13. Januar 2026

Deportierte Maria Schnäp erinnert sich: Aushebungen am 13. Januar 1945 in Großau

Als am 13. Januar 1945 ein „Trommler“ durch Großau ging und verkündete, dass alle Deutschen, Frauen zwischen 18-35 Jahren und die Männer von 17-45 Jahren, sich in zwei Stunden mit Proviant und Kleidung für ca. zwei Wochen im Rathaus melden müssten, ahnte noch keiner der Betroffenen, welches Unheil sie erwartete. Es war aber mit Nachdruck verkündet worden, dass wer dieser Aufforderung nicht nachkomme, riskieren würde, dass Eltern mit Kindern ebenfalls mitgenommen würden.
Siebenbürger Sachsen im Deportationslager im ...
Siebenbürger Sachsen im Deportationslager im Donbass. Tuschezeichnung von Adolf Kroner (1938-2010)
Um Flüchtige zu behindern, war die Gemeinde von „Militär“ und freiwilligen „Aufpassern“ umstellt. Schweren Herzens mit Rucksack und einem Koffer Kleidung fanden sich alle im „Rathaushof“ ein, wo man erst einmal ein paar Stunden auf seinem Koffer in der Kälte sitzen musste. Nachmittags ca. 16.00 Uhr bei angehender Dunkelheit mussten alle Aufstellung nehmen und bei klirrender Kälte zu Fuß in die Nachbargemeinde Neppendorf marschieren, bewacht von rumänischen und russischen Soldaten. Erst am nächsten Abend bzw. nachts wurden alle in Viehwaggons getrieben und auf eine lange, zum Teil unbekannte, beschwerliche Reise geschickt. Zwei Wochen dauerte dieser „Transportweg“, nur einmal täglich wurde der Zug angehalten, dies geschah immer nachts. Es war eisig kalt und in der Dunkelheit konnte keiner sich orientieren.

„Im Jahr 1945 begann eine traurige Zeit
Man nahm uns von unseren Eltern
Die jungen und die älteren Leut.

Die Mütter von ihren Kindern
die Kinder, sie blieben allein,
sie schrien „ach Mutter komm wieder“ kehr wieder zu uns heim.

Lebt wohl, ihr geliebten Eltern,
lebt wohl, auf Wiedersehn,
wenn Gott will, so soll es geschehen
dass wir uns wieder sehn.
Bild aus einer heileren Welt: Großauer ...
Bild aus einer heileren Welt: Großauer Kirchenburg, aufgenommen um 1910. Foto: Bildarchiv Konrad Klein
Viele kamen schon schwerkrank mit Erfrierungen, Ruhr oder ähnlichem am Zielort an und konnten von „Glück“ sprechen, wenn sie mit Geschwistern zusammengeblieben waren. Am Ziel angekommen, mussten 2er-Reihen gebildet werden. Jeder/jede Einzelne bekam eine Ordnungsnummer, um dann nach Abzählung für die verschiedenen Arbeitslager zugeteilt zu werden, ohne Rücksicht auf Verwandten-, nicht einmal Geschwisterverhältnisse. Die Abzählung ging 1-100 für Männer und ab 010-200 für Frauen für das Lager „Kocksokim“ – Kohletransport. Anfangs aber mussten Betontrümmer unter erschwerten Bedingungen von allen, Männer und Frauen, zerkleinert werden. Meißel und Hammer wogen oft schon zwischen 5-10 kg. In einer Schule war die Unterbringung oft noch von Vorteil. Der kleine Ofen inmitten des Raumes diente nicht einmal der Heizung, geschwiege denn zum Kochen. „Borscht“ – Suppe aus Kraut-, Rübenblättern und grünen Tomaten, „Kleba“ – 250 Gramm Brot (das oft aus mehr Sägemehl als Weizenmehl bestand) und „Kascha“ – gekochter Gerstel mit Öl, war die bereitgestellte Nahrung, für Schwerstarbeitende sehr dürftig und nur dann gesichert, wenn die Aufsicht das befürworten konnte. Bei dem kleinsten Vergehen wurde „Nahrungsentzug“ angedroht bzw. angeordnet.

Ab Februar 1946 war dann Landarbeit auf den „Kolchosen“ angesagt. Unsere Unterkunft in früheren Viehställen oder Getreidelagerhallen mussten wir selber reinigen und vorbereiten, nachdem das Vieh ausgetrieben wurde. Der Fußboden war gestampfte Erde und das Dach hatte große Lüftungsspalten, so dass man den Regen gar nicht abwehren konnte. Auch das Schuhwerk bestand nur aus Holzschuhen mit Leinwand überspannt und besonders für den Winter ungeeignet. Oft wurden noch Mais und sogar Kartoffeln aus der gefrorenen Erde geerntet oder im Frühjahr als Saatgut aus den mit Erde und Mist bedeckten Silogruben gebuddelt. In diesen Holzherbergen war kein Ofen und kein Licht, wenn man abends von der Arbeit zurückkehrte. Es durfte niemals vor 17.00 Uhr sein, sonst gab es keine Nahrungszuteilung. Hin und wieder war das Aufsichtspersonal auch mal einsichtig und sah über solche kleinen Vergehen hinweg, manche konnten Mitleid und Menschlichkeit auch zeigen und gelten lassen. Hierzu eine kleine Geschichte: Im Februar mussten wir mit dem Ochsenwagen Dünger („Mist“) aufs Feld ausfahren, was eine sehr schwere und – wie sich herausstellte – nicht ganz ungefährliche Arbeit war. Es war noch Winter, Schnee und Sturm hatten zu großen Schneeverwehungen geführt, so kamen die Ochsen mit dem Schlitten von der Straße ab und rutschten in ein Brunnenloch. Ohne Schlitten und Ochsen war nicht an Heimkommen zu denken, obwohl schon längst der Abend hereinbrach. Bei dem Versuch, irgendwie zu helfen, rutschte ich auch ab und konnte auch wegen der Schneewehen nicht leicht gefunden werden. Aber der Menschlichkeit der Aufsicht und der Hartnäckigkeit aller Suchenden ist zu verdanken, dass in später Nacht doch Rettung kam und auch ein Ochse lebend gerettet werden konnte. Einen Tag durfte ich der Arbeit fernbleiben, also Arbeitsbefreiung zum Ausruhen. Es war große Freude unter allen Mitbewohnern und ganz besonders bei meiner Schwester zu spüren, sogar von Seiten der Aufsicht kam Mitgefühl. Was die Körperhygiene betrifft, einige Verse aus dem dort entstandenen Badelied (Klagelied):

„Eines Abends am Palmsonntag in der Ukraina drin,
es war noch kaum halb achte, keine Sonne mehr am Himmel hing,
da kamen deutsche Frauen vom Ratten fangen her,
ihr Antlitz war gefroren, die Glieder matt und schwer.

Wohin, ihr deutschen Frauen, um diese späte Zeit
In eine Erdenhütte, das russisch Bad sich heißt,
das Wasser ist mit Maßen, da drinnen ist kein Licht,
das Fenster ohne Scheiben, die Türe, die schließt nicht.

Da steh ich selber drinnen im Dunkeln ganz allein,
muss heizen hier zwei Öfen, für mich ‘ne große Pein,
hier gibt’s kein Holz noch Kohle, es gibt nur Stroh und Mist,
das ist zum Teufel holen, wie man sich hier „verfrisst“.
Deportierte Leschkircherinnen im Lager Krivoj Rog ...
Deportierte Leschkircherinnen im Lager Krivoj Rog (heute Ukraine). Bildarchiv Konrad Klein
Es war wöchentlich Pflicht, dieses Bad in Anspruch zu nehmen. Die letzten Jahre war die Lage etwas entspannter, die Arbeit wurde, wenn auch nur minimal, aber trotzdem mit kleinem Lohn gewürdigt und wer größeres Glück hatte, konnte sich bei den russischen Frauen noch etwas dazuverdienen. Aus Elektroden wurden Stricknadeln gebastelt und mit dem mühsam erarbeiteten Lohn Wolle oder Garn gekauft, vielmehr irgendwelche (Lumpen) Textilien, wenn es möglich war, aufgetrennt, um Strümpfe und Socken oder andere notwendige Kleidungsstücke zu stricken. Es wurde untereinander einiges getauscht und man versuchte wieder Lebensmut zu finden, um leichter überleben zu können oder ein Fünkchen Hoffnung auf Heimkehr noch aufrecht zu halten. So entstanden einige Lieder, die zwar die traurigen Tage oder schwierige Handlungen besangen, aber um so mehr die Gemeinschaft prägten und festigten. Letztendlich hat der feste Glaube und große Mut dazu geführt, dass viele oder die meisten von uns die Heimat wiedersehen durften. Vielleicht sind noch Erlebnisse und Lieder in diesem Sinne bei anderen Großauern zu finden und zu berichten.

Maria Schnäp

Maria Schnäps Aufzeichnungen wurden nach ihrem Tod von Sohn Mathias Schnäp bei Aufräumarbeiten unterm Bett gefunden. Sie war Hausfrau. Sie war zweieinhalb Jahre lang deportiert, wurde krankheitsbedingt nach Deutschland, Zwickau, entlassen und zog später nach Bayern um.

Schlagwörter: Deportation, Zeitzeugenbericht, Großau

Bewerten:

13 Bewertungen: ++

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.