15. Januar 2026
Hegt wird gesangen!: Lieder gegen das Vergessen: Deportationslieder 1945-1949
Am 15. Januar 1945, der in die die Geschichte als der „Schwarze Sonntag“ eingegangen ist, wurden 69332 Menschen aus Rumänien in die Sowjetunion deportiert, darunter 30336 Siebenbürger Sachsen, davon 60% Frauen – ein Ereignis, das zu der Zersplitterung unserer Gemeinschaft führen sollte. (In einigen Orten wurden sie bereits am 13. und 14. Januar ausgehoben.) Auch 81 Jahre nach diesem folgenschweren Ereignis bleiben uns Gedenken und Erinnerung an dieses Verbrechen und die kollektiven Leiden von damals Bedürfnis und Pflicht.

Das Lied dieses Monats entstand in einem ukrainischen Arbeitslager. Es ist eines der wenigen Lagerlieder in Mundart. Die drei Michelsberger Frauen und Mütter Katharina Greger, Anna Korp und Rosina Zakel haben Text und Melodie geschaffen und durch das Singen sicher Trost, Mut und Kraft geschöpft, diese schrecklichen Jahre zu überstehen und die innere Verbindung zur Heimat aufrechtzuerhalten. Nach der Heimkehr hat sich das Lied im Dorf schnell verbreitet und wurde gerne gesungen. Die heute 90-jährige Lehrerin Jutta Caplat (geb. Kolck) hat im Michelsberger Heimatbuch Text und Melodie notiert (S. 377-378). Vermutlich wird dieses Lied heute kaum noch gesungen. Von den sieben Strophen werden hier nur drei abgedruckt. Vielleicht weckt dieser Artikel Erinnerungen an weitere Lieder aus der Zeit der Deportation, die es wert sind, festgehalten zu werden.
Der sathmarschwäbische Musikwissenschaftler und Musikethnologe Gottfried Habenicht (*1934) veröffentlichte im Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde, Freiburg 1996, die umfangreiche Liedgutsammlung „Leid im Lied – Südost- und ostdeutsche Lagerlieder und Lieder von Flucht, Vertreibung und Verschleppung“ mit 143 abgedruckten Liedern, darunter in der Abteilung 2 (S. 75-105) 30 Lieder aus der Russlanddeportation. Er bemerkte, dass vor allem Kirchenlieder mit Gebet um Erlösung und Hoffnung und bekannte Heimatlieder gesungen wurden. So erhielten Volkslieder wie z.B. „Nun ade du mein lieb Heimatland“, „Nach meiner Heimat zieht’s mich wieder“, „Wo’s Dörflein traut zu Ende geht“, „Kehr ich einst zur Heimat wieder“ oder das bekannte Heimat- und Sehnsuchtslied „Heute in der Nacht“ („Heimweh“) im Arbeitslager einen neuen, tieferen Sinn. In Nürnberg lebt noch eine 101-Jährige, die die erste Strophe des Liedes „Heimweh“ immer wieder sang. Als ihr die Tochter unlängst das ganze Lied von YouTube vorspielte, sang sie spontan den ganzen Text mit und sagte anschließend: „Dieses Lied habe ich in Russland immer gesungen!“
Auf der 14-tägigen Fahrt bei klirrender Kälte im Viehwaggon sangen die siebenbürgischen Frauen und Männer außer Kirchenliedern – Gesangbücher hatten die meisten im Gepäck – auch ihnen schon bekannte Mundartlieder, die ihrer gedrückten Stimmung entsprachen.


Wiegen- und Mutterlieder wurden oft leise im Bett, im Dunkeln gesungen oder gedichtet. Viele Frauen hatten kleine Kinder zu Hause zurückgelassen. Das Singen half, Heimweh und Schuldgefühle zu regulieren, und hatte wertvolle psychotherapeutische Wirkung.
Die meisten Gelegenheitsdichtungen waren keine großen Kunstwerke. Eine Ausnahme mag das Lied „Von den Bergen ihrer Heimat“ (Rote Gladiolen) „von Jacobi, Kronstadt in Almasna (Almaznaja), 68er Schacht, Juli 1945“ sein (nachzulesen im 3. Band der Deportationsdokumentation von Georg und Renate Weber „Die Deportation der Siebenbürger Sachsen in die Sowjetunion 1945-1949“. 3 Bde. Köln Weimar Wien: Böhlau Verlag 1995, Bd. 3, S. 971-972). Grete Lienert-Zultner hat das Lied in ihrer Sammlung „De Astern uch ånder Liedcher“ (GIMA-Musikverlag 1983) auch aufgenommen. Vermutlich hat ihr Mann es während der Deportation kennengelernt, wusste jedoch den Urheber nicht.
In den Jahren 1945-1950 schrieb Grete Lienert-Zultner die Lieder „Wäjjelied äm Kräch“ (Schlof me Kängd, än denger Wäj), „Ich mess eweech – Uëvschied 1945“, „In Russland 1945-1950“ (Wo im Dunst der öden Weite), „De Sann wäll nämmi schengen“. Das Lied „Do derhiem blähn de Våltcher“ verfasste die Autorin bereits 1925; 1945 war es schon in vielen Ortschaften bekannt. Zeitzeugen haben berichtet, dass es in den Lagern oft gesungen wurde. Als Heimwehlied erfuhr es dort eine tiefere Dimension.
Advent und Weihnachten waren für die Zwangsverschleppten eine besonders bittere Zeit. Bereits im ukrainischen Hungerwinter 1946/47 schrieb der Kronstädter Journalist Kurt Felix Gebauer, alias Georg Brenndörfer (1906-1989), das „Christi-Geburt-Spiel der Siebenbürger Sachsen im Donbass“, das am 5. Januar 1947 im Lager Almasna uraufgeführt wurde, (siehe Siebenbürgische Zeitung, Folge 1 vom 15. Januar 1995, S. 3). Das Krippenspiel und das Singen der vertrauten Weihnachtslieder dürften bei vielen das Gefühl erweckt haben, dass sie trotz aller Entbehrungen noch fähig waren, an Frieden, Menschlichkeit und Nächstenliebe zu glauben. Im Dezember 1994 wurde das Krippenspiel in der Münchner Dankeskirche unter der Leitung des bekannten siebenbürgischen Regisseurs Hanns Schuschnig aufgeführt, ebenso am 12. Dezember 1996 im Rahmen eines Gedenkgottesdienstes in der Nürnberger Paul-Gerhard-Kirche mit Pfarrer Johann Rehner, Horst Göbbel und dem von Ilse Kreuz geleiteten Frauenchor.
1948 verbesserte sich die wirtschaftliche Lage in der Ukraine, was auch den Zwangsarbeitern zugute kam. Musikkapellen und Chöre wurden gegründet. Michael Markel berichtet nach Zeitzeugen: „Im Lager Petrovka bestanden ein zwei- und ein vierstimmiger Chor von etwa 40 Sängern unter der Leitung von Pfarrer Ernst H. Chrestel. Dort eignete man sich die Lieder an und tauschte sie bei Verlegungen, Besuchen und Chorreisen (1948 wurde Lager Ceglowka besucht) aus. Durch Briefe und erkrankte Heimkehrer sind die Lieder schon vor der Entlassung der Inhaftierten sowohl in Rumänien als auch in Deutschland bekannt geworden.“
Wohl denen, die Pfarrer und Musiker in ihrem Lager hatten. In seinen Erinnerungen schrieb Pfarrer Ernst H. Chrestel „Ich habe 200 Tote begraben in den fünf Jahren, meistens Verhungerte.“ In einem Schlafsaal hielt er regelmäßig Gottesdienste. Aus Koffern und Decken wurde ein Altar improvisiert. „Die Gemeinde sang, den Chor leitete ich vom Altar aus, ich predigte und betete. […] Die von mir gegründete Tanzkapelle spielte zum Tanze auf. Viel Volk kam, auch die Russen. Es gelang mir oft, nach schönem alten Brauch mit allen im Kreis ,Kein schöner Land‘ zu singen. […] Norbert Petri, der Kronstädter Musiker, war im Nachbarlager Trudowskaja. Er hatte nach dem Gedächtnis eine Operette nachgeschrieben und sie mit seinem improvisierten Orchester eingeübt. Ich konnte das Ensemble in unser Lager bringen. Allen ist durch diese Aufführung große Freude widerfahren.“
Der psychischen Entlastung dienten auch Scherz- und Spottlieder, die mit herber Ironie die Unzulänglichkeiten des Lageralltags, z.B. auf die Melodie von „Lustig ist das Zigeunerleben“ oder „Lili Marleen“ verpönten.
Meine Mutter wurde zu Arbeiten auf Baustellen eingeteilt. Mit Zirrchen aus Reichesdorf trug sie auf einer Holzbahre schweres Baumaterial. Zirrchen war noch keine zwanzig und hatte kurz vor der Deportation erfahren, dass ihr Verlobter gefallen sei. Wehmütig sang sie während des Schleppens der viel zu schweren Lasten für die zwei kleinen zierlichen Frauen:
Det Zirrchen, äm e kitzken esi word et en Breokt, / nea wid et et nemi, de uërem Heokt! / Nea bleiwt et elloin, widd ould öhne Mun, / der Krech nuehm den Laawsten dervun! / Chea, wonn norr der Krech, der Krech net weïr, / det äs’t Maleïr, det äs’t Maleïr, / Cha, wonn norr der Krech, der Krech net weïr, / det äs det grieß Maleir! („Die Zirrchen wäre beinahe eine Braut, nun wird sie es nicht mehr, die arme Haut! Jetzt bleibt sie allein, wird alt ohne Mann, der Krieg ihren Liebsten mitnahm. Ja, wenn nur der Krieg, der Krieg nicht wär’, das ist’s Malheur, das ist das große Malheur!“ Der Text in Reichesdorfer Mundart ist dem Lied „Der Grumpes“ von Georg Meyndt, *1852 Birthälm, †1903 Reichesdorf, angelehnt. siebenbuerger.de/go/2L132) Diese Verse sang meine Mutter bis ins hohe Alter.
Singen wurde in den Arbeitslagern zu einer Überlebensstrategie. In einer Umgebung, die alles zerstörte – Körper, Würde, Identität – bot das Singen einen inneren Raum, der unantastbar blieb. Melodien aus Kindheit, Kirche oder Gemeindeleben stellten die Verbindung zu einem „Ich“ her, das im Lager nicht ausgelöscht werden konnte. Besonders Frauen nutzten das Singen, um sich selbst und andere daran zu erinnern, dass sie mehr waren als Arbeitskraft. Die Wirkung der Lieder endete nicht mit der Heimkehr. Sie setzt sich fort – in Kindern, Enkeln … auch mir klingt Zirrchens Lied noch gelegentlich in den Ohren.
Die Lieder der Deportierten erinnern daran, dass Gesänge selbst unter widrigsten Bedingungen den Menschen Trost, Kraft und Glauben vermitteln, vielleicht sogar Leben retten können. Auch der reiche Schatz an Volksliedern in Mundart und Hochdeutsch den die Siebenbürger Sachsen beherrschten, verband und stärkte die schwer arbeitenden und hungernden Frauen und Männer. Glücklich das Volk, das (noch) Lieder singen kann!
(Siehe auch: Gedenkbuch 70 Jahre seit der Deportation „Lager Lyrik“, Hgg. Günter Czernetzky, Renate Weber-Schlenther, Lucian Geier, Hans-Werner Schuster und Erwin-Josef Ţigla, Hermannstadt: Schiller Verlag 2015; Hannelore Baier „Leben in der Diktatur“ Hermannstadt Honterus Verlag 2025, S. 7-203.)
Angelika Meltzer

Schlagwörter: Hegt wird gesangen, Lieder, Mundart
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- 15.01.2026, 10:51 Uhr von Scheibi: Liebe Angelika, vielen lieben Dank für deinen Beitrag “Lieder gegen das Vergessen: ... [weiter]
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