erweckten öffentliches Interesse. Blitzschnell ging der Name Conrad Haas – nachdem sein Manuskript fachwissenschaftlich gedeutet worden war – durch alle Massenmedien und die Fachwelt. Und 1969, im Jahr der ersten Mondlandungen, erschien im Bukarester Akademie-Verlag ein umfassendes Buch mit Entwürfen und Vorschlägen des Raketenpioniers und einige Jahre später (1983) die erste Conrad-Haas-Biografie. Und mit jedem neuen Raumfahrterfolg werden wir aufs Neue sowohl an den Raketenpionier Conrad Haas als auch an den „Vater der Raumfahrt“ Hermann Oberth erinnert. Es mutet, fürwahr, wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass in derselben Stadt, in der ein Conrad Haas als Erster die herkömmliche Mehrstufenrakete baute, dann auch jenes Genie das Licht der Welt erblickte, das 400 Jahre später die wissenschaftlichen Grundlagen zur modernen Raketen- und Raumfahrttechnik schuf: Hermann Oberth.

Die 1529-1569 verfasste Handschrift des Conrad Haas weist ihn als den ältesten bekannten Vorläufer der modernen Stufenrakete aus – ohne die es keine Raumfahrt gäbe –, der durch seine Beschreibungen und Zeichnungen, Erfindungen und Lösungen vieles vorwegnahm, was vier Jahrhunderte später in der raketentechnischen Literatur und Praxis auf wissenschaftlicher Basis wiederentdeckt und weiterentwickelt wurde.

Die Prioritätsverdienste der Beschreibung und Entwicklung mehrstufiger Raketen wurden vor Bekanntwerden der Hermannstädter Raketenschrift dem polnischen Waffentechniker Kazimierz Semienowicz zuerkannt. Dessen Abhandlung „Artis magna artilleriae pars prima“, die wohl bedeutendste militärwissenschaftliche Schrift des 17. Jahrhunderts, stammt aus dem Jahr 1650. Zeitlich liegen also Haas und Semienowicz über 120 Jahre auseinander, was für die Entwicklungsgeschichte der Wissenschaft und Technik offenkundig schwer ins Gewicht fällt. Das Hermannstädter „Kunstbuch“, für das der Zeugwart und Büchsenmeister Conrad Haas zeichnet, liefert den Beweis, dass die älteste konstruktionstechnische Abhandlung über herkömmliche Stufenraketen. Gleiches gilt für zahlreiche weitere raketentechnische Lösungen, wie beispielsweise für Bündelraketen und kombinierte Raketensysteme, für deltaförmige Stabilisierungsflossen und glockenförmige Düsen, für Treibsätze und Anwendungen.

Und noch etwas zeigt seine Biografie: Conrad Haas war (damals schon) ein ausgesprochener Europäer. Aus dem bayerischen Landshut, von wo seine Eltern und Vorfahren stammten, kam er nach Österreich, wo er es zu beachtenswerten Leistungen als Zeugwart und Büchsenmeister brachte; die ihn (1551) wiederum in das siebenbürgische Hermannstadt führten, wo er sein Werk vollendete. Aber auch seine tief humanistische Haltung, die seine Schrift dokumentiert, stützt diese Bewertung voll und ganz. Haas ist nämlich der erste uns bekannte Waffeningenieur und Raketenpionier seiner Zeit, der die kriegerische Verwendung seiner Entwicklungen verurteilt und sich für die friedliche Nutzung der Rakete einsetzt. Im letzten Absatz des Kapitels über militärische Raketen heißt es dazu: „Aber mein Rath mehr Fried und kein Krieg, die Büchsen do sein gelassen unter dem Dach, so wird die Kugel nit verschossen, das Pulver nit verbrannt oder nass, so behielt der Fürst sein Geld, der Büchsenmeister sein Leben; das ist der Rath so Conrad Haas tut geben“.

Dr. Hans Barth

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 11 vom 15. Juli 2004, Seite 6)

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