23. November 2001

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Nachruf auf Bernhard Ohsam

"Wenn es am 21. Juni 1995 Abend wird, werden wir, 50 Jahre nach dem Beginn unserer abenteuerlichen Flucht, beisammen sitzen, die Schampusgläser klingen lassen und uns augenzwinkernd zuprosten: Na sdarowje towarischtschi - Auf die Gesundheit, Freunde!" Dieses Schlusswort aus Ohsam Roman „Hunger & Sichel. Die Geschichte einer Flucht“ ist zugleich ein Schlüsselwort im Leben des siebenbürgischen Schriftsteller Bernhard Ohsam, der am 6. November im Alter von 75 Jahren in Bremen gestorben ist.
Der siebenbürgische Schriftsteller Bernhard Ohsam (1926 – 2001). Foto: Konrad Klein
Der siebenbürgische Schriftsteller Bernhard Ohsam (1926 – 2001). Foto: Konrad Klein


Es ist die Freude am Gelungenen, die mitschwingt, vor einem düsteren Hintergrund zwar, aber durchsetzt von der Verständnisbereitschaft für den Gegner, in dem Ohsam nicht nur den Peiniger zu erkennen in der Lage war, sondern schlichtweg den Mitmenschen, der, weiß Gott warum, eine andere Rolle zu spielen hatte. In seinem gesamten schriftstellerischen Werk hat Ohsam es verstanden, menschliche Schwäche und verordneten Terror auseinander zu halten, ohne dabei das zugefügte Unrecht zu verharmlosen oder gar zu verdecken. Es wird ja nichts unterschlagen, wenn auch die Not der Sieger zitiert und die Breitspurigkeit der Gewaltigen der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Die Tragik muss nicht schwarz sein und schon gar nicht salbungsvoll. Nur wer lachen kann, heißt es, vermag auch zu trauern, und nicht selten ist das Lachen die einzig noch mögliche und wirksame Gegenwehr. Sie hilft zu überleben, ermöglicht die Demontage der Macht und schützt nicht zuletzt vor Überheblichkeit.
Der Humor war für Bernhard Ohsam nicht allein eine literarische Verfügbarkeit. Ihm zu begegnen war immer angenehm und unterhaltsam, nicht weil er sich den Problemen verweigert hätte, sondern weil er auf seine Art mit ihnen umzugehen wusste, indem er sie auf ihren Widersinn oder zumindest auf ihre Dünnschichtigkeit reduzierte. Das Pathos war seine Sache nicht, und er ließ sich selbst dann nicht gern vorspannen, wenn es um eine Sache ging, die durchaus auch seine Eigene war. Das mag ihm nicht nur Freunde eingetragen haben, wenn Freundschaft voraussetzt, der gleichen Meinung zu sein. Seine Solidarität beschränkte sich nicht aufs Äußerliche, sie hatte Wurzeln und Verstand. Er schrieb keine Heimatliteratur, aber ein siebenbürgisch-sächsischer Grundton durchzieht unverhüllt sein Lebenswerk, er drängte sich in kein Amt, aber er hat es nicht unterlassen, jedem südöstlichen Kollegen gegenüber nicht nur verbal aufgeschlossen zu sein. Beim Deutschlandfunk galt er Jahrzehnte hindurch als nicht deklarierte Anlaufadresse für rumäniendeutsche Journalisten, die sich während ihres gelegentlichen Deutschlandaufenthaltes ein Zubrot verdienen wollten. In seinem Haus in Köln und später in Bremen war er ein ebenso herzlicher wie verständnisvoller Gastgeber. Hoch im deutschen Norden, am Rande der Hansestadt Bremen, hatte der einst ausgebootete siebenbürgische Flüchtling, ein spätes und letztes Zuhause gefunden, räumlich und, an der Seite von Frau Alice Peters, familiär. Und von Siebenbürgen nicht so ganz weit weg, wie man zu glauben versucht sein könnte. Inmitten des niederdeutschen Idylls gibt es nämlich einen waschechten siebenbürgischen Nachbarn, und so kann sich, wer will, auf der abendlichen Terrasse des Anwesens im Hermannstädter Dialekt unterhalten.
Im Dorf Braller, im Krautwinkel des Sachsenlandes unter den Karpaten, wurde Bernhard Ohsam am 5. Juni 1926 geboren. Der Weg in die große Welt führte ihn nach Hermannstadt und dabei hätte es, der eigenen Vorstellung nach, auch bleiben sollen. Die Ironie des Schicksals sprengte diese vorgegebene Enge auf fatale Weise, indem es den Achtzehnjährigen nicht etwa auf eine Wiener Universität versetzte, sondern in ein Arbeitslager im Donezbecken verschlug, was durchaus nicht eine Öffnung in die weite Welt, sondern eher das Ende aller Träume bedeutete. Zwei Fluchtwege erst erschlossen ihm, allerdings um den Preis der Heimat, die Welt - und das war die Freiheit zu denken und die Freiheit zu sein. Beides nahm der junge Ohsam an, um es nie mehr loszulassen. Weder eine affektive noch eine ideologische Falle konnte ihn auch nur zur versuchten Umkehr verführen, obwohl die Anfangsjahre im Westen alles andere als ein Ersatz für die siebenbürgische Ofenwärme gewesen waren. Eine fundamentale Veränderung war eingetreten, und er nahm sie ohne kränkelnde und verklärende Nostalgie an. Sein Siebenbürgenbild ist das eines liebevollen kritischen Beobachters, der zwar nicht unbeteiligt die Zustände schildert, sie aber seiner Welterfahrung zuordnet, die er sich durch ausgedehnte Fernreisen in fast alle Erdenwinkel im eigentlichen Wortsinn erfahren hat. In einer Fülle amüsanter Kurzgeschichten ließ er uns an seinen Entdeckungen teilnehmen, die vordergründig zwar nicht ohne das Exotische von Land und Leuten auskommen mögen, in der Substanz hingegen, und sie muss nicht erst mühselig herbei interpretiert werden, den Menschen als Individuum sehen und darstellen, mit seinen allgemeinen und zugleich unverwechselbaren Eigenheiten. Hier stehen die siebenbürgische Gelassenheit und die asiatische Schlitzohrigkeit, bodenständig in Gehabe und Geist, gleichwertig nebeneinander und doch jedes für sich. Es ist Humor mit Tiefgang, und wir sollten, zumal Humoristen bei uns eher Mangelware sind, nicht flüchtig darüber hinweglesen.
Die Gleichwertung des Heimatlichen im großen Kontext zeigt die gestalterische und interpretative Fähigkeit des Schriftstellers Bernhard Ohsam und seine Ehrlichkeit im Umgang mit dem literarischen Stoff. Beide haben ihm das Interesse der Verlage und der Leser erhalten. Sein früher Erfolgsroman „Eine Handvoll Machorka“ ist in mehreren Auflagen erschienen, und seine anekdotischen Reiseerzählungen legten Fluggesellschaften als Lektüre aus, vielleicht gerade deswegen, weil sie „nicht Sehenswürdigkeiten beschreiben, sondern Situationen erfassen“. Ohsam schrieb auf den Leser zu, der sich selbst in den Geschichten zu entdecken gewillt war. „Alle Namen und Personen meiner Geschichten sind frei erfunden“, ließ er uns wissen. „Sollten Sie sich in dieser oder jener Szene zu erkennen glauben, dann habe ich Sie rein zufällig und ganz ohne Absicht beobachtet.“ Er war ein ebenso unauffälliger wie genauer Beobachter, der die Welt und sich selbst zu belächeln in der Lage war, wissend, dass ein Lächeln zwischenmenschlich mehr vermag als laute Deklamationen und dass Wahrheiten, um die wir ja immer zu ringen vorgeben, auch ihre heitere Seite haben.
So schön es in Bremen auch war - es wurde in der letzten Zeit stiller um „Ossi“, und keiner wusste so recht warum. Lachen wir heute über andere Dinge oder lachen wir überhaupt nicht mehr? Zu seinen bereits erworbenen Literaturpreisen kam 1996 der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturpreis hinzu und der Berliner Westkreuz-Verlag brachte ihn spät, wenn auch nicht zu spät, noch einmal auf den Buchmarkt. Und immer wieder mal kamen Freunde ins Bremer Heim auf Upper Borg. Dennoch spürte Bernhard Ohsam die zunehmende Distanz zur neuen Generation, und er litt ein wenig unter der neuen Erfahrung, dass eben doch alles seine Zeit hat. - Er hatte seine, und er nutzte sie.

Franz Heinz

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