9. Oktober 2005

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Der Musikkritiker und Autor Klaus Kessler wurde 80

Über Jahrzehnte hinweg hat Klaus Kessler das Konzertleben Bukarests begleitet. Als Musikkritiker schrieb er für die deutsche Presse in Rumänien regelmäßig Konzertberichte, zuweilen präsentierte er das rumänische Musikgeschehen auch in ausländischen Publikationen.
Mit seiner vor einigen Jahren verstorbenen Frau, der Mezzosopranistin Martha Kessler, die sich als Kammer- und Oratoriensängerin über die Grenzen des Landes hinaus einen Namen gemacht hatte, war er in den Musikerkreisen der rumänischen Hauptstadt hoch geschätzt. Außerdem veröffentlichte er Lyrik- und Prosabände.

Heute ist es stiller um Klaus Kessler geworden, er lebt zurückgezogen in einem historischen Stadtviertel von Bukarest, umgeben von Büchern und CDs und vielen schönen Dingen aus seiner reichhaltigen Sammlung: bibliophile Bücher, Ikonen, Gemälde, Plastiken, Keramik. Am 3. Oktober wurde Klaus Kessler 80 Jahre alt.

Geboren wurde er 1925 in Temeswar, gelebt hat er nun fast ein halbes Jahrhundert, seit 1957, in Bukarest, doch zu Hause fühlt er sich in Schäßburg, wie er selbst erklärt. Dort hat er als Kind viel Zeit bei seinen Großeltern, aber auch in späteren Jahren verbracht, es ist die Stadt, zu der er die engste Bindung hat.

Klaus Kessler. Foto: Valeriu Pana
Klaus Kessler. Foto: Valeriu Pana
Kaum hatte er das Gymnasium beendet, ging er als 17-Jähriger in den Krieg. Er erlebte als Soldat der deutschen Armee die Schlacht um Berlin und wurde gefangen genommen. Es folgten ein 400 Kilometer langer Hungermarsch und eine zwei Wochen währende Fahrt in Viehwagen ins Kriegsgefangenenlager im Donez-Becken. Noch im Jahr 1945 wurde er krankheitshalber entlassen. Später konnte er das Medizinstudium aufnehmen und er verbrachte sein Berufsleben, indem er als Arzt an der Bukarester Hochschule für Körpererziehung und Sport unterrichtete.

Klaus Kessler ist ein Schöngeist, der sich mit Freude an einem umfangreichen Wissen und mit Leidenschaft den unterschiedlichsten Bereichen der Kunst widmete. Er war nicht nur ein wacher Beobachter des Konzertlebens, er verfasste auch Werkanalysen und brachte auf diese Weise dem Leser die Neue Musik näher, darunter Kompositionen von Wilhelm Georg Berger oder Hans-Peter Türk. Ein zweisprachig - deutsch und rumänisch - erschienenes, musikgeschichtliches Buch ist der 1879 unternommenen Konzertreise von Johannes Brahms mit dem Violinisten Joseph Joachim ins Banat und nach Siebenbürgen gewidmet. Kessler wertete darin Briefe von Brahms an Clara Schumann und Wiener Freunde mit seinen Eindrücken aus dem Banat und Siebenbürgen sowie die Konzertberichte aus der damaligen Presse aus.

Ein weiterer Bereich der Musik, mit dem sich Kessler befasst hat, weist bereits auf sein literarisches Schaffen: Er hat zahlreiche Lieder rumänischer Komponisten - Miriam Marbé, Tiberiu Olah, Stefan Niculescu -, Opern von Anatol Vieru und Bücher des Musikwissenschaftlers Viorel Cosma ins Deutsche übersetzt. Das Weihnachts- und das Osteroratorium von Paul Constantinescu hat er für den Bärenreiter Verlag in Kassel übertragen. Das Weihnachtsoratorium wurde in der DDR uraufgeführt und in München erlebte es ebenfalls eine Aufführung, bevor es 1968 während des Enescu-Festivals erstmals in Bukarest erklingen konnte.

Andererseits wurden eigene Gedichte von Klaus Kessler, der Zyklus "Sahst du in meinem Angesicht", von Wilhelm Georg Berger vertont und Walter Michel Klepper komponierte eine Kantate zu Texten des Autors, der auch Libretti für Ballette von Olah und Vieru verfasste.

Die belletristischen Bücher verraten seine Freude an dem geistreichen Spiel mit der Sprache, auch wenn diese manchmal überfrachtet und gekünstelt klingt, wie die Kritik vermerkte. Den frühen Bänden "Flächen und Facetten" (1970) und "Nachrichten über Stefan" (1975) folgte der Prosaband "Der Umzug" (1986), in dem er phantasievoll und mit Fabulierfreude seine eigenen Erfahrungen verarbeitet. Die Hauptgestalt trägt den imperialen Namen Franz Joseph und ist - wie Kessler selbst - stolzer Besitzer einer Gemäldesammlung. Auch er ist gezwungen umzuziehen, so wie es Kessler selbst war, als das Einfamilienhaus, das er bewohnte, wegen Ceausescus städteplanerischen Phantasien abgerissen wurde. Bei jedem Umzug schrumpfen die Sammelstücke und ihr Eigentümer immer mehr, bis sie schließlich nur noch mit dem Mikroskop wahrgenommen werden können. Der nach der Wende veröffentlichte Band "Versteckte Schreie. Aus einer Skalvenkolonie" (1995) brachte Texte, die vorher der Zensur zum Opfer gefallen waren. Sein zuletzt erschienenes Buch, "Eburnum für Siebenbürgen" (2003), enthält u.a. Plaudereien über die Entstehung seiner Bücher- und Kunstsammlung. Da hat alles seine Geschichte und die gehört zum Stück dazu.

Rohtraut Wittstock


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