8. November 2023

Ein lebendiger Querschnitt durch Siebenbürgen: Konstruktive Fachtagung des HOG-Verbandes in Bad Kissingen

Vom 27. bis 29. Oktober fand in Bad Kissingen die Fachtagung „Siebenbürger Sachsen in bewegten Zeiten. Früher, heute und morgen, hier und dort“ statt. Dazu hatte der „Heiligenhof“ in Zusammenarbeit mit dem Verband der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften e.V. eingeladen.
Gruppenbild mit den Teilnehmern und ...
Gruppenbild mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen der HOG-Fachtagung 2023 im "Heiligenhof" in Bad Kissingen. Foto: Lukas Geddert
Nach Begrüßung durch Gustav Binder, Studienleiter des „Heiligenhofs“, und Ilse Welther, Vorsitzende des Verbandes der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften e.V., übernahmen Thomas Schneider und Dr. Horst Müller, beide stellvertretende Vorsitzende des HOG-Verbandes, die Moderation. „Was und wo ist Siebenbürgen?“ warf Horst Müller (Kronstadt) in den Raum und stellte fest: „Die HOGs sind Nachfolger der Nachbarschaften.“ Thomas Schneider (Holzmengen) hob die enge Bindung des HOG-Verbandes zur Jugend hervor, um gleichzeitig tiefes Bedauern auszudrücken, dass bei der Tagung wegen Terminüberschneidungen, etwa mit dem SJD-Volkstanzwettbewerb, keine Jugendvertreter anwesend waren.

Als spannenden Einstieg in die Tagung präsentierten die Vertreter der Heimatortsgemeinschaften Berichte über Projekte, die in diesem Jahr in Siebenbürgen zu Ende gebracht wurden. In vielen Ortschaften konnten die Kirchen neu geweiht werden, so in Bistritz, Großau, Großschenk, Heltau, Reps, Roseln, Petersberg und Seligstadt. Vielerorts wurden Kirchen und andere Gemeinschaftsbauten renoviert, Friedhöfe wurden instandgesetzt, freiwillige Arbeitseinsätze fanden in Zeiden sowie in der Region Repser und Fogarascher Land statt. Viele kulturelle Aktivitäten wurden der ansässigen Bevölkerung geboten, z.B. wurden in Agnetheln die Zünfte vorgestellt. In München nahm die HOG Rode am Oktoberfestumzug teil. Arbeit und Freizeitangebote lagen eng beieinander. Dagmar Baatz; HOG Großau, schloss mit dem Satz: „Es ist uns gegeben zu erhalten und zu bewahren, denn Zukunft braucht Erinnerung.“

Über das Kinderforum in Kronstadt berichtete Olivia Grigoriu, Vorsitzende des Ortsforums Kronstadt, dessen Geschäftsführer Uwe Leonhardt ebenfalls anwesend war. Olivia Grigoriu stellte Aktivitäten für und mit Kindern und Jugendlichen, z.B. Workshops, Familienausflüge und Vorlesestunden, vor. Heidrun Meyndt (Seligstadt), die seit Kurzem als Referentin für die Betreuung von bedürftigen Gemeindegliedern im Repser und Fogarascher Raum tätig ist, berichtete über ihre Arbeit. Als Vertreterin des Siebenbürgenforums und der evangelischen Kirche besucht sie einsame und kranke Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und hilft je nach Möglichkeit. Anfangs als „Frau von drüben“ bezeichnet, wird sie nun als „Frau von hier“ (sie zog nach Siebenbürgen, um diese Stelle anzutreten) wahrgenommen. Heidrun Meyndt warb für mehr Toleranz und ein größeres Miteinander mit den Menschen, die in den Heimatorten wohnen.

Zum Thema „Zukunft Kirche: Strategie und Maßnahmen“ sprach Dr. Carmen Schuster, die Landeskirchenkuratorin der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR). Sie betonte die gute Zusammenarbeit zwischen den HOGs und der evangelischen Kirche in Siebenbürgen. „Ein starkes Team“, welches in der Pflicht stünde, unser Erbe so zu gestalten, dass es an die nächste Generation zum Fortführen unserer Tradition weitergegeben werden kann. Dies sei eine schwere Aufgabe, die aber durch viele Ideen und Strategien der Kirche und durch die starke Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen machbar sei. Am Beispiel der Kleinschenker Kirche und Kirchenburg erläuterte sie die Zukunft der Kirche in Siebenbürgen: In erster Linie müsse dieses Erbe den jungen Leuten zugänglich gemacht werden. Carmen Schuster, die das Privileg hat, in Kleinschenk zu leben, schwebt eine Kulturkirche mit Ausstellungen, Konzerten und anderen Veranstaltungen vor, die über unseren sächsischen Horizont hinaus gehen. Die Heimatkirche habe es sich zur Aufgabe gemacht, unsere Gemeinschaft zu stärken, durch Transparenz und nachhaltiges Handeln. Umso wichtiger sei es, neue Mitglieder zu gewinnen. Carmen Schuster forderte auf, die Zusammenarbeit der HOGs mit der Kirche weiter zu stärken, um lösungsorientiert und auf die Zukunft ausgerichtet zum Ziel zu gelangen, getreu ihrem Motto „Aus Glauben leben – in Gemeinschaft gestalten“.

Mit einer Parallele zu Hans Falladas Roman „Kleiner Mann, was nun?“ begann Friedrich Gunesch, Hauptanwalt der EKR, sein Referat. In Falladas Roman wurschtelt sich ein Mann durchs Leben – trotz Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg. So ähnlich sieht laut Gunesch die Situation für manchen Mann und manche Frau in einigen Kirchengemeinden in Siebenbürgen aus, deren Situation er selbstkritisch beleuchtete. Er bot aber auch Streiflichter für die Bewahrung des Kulturerbes: Es wurde und werde viel renoviert, einiges in Eigenregie der HOGs. Was tun, wenn eine HOG aktiv, eine andere nur kritisch und eine Dritte interessenlos sei? Was tun, wenn Kirchendiener und alte Menschen allein gelassen werden, fragte Gunesch. Die Heimatkirche stünde vor vielen offenen Fragen, die nur mit uns allen zusammen gelöst werden könnten. Eine Zukunft für die Kirchenburgenlandschaft sei durchaus möglich.

Winfried Ziegler, Geschäftsführer des Siebenbürgenforums, gab einen Einblick in die Vorbereitungen zum zweiten großen Sachsentreffen vom 2. bis 4. August 2024 in Hermannstadt, die in vollem Gange sind. Das Sachsentreffen findet unter dem Motto „Heimat ohne Grenzen“ statt und ist der Anlass, vom 26. Juli bis 11. August ein umfangreiches Kulturprogramm in ganz Siebenbürgen zu planen. Winfried Ziegler lädt alle ein, dabei zu sein, gerne auch zum Helfen.

Günter Czernetzky (Schäßburg) stellte nicht nur seine Idee vor, siebenbürgische Seniorenresidenzen in jeder Ortschaft einzurichten, sondern auch den Verein Martinus, der verschiedene Veranstaltungen und Ausstellungen zu den Schwerpunkten Kunst und Kunst in der Natur organisiert.

Einen ergreifenden Vortrag zum Nutzungskonzept der Kirchenburg in Streitfort hielt Walter Jacobi (Schaafheim/Hessen). Die Reisen mit seinem Vater nach Siebenbürgen weckten sein Interesse an der Kirchenburg Streitfort, die in einem außerordentlich schlechten Zustand ist. Mit Hilfe von beherzten Menschen werden kleine Projekte erarbeitet.

Zu einem Erfahrungsaustausch luden Ilse Welther (München) und Sunnhild Walzer (Bulkesch), Geschäftsführerin des HOG-Verbandes, die Teilnehmer ein. Nach dem Motto „Zusammen sind wir stark“ fand ein reger Gedankenaustausch mit wertvollen Informationen statt. Zum Schluss nutzten alle die Gelegenheit, Horst Göbbel (Bistritz) und Michael Konnerth (Neithausen) zu beglückwünschen, die als Ehrenvorsitzende des HOG-Verbandes gewählt wurden. In separaten Workshops erarbeiteten die Regionalgruppen einen Rück- und Ausblick auf Aktivitäten.

Die Planungen mit Veranstaltungen rund um das Sachsentreffen in Hermannstadt stehen bei allen HOGs an erster Stelle. Für die HOG-Regionalgruppe Nordsiebenbürgen ist das Gedenken an 80 Jahre seit der Flucht und Evakuierung besonders wichtig. Die HOG-Regionalgruppe Burzenland feiert nächstes Jahr ihr 40-jähriges Bestehen.

Das Lied „Eine feste Burg ist unser Gott“ erklang am Sonntagmorgen bei der Andacht mit Martin von Hochmeister (Bukarest), Schriftführer des HOG-Verbandes. Unser fester Glaube und die Kirche waren immer schon treue Begleiter der Siebenbürger Sachsen und Stütze in allen Lebenslagen. Ute Hubbes und Raimund Depner vom Förderverein Heldsdorf gestalteten die Andacht mit.

Eine Premiere erlebten die Teilnehmer: Dank moderner Technik konnten sie ein Feedback und Fazit zur Tagung online, vor Ort, abgeben. An diesem Wochenende wurden Spenden für das Projekt der sozial Bedürftigen im Repser und Fogarascher Land gesammelt, wobei der HOG-Verband die Spenden bis zur nächsten runden Summe aufgestockt hat.

Es blieb dabei auch Zeit für gemütliches Beisammensein und Essen: Der Burzenländer Fleken mit Sauerkraut schmeckte wieder vorzüglich. Danke an Renate und Helfried Götz mit Team! Danke auch an alle Kuchenbäckerinnen für die siebenbürgischen Schnitten!

Es war eine gelungene, aufschlussreiche Tagung. Es wurde viel diskutiert, viele Sichtweisen wurden beleuchtet. Thomas Schneider beendete die Tagung mit einem treffenden Aufruf: „Lasst uns mit Klein Großes erreichen!“ Die nächste HOG-Tagung findet vom 18. bis 20. Oktober 2024 ebenfalls in Bad Kissingen statt.

Ingeborg Binder

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HOG-Fachtagung in Bad Kissingen, Fotos: Udo Buhn

Schlagwörter: HOG, HOG-Verband, Tagung, Heiligenhof

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