13. Januar 2026
Deportierte Maria Schnäp erinnert sich: Aushebungen am 13. Januar 1945 in Großau
Im Januar 1945 wurden 30 000 Frauen und Männern aus Siebenbürgen unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. Dazu gehörte Maria Schnäp, geboren am 12. April 1925 in Großau. Sie war zweieinhalb Jahre lang deportiert, wurde krankheitsbedingt nach Deutschland, Zwickau, entlassen und zog später nach Bayern um. Nach ihrem Tod am 14. Juli 2024 in Germerswang fand ihr Sohn Mathias Schnäp bei Aufräumarbeiten unterm Bett die folgenden Aufzeichnungen.

Um Flüchtige zu behindern, war die Gemeinde von „Militär“ und freiwilligen „Aufpassern“ umstellt. Schweren Herzens mit Rucksack und einem Koffer Kleidung fanden sich alle im „Rathaushof“ ein, wo man erst einmal ein paar Stunden auf seinem Koffer in der Kälte sitzen musste. Nachmittags ca. 16.00 Uhr bei angehender Dunkelheit mussten alle Aufstellung nehmen und bei klirrender Kälte zu Fuß in die Nachbargemeinde Neppendorf marschieren, bewacht von rumänischen und russischen Soldaten. Erst am nächsten Abend bzw. nachts wurden alle in Viehwaggons getrieben und auf eine lange, zum Teil unbekannte, beschwerliche Reise geschickt. Zwei Wochen dauerte dieser „Transportweg“, nur einmal täglich wurde der Zug angehalten, dies geschah immer nachts. Es war eisig kalt und in der Dunkelheit konnte keiner sich orientieren.
„Im Jahr 1945 begann eine traurige Zeit
Man nahm uns von unseren Eltern
Die jungen und die älteren Leut.
Die Mütter von ihren Kindern
die Kinder, sie blieben allein,
sie schrien „ach Mutter komm wieder“ kehr wieder zu uns heim.
Lebt wohl, ihr geliebten Eltern,
lebt wohl, auf Wiedersehn,
wenn Gott will, so soll es geschehen
dass wir uns wieder sehn.

Ab Februar 1946 war dann Landarbeit auf den „Kolchosen“ angesagt. Unsere Unterkunft in früheren Viehställen oder Getreidelagerhallen mussten wir selber reinigen und vorbereiten, nachdem das Vieh ausgetrieben wurde. Der Fußboden war gestampfte Erde und das Dach hatte große Lüftungsspalten, so dass man den Regen gar nicht abwehren konnte. Auch das Schuhwerk bestand nur aus Holzschuhen mit Leinwand überspannt und besonders für den Winter ungeeignet. Oft wurden noch Mais und sogar Kartoffeln aus der gefrorenen Erde geerntet oder im Frühjahr als Saatgut aus den mit Erde und Mist bedeckten Silogruben gebuddelt. In diesen Holzherbergen war kein Ofen und kein Licht, wenn man abends von der Arbeit zurückkehrte. Es durfte niemals vor 17.00 Uhr sein, sonst gab es keine Nahrungszuteilung. Hin und wieder war das Aufsichtspersonal auch mal einsichtig und sah über solche kleinen Vergehen hinweg, manche konnten Mitleid und Menschlichkeit auch zeigen und gelten lassen. Hierzu eine kleine Geschichte: Im Februar mussten wir mit dem Ochsenwagen Dünger („Mist“) aufs Feld ausfahren, was eine sehr schwere und – wie sich herausstellte – nicht ganz ungefährliche Arbeit war. Es war noch Winter, Schnee und Sturm hatten zu großen Schneeverwehungen geführt, so kamen die Ochsen mit dem Schlitten von der Straße ab und rutschten in ein Brunnenloch. Ohne Schlitten und Ochsen war nicht an Heimkommen zu denken, obwohl schon längst der Abend hereinbrach. Bei dem Versuch, irgendwie zu helfen, rutschte ich auch ab und konnte auch wegen der Schneewehen nicht leicht gefunden werden. Aber der Menschlichkeit der Aufsicht und der Hartnäckigkeit aller Suchenden ist zu verdanken, dass in später Nacht doch Rettung kam und auch ein Ochse lebend gerettet werden konnte. Einen Tag durfte ich der Arbeit fernbleiben, also Arbeitsbefreiung zum Ausruhen. Es war große Freude unter allen Mitbewohnern und ganz besonders bei meiner Schwester zu spüren, sogar von Seiten der Aufsicht kam Mitgefühl. Was die Körperhygiene betrifft, einige Verse aus dem dort entstandenen Badelied (Klagelied):
„Eines Abends am Palmsonntag in der Ukraina drin,
es war noch kaum halb achte, keine Sonne mehr am Himmel hing,
da kamen deutsche Frauen vom Ratten fangen her,
ihr Antlitz war gefroren, die Glieder matt und schwer.
Wohin, ihr deutschen Frauen, um diese späte Zeit
In eine Erdenhütte, das russisch Bad sich heißt,
das Wasser ist mit Maßen, da drinnen ist kein Licht,
das Fenster ohne Scheiben, die Türe, die schließt nicht.
Da steh ich selber drinnen im Dunkeln ganz allein,
muss heizen hier zwei Öfen, für mich ‘ne große Pein,
hier gibt’s kein Holz noch Kohle, es gibt nur Stroh und Mist,
das ist zum Teufel holen, wie man sich hier „verfrisst“.

Maria Schnäp
Schlagwörter: Deportation, Zeitzeugenbericht, Großau
48 Bewertungen:
Neueste Kommentare
- 13.01.2026, 12:23 Uhr von Peter Otto Wolff: Was soll man dazu sagen, selbst in dortigen Lager Geborener, grausames Schicksal unserer Eltern, ... [weiter]
Artikel wurde 1 mal kommentiert.
Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.