5. Dezember 2001

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"Barfuß dringe ich in diesen Tod..."

Von den insgesamt 28 Gedichten des Bandes übersetzten Dieter Schlesak und Hellmut Seiler je zwei, vierundzwanzig Übertragungen aus dem Rumänischen ins Deutsche stammen von Edith Konradt. Die Autorin des Bandes, Rodica Draghincescu, gehört dem Jahrgang 1962 an, ist Temeswarerin und wirkte vor allem mit ihren lyrischen Texten im Bereich der neueren rumänischen Literatur prägend, so dass - durch Adjektivierung ihres Vornamens - vom "Rodistischen Stil" gesprochen wird.
Welches ist dieser Stil? Intellektualistische Diktion ist ihm ebenso eigen wie emotionale sangliche Melodik, das unerwartet provozierende Bild ebenso wie die Anschmiegsamkeit einer sprachlichen Ausdruckskunst, die mitunter an die große rumänische Volksdichtung erinnern mag; die hart abbrechende Pointe wird, geradezu kontrapunktisch, abgefangen durch die fast schmerzhaft ausklingenden Akkorde einiger Gedichtabschlüsse. Zweifellos konstruktiv eigenwillig scheint mir das Aussage- und Formbedürfnis der bald Vierzigjährigen zu sein, so dass die Lektüre ihrer Gedichte zum geistigen Vergnügen wird.
Beispiele ihrer Verfahrensweise: "Vereinige dich nicht mit dir/dass ich dich' frage wann du dich verlassen hast/teile dich nicht jenem mit den dieser sucht/weil er dich dienen lassen wird..." (Gebet der Hingabe; E. Konradt); "Barfuß dringe ich in diesen Tod/wie mit geschlossenen Augen in einen Spiegel/kein Schmerz durchdringt mich..." (Das Gedichtprinzip; D. Schlesak). Was mit solchen Sinnwendungen und -umkehrungen an Wirkung erzielt wird, ist mehr als Effekthascherei: Es ist eine durchgehende Infragestellung gewohnter Sinnabläufe und -muster zugunsten des Blicks auf sich selber und auf die Welt, der frei bleibt von der Trübung durch das Abgegriffene und daher Sichtverstellende. "Ich habe keinen vater/habe sehr viele mütter/sie gebaren abwechselnd/eine mit der anderen körper das gleiche kind/Rousseau Dostojewski Kierkegaard Shakespeare Nietzsche..." (Phänomenologie des geflügelten Geschlechts. Mauerprojekt; E. Konradt) - auch dieser Gedichtbeginn darf als Beispiel "Rodistischen Stils" genommen werden und macht die oben angesprochenen Charakteristika der Lyrik dieser Frau anschaulich. Nichts ist an diesem Stil Anleihe von anderen, epigonales Haschen oder auch nur Anlehnung an schon bekannte Schreibweisen. Bei aller gelegentlichen Sperrigkeit, ja Schroffheit des direkten Bildes und der Aussageabsicht bleibt das Gedicht Rodica Draghincescus dem Poetischen im uralten Sinne verhaftet.
Die Übersetzungen - denen das rumänische Original gegenübergestellt wird - sind durchwegs makellose und sorgfältige Textbehandlungen, "saubere" Wechsel aus einer Sprache in die andere, die der Lesbarkeit und auch der Musik des Originals nicht Abbruch tun, diese, im Gegenteil, wahrten und im Deutschen wiedererstehen lassen - was jedesmal die gute Übersetzung ausmacht.

Hans Bergel


Rodica Draghincescu: Phänomenologie des geflügelten Geschlechts. Gedichte. Aus dem Rumänischen von Edith Konradt u.a. Edition Solitude Stuttgart. 96 Seiten, fadengeheftet, 29,40 DM, ISBN 3-929085-68-2.

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